Mittwoch, 08. Februar 2023

Auslese: Zukunftsfragen
Wie die Menschheit die nächsten 100 Jahre überlebt

Klimakrise und Artensterben: Die Zukunft der nächsten Generationen liegt in unseren Händen. Wie können wir jetzt handeln und was können wir aus der Vergangenheit lernen? Die Sachbücher "Zukunft denken" von David Christian und "Die Unterwerfung" von Philipp Blom geben Antworten.

Ralf Krauter im Gespräch mit Dagmar Röhrlich und Michael Lange | 23.10.2022

Die Menschheit steht am Wendepunkt. Was wir heute tun oder unterlassen, um globale Krisen wie den Klimawandel oder das Artensterben zu bekämpfen, entscheidet darüber, welche Zukunft künftige Generationen haben. Um deren Handlungsoptionen nicht stark einzuschränken, muss die Weltgemeinschaft jetzt die richtigen Weichen stellen.
Wie das gelingen kann und welche Lehren sich aus der Vergangenheit ziehen lassen, beschreiben zwei Historiker in ihren aktuellen Sachbüchern. Der US-australische Mit-Gründer des ‚Big History‘-Projektes David Christian analysiert in seinem neuen Bestseller „Zukunft denken“ wie wir uns die Welt in den nächsten Jahrzehnten vorzustellen haben und wie wir beeinflussen können, welchen Weg in die Zukunft wir einschlagen. Der in Wien lebende Historiker Philipp Blom beschreibt in seinem neuen Buch „Die Unterwerfung“ den Anfang und das Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur.

Wie fundiert und belastbar die Zukunftsprognosen der beiden Vergangenheitsforscher sind, darüber diskutierte das Dlf-Sachbuchtrio in der Sendung AUSLESE live auf der Deutschlandradio-Bühne auf der Frankfurter Buchmesse 2022.
Das DLF-Sachbuchtrio auf der Deutschlandradio-Bühne der Frankfurter Buchmesse 2022.
Das DLF-Sachbuchtrio auf der Deutschlandradio-Bühne der Frankfurter Buchmesse 2022. (Jelina Berzkalns, Deutschlandradio)

David Christian: "Zukunft denken"
Eine Rezension von Dagmar Röhrlich

David Christian ist Optimist. In einer Zeit, in der die Zukunft der Menschheit so unsicher ist, wie wohl noch nie zuvor in ihrer Geschichte, schreibt er, dass uns das Prinzip Hoffnung, Kreativität und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit vor der Katastrophe bewahren werden. Worauf dieser Optimismus gründet, erklärt der Historiker und Emeritus der Macquarie University in seinem neuen Buch „Zukunft denken“. 

David Christian hat zusammen mit Bill Gates das Big History Project gegründet. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich die Geschichte der Menschheit nicht getrennt von der Naturgeschichte des Planeten erzählen lässt. Während er in seinem früheren Buch der Frage nachging, wie in einem Universum, in dem der zweite Hauptsatz der Thermodynamik gilt, etwas so ungeheuer Komplexes wie die Erde mit ihren Milliarden Menschen entstehen konnte, überlegt er nun, was aufgrund des Wissens heute die Zukunft bringen könnte – die der Menschheit, der Erde und des Universums.

Das „Zukunftsdenken“ der Bakterien

Wie üblich brilliert der Autor mit seinem großen Wissen. Und so beginnt es philosophisch, mit Überlegungen dazu, was Zeit eigentlich ist, ob sie eher einem Fluss gleicht oder einer Landkarte – und was das für den Begriff Zukunft bedeutet, wenn er beispielsweise darüber nachdenkt, was Zukunft aus der Sicht von Organismen bedeutet.

Überraschenderweise geht es dann weiter mit einem gehirnlosen Lebewesen, mit Bakterien, genauer: E. coli. Denn: „Über die Zukunft nachzudenken und für die Zukunft zu planen, ist fast ein charakteristisches Merkmal von Organismen.“ Auch Bakterien hätten eine Vorstellung von der Zukunft, die sie sich wünschen: Sie wollen überleben und sich teilen. Um diese Zukunft zu verwirklichen, besitzen sie Sensoren, mit denen sie Informationen aus ihrer Umwelt aufnehmen. Aus den Signalen leiten sie anhand von in das Genom eingebauten Algorithmen Trends ab und über komplizierte Signalsysteme handeln sie schließlich und versuchen in möglichst nährstoffreiche Gefilde zu gelangen. 

Die Schicksalsgemeinschaft der acht Milliarden

Bakterien, Pflanzen, Tiere – sie alle handeln ständig danach, wie sich die für sie wünschenswerte Zukunft am ehesten erreichen lässt. Doch während bei E. coli alles in einer einzelnen Zelle abläuft, müssen sich bei Pflanzen und Tieren manchmal Billionen Zellen auf die wahrscheinlichste Zukunft einigen und darauf vorbereiten. Dieses Bild ist nach Ansicht von David Christian auch eine aussagekräftige Metapher für die gegenwärtige Situation der Menschheit: Sie ist weltweit so stark vernetzt, dass jeder Einzelne zu erkennen beginnt, dass sein Schicksal vom Schicksal der gesamten Menschheit abhängt.

Und da die Acht-Milliarden-Menschheit inzwischen so tief in das System Erde eingreift, dass sie selbst zu einer treibenden Kraft geworden ist, ist sie es, die die Zukunft des Planeten bestimmt. Die Frage ist, ob wir schnell genug lernen, so effektiv zusammenzuarbeiten, wie die Zellen eines Körpers. Und weil das alles andere als klar ist, entwirft der Autor aufgrund der Datenlage für die nächsten hundert Jahre vier plausible Zukunftsszenarien – vom Aussterben der Menschheit bis zur Nachhaltigkeit mit hohem Lebensstandard und verantwortungsvollem Ressourcenumgang.

Nicht realistisch, aber lesenswert

Falls die Menschheit die nächsten 100 Jahre übersteht, prophezeit David Christian, könnten in den kommenden 1000 Jahren erstaunliche Entwicklungen möglich sein. Und weiter? Wie sieht die Zukunft in kosmischen Dimensionen aus? Auch dazu gibt es Vermutungen aufgrund der Datenlage. Wenn sich das Weltall immer weiter ausdehnt, immer größer kälter und leerer wird? Irgendwann, so schreibt David Christian, bleiben vielleicht nur noch Schwarze Löcher übrig – und seltsame Trümmer von Quantenereignissen... Diese Zukunft ist dann wirklich düster.

David Christian wechselt bei seinem Thema gekonnt zwischen Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Mit unerwarteten Vergleichen und einem Schuss (schwarzen) Humor versteht er sein Publikum zu fesseln – und zu warnen: Denn damit die Zukunft der Menschheit nicht bald Geschichte ist, muss sie handeln – richtig handeln. Und die Chancen aufzuzeigen, die sich uns bieten, das ist ein Verdienst dieses Buches.
Zukunft denken: Die nächsten 100, 1000 und 1 Milliarde Jahre
Von David Christian, übersetzt von Hainer Kober
Aufbau-Verlag
378 Seiten, 26 Euro

Philipp Blom: "Die Unterwerfung"
Eine Rezension von Michael Lange

„Macht euch die Erde untertan!“ So steht es in der Bibel geschrieben. Inzwischen ist die Menschheit weit gekommen auf ihrem Weg, die anderen Lebewesen zu unterwerfen. Nach Aufklärung und Industrialisierung machten wir Menschen uns in wenigen Jahrhunderten zu Herrschern über die Natur. Nun stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Der Historiker Philipp Blom macht sich auf die Suche nach den Ursprüngen menschlicher Herrschaftsfantasien und präsentiert zum Ende des Buches mögliche neue Denkansätze. 

Von Gilgamesch zur Bibel

Die Unterwerfung der Natur ist keine Erfindung der Bibel. Lange bevor sich die jüdische und später die christliche Religion entwickelten, entstand in Mesopotamien das Gilgamesch-Epos. Der Held dieser ersten großen Erzählung der Menschheit wollte bereits die Fesseln der Natur sprengen und ewiges Leben erlangen. Natürlich musste er scheitern, denn die Natur erwies sich als stärker. Das sollte noch jahrtausendelang so bleiben; doch der Wunsch, die Natur zu überwinden, blieb bestehen. In vielen Religionen und auch in der Aufklärung hinterließ er seine Spuren.

Zweite Vertreibung aus dem Paradies

Einen großen Teil seines Buches widmet Philipp Blom der Geschichte menschlicher Allmachtsfantasien. Viele kluge Geister versuchten die Natur zu verstehen, um sie zu kontrollieren. Aber erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der wachsenden Erdölwirtschaft im 20. Jahrhundert gelang die Unterwerfung. Die Menschen veränderten die Erde, um sie zu einem lebenswerteren Ort zu machen und zerstörten dabei zunehmend die Grundlagen ihrer Existenz. Blom kommt zu dem Schluss: Menschlicher Narzissmus führte zu einer Ideologie der Unterwerfung. Die Menschen selbst haben sich aus dem Paradies vertrieben.

Revolution der Vernetzung

Der Autor Philipp Blom versteht es, komplex zu formulieren. Manchmal ist es nicht leicht, ihm zu folgen. „Die Unterwerfung“ enthält interessantes Hintergrundwissen und manche klugen Gedanken. Es erfordert beim Lesen eine gewisse Konzentration. In zwei langen Kapiteln führt Blom durch eine Weltgeschichte menschlichen Größenwahns, um dann im dritten und kürzesten Kapitel ein neues Weltbild anzudeuten. Seine Vision: Eine weitergedachte Aufklärung soll zu einem neuen Umgang mit der Natur führen – und zu einem neuen Menschenbild. Statt Herrschaft und Unterdrückung stehen Vernetzung und Kommunikation im Mittelpunkt. Der Mensch ist dabei Teil der Natur, die er nicht beherrschen kann.
Die Unterwerfung
Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur  
Von Philipp Blom
Hanser Verlag
368 Seiten, 28 Euro

Außerdem empfiehlt das Dlf-Sachbuchtrio

Der Kill-Score
Auf den Spuren unseres ökologischen und sozialen Fingerabdrucks
Von Jakob Thomä
Klett-Cotta-Verlag
304 Seiten, 25 Euro

Eine Rezension von Ralf Krauter

Der Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher Jakob Thomä hat ein Buch geschrieben, in dem er mit krassen Zahlenbeispielen vorrechnet, welche tödlichen Kollateralschäden unser Lebenswandel verursacht. Auf Basis der Attributionsforschung, die es ermöglicht, die Folgen menschlichen Handelns oder Unterlassens grob zu quantifizieren, berechnet er einen sogenannten Kill-Score für den Lifestyle von Bewohnern der Industriestaaten: Eine Zahl, die verrät, wieviel Blut an unseren Händen klebt. Das schockierende Ergebnis: Zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Menschen werden im 21. Jahrhundert getötet, weil wir alle tun, was wir eben täglich so machen. Weil wir fossile Brennstoffe verfeuern und den Planeten aufheizen, sterben heute schon rund 150 000 Menschen pro Jahr an den Folgen des Klimawandels - Tendenz stark steigend. Weil wir die Luft, die wir atmen mit Feinstaub verpesten, sterben weltweit jedes Jahr rund 4 Millionen Menschen. Heruntergebrochen auf Europa heißt das: Vier Stadtbewohner erzeugen im Lauf ihres Lebens soviel Luftverschmutzung, dass ein Mensch daran stirbt. Jakob Thomä setzt auf radikalen Realismus, um seinen Lesern die Augen für die Konsequenzen ihres Tuns zu öffnen. Und er macht sich auf die Suche nach den Verantwortlichen, indem er den tödlichen Beitrag von Konsumenten, Produzenten und Investoren berechnet. Am Beispiel des Erdölkonzerns Shell kommt er so zum Ergebnis, dass dessen wenig nachhaltige Aktivitäten weltweit 230 000 Menschen pro Jahr töten. Auch wenn viele dieser Zahlenspiele zynisch anmuten und mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind: Das Buch liefert provozierend neue Perspektiven auf die Folgen unseres Handelns – und setzt starke Anreize, sich auf allen Ebenen für mehr Nachhaltigkeit einzusetzen. Denn ob bewusst oder unbewusst, ob absichtlich oder unabsichtlich: Wer will schon andere auf dem Gewissen haben?
Chronos
Eine physikalische Reise zu den Ursprüngen der Zeit.

Von Guido Tonelli, übersetzt von Enrico Heinemann
C.-H.-Beck-Verlag
255 Seiten, 26 Euro

Eine Rezension von Dagmar Röhrlich

Zeit ist ein seltsames Phänomen. Selbst der Heilige Augustinus war da ratlos. Er wisse ganz genau was Zeit sei – allerdings nur, solange man ihn nicht danach frage. Dann müsse er sich eingestehen, dass er keine Ahnung habe, schrieb er. Rund anderthalb tausend Jahre danach spürt der italienische Physiker Guido Tonelli mit seinem neuen Buch „Chronos“ dem bizarren Wesen der Zeit nach. Tonelli erzählt, wie die Menschen die Zeit zu messen begannen, er erzählt von seinem Enkel, von Hamlet, Newton und Einstein – natürlich –, berichtet von fernen Sonnensystemen, die nach Supernovaexplosionen zerfallen sind und von der Schleifen-Quanten-Gravitation, in der die Zeit für die grundlegende Beschreibung unserer Welt keine Rolle spielt. In seinem kollageartig geschriebenen Buch fragt der Autor, ob wir das unaufhaltsame Voranschreiten der Zeit jemals zum Stillstand bringen können. Lässt sich der Zeitpfeil umdrehen? Hat die Zeit tatsächlich eine eigene Existenz oder ist sie nur eine riesige Illusion? Endgültige Antworten gibt es natürlich auch von Guido Tonellis Buch nicht, doch sein Buch Chronos regt zum Nachdenken und Diskutieren an.
Das Verschwinden der Nacht
Wie künstliches Licht die uralten Rhythmen unserer Natur zerstört  
Von Johan Eklöf; übersetzt von Ulrike Strerath-Bolz  
Droemer Verlag
240 Seiten, 22 Euro 

Eine Rezension von Michael Lange


Allgegenwärtiges, künstliches Licht hat die Umwelt und das Leben vieler Tiere dramatisch verändert. Nicht nur Eulen, Nachtfalter und Fledermäuse brauchen die Dunkelheit zum Überleben. Auch viele tagaktive Lebewesen wie wir Menschen nehmen Schaden, wenn der natürliche Wechsel von Tag und Nacht durch immer mehr künstliches Licht aus den Fugen gerät. Die innere Uhr, die viele Vorgänge im menschlichen Körper steuert, braucht den regelmäßigen Wechsel von Hell und Dunkel. Wenn die Nacht immer öfter zum Tag wird, leidet der für unsere Gesundheit so wichtige Schlaf. Der schwedische Zoologe Johann Eklöf hat viele Beispiele gesammelt, die zeigen, wie stark das Verschwinden der Nacht die Natur und die menschliche Gesundheit negativ beeinflusst. Er fordert in seinem Buch eindringlich: Weniger Licht!