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StartseiteWirtschaft und GesellschaftArm trotz Arbeit13.12.2018

ArmutsberichtArm trotz Arbeit

14 Millionen Menschen in Deutschland sind arm. Das sagt der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem neuen Armutsbericht. Bemerkenswert dabei: Die meisten Armen sind keineswegs arbeitslos, sondern haben einen Job oder sind in Rente.

Von Anja Nehls

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Aine alte Frau hält wenige Cent in ihren Händen (Jens Kalaene / dpa / lbn)
Arm trotz Arbeit (Jens Kalaene / dpa / lbn)
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Die Armutsquote in Deutschland ist gestiegen, um gut ein Prozent auf nun 16,8 Prozent. Das heißt, ungefähr jeder sechste Mensch in Deutschland verfügt über weniger als 60 Prozent des deutschen Durchschnittseinkommens und muss demzufolge mit 1080 Euro auskommen – wenn man einen Ein-Personen-Haushalt zugrunde legt.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat seinen neuesten Armutsbericht auf Grundlage von Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung erstellt. Das höchste Armutsrisiko haben nach wie vor Arbeitslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, gering Gebildete und Migranten. Erstmalig haben allerdings die Statistiker aufgeschlüsselt, wer denn zahlenmäßig die größten Gruppen unter den 13,6 Millionen armen Menschen in Deutschland sind. Und das ergebe ein erstaunliches Bild, so Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband:

"Fast drei Viertel von ihnen sind entweder erwerbstätig, in Ausbildung oder schon in Rente beziehungsweise Pension. Das sind die Armen. Nur ein Fünftel ist tatsächlich arbeitslos. Oder wenn man Alleinerziehende nimmt, 14 Prozent sind alleinerziehend von diesen Armen."

Armut trifft auch Vollzeitbeschäftigte 

Unter den armen Menschen, die arbeiten, ist der Anteil derer, die nur einen befristeten Vertrag haben und der Anteil der Leiharbeiter besonders hoch. Die meisten arbeiten mehr als geringfügig, fast die Hälfte sogar in Vollzeit und verdienen dennoch nicht genügend zum Leben, so Ullrich Schneider:

"Es handelt sich bei den erwerbstätigen Armen keinesfalls – und das hatte wir auch erst angenommen – um Minijobber oder Gelegenheitsarbeiter. Das heißt, wenn wir von erwerbstätigen Armen sprechen, dann haben wir es nicht mit einer Armut aufgrund geringfügiger Beschäftigung zu tun, sondern mit echten 'working poor', Armut trotz echter Arbeit."

Darunter leiden vor allem auch Kinder. Fast jedes siebte Kind in Deutschland ist auf Hartz IV angewiesen, oft weil die Eltern so wenig verdienen, dass sie aufstocken müssen -  wie diese Mutter von drei Kindern in Berlin:

"Gebäudereinigung, alleinerziehend auch, ja, vom Arbeitsamt ist man ja noch Aufstocker, wir haben so ein Budget von 50 Euro die Woche. Ich mache mir immer Umschläge jede Woche, wie viel Geld ich habe, und dann jede Woche Umschläge."

Kritik am Armutsbegriff

Dass Menschen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens automatisch als arm gelten, kritisierte bereits im vergangenen Jahr die Caritas, weil damit auch Studierende und Auszubildende in diese Kategorie fallen. Das sei auch richtig so, entgegnet der Paritätische Gesamtverband, denn auch diese hätten zum Teil Kinder und Familie. Auch die Kritik daran, dass Armut am mittleren und in Deutschland tatsächlich steigenden Einkommen festgelegt wird, weist Schneider zurück:

"In dem Moment, wo das Einkommen in einer Gesellschaft zunimmt insgesamt, erhöht sich auch der Lebensstandard dieser Gesellschaft. Sei es, dass sie die Preise in Restaurants nehmen, sei es die Preise für Kulturveranstaltungen, Sportveranstaltungen, mit wachsendem Einkommen wächst der Standard, mit wachsendem Einkommen wächst die Schwelle, ab der ich dazugehöre oder ab der ich eben ausgegrenzt bin."

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert eine Anhebung des Rentenniveaus, eine Reform der Altersgrundsicherung, die Erhöhung des Mindestlohns auf 12,63 Euro sowie die Eindämmung von Leiharbeit, die Abschaffung sachgrundlos befristeter Beschäftigungsverhältnisse und eine existenzsichernde Kindergrundsicherung.

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