Mittwoch, 07. Dezember 2022

KI in der Arbeitswelt
Welche Berufsbilder durch die Automatisierung gefährdet sind

Künstliche Intelligenz und Roboter können inzwischen viele wiederkehrende Aufgaben erledigen. Schweizer Forscher haben nun berechnet, welche Berufe besonders bedroht sind – und in welche Profession man ausweichen sollte, wenn man nicht von einem Apparat ersetzt werden will.

Von Piotr Heller | 19.04.2022

Roboterarme im Leipziger Porschwerk bei der Herstellung des Modells Macan, Februar 2022
Roboter im Leipziger Porschwerk (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
In Zeiten von Künstlicher Intelligenz und immer geschickteren Robotern muss sich eigentlich jeder von uns fragen: Wann wird eine Maschine meinen Job übernehmen? Es gibt viele Expertenmeinungen und Schätzungen dazu. Doch nun hat sich ein Team um den KI-Experten Dario Floreano der Sache systematisch angenommen: „Zunächst haben wir die Fähigkeiten analysiert, die man für jeden einzelnen der 1.000 Berufe benötigt, die das amerikanische Arbeitsministerium auflistet.“

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Forscher erstellen Automatisierungs-Risiko-Index

Laut dieser US-Datenbank müssen Metzger etwa geschickt sein, ein gutes Auge haben und sich konzentrieren können. Anwälte müssen sich ausdrücken können und Schlussfolgerungen treffen. Diese Fähigkeiten gelten als der Kern dessen, was ein Mensch für seinen Beruf mitbringen muss. Die Forscher haben jetzt ermittelt: Welche dieser Fähigkeiten besitzen Maschinen heute auch?
Dann haben sie für jeden Beruf einen Automatisierungs-Risiko-Index berechnet, wie der Schweizer Ökonom Rafael Lalive erläutert: „Vereinfacht ist das der Anteil der für einen Beruf notwendigen Fähigkeiten, die ein Roboter oder eine Künstliche Intelligenz recht gut beherrscht. Das ist ein einfaches Konzept, aber es zeigt gut, welche Jobs gefährdet sind. Denn wenn eine Maschine das tun kann, was Sie in Ihrem Job tun, werden Sie nicht mehr gebraucht.“
Ein kleiner weißer humnaoider Roboter gibt einem Menschen die Hand.
Humanoide Roboter werden heute bereits im Service eingesetzt (picture alliance/dpa)

Schlachter und Fleischwarenhersteller sind am stärksten gefährdete Berufe

Konkret: Schlachter und „Meat-Packer“, also Fleischwarenhersteller, sind laut der Analyse die am meisten gefährdeten Berufe. Sie habe einen Automatisierungs-Risiko-Index von 78 Prozent. Das heißt: 78 Prozent ihrer Fähigkeiten haben Roboter heute auch. Am anderen Ende des Spektrums sind die Physiker. Ihr Automatisierungs-Risiko-Index liegt bei 43 Prozent. Aber immerhin: Maschinen beherrschen heute schon fast die Hälfte der Fähigkeiten, die für den mutmaßlich sichersten Beruf wichtig sind.
Ebenfalls relativ sicher sind bis auf weiteres die Jobs von Chirurgen, Ärzten, Ingenieuren, aber auch von Piloten und Fluglotsen. Unsichere Berufe wären dagegen: Kassierer, Tellerwäscher, Taxifahrer oder Models. Moment – Models?
„Also wir sagen nicht Top-Models! Aber tatsächlich sieht die Job-Beschreibung eines Models recht attraktiv für einen Roboter aus“, erklärt Rafael Lalive und Dario Floreano ergänzt: „Schauen Sie sich doch die Androiden an, die man heute etwa in Japan hat. Sie können ihre Körperform verändern. Vielleicht wird man sich in Zukunft an ihnen anschauen, wie Kleidung an verschiedenen Körpern aussieht – warum nicht?“
Man könnte einwenden, dass man Berufsbilder nicht allein mit einer Liste aus Fähigkeiten kategorisieren kann. Nur ein Beispiel: Die Datenbank listet 18 Fähigkeiten für Hausärzte auf – Empathie ist nicht darunter.
Rafel Lalive sagt dazu: „Vielleicht gibt es da Parameter, die wir vernachlässigt haben, einfach weil wir nicht alles berücksichtigen konnten. Aber wir haben sozusagen die Grundlage jedes Berufes analysiert und geschaut: Was davon kann ein Roboter? Wir haben also einen sehr großen Teil der Anforderungen dieser Berufe eingefangen.“

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Kassierer sollten sich zu Kreditprüfern umschulen lassen

Einen Realitätscheck hat ihre Analyse bestanden: Bei vielen der Berufe mit großen Automatisierungsrisiko sind die Zahlen der Angestellten in den letzten Jahren vergleichsweise gering gewachsen. In einem zweiten Schritt haben die Forscher ermittelt, in welchen Beruf man ausweichen sollte, wenn der eigene gefährdet ist. Dafür berechneten sie, welche Alternative wenig Umschulung erfordert und gleichzeitig viel Sicherheit vor Automatisierung bietet. So sollten Kassierer sich etwa zu Kreditprüfern umschulen lassen. Aus Metzgern könnten Urkundsbeamte werden, aus Taxifahrern Callcenter-Mitarbeiter. Wer interessiert ist, kann seinen Beruf in einem Online-Tool der Forscher prüfen und sich Alternativen vorschlagen lassen.

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Das heißt nicht, dass besonders Betroffene jetzt gleich den Beruf wechseln sollten, sagt Rafael Lalive. „Aber es zeigt, ob eine berufliche Neuausrichtung die Chancen verbessert, sich langfristig gegen die Konkurrenz durch Roboter zu behaupten.“

Menschen werden nur von Robotern ersetzt, wenn sich das rechnet

Die Arbeit ist im Magazin "Science Robotics" erschienen. Der italienische Ökonom Andrea Gentili hat sie gelesen und sagt, dass sie beeindruckend sei und auch hilfreich für den Einzelnen. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ein Entscheidungsträger diesen Risikoindex nutzen kann, um etwa das Bildungssystem daran anzupassen.“
Also die Menschen so auszubilden, dass sie möglichst nicht bald von Robotern ersetzt werden. Denn die Studie aus der Schweiz ist eine umfassende technische Analyse, aber keine ökonomische. Denn Menschen werden nur von Robotern ersetzt, wenn sich das auch rechnet. Andrea Gentili verweist hier auf eine der großen unbeantworteten Fragen der Wirtschaftswissenschaften: Zerstört Automatisierung Arbeitsplätze oder schafft sie eher neue?
„Die Forscher haben uns mit ihrer Arbeit ein wichtiges Puzzle-Stück geliefert, um diese Frage zu beantworten. Aber das Puzzle der Ökonomie ist eben noch viel komplexer als diese rein ingenieurmäßige Betrachtung“.