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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Gräuel der Militärdiktatur30.05.2016

ArgentinienDie Gräuel der Militärdiktatur

Infolge des Militärputsches in Argentinien vor 40 Jahren wurde das linke politische Spektrum verfolgt, gefoltert und ermordet. Vor 22 Jahren packte einer der Militärs erstmals aus. Der Journalist Horacio Verbitsky, der einst einer linksperonistischen Guerilla-Gruppe angehört hatte, zeichnete sein Geständnis auf und veröffentliche es als Buch, das nun zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist.

Von Victoria Eglau

Der ehemalige argentinische Marineoffizier Aldolfo Francisco Scilingo 2005 vor Gericht in Madrid. (dpa / picture alliance / Sergio Barrenechea)
Der ehemalige argentinische Marineoffizier Aldolfo Francisco Scilingo 2005 vor Gericht in Madrid. (dpa / picture alliance / Sergio Barrenechea)
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November 1994: In der Subte, der U-Bahn von Buenos Aires, kommt es zu einer zufälligen, aber folgenschweren Begegnung: Horacio Verbitsky, bekannter argentinischer Journalist, wird von einem unscheinbaren Fahrgast angesprochen. Der Mann entpuppt sich als Adolfo Scilingo, ein Angehöriger der Marine, der während der rechten Militärdiktatur von 1976 bis 1983 in einem Foltergefängnis Dienst getan hatte. Verbitsky schildert die Begegnung zu Beginn seines Buches "Der Flug". 

"'Ich war in der ESMA. Ich will mit Ihnen reden‘, sprach er mich in der U-Bahn an." 

Die ESMA war die Mechanikschule der Marine in Buenos Aires - dort hatte die Diktatur eines ihrer größten Geheimgefängnisse betrieben. Rund 5.000 Menschen, von den Militärs als Subversive klassifiziert, wurden in Nacht- und Nebelaktionen in die ESMA verschleppt und unter Anwendung von Folter verhört. Die meisten von ihnen gelten bis heute als "verschwunden". Eine besonders grausame Methode des Verschwindenlassens bestand darin, die Opfer aus Flugzeugen ins Meer zu werfen. Als Adolfo Scilingo beschloss, sich dem Journalisten Horacio Verbitsky anzuvertrauen, waren seit dem Militärputsch fast 20 Jahre vergangen. 

"Ich ging in den Keller, da warteten die, die fliegen würden. Von denen im Keller blieb niemand übrig. Man informierte sie, dass sie in den Süden verlegt und deshalb eine Impfung erhalten würden. Man gab ihnen die Impfung – also ich meine, eine Dosis Betäubungsmittel. Dadurch schliefen sie ein." 

Gefangene über dem Atlantik abgeworfen

Adolfo Scilingo war von seinen Vorgesetzten zweimal zu Todesflügen abkommandiert worden. Dem zufälligen Treffen mit Verbitsky folgte eine Reihe von Interviews, bei denen Scilingo,  erst zögernd und dann immer bereitwilliger, ein ausführliches Geständnis ablegte. Im Detail erzählte er, wie die Gefangenen betäubt, aber lebendig, in Flugzeuge verfrachtet und über dem Atlantik oder dem Rio de la Plata abgeworfen wurden. 

"Was glauben Sie, wie viele Menschen sind so umgebracht worden?"

"Zwischen 15 und 20, jeden Mittwoch."

"Über welchen Zeitraum?"

"Über zwei Jahre." 

"Als Sie diese Flüge gemacht haben, wussten Sie da, wer die Personen waren?" 

"Ich hatte keine Ahnung. Es hat mich auch nicht interessiert. Ich habe den Entscheidungen, die meine Vorgesetzten getroffen hatten, völlig vertraut. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass wir dort in völlig legaler Form agierten."

Kein Zweifel an der Richtigkeit

Adolfo Scilingo war das perfekte Zahnrad in der Todesmaschinerie der argentinischen Diktatur. So gehorsam wie er agierten Tausende von Militärs und Polizisten. Sie stellten ihr Vorgehen nicht in Frage, sie wähnten sich in einem notwendigen Krieg gegen Revolutionäre und Guerilleros, die das Vaterland bedrohten. Auf die Gewalt, die linke bewaffnete Gruppen in den Jahren vor dem Putsch ausgeübt hatten, reagierte nun der Staat mit ungehemmtem Foltern und Morden – er wurde selbst zum Terroristen. Jorge Videla, Eduardo Massera und andere Junta-Generäle wurden deshalb 1985 verurteilt, aber bereits fünf Jahre später begnadigt. Vor Gericht stritten sie das systematische Verschwindenlassen von Menschen beharrlich ab. Buchautor Horacio Verbitsky:

"Scilingo gehörte zu den jungen Offizieren, die während der Diktatur die von oben angeordneten Verbrechen ausführten. Er empfand es als große Ungerechtigkeit, dass seine ehemaligen Vorgesetzten ihre Hände in Unschuld wuschen."

Und, dass einige trotz ihrer Verwicklung in den schmutzigen Krieg, weiter aufstiegen, während anderen die Beförderung verweigert wurde. Adolfo Scilingo selbst machte keine Karriere in der Marine. Er trug schwer an seiner Beteiligung an den Todesflügen, kämpfte mit Albträumen, konsumierte Alkohol und Schlafmittel. Er trug auch schwer daran, dass keiner in den Streitkräften die Wahrheit sagte.

"Scilingo verspürte die Notwendigkeit, über die Taten der Militärs während der Diktatur zu reden. Aber das war unbequem, keiner wollte ihm zuhören. Ich aber habe ihm zugehört."

Ein bedeutendes zeithistorisches Dokument

Nach dem Erscheinen von Verbitskys Buch "Der Flug" 1995 galt Adolfo Scilingo in den Streitkräften als Verräter. 1997 reiste er auf Einladung des spanischen Fernsehens nach Madrid. Dort allerdings lud ihn der Richter Baltasar Garzón zum Verhör – und ließ ihn festnehmen. 2005 wurde Scilingo wegen der Ermordung von 30 Menschen bei zwei Todesflügen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er bis heute in Spanien absitzt. Die Aufzeichnungen der Gespräche mit Horacio Verbitsky waren in dem Prozess entscheidende Beweisstücke. In Argentinien schlug die Veröffentlichung von "Der Flug" wie eine Bombe ein. 

"Scilingos Geständnis brach mit 20 Jahren Schweigen und Lügen. Es war nicht so, dass er etwas völlig Neues erzählte. Überlebende hatten von den Todesflügen berichtet. Aber Adolfo Scilingo war der erste Täter, der diese Verbrechen eingestand." 

Manche Überlebende reagierten zunächst empfindlich darauf, dass Scilingos Geständnis mehr Bedeutung eingeräumt wurde als ihren eigenen Aussagen. Doch Argentiniens Gesellschaft verurteilte die Diktatur nun entschiedener als zuvor. Am 24. März 1996 demonstrierte in Buenos Aires eine riesige Menschenmenge gegen den Putsch von 1976.

Kinder von Desaparecidos, Verschwundenen, die bisher schamhaft geschwiegen hatten, erzählten nun befreit ihre Geschichte. Und obwohl die juristische Diktaturaufarbeitung per Gesetz gestoppt worden war, begannen symbolische Wahrheitsprozesse, die die Verbrechen erhellen sollten.

Horacio Verbitskys Buch "Der Flug" ist zweifellos ein bedeutendes zeithistorisches Dokument. Dass es zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung jetzt auf Deutsch vorliegt, ist eine Bereicherung für jeden, der sich für Südamerikas Militärdiktaturen interessiert. "Der Flug" ist keine einfache Lektüre. Da sind nicht nur die erschütternden Inhalte, sondern auch die etwas sperrige Sprache. Wer sich darauf einlässt, wird wertvolle Erkenntnisse darüber gewinnen, wie mörderische und menschenverachtende Diktaturen funktionieren.

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