Mittwoch, 08. Februar 2023

Auslese: Tierisch empfindlich
Wie Tiere auf Veränderungen reagieren

Der Klimawandel fordert nicht nur uns Menschen, unser Leben anzupassen, sondern auch die Tierwelt. Die rasanten Veränderungen befeuern eine Evolution im Schnelldurchlauf - aber nicht alle Tiere werden es schaffen. Zwei neue Sachbücher beschreiben die Sinne der Tiere und wie sie auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren.

Ralf Krauter im Gespräch mit Dagmar Röhrlich und Michael Lange | 18.12.2022

Die Cover der Bücher "Die erstaunlichen Sinne der Tiere" von Ed Yong und "Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen" von Thor Hanson.
Die Cover der Bücher "Die erstaunlichen Sinne der Tiere" von Ed Yong und "Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen" von Thor Hanson.
Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen - um sich in der Welt zurechtzufinden, haben Tiere komplizierte Sinnesorgane entwickelt. Ihre Augen und Ohren nehmen Dinge wahr, die uns Menschen verborgen bleiben. Ein Hund erlebt seine Umwelt dank seiner empfindlichen Nase ganz anders als wir. Und selbst einfache Tiere wie Insekten nehmen Farben wahr, die für uns unsichtbar sind. Auch beim Spüren von Vibrationen und Temperaturunterschieden, von Luft- und Wasserströmungen sind Spinnen und Elefanten, Falter, Vögel und Fische uns haushoch überlegen.

In seinem neuen Sachbuch beschreibt der Wissenschaftsjournalist Ed Yong die erstaunlichen Sinne der Tiere. Und der Biodiversitätsforscher Thor Hanson erzählt, wie stark die Fauna der Erde gefordert ist, sich an Lebensräume anzupassen, die der Klimawandel verändert. Die Evolution hat zahllose geniale Erfindungen hervorgebracht, mit deren Hilfe Tiere unter schwierigsten Bedingungen überleben können. Die Erderwärmung befeuert ihren Erfindungsreichtum, doch längst nicht alle Arten können sich schnell genug anpassen.
Ein Mäusebussard fliegt neben den Rotorblättern eines Windrads vor blauem Himmel.
Ein Mäusebussard fliegt neben den Rotorblättern eines Windrads (picture alliance / dpa / blickwinkel / AGAMI /M. Guy)

Ed Yong: Die erstaunlichen Sinne der Tiere 
Eine Rezension von Michael Lange

Neben Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen existieren im Tierreich weitere Sinne. Der Wissenschaftsjournalist Ed Yong kommt bei seinen Recherchen rund um den Globus auf insgesamt elf. Er erzählt einfach, lebendig und fast ohne Fachwörter Geschichten aus einer verborgenen Welt.

Sehen ist nicht gleich Sehen

Für uns Menschen ist das Sehen der Hauptsinn. Deshalb glauben wir, die Welt sei so, wie wir sie über unsere Augen wahrnehmen. Dabei unterscheidet sich die optische Wahrnehmung erheblich von Art zu Art. So gesehen lebt jede Tierart in einer anderen Welt. Rinder als Fluchttiere haben im Vergleich zu Menschen einen besseren Rundumblick. Dabei nehmen sie die Welt als Ebene wahr. Was oben und unten geschieht, interessiert sie nicht. Ganz anders ist das bei Raubvögeln. Wenn sie am Himmel kreisen, sehen sie genau, was hundert Meter unter ihnen auf dem Boden passiert. Einen Blick nach vorne brauchen sie nicht, denn oben in der Luft droht ihnen keine Gefahr, und so kommt es vor, dass sie trotz ihrer scharfsichtigen Augen die Flügel eines Windrads einfach übersehen.

Jedes Tier hat seine Zeit

Selbst einfache Tiere wie Stubenfliegen sehen Dinge, die dem Menschen verborgen bleiben. Sie setzen auf Geschwindigkeit und nehmen 350 Bilder pro Sekunde wahr, während der Mensch gerade einmal 60 schafft. Sie nehmen schneller wahr und können so besser reagieren als andere Tiere. Wenn sie einen Menschen sehen, bewegt der sich in ihrer Wahrnehmung im Zeitlupentempo. Ein Kinofilm ist für eine Fliege eine Diaschau, bei der immer wieder Bilder gezeigt werden, die sich kaum unterscheiden. Langweilig. Ein rasanter Boxkampf sähe eher aus wie Tai Chi. Mit solchen Erklärungen schafft es Ed Yong immer wieder, dass wir beim Lesen die Welt aus Tiersicht betrachten. So ist es auch bei einer Schildkröte, die uns Menschen als Hektiker wahrnimmt. Sie kann die flinken Bewegungen eines Primaten nicht verfolgen. Aber das schadet ihr nicht. 

Die Erde als Magnetfeld

Noch überraschender als die Optik sind tierische Sinne, die uns Menschen fremd sind, wie der Magnetsinn. So war es lange Zeit ein Rätsel, wie Zugvögel ihren Weg von Kontinent zu Kontinent finden. Inzwischen gibt es dazu zahlreiche Untersuchungen, und doch ist immer noch nicht im Detail bekannt, wie der Magnetsinn genau funktioniert. Umso beeindruckender sind seine Leistungen. So schaffen es nicht nur Zugvögel, sondern auch einige Schmetterlinge und Fledermäuse Hunderte von Kilometern zu ihrem Heimatort zurückzufinden. Auch Schildkröten kennen den Strand ihrer Geburt. Nach langen Reisen durch das Meer suchen sie ihn zur Fortpflanzung wieder auf. Immer wieder aufs Neue gerät Ed Yong ins Staunen und lässt seine Leser mitstaunen.

Unsichtbare Schönheit 

Der Autor taucht immer wieder ein in die Wissenschaftsgeschichte, berichtet aber auch über persönliche Erfahrungen und eigene Recherchen. Er fasst aktuelle Forschungsberichte zusammen und entdeckt überall Neues. So entsteht ein Bild der Natur, deren Schönheit sich nicht in erster Linie dem Menschen offenbaren soll. Blüten in bunten Farben sollen nicht uns gefallen, sondern Insekten, die für die Bestäubung sorgen. Da viele Insekten in der Lage sind, Ultraviolett zu sehen, sorgen manche Blüten für Schönheit in Wellenlängen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. So macht das Buch von Ed Yong unsichtbare Wunder der Natur erkennbar.  
Die erstaunlichen Sinne der Tiere
Erkundungen einer unermesslichen Welt
Von Ed Yong, aus dem Amerikanischen übersetzt von Sebastian Vogel
Verlag Antje Kunstmann
526 Seiten, 34 Euro 
Zwergkalmare (Loligo vulgaris)
Zwergkalmare (Loligo vulgaris) (IMAGO / Thomas Holtrup)

Thor Hanson: Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen
Eine Rezension von Dagmar Röhrlich

Wie schön kann man über Desaster schreiben. Jedenfalls beherrscht der US-Biologe Thor Hanson diese Kunst. Sein Buch „Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen“ über die Antworten der Natur auf die Klimakrise ist trotz des ernsten Themas unterhaltsam und dadurch umso eindringlicher.
 
Braunbären sind Allesfresser: Fisch, Gras, Larven, Früchte – und natürlich auch Beeren. Und für ein Tier, das jeden Sommer und Herbst möglichst schnell Reserven für den Winterschlaf aufbauen muss, sind fettreiche Lachse nützlich. Bären lieben Lachse, so ein Credo der Biologen – auch für die Grizzlys auf Kodiak Island an der Südküste Alaskas.

Deshalb stattete der Doktorand Will Decay im Sommer 2014 rund 40 wilde Bären mit GPS-Halsbändern aus und stellte Zeitraffer-Kameras zur Lachszählung an vier wichtigen Flüssen auf. Doch die Grizzlys ließen die Fische einfach Fische sein und verschwanden im Wald. Ihre GPS-Halsbänder verrieten, dass sie von den besonders nahrhaften reifen Holunderbeeren weggelockt wurden: Der Klimawandel hatte sie genau zu der Zeit reifen lassen, als die Lachse kamen – und die Bären bevorzugten ihr Lieblingsobst.

Die folgenreiche Liebe zu den Holunderbeeren

Für sie dürfte das kein Problem sein, allerdings ist die Frage, welche Folgen ihre Entscheidung für andere hat. „Wenn die Bären weniger Lachs fressen, hinterlassen sie auch weniger Fischköpfe am Ufer der Flüsse, was weniger Futter für diverse Aasfresser bedeutet und eine wichtige Form des Energietransfers vom Meer zum Land reduziert“, schreibt Thor Hanson. Verwesender Lachs dünge den Boden, fördere das Pflanzenwachstum und führe der gesamten Nahrungskette Stickstoff, Phosphor und andere Nährstoffe zu. „Selbst in Singvögeln und Spinnen, die an Lachsflüssen leben, kann man aus Lachsen stammende Nährstoffe nachweisen.“

Anpassen – Ausweichen - Aussterben

Und so fügt sich dieses Beispiel in das Thema dieses faszinierenden Buches ein: Ändert sich das Klima, ändern sich die Ökosysteme und das hat alle möglichen, oft nicht vorhersehbaren Konsequenzen. Ein anderes Beispiel: Verschiebungen im ‚Timing‘. „Wenn die Pflanzen am Fuße der Bäume ihre Blüte und ihr Wachstum noch nicht abgeschlossen haben, bevor die Bäume über ihnen ihre Blätter entfalten und einen Großteil des Sonnenlichts blockieren, sind sie in Schwierigkeiten.“ Und damit auch alle, die von ihnen abhängen. 

Die Reaktionen der Natur auf die Klimaveränderungen im Allgemeinen und im Speziellen, die besonders rasanten menschengemachten, reichen vom Aussterben über das Ausweichen in günstigere Lebensräume bis hin zu körperlichen Anpassungen, wie das Schrumpfen der Humboldt-Kalmare, das dem Buch seinen Namen gab. Sie verkürzen durch den Hitzestress ihre Wachstumszeit und werden nur noch halb so groß. Der Grund: So sinkt ihr Energiebedarf. Und diese Reaktion erfolgt überraschend schnell. Ebenso die der karibischen Anolis-Eidechsen. Durch den Klimawandel werden die Wirbelstürme stärker – und die Tiere, die dank größerer Zehenballen einen stärkeren Halt haben, überleben sie, indem sie sich an Bäume und Sträucher klammern – und geben ihre vorteilhaften Gene weiter. Evolution ist nicht nur eine Sache der langsamen Anpassung über Jahrtausende hinweg, sondern es gibt sie auch im Schnelldurchgang.

Wir sind auf einer nervenaufreibenden Reise

Thor Hanson nimmt uns auf eine unter den Zwängen der Pandemie mit Zoom-Calls und E-Mail-Korrespondenzen angereicherte Reise um die Welt, dorthin, wo sich die Folgen des Klimawandels besonders klar ablesen lassen. Dieses Buch öffnet die Augen für Zusammenhänge. Man kann nicht anders, als den Einfallsreichtum der Natur bewundern – und sich fürchten angesichts der Veränderungen, die gerade mit wahnwitziger Geschwindigkeit ablaufen. Und man kann ihm nur zustimmen, wenn er sein Buch mit den Sätzen schließt: „Es wird eine nervenaufreibende und faszinierende Reise – für uns und alle anderen Spezies auf dieser Welt. Ich hoffe sehr, dass wir es schaffen.“
Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen
Faszinierende Antworten der Natur auf die Klimakrise

Von Thor Hanson, aus dem Amerikanischen übersetzt von Andrea Kunstmann 
Kösel-Verlag
288 Seiten, 22 Euro

Außerdem empfiehlt das Dlf-Sachbuchtrio

Die Verfolgten
Geniale und geächtete Wissenschaftler von Giordano Bruno bis Alan Turing
Von Thomas Bührke
Verlag Klett-Cotta
297 Seiten, 22 Euro

Eine Rezension von Ralf Krauter

Auch Genies können Opfer der Umstände werden. Viele herausragende Wissenschaftler haben diese leidvolle Erfahrung gemacht. In seinem neuen Sachbuch erzählt der Wissenschaftsjournalist Thomas Bührke die Geschichten acht genialer Forscherinnen und Forscher, die im Lauf ihres Lebens diffamiert, verfolgt und geächtet wurden.

Antoine de Lavoisier, Begründer der modernen Chemie, starb während der Wirren der französischen Revolution auf der Guillotine. Albert Einstein wurde von den Nazis schikaniert und vom FBI verfolgt. Alan Turing, Pionier der Computertechnologie, trieben Diskriminierung und Anfeindung wegen seiner Homosexualität in den Selbstmord. 

Neben bekannten Beispielen wie dem Weltbild-Revolutionär Giordano Bruno, den die römische Inquisition wegen Häresie 1599 auf dem Scheiterhaufen verbrannte, schildert Thomas Bührke auch weniger bekannte Schicksale. Darunter das des russischen Physikers Lew Landau, der die Stalin-Zeit nur mit Glück überlebte, und der brillianten Mathematikerin Emmy Noether, die 1933 aus Deutschland fliehen musste.

In ihrer Summe liefern die Porträts verfolgter historischer Geistesgrößen bedrückende Argumente dafür, dass die Freiheit von Forschung und Lehre keine Selbstverständlichkeit ist. Sie ist ständig in Gefahr, muss stets verteidigt und immer wieder neu erkämpft werden. Angesichts der vielen Forschenden und Universitätslehrer, die aktuell in der Türkei, im Iran, in Syrien und Russland um ihre Freiheit und ihr Leben bangen müssen, kommt dieser Apell genau zur rechten Zeit.
Elemente
Entdeckung und Geschichte der Grundstoffe

Von Philip Ball, aus dem Englischen übersetzt von Susanne Schmidt-Wussow
Haupt Verlag
224 Seiten, 36 Euro

Eine Rezension von Michael Lange

Die Menschheit war immer darauf versessen, die materielle Welt in wenige Grundstoffe einzuteilen, um sie besser zu verstehen. Die vier Elemente der antiken Philosophen sind bis heute in unserer Kultur verankert. Aber Erde, Wasser, Feuer und Luft konnten der naturwissenschaftlichen Analyse nicht standhalten. Chemiker entdeckten immer mehr Grundstoffe und konstruierten neue Modelle, die deren Aufbau erklären sollten. Das endete im bekannten Periodensystem, das jeder Schüler kennenlernen darf und muss. In anschaulicher Sprache und mit vielen bunten Bildern präsentiert Philip Ball die Chemie aus historischer Sicht. Ein großer Wissensschatz, in dem auch eingefleischte Chemiker Neues über ihre Lieblingswissenschaft erfahren.
Urwelten
Eine Reise durch die ausgestorbenen Ökosysteme der Erdgeschichte

Von Thomas Halliday, aus dem Englischen übersetzt von Hainer Kober
Hanser Verlag
464 Seiten, 28 Euro

Eine Rezension von Dagmar Röhrlich


Die Erde ist etwa 4,5 Milliarden Jahre alt – und seit vielleicht 3,8 Milliarden Jahren gibt es Leben auf ihr. Das hinterließ mehr oder weniger gut entzifferbare Zeichen in den Steinen, „Hieroglyphen“, wie der Paläontologe Thomas Halliday sie in seinem bemerkenswerten Buch „Urwelten“ nennt. Darin führt er uns durch die verschwundenen Ökosysteme der Erdgeschichte immer weiter zurück in die Tiefe der Zeit: von den – geologisch gesehen – gerade erst verschwundenen eiszeitlichen Ökosystemen bis zur Entstehung der Ediacara-Fauna vor 580 Millionen Jahren.

Lebhaft, als hätte er ihn selbst gesehen, beschreibt er den ungeheuren Wasserfall, der vor 5,3 Millionen Jahren das trocken gefallene Mittelmeerbecken wieder füllte, er erzählt von Riesenpinguinen in antarktischen Regenwäldern, Riffen aus Glasschwämmen im schwäbischen Jurameer, meterhohe Pilze im schottischen Devon, die aussahen wie „halb geschmolzene graue Schneemänner“...

Thomas Halliday schildert die Vielfalt und Widerstandsfähigkeit des Lebens und macht dadurch das, was heute durch den Einfluss des Menschen geschieht, umso erschreckender. Und er macht klar: „Die Erde war nicht immer ein Menschenplanet, und sie wird es in Zukunft nicht immer sein.“