Freitag, 23. Februar 2024

Aus beim Asien-Cup
Jürgen Klinsmann in Südkorea - Amtszeit voller Missverständnisse

Als Trainer Südkoreas war Jürgen Klinsmann schon vor Beginn der Asien-Meisterschaft angezählt. Seine Mannschaft schied im Halbfinale gegen Außenseiter Jordanien aus – Klinsmann musste gehen.

Von Felix Lill | 10.02.2024
Porträt von Jürgen Klinsmann auf der Bank der Südkoreanischen Fußball-Nationalmannschaft.
Jürgen Klinsmann ist seit Februar 2023 Trainer der südkoreanischen Fußball-Nationalmannschaft. (IMAGO / AFLOSPORT / IMAGO / Mutsu Kawamori)
Nein, zurücktreten werde er nicht, hatte Jürgen Klinsmann erklärt. Und nein, die blamable 0:2-Niederlage Südkoreas gegen Jordanien, im Halbfinale des Asien-Cups, habe er auch nicht witzig gefunden: "Ich bin sehr enttäuscht. Ich bin wütend. Denn wir hätten heute besser sein müssen. Unsere Besprechung vorm Spiel war völlig klar: Wie wir uns auf die Zweikämpfe einlassen müssen, wie wir es von Anfang an taktisch angehen wollten. Aber die ersten 20, 30 Minuten waren wir gar nicht auf dem Platz. Deshalb sage ich: Ich habe Achtung vor der Leistung unseres Gegners. Sie hatten mehr Willen."
Warum Klinsmann dies bei einer Pressekonferenz erwähnen musste? Weil seit Tagen über die Bilder gesprochen wurde, die kurz nach Abpfiff des Halbfinales eingefangen wurden. Da marschiert Jürgen Klinsmann über den Platz und lächelt.

Klinsmanns Lächeln kam in Südkorea nicht gut an

In Südkorea, wo er seit einem knappen Jahr als Trainer der Fußball-Nationalmannschaft der Männer engagiert ist, sorgt das für Verstimmung. Die Nachrichtenagentur Yonhap schreibt zum Beispiel: "Klinsmanns Zeit als Trainer von Südkorea begann im vergangenen März mit lethargischen Testspielen und ist geprägt von vernichtender Kritik durch Fans und Medien: Von seiner Entscheidung, mehr Zeit im Ausland zu verbringen als in Korea, bis zu seinem Mangel an taktischem Verständnis und seinem unangebrachten Lächeln nach einem Tor des Gegners, wie am Dienstag, bei Südkoreas Niederlage."
Die Forderungen nach Rücktritt waren überall im Land zu hören. Wobei Jürgen Klinsmann in Bezug auf sein Lächeln betont, dass er das Problem nicht versteht: "Aber wenn ein Spiel vorbei ist und ich dem Trainer der anderen Mannschaft ein Lächeln schenke, wegen ihm persönlich, dann finde ich, ist das kein großes Ding. Ich werde nach einem Spiel sicher nicht überall lachend rumlaufen. Aber es gab Gründe, warum wir das Spiel verloren haben. Und diese Gründe muss man akzeptieren. Und wenn das andere Team auf dem Platz mehr zeigt, was sie getan haben, dann muss man sie dafür auch respektieren."

Klinsmann hatte Turniersieg als Ziel ausgegeben

Die Erwartungen beim Asien-Cup, wo das Finale ohne Südkorea stattfand, waren hoch. Klinsmann selbst hatte vorab noch betont, Ziel könne nur der Turniersieg sein: "Bei großen Turnieren hat Südkorea ja auch bewiesen, dass es sehr erfolgreich sein kann. Bei der WM in Katar wurde Portugal geschlagen, vier Jahre vorher Deutschland. Unser Ziel ist deshalb, den Asien-Cup zu gewinnen."
Jürgen Klinsmann (r.) und Co-Trainer Cha Du-ri (l.) trösten Südkoreas Superstar Son Heung-min nach der Niederlage gegen Jordanien im Halbfinale des Asien-Cups.
Jürgen Klinsmann (r.) und Co-Trainer Cha Du-ri (l.) trösten Südkoreas Superstar Son Heung-min nach der Niederlage gegen Jordanien im Halbfinale des Asien-Cups. (IMAGO / Ulmer / Teamfoto / IMAGO / ULMER / Markus Ulmer)
Dieses Ziel, das Turnier zu gewinnen, hat Jürgen Klinsmann so oft vorgegeben, dass es nun zumindest darüber kein Missverständnis gibt, dass das Ausscheiden im Halbfinale ein Misserfolg ist.
Ansonsten bestand die knapp einjährige Amtszeit Jürgen Klinsmanns als Trainer von Südkorea aus reichlich Missverständnissen.

Klinsmann verbrachte viel Zeit in den USA

Wie schon zu seiner Zeit als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft von 2004 bis 2006 hat es Klinsmann in Südkorea vorgezogen, viel Zeit in den USA zu verbringen. Der koreanische Verband hatte aber ausdrücklich den Wunsch geäußert, dass ein Nationaltrainer auch im Land lebe. So entstand der Eindruck, der 59-jährige Schwabe identifiziere sich nicht mit dem Job. Auch deshalb haben die Bilder seines Lächelns nach einer Niederlage für Aufregung gesorgt.
Hinzu kommt aber das Sportliche, betont Kim Tae-ryung vom südkoreanischen Fernsehsender Arirang: "Es hat ja diverse Kontroversen um Klinsmanns Arbeitsstil gegeben. Er ist eben ein Superstar, noch von seiner Zeit als Spieler. Dann wird man auch genauer beobachtet. Aber die Mannschaft hat unter Jürgen Klinsmann mit der Zeit einen immer besseren Rhythmus gefunden. Nur ist die aktuelle Mannschaft auch eine goldene Generation. Sie ist eine der stärksten in Asien."
In mehreren europäischen Top-Ligen zählen Südkoreaner zu den Leistungsträgern: In der Bundesliga ist da Kim Min-jae, Verteidiger bei Bayern München. In der Premier League führt der Stürmer Son Heung-min Tottenham Hotspur an. Lee Kang-in gilt bei Paris St. Germain als Rohdiamant im Mittelfeld. Aufgefüllt wird der Kader mit Stammspielern europäischer Erstligisten und Leistungsträgern südkoreanischer Klubs. Außerdem hat Südkoreas U23 letztes Jahr Gold bei den Asienspielen geholt, einer Art asiatisches Olympia.
Trotzdem: Beim Asien-Cup konnte die Auswahl nach 90 Minuten nur ein einziges Spiel gewinnen.

Führungsspieler stellten sich hinter Klinsmann

Und Jürgen Klinsmann wird immer wieder als ein Trainer bezeichnet, der weniger über die Taktik kommt und eher über die Mentalität.
Mehrere Führungsspieler hatten sich nach dem Ausscheiden hinter Klinsmann gestellt. Die Öffentlichkeit scheint es anders zu sehen. Kim Tae-ryung von Arirang sagt: "Das ist meine persönliche Meinung, aber wenn der Turniersieg auch diesmal eben nicht gelingt, ist das kein großes Problem für die Nationalmannschaft an sich. Bei schlechten Ergebnissen kann man vielleicht den Trainer auch auswechseln und sich auf andere Weise für die WM 2026 vorbereiten. Das kennt man in Korea."
Wobei wiederum auch dies Teil des Problems sein könnte: In Südkorea, das seit nunmehr 64 Jahren auf den Gewinn des Asien-Cups wartet, sind die Trainer immer schnell zu den Schuldigen erklärt worden. So auch bei Jürgen Klinsmann. Zehn Tage nach dem Aus im Asiencup trennte sich der südkoreanische Fußballverband von Klinsmann.