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StartseiteDeutschland heuteZeitungen verteilen für ein klein wenig Luxus24.04.2019

Arbeitende RentnerZeitungen verteilen für ein klein wenig Luxus

Immer mehr Rentner in Deutschland gehen arbeiten. Manchmal, weil das Geld sonst hinten und vorne nicht reicht. Manchmal auch schlicht, um sich mal einen schönen Urlaub leisten zu können. Wir haben einen Rentner bei der Arbeit begleitet.

Von Axel Schröder

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Rentner Manfred Weidemann schaut mit einen Stapel Zeitungen in der Hand in die Kamera (Deutschlandradio / Axel Schröder)
Rentner Manfred Weidemann unterwegs in Hamburg Langenhorn (Deutschlandradio / Axel Schröder)
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Der Radweg durch Hamburg-Langenhorn steigt leicht an, Manfred Weidemann tritt kräftig in die Pedale. Eine Gangschaltung hat er nicht und hinten am Fahrrad einen schweren Anhänger mit einigen hundert Zeitungen. Mit über 70 hat der einstige Speditionskaufmann den Eintritt in die Rente eigentlich schon lange hinter sich. Aber Weidemann macht weiter.

"Wissen Sie, wenn man das acht Jahre lang macht, dann merkt man das überhaupt nicht mehr. Ich merke es gar nicht mehr. Jetzt geradeaus, die nächste rechts. Dann sind wir fast da."

Weidemann, stattlicher grauer Bart, tiefe Falten im Gesicht, eine Strickmütze auf dem Kopf biegt rechts ein in die Raaksheide. Dann links in die Grote Raak. Morgens früh um zehn ist noch kalt, trotz des blauen Himmels. Einfache Einfamilienhäuser säumen die Straße. Außer Weidemann ist an diesem Morgen niemand unterwegs. Er parkt sein Rad, durchtrennt mit einem Teppichmesser die festen Plastikschnüre der Zeitungspacken, zählt ab, wie viele Wochenblätter er für die erste Häuserzeile braucht.

31 Zeitungen klemmt er sich unter den linken Arm, klappert die Briefkästen ab.

1.150 Euro Rente nach 45 Jahren Arbeit

"Am Anfang habe ich's gemacht, um ganz einfach von der Couch runterzukommen, um mich ganz stinknormal zu bewegen. Um nicht zuhause zu versauern und nicht dick und rund und fett zu werden und das geniale Fernsehprogramm mir reinzuziehen."

Auch Weidemanns Frau trägt Zeitungen aus. Zusammen verdienen die beiden so rund 1.300 Euro im Monat. Die natürlich versteuert werden müssen.

"Mit der Rente, die ich habe, 1.150 Euro, nach 45 Jahren Arbeit - dann habe ich eine Miete von 600 Euro - da bleibt, wenn ich nur Rente nehme, nicht mehr viel übrig."

Manfred Weidemann hat die erste Häuserzeile mit Zeitungen versorgt, schiebt Fahrrad und Anhänger ein paar Meter weiter. Einen Urlaub an der Ostsee könnten seine Frau und er von ihrer Rente wohl finanzieren. Aber die Weidemanns wollen weiter weg:

"Dieses Jahr wollen wir nach Südfrankreich. Nach Marseille. Weil ich Marseille so schön finde."

Der rastlose Rentner ist schon eine Institution in der Gegend. Gegen Abend, wenn die Langenhorner von der Arbeit nach Hause zurückkehren, nimmt sich Weidemann dann auch Zeit für einen Smalltalk, oder, wie es in Hamburg heißt: für einen Klönschnack.

"Vor allem die älteren Leute, unabhängig vom Geschlecht, die wollen ganz gerne, weil sie oft alleine sind, unterhalten werden. Dann erzählen sie mir Storys aus ihrer Vergangenheit. Ich kann ja nicht einfach sagen: 'Ich hab keinen Bock oder keine Lust!'"

Klönen mit Alt-Kanzler Helmut Schmidt

Natürlich gibt es auch genug Leute, mit denen das Klönen Spaß macht, erzählt Weidemann. Leute, deren Geschichten ihm neue Anstöße geben. Und vor rund zehn Jahren kam er beim Zeitungsaustragen im eher kleinbürgerlich geprägten Neubergerweg mit dem wohl berühmtesten Langenhorner ins Gespräch. Mit Helmut Schmidt, der dort zusammen mit seiner Frau Loki lebte, unter ständigem Polizeischutz, seit den 1960er-Jahren.

"Ich durfte da natürlich immer nur bei der Polizei das abgeben. Und im Laufe der Zeit, irgendwann später kam er dann und sagte: 'Lass uns mal einen Kaffee trinken!' Soll ich da 'Nein' sagen? Normalerweise sage ich immer 'Nein', egal bei wem. Aber da habe ich gesagt: 'Nee, das kannst du nicht machen.'"

"Und worüber unterhält man sich dann mit dem Altkanzler?"

"Das ist eine gute Frage! Über ganz normale, ganz alltägliche Sachen. Überhaupt nicht über Politik. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen! Ganz normale Dinge. Ich weiß es nicht mehr, was es war. Der Mann kam aus dem Volk. Und das hat mir so unglaublich imponiert!"

Dass er mit über 70 noch Zeitungen austragen muss, darüber beschwert sich Manfred Weidemann nicht. Er mache das freiwillig, könne jederzeit damit aufhören. Trotzdem fragt er sich, warum andere Länder mehr für ihre Rentner tun:

"Das haben wir das erste Mal gemerkt, als wir in Belgien waren, wir haben es ja nicht gewusst. Da dürfen die Rentner zur Hälfte fahren in der Bahn. In England durften wir sogar ganz umsonst fahren als Rentner. Warum ist das in Deutschland nicht möglich?"

Ans Aufhören denkt Weidemann nicht. Erst wenn seine Knochen gar nicht mehr mitmachen, erst dann will er richtig in Rente gehen.

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