Donnerstag, 15.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterviewAntisemitismus in Deutschland27.01.2003

Antisemitismus in Deutschland

Wolfgang Benz

<strong>Heuer:</strong> Heute vor 58 Jahren wurden die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von russischen Soldaten befreit. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland der offizielle Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Heute wird er wieder begangen, unter anderem mit einer Sondersitzung im Bundestag und der Unterzeichnung eines Staatsvertrages zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Bundesregierung. Wie ist das Verhältnis jüdischer und nicht-jüdischer Menschen in Deutschland im Alltag? Gibt es bei uns Antisemitismus und wenn ja, was können wir dagegen tun? Darüber möchte ich jetzt mit Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Forschung an der TU Berlin, sprechen. Guten Morgen, Professor Benz.

  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Benz: Guten Morgen, Frau Heuer.

Heuer: Im letzten Jahr, Herr Benz, haben Äußerungen Jürgen Möllemanns eine ziemlich breite Antisemitismus-Debatte ausgelöst. Viele Teilnehmer an dieser Debatte haben damals beklagt, dass es in Deutschland nach wie vor Antisemitismus gebe, dass er sogar immer stärker werde. Haben Sie auch diesen Eindruck?

Benz: Ich habe nicht den Eindruck, dass er immer stärker wird. Das ist eine feststehende Formel seit 50 Jahren, aber es gibt Antisemitismus und es gibt ihn in einer ziemlich gleichbleibenden Größenordnung. Da muss man nur zwischen latenter und manifester Judenfeindschaft unterscheiden.

Heuer: Wie äußert sich denn manifeste Judenfeindschaft in Deutschland heute?

Benz: Manifeste Judenfeindschaft äußert sich vor allem mit sogenannten Propagandadelikten, also Beleidigungen, Briefe, in denen zum Beispiel - das ist das Häufigste - der Holocaust geleugnet wird, und sachlichen Attacken gegen jüdische Friedhöfe, also das Beschmieren von Grabsteinen und Attacken gegen jüdische Kultuseinrichtungen, etwa Synagogen.

Heuer: Und wie bemerken Sie latenten Antisemitismus, der sich ja natürlich nicht so deutlich äußert?

Benz: Der latente Antisemitismus, das sind Einstellungen, und das wird durch die Meinungsforscher seit vielen Jahrzehnten gemessen und erhoben. Das wird dann von aufgeregten Menschen gerne mit dem manifesten Antisemitismus zusammengeworfen und dann kommt man zu solchen Pressemeldungen, wie: Jeder 5. Deutsche ist ein Antisemit. Dazu muss man wissen, dass dieser sogenannten latente Antisemitismus Einstellungen sind, das heißt bestimmte Resentimentsvorbehalte gehören zum Weltbild des einzelnen Menschen. Da rechnet man bis zu 20 Prozent dazu. Das heißt aber nicht, dass Menschen, die eine bestimmte negative Vorstellung von Juden haben, deshalb jetzt zu Gewalt neigen. Das muss man etwa damit vergleichen, dass 30 Prozent der Polen Vorbehalte gegen die Deutschen haben, dass sicherlich noch mehr als 30 Prozent der Niederländer bestimmte negative Vorstellungen von Deutschen haben. Trotzdem leben wir ganz freundlich und nachbarlich zusammen.

Heuer: Bleiben wir noch einmal bei den Einstellungen, Herr Benz. Jürgen Möllemann hat seinerzeit ja betont, seine Äußerungen seien eine Kritik an der israelischen Regierung und keineswegs antisemitisch. Woran merkt man denn, wenn sich hinter Kritik an der Politik des Staates Israel Judenfeindlichkeit verbirgt?

Benz: Das bemerkt man an den schiefen Vergleichen. Das bemerkt man daran, dass da Israel als ein Ventil benutzt wird für das, was man in Deutschland offiziell nicht sagen darf: Man darf nicht sagen, die Juden sind schlecht. Die Juden haben bestimmte unangenehme Eigenschaften, und wenn man jetzt aber Israel kritisiert, was vollkommen normal, erlaubt und zulässig ist, dann aber die falschen Vergleiche zieht, wie das etwa auch Norbert Blüm getan hat, der von einem hemmungslosen Vernichtungskrieg gesprochen hat. Das ist in die falsche historische Argumentationskiste gelangt und das zeigt: Der Mensch meint mehr als eine sachliche und berechtigte und erlaubte Kritik an Israel. Der setzt Israel und dieses anonyme Kollektiv, die Juden, gleich. Der appelliert an bestimmte negative Gefühle und Einstellungen und das unterscheidet berechtigte Israel-Kritik von Judenfeindschaft, die Israel nur als Projektionsfläche für etwas ganz anderes benützt, nämlich für Ablehnung von Juden überhaupt.

Heuer: Als ich zur Schule ging, da war Nationalsozialismus und Judenverfolgung ein Unterrichtsschwerpunkt. Es gab über Jahre und auch über Jahrzehnte hierzulande eine intensive Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit. Hat das alles nicht genug bewirkt, Herr Benz?

Benz: Ich glaube, das hat sehr viel bewirkt. Wir stehen ja im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht da. Es gibt keinen gewaltsamen Antisemitismus in Deutschland und wer sich antisemitisch, judenfeindlich äußert, hat da sofort mit negativen Konsequenzen für seine Karriere und so weiter zu rechnen. Aber natürlich darf in der Aufklärung nicht nachgelassen werden, denn das einzige Mittel, was es gegen etwas so Irrationales wie den Antisemitismus gibt, ist Aufklärung und eine vernünftige Schulbildung. Vernünftig meint, es darf nicht mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger geschehen, sondern es muss ein sachlicher auf Information bezogener Unterricht sein. Das ist wirklich das einzige Mittel, denn die Meinungsumfragen zeigen: Je höher der Bildungsgrad desto geringer die judenfeindliche Einstellung.

Heuer: Kann denn auch, Herr Benz, der Staatsvertrag, der heute in Berlin unterzeichnet wird, dazu beitragen, Antisemitismus in Deutschland abzubauen?

Benz: Nein, das glaube ich nicht. Das ist eine Sache, die ein ganz anderes Ziel, einen ganz anderen Zweck hat. Vielleicht ist es auch gar nicht so schrecklich glücklich, diesen Staatsvertrag jetzt auf das heutige Datum zu legen und mit dem Holocaust-Gedenktag zu verbinden.

Heuer: Wolfgang Benz war das, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Link: Interview als RealAudio

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk