Freitag, 27. Mai 2022

Digitalisierung der Arbeit
Wie technische Systeme die Arbeit verändern

Ersetzen Roboter zunehmend menschliche Arbeit? Keineswegs, berichtet Simon Schaupp, zumindest nicht im Bereich der einfachen Arbeit. In „Technopolitik von unten“ erläutert der Soziologe, dass die Technik vielmehr die menschliche Arbeit optimieren soll.

Von Matthias Becker | 20.12.2021

Das Buchcover von Simon Schaupp: „Technopolitik von unten: Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung“ vor einer Roboterwerkstrasse in einer Autofabrik
Simon Schaupp: „Technopolitik von unten: Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung“ (Buchcover Matthes & Seitz / Hintergrund picture alliance / ASSOCIATED )
Künstliche Intelligenz. Smarte Geräte und kognitive Systeme. Industrie 4.0. Eine Unzahl von Schlagworten legt nahe, gerade sei eine technische Revolution im Gange. Immer mehr Arbeitsaufgaben würden automatisch erledigt, heißt es. Der Soziologe Simon Schaupp wollte wissen, wie die Digitalisierung die Arbeit verändert. Im Rahmen seiner Untersuchungen besuchte er unter anderem ein deutsches Maschinenbau-Unternehmen.
„‘Das ist unsere Smart Factory‘, eröffnet der Produktionsleiter mit leuchtenden Augen, als wir den Raum betreten. Jede Maschine ist mit einem Bildschirm ausgestattet. Er demonstriert ein Regalsystem, das erkennt, wenn Artikel entnommen werden, und diese dann automatisch nachbestellt. Der Akkuschrauber erkennt mittels digitaler Sensorik, wie viele Umdrehungen ausgeführt werden, auch, ob eine Schraube fest genug angezogen wurde. Ich bin beeindruckt, aber wundere mich, dass hier niemand zu arbeiten scheint. Tatsächlich dreht sich der Produktionsleiter, nachdem er seine Führung beendet hat, zu ein paar Schaltern an der Tür. Nacheinander erlöschen die Neonröhren an der Decke. Ein großes Rolltor schließt sich, die Smart Factory verschwindet hinter uns im Dunkeln.“

Die Fassade der Automatisierung

Denn produziert wird in dem Unternehmen anderswo, auf herkömmlichere Weise: die Smart Factory ist Fassade. Nicht untypisch, denn in der Industrienation Deutschland geht diese Form der Digitalisierung höchstens schleppend voran. Simon Schaupp konstatiert: Die Vollautomatisierung lässt auf sich warten. Die Roboter kommen nicht. Im Gegenteil, die Unternehmen geben immer weniger aus, um ihre Anlagen zu modernisieren – eine Tatsache, die er auf die stagnierenden Wachstumsquoten zurückführt.

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„Teure und langfristige Investitionen in die Produktionstechnologie, insbesondere die Robotik, scheinen risikoreich und finden eher selten statt. [...] Menschliche Arbeitskraft ist in vielen Fällen billiger und kann flexibler eingesetzt werden.“
Aber die Betriebe stehen natürlich weiterhin unter dem Druck, Kosten zu senken. An dieser Stelle kommt nun doch noch der technische Fortschritt ins Spiel – in Gestalt von digitalen Leitsystemen, mit denen die Arbeit koordiniert und überwacht wird. Im Rahmen seiner Forschung hat Simon Schaup selbst solche Systeme ausprobiert. Zum Beispiel bei dem schon erwähnten Maschinenbauer.

Erfassung und Überwachung der Arbeit

„Also wir hatten so ein Display vor uns, und dieses Display hat angezeigt, was wir genau zu tun haben, also es hat dann die einzelnen Teile angezeigt, ein bisschen Text dazu und quasi eine Anleitung gegeben. […] ‚Bringe Draht x an Schraube y an.‘ Und wenn ich diesen Schritt vollzogen habe, musste ich klicken: ‚Bestätigen.‘ Und hat gleichzeitig noch getrackt, wie viel Zeit man für die jeweiligen Arbeitsschritte in Zehntelsekunden braucht. Dann hat es diese Zeiten verglichen mit den Standardzeiten. Und wenn man davon abgewichen ist, hat man ein Feedback bekommen, sodass man wusste, dass man unter seinem eigenen Durchschnitt ist, zum Beispiel.“
Die Absicht hinter diesem System: Tätigkeiten, die bisher von Facharbeiter:innen durchgeführt wurden, sollten so weit vereinfacht werden, dass sie „jeder von der Straße durchführen kann“, wie sich ein Manager des Unternehmens ausdrückte.
Die Rückmeldungen der Systeme machen für Simon Schaupp den Kern des neuen Arbeitsregimes aus. Er beschreibt eine Rationalisierung in Form kybernetischer Regelkreise: Arbeit, Messung, Optimierung, Arbeit, Messung, Optimierung und immer so weiter. Zum Beispiel durch Sensor-Handschuhe, die Bewegungen aufzeichnen und bei einem angeblich ineffizienten Verhalten zu vibrieren beginnen. Oder durch die Anlage in einer Chemiefabrik, die die Aktivität ihrer Bediener erfasst und ihnen Zusatzaufgaben erteilt, wenn ihre Auslastung unter 80 Prozent fällt.

Die Schlupflöcher im System

Oft, wenn auch nicht immer verlieren die Beschäftigten dadurch Handlungsspielräume. Nur ein wenig überspitzt ließe sich formulieren: Die algorithmische Steuerung zielt nicht darauf ab, den Menschen durch Roboter zu ersetzen. Sie will ihn in einen Roboter verwandeln.
Das Ergebnis sind Verdichtung und Beschleunigung. Allerdings entwickeln Arbeiter:innen offenbar gewisse Gegenstrategien. Simon Schaupp spricht in diesem Zusammenhang von einer „Technopolitik von unten“: Meist individuell, manchmal kollektiv eigenen sich die Beschäftigten die Technik in ihrem Sinne an. Sie finden Schlupflöcher und verweigern sich der Aufforderung zur Selbstoptimierung.
„In vielen Fällen war es eben so, dass man quasi eine Lernkurve feststellen konnte, von einem Einstieg in die Arbeit, wo man versucht, um jeden Preis sich an diesen Feedbacks zu orientieren und sich permanent selbst zu optimieren, hin zu einem späteren Arbeitsalltag, wo man versucht, aktiv das wieder zu verlernen, um einfach dauerhaft mit dieser Form von Arbeitsbelastung klarzukommen.“

Wertvoller Einblick in die neue Arbeitswirklichkeit

Simon Schaupp hat mit Beschäftigten und Führungskräften in Industriebetrieben, bei einem Versandhändler und einem App-Lieferdienst gesprochen und die jeweiligen Arbeitsprozesse untersucht. Er zeichnet das differenzierte Bild prekärer Segmente im Arbeitsmarkt. Dort wird schlecht bezahlt, angeheuert und wieder gefeuert. In manchen Unternehmen verweilen die Beschäftigten durchschnittlich weniger als ein Jahr.
„Ja, und das wird bewusst in Kauf genommen, diese permanente Fluktuation, weil es eben auch durch die algorithmische Arbeitssteuerung viel einfacher ist, neue Leute in die Jobs zu integrieren und das Einlernen teilweise komplett entfällt oder automatisiert wird.“
„Technopolitik von unten“ beruht auf einer Dissertation; arbeitssoziologische Erörterungen nehmen breiten Raum ein. Simon Schaupps makroökonomische Einordnung gerät etwas kurz, die Bedeutung des Kybernetischen wirkt ein wenig überdehnt. Aber er beschreibt die Arbeit – und die Konflikte bei der Arbeit – klar und lebendig und ordnet sie überzeugend theoretisch ein.
Die algorithmische Steuerung betrifft einen nennenswerten - und wachsenden - Anteil der Beschäftigten in Deutschland. Allein deshalb ist dieses Buch ein wichtiger und wertvoller Einblick in ihre Arbeitswirklichkeit.
Simon Schaupp: „Technopolitik von unten: Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung“, Verlag Matthes & Seitz, 351 Seiten, 20 Euro.