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StartseiteBüchermarktPeter Kurzecks Reise in den französischen Sommer15.09.2019

Aus dem "Alten Jahrhundert"Peter Kurzecks Reise in den französischen Sommer

Der Autor ist tot, das Projekt geht weiter: Peter Kurzecks lebenslange Tages- und Zeitmitschrift "Das alte Jahrhundert" wird aus dem Nachlass fortgesetzt. Faszinierend wie eh und je: die elegischen Tage des südlichen Sommers.

Von Christoph Schröder

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Peter Kurzeck (1943-2013) in einer Aufnahme von 2000 (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
Der innere Motor, der Peter Kurzecks Bücher antrieb, war die Alternativlosigkeit seiner Schriftstellerexistenz (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
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Ein wohlig verträumter Sommertag in Südfrankreich. Der Ich-Erzähler, seine Tochter Carina und seine Freundin Sibylle haben einen Platz am Ufer eines Flusses gefunden. Ein Nebenflüsschen eines Nebenflüsschens der Ardèche, wie es heißt. Dort liegen sie, gemeinsam mit einigen Einheimischen. Sie stören sich nicht gegenseitig; es wird gebadet und gegrillt.

Und es dauert nicht lang, bis der Erzähler Peter, den seine vierjährige Tochter beharrlich nur "Peta" nennt, in einen Zwischenzustand gerät. In eine Halbwachheit, in dem die Bilder sich vor dem inneren Auge in Bewegung setzen und in dem die Erinnerung sich mit den Geräuschen, Gerüchen und Wahrnehmungen der Gegenwart überschneidet:

"Dann im Gras und die Augen zu. Über mir knarren die Pinien. In der Hitze riecht es nach Harz. Kein Schlaf, nur wie vom einen in den anderen Traum und in meine Kindheit zurück. Als auch in Deutschland die Menschen noch in die Flüsse eintauchten. Paradiesbilder. Als Kind an der Lahn. Eine Bucht, die den Staufenberger Kindern gehört. Dort stand das Gras hoch. Dickicht und Tümpel im Dickicht. Schilf am Rand, Schilf und Binsen. Im Sommer heiß, einsam, still."

Das ist einer der Kurzeck-Momente. Ein Augenblick weltlicher Epiphanie, in dem alltägliche Wahrnehmungen verwandelt werden, sich aus der Alltäglichkeit herauslösen. Es ist Peter Kurzecks Tonfall, der unermüdlich und unerschöpflich ist. Beobachtungen werden darin quasi eingehüllt. Es gibt wenige Schriftsteller, bei denen das Literarische so sehr aus der Sprache selbst entsteht und nicht aus einem spektakulären oder exotischen Potential des Stoffs, der erzählt wird.

Beginn einer neuen Zeitrechnung

Auch wenn jeder Roman aus dem Zyklus "Das alte Jahrhundert" sich problemlos als Einzelband lesen lässt, ist es dennoch hilfreich, die dem gesamten Projekt zugrunde liegende Erzählsituation zu erklären. Ausgangspunkt der Romane sind die Jahre 1983 und 1984. Der Erzähler Peter ist, was die biografischen Fakten und lebensweltlichen Umstände betrifft, mit dem Autor Kurzeck identisch. Dieser hat seinen zweiten Roman mit dem Titel "Das schwarze Buch" veröffentlicht, hat dem Trinken abgeschworen und lebt mit Freundin und Kind in einer Wohnung in Frankfurt-Bockenheim.

"Frankfurt am Main. Vor sechs Jahren hergekommen und jetzt schon fünf Jahre hier in der Wohnung. Mehr als fünf Jahre. Seither ein Kind. Und wächst und wird groß, das Kind. Ein richtiges Menschenkind. Bücher, Bücherwände. Wie aus dem Himmel gefallen das Spielzeug."

Es gibt im Kurzeck-Kosmos ein davor und ein danach. Das Ereignis, das der Erzähler im Roman "Als Gast", dem zweiten Teil des Zyklus’, als Beginn einer neuen Zeitrechnung beschreibt, ist die Trennung von seiner Freundin Sibylle im November 1983. Es ist der chronologische Referenzpunkt, von dem aus sämtliche Erzählstränge sich verzweigen. Diese Verzweigungen dürften auch der Grund dafür sein, dass "Der vorige Sommer und der Sommer davor" nicht zu Lebzeiten Peter Kurzecks erschienen ist. Denn wie die Herausgeber Deuble und Losse im Nachwort erläutern, lag der Roman in seiner jetzt veröffentlichten Fassung bereits im Frühjahr 2000 vor. Die Fertigstellung des "Sommerbuchs", wie der Roman nur genannt wurde, stellte Kurzeck zugunsten anderer, ihm dringlicher erscheinender Geschichten zurück.

Linkes Sponti-Milieu

Auch darin spiegelt sich das poetische Prinzip Peter Kurzecks: Dass jede Beobachtung, jede Wahrnehmung ein Trigger sein kann für ein neu ansetzendes, assoziativ funktionierendes Sprechen, das den ursprünglichen Erzählimpuls überlagert, ohne ihn darüber zu vergessen. Eine Konstante in Kurzecks sowohl von den Schauplätzen als auch vom Personal her übersichtlichem Tableau ist sein alter Freund Jürgen. Das erste Kapitel des Sommerbuchs ist nahezu identisch mit dem 16. Kapitel des Romans "Als Gast". Hier begegnen wir Jürgen, einem Mann aus dem radikal linken Sponti-Milieu, dessen Nähe zur RAF ihn auch ins Gefängnis gebracht hat.

Jürgen hatte zwischenzeitlich mit seiner französischen Freundin Pascale im südfranzösischen Barjac ein Restaurant eröffnet. Das Sommerbuch ist in seinem Beginn zeitlich dreifach verschachtelt: Im Frühjahr 1984 begegnet der Erzähler seinem Freund Jürgen. Davon ausgehend erzählt eine Rückblende von Jürgens Rückkehr nach Frankfurt im November 1983. Seine Beziehung zu Pascale ist gescheitert, ebenso das Restaurant-Projekt. Das wiederum ist der Ausgangspunkt des Roman-Hauptstrangs – die Erinnerung an die Sommer 1982 und 1983, die der Erzähler mit Sibylle und Carina in Südfrankreich verbracht hat.

Dauerstaunen und Neuerfinden

Das klingt in der Konstruktion weitaus komplizierter als die Lektüre sich dann tatsächlich gestaltet. Kurzeck lesen erzeugt einen Sog. Der Tonfall ist an der Mündlichkeit erprobt. Sein aufzählender, die Verben oft auslassender Stil ist das Resultat eines panischen Mitschreibens dessen, was gerade ist. Wer die von Peter Kurzeck frei eingesprochenen Hörbücher, allen voran das unglaubliche "Ein Sommer, der bleibt", kennt, der weiß, dass bei Kurzeck das Sprechen und das Schreiben untrennbar verbunden waren. Zugleich stellt sich der Effekt ein, dass Kurzeck-Leser, die in den Bann dieses beschwörenden Tons geraten sind, plötzlich die ganze Welt in jenem Duktus betrachten und beschreiben.

Es ist ein Dauerstaunen, ein Dauererinnern, ein Konservieren und ein Neuerfinden, und all das in einem einzigen Augenblick. Kurzeck inventarisiert die Welt und hält sie dadurch lebendig. Zugleich aber sind seine Bücher auch scharf beobachtete Studien eines Landes, unseres Landes, in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren, in denen nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ein erneuter Totalumbau eingeleitet wird. Ein Land wird zugerichtet, hin zu einer verkehrstechnisch günstigen und kapitalistisch verwertbaren Funktionalität:

"Seit Carina auf der Welt ist, mit ihr jeden Tag hier an den Baustellen, Ruinen und Plakatwänden vorbei. Kies-, Gremp- und Florastraße. Überall in Frankfurt. In allen Städten. Im ganzen Land in der fortgeschrittenen Stille. Überall Abbruchhäuser. Stehen noch, aber man sieht schon, dass sie nicht bleiben. Abenddunkel, wie blind."

Peter Kurzecks Texten ist stets ein Vorher und ein Nachher eingegeben. Ein "Eben noch ... und dann schon". Die Welt als riesiger Umschlagplatz von Verlusten. Ein zentrales, immer wiederkehrendes Wort und zugleich ein tödlicher Feind ist die Zeit. Die Zeit, die alles auffrisst. Ein Gegner, gegen den Kurzeck anschrieb:

"Gegenwart. War und ist nicht mehr. Was richtet die Zeit mit uns an?"

"Der vorige Sommer und der Sommer davor" ist ein Roman, der gleich in mehrfacher Hinsicht auf schmerzhafte Weise vor Augen führt, wie groß der Verlust ist, den Kurzecks Tod bis heute bedeutet.

Alle Motive finden sich hier wieder, oft auch in Spiegelungen, in denen andere Romane wiederzuerkennen sind. So findet beispielsweise das fabelhafte Kapitel aus "Vorabend", das das Leben und die Zerstörung des Lebensraumes der Igel im mittelhessischen Staufenberg schildert, im Sommerbuch einen fernen Widerhall in einer Schildkrötenszene.

Schwebende Atmosphäre von Unbeschwertheit

Das Sommerbuch ist zugleich aber auch möglicherweise das hellste, freundlichste Buch Peter Kurzecks. Die dunkle Erfahrung der doppelten Trennung von Jürgen und Pascale und Peter und Sibylle, die zum Erzählzeitpunkt ja bereits manifest ist, wird hier konterkariert. Es herrscht eine schwebende Atmosphäre von Unbeschwertheit, von Leichtigkeit. Die Existenz des Erzählers scheint in jenen beiden Sommern in Südfrankreich auf einem Zwischenhöhepunkt angekommen zu sein.

Im Juni 1983 ist die Kleinfamilie unterwegs in Richtung Barjac zu Jürgen und Pascale und weiter in Richtung Meer. Die finanzielle Situation ist kompliziert: Sibylle hat eine Anstellung im Verlag, der Erzähler halbtags in einem Antiquariat, so dass genug Zeit zum Schreiben bleibt. Man hält sich über Wasser, schlägt sich durch, muss nicht mit jedem Pfennig, aber doch mit jeder Mark rechnen. Und ein Auto gibt es selbstverständlich auch nicht:

"Im Juni zu ihnen hingetrampt. Sibylle, Carina und ich. Vier Tage gebraucht. Auf kleinen und immer kleineren Straßen von Dorf zu Dorf. Unterwegs mit dem ersten Kapitel von meinem dritten Buch angefangen. Morgens in Colmar in einem kleinen Hotel aufgewacht und es ist mein Geburtstag. Vierzig Jahre alt. Geboren am 10. Juni 1943. Und kann mich an alle Geburtstage und an jeden Sommer meines Lebens erinnern."

Das Unterwegssein per Anhalter ist ein stetig wiederkehrendes Motiv im Sommerbuch, das zu komischen und manchmal burlesken Situationen führt. Oft sind es nur wenige Kilometer, die Peter, Sibylle und Carina mitgenommen werden. Mal von einem Geschäftsmann, der einen erfolgreichen Abschluss zu feiern hat. Mal von einem gealterten Handwerker, der sich in seinem Garten illegal ein zweites Heim errichtet. Oder auch:

"Mit einem Testfahrer von Peugeot. Er fährt in Socken. Und erklärt uns seinen Beruf. Das Auto groß, staubig, dunkelgrau. Ohne Markenzeichen und Kühlergrill. Ein Auto, das es noch nicht gibt. Der Staub künstlich, Speziallackierung. Dieser Kasten ein Fahrtschreiber. Ein Computer. Spezialcomputer. Sein Vorgesetzter. Hockt hier als Kasten neben ihm."

Peter Kurzeck war, dass darf bei aller inneren Dringlichkeit seines Projekts nicht vergessen werden, im Kleinen wie im Großen auch ein ungeheuer komischer Schriftsteller. Wie er beispielsweise in seinen langen Erinnerungsschleifen die Nachkriegsbegeisterung der Deutschen für Konsum, die Gier nach Verbrauch und Kompensation der erfahrenen Leiden, zugespitzt darstellt, das ist so wahr wie entlarvend.

Die Komik des Konsums

Kurzeck wusste sehr wohl um seine Fähigkeit, in großen Aufzählungen ein sinnliches Panorama aufzubauen, um diesem dann, bildlich gesprochen, mit einer antiidyllischen Intervention wieder die Luft herauszulassen. Wenn die Freunde in Frankreich ein ausgiebiges und auch ausgiebig geschildertes Mahl zelebrieren, um dann, gleich im nächsten Satz, mit einer Muschelvergiftung im Bett zu liegen, ist das auch eine gezielt gesetzte Pointe.

Alles bei Kurzeck ist ambivalent, weil es permanent vom Todfeind Zeit bedroht ist. Die Gegenstrategie zum Verschwinden ist die Inventarisierung, die Aufzählung, die permanente Benennung. Das beinhaltet auch: Das Einfangen von Schönheit. Denn das ist Peter Kurzecks Prosa vor allem und immer wieder: Unglaublich schön, ohne je süßlich zu werden. Sinnlich und genau in der Wiedergabe von Stimmungen. Das Sommerbuch verdichtet sich mit zunehmender Dauer zu einem einzigen großen, möglicherweise pointilistischen Gemälde einer südfranzösischen Landschaft und dem Sichdarinbefinden:

"Komm! Im letzten Licht, in der Dämmerung, komm! Notizzettel, Hof, Wörter, Gedanken, Vordach. Am Abend jetzt Schuhe, Abschiede, eine Jacke. Hof, Hoftor, der Abend. Mein Kind und ich. Das Wort Abendspaziergang von Sibylle. Bis zum Hoftor die Stimmen noch mit uns mit. Die Schwalben? Noch eben in allen Straßen und Gässchen und über jedem Hof golden der Himmel voll Schwalben. Und jetzt gegangen das Licht"

Peter Kurzeck hat zu Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn auch Gedichte geschrieben. Das ist seiner Prosa stets anzumerken. In einem Interview hat er erzählt, dass er sich selbst dazu gezwungen habe, das, was er als Lyrik schreibe, in ein Element des Romans zu verwandeln. Zugleich aber auch hat jeder Kurzeck-Roman, so auch das Sommerbuch, etwas Getriebenes, etwas geradezu Besessenes.

Mikrokosmos als Weltbühne

Der innere Motor, der Kurzecks Bücher antreibt, ist die Alternativlosigkeit seiner Schriftstellerexistenz. Leben und Schreiben sind nicht in eine künstlich erzeugte Übereinstimmung gebracht, sondern befinden sich wie selbstverständlich in Deckungsgleichheit. Erzählen ist Notwendigkeit. Den eigenen Mikrokosmos, in dem nichts Spektakuläres geschieht, hat Peter Kurzeck zur Weltbühne umgebaut. Er, der sich nie interessiert hat für Moden und Diskurse, hat mit Besessenheit an einem Werk geschrieben, das die Vergeblichkeit quasi naturgemäß in sich trug, weil der Kampf gegen das große Verschwinden per se aussichtslos erscheinen musste.

Auch in "Der vorige Sommer und der Sommer davor" gibt es einen doppelten Schreibprozess: Zum einen den, der für die Entstehung des Romans selbst sorgt, zum anderen den Entstehungsprozess des dritten Buchs, von dem immer wieder die Rede ist. Jenes dritte Buch, der Roman "Kein Frühling", wächst auch im Südfrankreichurlaub Kapitel um Kapitel. Eine Zettelwirtschaft: Ideen müssen aufgeschrieben werden, auf Kassenbons und losen Blättern, die in die Hemdtasche gesteckt und später in den Text integriert werden. Eine Lebenshaltung, die die Ästhetik der Romane fundiert und zugleich sichtbar macht. Und eine Existenz, die physisch nicht spurlos am Erzähler vorbeigeht:

"Zigaretten, Streichhölzer. Schon ewig Kettenraucher. Einundzwanzig Jahre Suff, Wachtabletten, Unmengen Kaffee. Immer noch jeden Tag zwanzig Espresso und kaum je genug Schlaf – das spürst du am Herz."

Peter Kurzecks Romane sind immer auch Gesellschaftsromane. Das Verschwinden, dem Kurzeck entgegenschreibt, ist auch ein Verschwinden von alternativen Lebensentwürfen, von Daseinsprovisorien, von Lücken, die die kapitalistische Gesellschaft einem nonkonformistischen Existenzmodell gerade eben noch so lässt. Kurz gesagt: Umbruchsbücher, die den Epochenwandel hin zu den kalten 1980er-Jahren kenntlich machen.

Damoklesschwert Arbeitsamt

Seine Freundin Sibylle beispielsweise hat der Erzähler in den 1970er-Jahren als Schülerin in Gießen kennengelernt, wo sie in einer alten Fabrikhalle lebte und als RAF-Sympathisantin Unterkünfte für Gleichgesinnte organisierte. So auch für Peters guten Freund Jürgen. Es sind Möglichkeitsräume, nach denen Peter Kurzeck in seinen Büchern sucht. Die Erwachsenen, die er selbst in seiner Staufenberger Kindheit erlebt hat, haben sich im Wirtschaftswunder totgearbeitet. In "Der vorige Sommer und der Sommer davor" dagegen schwebt über dem Erzähler das Damoklesschwert des Arbeitsamtes, mit dem er nach seiner Rückkehr aus dem Süden erstmals konfrontiert wird.

Wer Peter Kurzeck als einen Nostalgiker betrachtet, hat ihn nicht begriffen. Bei Kurzeck geht es in jeder Hinsicht immer um das Ganze. Er hat sich seinen Texten ausgeliefert. Er hat eine Sprache ge- und erfunden, die zwischen Innenwelt und Außenwelt nicht mehr unterscheidet, sondern sich vielmehr in einem permanenten Gespräch ihrer selbst und ihres Erzeugers versichert. "Wenn ich schreibe", so hat Peter Kurzeck es einmal in einem Gespräch mit der Zeitschrift "Sinn und Form" ausgedrückt, "kann mir nichts passieren." Die Konsequenzen der Untrennbarkeit von Person, Form und Inhalt waren dem Erzähler Kurzeck immer schon bewusst:

"Die Schönheit spürt man am Herz. Schon immer gewusst, als Kind schon gewusst, dass ich der Schönheit nicht widerstehen kann! Und das ist auch richtig so! Genauso wie beim Schreiben dem Schreiben nicht. Dem was das Schreiben beim Schreiben mit mir anrichtet, mit mir und dem Stoff."

Das Sommerbuch endet nach 490 Seiten als Fragment, wobei keiner der Romane des "Alten Jahrhundert"-Zyklus’ Anfang und Ende im konventionellen Sinne kennt. Die Herausgeber haben dem Text einen knapp 160 Seiten starken Anhang hinzugefügt, in dem sie ihre eigene editorische Arbeit und die Quellenlage des Romans aufschlüsseln.

Der Erzähler ist mit Sybille und Carina nach dem langen Sommer zurück in Frankfurt angekommen:

"Die Stadt rauscht. Die Zeit. Das alte Jahrhundert. Im Schlaf weit weg und auch wieder ein Kind gewesen. Dass man aufwacht und alles noch da ist. Dass man aufwacht und alles wiedererkennt. Das bist du dann selbst."

Im Roman "Oktober und wer wir selbst sind" schreibt Peter Kurzeck vom Stich im Herzen, ausgelöst durch die Erkenntnis, dass nichts bleibt – und auch wir nicht. Die Lektüre des Sommerbuchs macht diesen Stich umso spürbarer, weil sie in Verdichtung noch einmal das Wundersame, Einzigartige dieses Autors vor Augen führt.

Wer den großen Schriftsteller Peter Kurzeck, dem die großen Ehrungen stets verwehrt geblieben sind, noch nicht kennengelernt hat, sollte damit anfangen. Am besten sofort.

Peter Kurzeck: "Der vorige Sommer und der Sommer davor"
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main.schöff
656 Seiten, 32 Euro.

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