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StartseiteTag für Tag"Massenauswanderung ist keine Lösung"05.03.2015

Antisemitismus in Belgien"Massenauswanderung ist keine Lösung"

In Antwerpen lebt eine der größten jüdischen Gemeinden Europas. Doch der zunehmende Antisemitismus auch in Belgien hinterlässt Spuren. Immer mehr Juden wollen nach Israel auswandern. Stirbt Europas letztes Schtetl?

Von Jan Kampmann

Orthodoxe Juden haben sich in Antwerpen unter freiem Himmel zum Sonnengebet versammelt und schauen in Richtung Sonne. (dpa / picture alliance / epa belga WAEM)
Tausende orthodoxe Juden feiern in Antwerpen das traditionelle Pessach-Fest, das mit dem Sonnengebet beginnt. (dpa / picture alliance / epa belga WAEM)
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Antwerpen - für viele das "Jerusalem des Nordens", das letzte Schtetl Europas. 20.000 Juden leben hier - eine der größten - und vor allem eine der traditionellsten jüdischen Gemeinden auf dem Kontinent. Etwa die Hälfte der Antwerpener Juden sind ultra-orthodox. Hier sieht man auch junge Männer mit langen Bärten, Schläfenlocken und kantigen Hüten auf dem Kopf.

Die Erfolgsgeschichte der Antwerpener Juden

"Wir haben es sehr gut hier, haben großen geschäftlichen Erfolg, und...", beginnt der Rabbiner Aaron Malinsky die Erfolgsgeschichte der Antwerpener Juden - muss dann aber abrupt abbrechen, bevor sein Auto abgeschleppt wird. Fehlende Parkplätze waren jahrzehntelang das größte Problem für Antwerpens Juden. Heute kämpft Malinsky mit ganz anderen Schlagzeilen. Schon vor fünf Jahren prognostizierte die belgische Tageszeitung "De Standaard": In 50 Jahren werde es keine Juden mehr in Antwerpen geben. Fünf Jahre später ist man sich nicht sicher, ob man überhaupt so lange warten muss.

Malinsky führt mich zu einer Eisenbahnbrücke gegenüber des Hauptbahnhofs, wo im November der angehende Rabbiner Joschua Malik Opfer eines Attentats wurde. Er deutet auf eine Straßenecke: "An Shabat, um 9.30 Uhr morgens, ging hier ein Betrunkener auf drei orthodoxe Juden los." Einer von ihnen war der 31-jährige Rabbinatsstudent Joshua Malik. Wie durch ein Wunder entging Malik dem Tod, der Täter stach nur wenige Millimeter neben die Hauptschlagader. Es ist nicht sicher, aber wahrscheinlich, dass der Täter Muslim war. Das befeuert die ohnehin vorhandene Islamophobie in der jüdischen Gemeinde zusätzlich.

"Wir sind nicht zu Hause hier, wir sind nicht willkommen"

Besuch bei der Familie von David Damen, dem Schwager des Opfers. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es ist alles so wie vor 20 Jahren", sagt Damen. "Die Atmosphäre hat sich verändert - und nicht zum Guten. Wir sind nicht zu Hause hier, wir sind nicht willkommen. Und daran erinnert man uns jeden Tag. Jeden Tag". David Damen verlor wie alle seiner jüdischen Kollegen seinen Job bei einer Bank, nachdem ein ihm völlig unbekannter Jude aus dem Antwerpener Diamantenhandel der Geldwäsche bezichtigt wurde. Verallgemeinerung, Vorurteile - Probleme, mit denen sich Damen bestens auskennt: "Wenn ein Jude etwas falsch macht, liest man in der Zeitung nicht, dass ein Weißer, ein Belgier oder sonst wer etwas getan hat - dann steht da: ein Jude."

Fast noch schmerzhafter sind die antisemitischen Sticheleien im Alltag. Damens Frau Deborah hat Dinge erlebt, die Erinnerungen an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte wecken. Als sie mit ihrer mittlerweile verstorbenen Mutter durch die Stadt ging, waren Kommentare wie "Geh ein bisschen schneller, da vorne ist die Gaskammer!" keine Seltenheit. Genauso, wie Zurückweisung in Geschäften: "Wir verkaufen nicht an Juden, hat meine Freundin erst letztens in einem Schmuckgeschäft zu hören bekommen", winkt Deborah Damen ab. Wer das Feindbild ist, vor wem man Angst - auf jiddisch "mora" - haben muss, lernen die Kinder in der Familie von klein auf. "Vor wem hast du Angst?", fragt Deborah ihre Tochter. "Vor den Arabern", entgegnet das Kind. "Warum, wer sind die Araber?" - "Terroristen", sagt die Achtjährige. Auch Damen hat zwar gute muslimische Freunde, doch die massiv angestiegene Zuwanderung lässt ihn eine eindeutige Rechnung aufmachen: "Nicht jeder Moslem ist Terrorist, aber jeder Terrorist ist Moslem", fasst er zusammen.

Soziale Probleme einer extrem durchmischten Bevölkerung

Antwerpens Politiker kämpfen schon lange mit den sozialen Problemen, die eine extrem durchmischte Bevölkerung mit sich bringt. Bürgermeister war sechs Jahre lang der Sozialist Patric Janssens. "Der uns nicht ernst genommen hat, die Probleme locker und nonchalant behandelt hat", sagt Stephan Pollak von Antwerpens größter jüdischer Gemeinde "Shomre Hadas". Wie er fühlten sich viele Juden von Janssens nicht ernst genommen und wählten 2012 Bart de Wever von der national-konservativen NVA zum Bürgermeister. Jenen Bart de Wever, der Janssens in der Opposition 2007 noch dafür kritisierte, dass dieser sich bei Antwerpens Juden für die Kooperation der belgischen Polizei mit den Nazis entschuldigt hatte. Damals schlug de Wever dafür viel Empörung entgegen. Heute ist er in der jüdischen Community beliebt. Denn Heute patrouillieren Soldaten quer durchs jüdische Viertel, Kinder werden mit Blaulicht zur Schule eskortiert.

Yasmine Kherbache von der sozialistischen Partei steht weiter hinter Janssens Credo, Xenophobie und Antisemitismus mit Aufklärung und sozialen Projekten zu bekämpfen. Sie beschreibt de Wevers Taktik mit einem deutschen Wort: Wiedergutmachung. "Um zu zeigen, dass er auch Bürgermeister der Juden ist", sagt Kherbache. "Dabei ist Prävention und Überwachung viel wichtiger als dieses Security-Theater". Sie ist sich sicher: "Wenn die Waffe im ersten Akt auftaucht, kannst du dir sicher sein, dass sie im vierten Akt benutzt wird." Stephan Pollak von "Shomre Hadas" sieht das anders: "Viele linke Politiker sagen mir, sie haben wegen des Militärs ein unsicheres Gefühl. Nein. Es ist nicht das Militär, was euch in unsicheres Gefühl gibt. Es ist die Situation." Von Kherbaches Theorie hält er wenig: "Kein Soldat wird einfach so um sich schießen."

Viele denken über Ausreise nach Israel nach

Trotzdem denken in der Gemeinde viele laut über die Ausreise nach Israel nach. Man habe hier zwar seine Arbeit, Familie, Freunde und Hobbys, meint Pollak, aber: "Viele denken darüber nach. Vielleicht nicht morgen, vielleicht nicht übermorgen - aber vielleicht in zehn Jahren. Denn wenn ich ehrlich sein soll: Ich sehe für uns Juden keine besonders vielversprechende Zukunft in Europa." Auch David Damen wohnt seit 20 Jahren in Antwerpen und weiß um das, was er sich hier aufgebaut hat. Er flüchtet sich in jüdischen Humor: "Wir sagen immer: Was ist das beste an Belgien? Es ist nicht die Schokolade. Nicht das Bier. Es ist der Flug nach Israel."

"Massenauswanderung ist keine Lösung"

Rabbi Malinsky warnt ihn und alle anderen Gemeindemitglieder aber davor, 1.500 Jahre jüdische Geschichte einfach aufzugeben, um vor der Schreckensherrschaft der Terroristen zu kapitulieren: "Meine Antwort darauf ist folgende", holt Malinsky aus: "Wenn jemand aus religiösen Motiven nach Israel geht, aus Zionismus - hat er meinen vollen Respekt. Aber wegen Terrorattentaten? Massenauswanderung ist keine Lösung." Damen ist sich allerdings nicht mehr sicher, ob sich der Holocaust nicht doch wiederholen könnte. Sein Blick in die Zukunft: Fatalistisch. "Jüdisches Leben ist immer für irgendjemanden ein Problem. Was du auch tust, es ist ein Problem. Das ist Antisemitismus. Das ist der Preis, den du zahlst, wenn du jüdisch leben willst." Doch nicht nur die jüdische Gemeinde leidet unter der jüngsten Welle des Antisemitismus - das Problem lässt die weltweite Demokratie bröckeln, warnt Stephan Pollak: "Immer wenn die Juden in Gefahr sind, ist die Demokratie in Gefahr - das war immer so in der Geschichte."

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