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Startseite@mediasresDie NZZ und die Mainstream-Phobie26.06.2019

Arno OrzessekDie NZZ und die Mainstream-Phobie

In einem Gastkommentar für die NZZ schreibt der Journalist Wolfgang Bok, "deutschen Mainstream-Medien" seien "grün". Doch eine Menge seiner Argumente seien falsch, sagt Arno Orzessek. Und fragt Bok deshalb in seiner Kolumne: Leiden Sie etwa an akuter Mainstream-Phobie?

Von Arno Orzessek

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Blick auf auf die Fassade des Verlags Neue Zürcher Zeitung in Zürich. (picture-alliance/ dpa/ Eddy Risch)
Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), die älteste heute noch erscheinende Zeitung der Schweiz. (picture-alliance/ dpa/ Eddy Risch)
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Nicht, dass Sie denken, wir hätten einen Hitzschlag erlitten. Nein, wir finden wirklich, 'Hauptrichtung' ist ein patentes deutsches Wort, gewiss kein Ohren-Schmeichler, aber semantisch klipp und klar. Nur leider ging's mit der deutschen 'Hauptrichtung' seit den 90ern steil bergab. In den hiesigen Zeitungen wurde das Wort unbarmherzig vom englischen 'Mainstream' verdrängt.

Und heute kommt im journalistischen Mainstream 'Hauptrichtung' praktisch nicht mehr vor. Das zeigen die Wortverlaufskurven im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache. Soviel sei gesagt, bevor jemand vermutet, wir würden hier Relotius-mäßig herumfabulieren.

Mainstream: Faktum oder Phantasma?

Seit der Mainstream in aller Munde ist, verschleimt allerdings seine Bedeutung. Die Lage ist fürwahr tricky. Die sogenannten 'Mainstream'-Medien rufen nämlich nie: 'Juchu, wir sind Mainstream!', werden dafür aber umso häufiger von Medien so gerufen, die sich außerhalb des Hauptstroms wähnen.

Weil Letztere aber zumeist auf der konservativen, rechten und/oder nationalen Seite zu finden sind, hat es sich eingebürgert, den medialen Mainstream für 'linksliberal' zu halten. Was nichts daran ändert, dass niemand genau wissen kann, ob der 'Mainstream' ein Faktum ist oder ein Phantasma. Es sei denn, man heißt zum Beispiel Wolfgang Bok.

Bok argumentiert mit Verfälschungen

Falls Sie kein Abo für Cicero oder Tichys Einblick haben – zwei, sagen wir: nicht-linke Publikationen – werden sie den Politologen und Publizisten, der früher Chefredakteur der Heilbronner Stimme war, vielleicht nicht kennen. Glauben Sie uns darum bitte: Auf Fotos entfaltet Wolfgang Bok -  akkurater Drei-Tage-Bart, Anzug, Einstecktuch – den bärigen Charme eines vitalen Onkels auf der Zielgeraden seiner besten Jahre. Aber der gute Mann kann auch böse.

Letztes Jahr wurde Bok vom Deutschland Kurier als "Gewinner" der Woche ausgezeichnet, weil er mit Blick auf die Flüchtlingskrise im ARD-"Presseclub" gesagt hatte: "Der Fisch stinkt vom Kopf her, und der sitzt im Kanzleramt." Zur Info: Der Deutschland Kurier nennt sich selbst "konservativ, freiheitlich, unabhängig". Die Wirtschaftswoche findet ihn dagegen "schrill, provokant und stramm rechts" - "eine Mischung aus Breitbart und Bild".

Aber bleiben wir fair: Bok hat sich um den Titel "Gewinner" beim Kurier nicht beworben. Die taufrische Bok'sche These in der Neuen Zürcher Zeitung, der neue journalistische Mainstream in Deutschland sei "grün", geht dagegen komplett auf Boks Kappe. Und damit auch die Menge der Verfälschungen, die andere Medien sofort mit Lust aufgespießt haben.

Fehlendes Gespür für Ironie

Bok schreibt etwa, Jan Fleischhauer – der vom Spiegel zum Focus wechselt – habe  behauptet, dass die Spiegel-Redaktion "Rot-Grün eine stabile Mehrheit [sichert]". Tatsächlich hat Fleischhauer spekuliert: Hätte die Spiegel-Redaktion über die Sitze im Bundestag zu bestimmen, "gäbe es eine stabile Mehrheit für Grün-Rot". Kein ganz so kleiner Unterschied, gell?

Aber weiter. Eine Zwischenzeile in Boks Artikel wähnt die Medien-Apokalypse nahe: "Auch 'Die Welt' wankt", heißt es dort – gemeint ist die Tageszeitung aus dem Hause Springer. Nur dass sich Bok, um das Wanken der Welt hinein in den verdorbenen grünen Hauptstrom zu belegen, auf eine anonyme Befragung unter Mitarbeitern beruft, laut der es unter ihnen eine grün-linke Mehrheit gibt. Und diese Befragung, die mehr als schlappe 20 Jahre her ist.

Und dann, sehr lustig, Boks fehlendes Gespür für Ironie. Die ZDF-Redakteurin Nicole Diekmann hatte per fingiertem Dialog auf Facebook jeden zum Nazi erklärt, der nicht die Grünen wählt. Bok nahm's, echt jetzt, für vollen Ernst. Weshalb wir ihm freundlich zurufen möchten:

"Lieber Herr Bok, Sie beklagen in der NZZ, die Sorgen der Rechten würden immer als Phobien abgetan. Aber leiden Sie etwa nicht an akuter Mainstream-Phobie? Typische Symptome wären, siehe Wikipedia, 'übertriebene Angstreaktionen beim Fehlen einer wirklichen äußeren Bedrohung.' Am besten, Sie lassen das rasch untersuchen! Im übrigen schließen wir uns gern der Fleischhauer-Parole an, mit der Sie Ihren eigenen NZZ-Kommentar beendet haben: 'Lassen wir die Feinde der Meinungsfreiheit nicht durchkommen.'"

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