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StartseiteForschung aktuellAuch Hobbits sind nur Menschen21.08.2006

Auch Hobbits sind nur Menschen

Zwergmenschen von Flores stellen offenbar keine eigene Menschenart dar

<strong>Anthropologie. - Im September 2004 sorgte eine Nature-Veröffentlichung von australischen Forschern weltweit für Aufsehen, die vermutet hatten, auf der indonesischen Insel Flores eine bislang unbekannte Menschenart entdeckt zu haben. Schon damals wurde das kritisiert. Diese Kritik wird jetzt fortgesetzt.</strong>

Von Michael Stang

Die Kontroverse über den Platz der Flores-Menschen in der Geschichte geht weiter. (Peter Brown)
Die Kontroverse über den Platz der Flores-Menschen in der Geschichte geht weiter. (Peter Brown)
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"Die wichtigste Frage ist: Warum glaubt überhaupt jemand daran, dass es sich hier um eine eigene Art handelt? Das macht überhaupt keinen Sinn. "

Sagt Robert Eckardt von der Pennsylvania State University. Der Anthropologe hat zusammen mit seinem indonesischen Kollegen Teuku Jacob die Knochen und die archäologischen Funde der so genannten Hobbits untersucht und kommt zu einem ganz anderen Ergebnis als das australische Forscherteam:

"Die Geschichte, dass es sich um eine eigene Art handelt, begründet das australische Team damit, dass vor 800.000 Jahren Vertreter von Homo erectus nach Flores gekommen sind und danach komplett isoliert waren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mit einem Schlag dutzende oder hunderte Individuen nach Flores gekommen sind und dann nie mehr. Es muss Kontakte gegeben haben. Dass es zu einer Artbildung gekommen ist, ist daher äußerst unwahrscheinlich."

Robert Eckardt glaubt nicht daran, dass es sich bei den kleinwüchsigen Knochen um den Vertreter einer eigenen Art Homo floresiensis handelt.

"Die Flores Knochen gehören zu Homo sapiens, wenn auch das eine Individuum erhebliche Fehlentwicklungen aufweist."

Diese Fehlentwicklungen sind am Schädel deutlich zu erkennen, denn er ist unglaublich winzig. Selbst für die geringe Körpergröße, die die australische Forschergruppe mit rund einem Meter angibt, die jetzigen Autoren aber mit etwa 1,30 Meter, wäre der Schädel zu klein, um als gesunder Vertreter einer Population zu gelten. So sieht es auch der Paläoanthropologe Fred Smith von Loyola University von Chicago, der den Streit der beiden Forschergruppen seit langem verfolgt.

"Von Anfang an war ich ein wenig skeptisch. Ich kann zwar nicht vollständig ausschließen, dass es auf Flores einen Übergang von Homo erectus gegeben hat, aber es spricht eigentlich alles gegen diese Interpretation. Allein vom populationsbiologischen Standpunkt aus betrachtet kann eine so kleine Gruppe nicht mehrere hunderttausend Jahre überlebt haben, ohne dass es genetischen Austausch gegeben hat. Das hat mich von Anfang an gestört. "

Das australische Forscherteam geht davon aus, dass es vor rund 800.000 Jahren zu einer einmaligen Besiedlung der Insel gekommen ist. Dass Jahrhunderte oder Jahrtausende später neue Gruppen hinzugekommen sind, schließen sie jedoch aus. Nur über die Version lässt sich eine Artbildung zu Homo floresiensis aufrechterhalten. Fred Smith sieht diese Interpretation aber für nicht mehr haltbar.

"Ich glaube, dass die Original-Analyse gut war, aber das australische Team hat eben nicht alle Faktoren so gewichtet, wie es das hätte besser tun sollen. Und das war der Fehler, denn da sind eine Menge seriöser Fragen offen. Alle wussten, dass da irgendetwas nicht stimmte. Die neue Veröffentlichung ist dagegen die erste detaillierte Analyse, die mich überzeugt. Aber ich glaube, die Reaktion der australischen Gruppe wird nicht lange auf sich warten lassen."

Denn die neuen Ergebnisse widersprechen der ursprünglichen Interpretation des australischen Teams in allen wichtigen Punkten. Für Colin Groves von der australischen National Universität in Canberra sind die neuen Argumente nichtig. Der Anthropologe erkennt die neuen Fakten nicht an und bleibt bei seiner Interpretation.

"Ich glaube, dass Jacob und die anderen Autoren falsch liegen. Zum einen greifen ihre Argumente für krankhafte Veränderungen am Schädel einfach nicht. Zudem ist die Debatte um die nicht vorhandenen anatomischen Eigenarten absolut oberflächlich. Sie schaffen es nicht annähernd zu beweisen, dass Homo florensiensis keine eigene Art darstellt. "

Das australische Team wird deshalb jetzt im Fachblatt Journal of Human Evolution neue Beweise vorlegen, dass es sich bei den Knochen von Flores tatsächlich um eine eigene Menschenart handelt. Auch wenn nach den neuen Erkenntnissen die Fachwelt ihrer Version weniger zustimmen wird, weichen sie nicht von ihrer Position ab. Der Streit ist ihrer Meinung nach noch lange nicht entschieden.

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