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StartseiteInformation und MusikArchitektur und Badespaß in den Seebädern der Zwanzigerjahre16.02.2020

Ausstellung in NorwichArchitektur und Badespaß in den Seebädern der Zwanzigerjahre

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich langsam der Massentourismus, der den europäischen Seebädern steigende Besucherzahlen und einen Bauboom bescherte. Eine Ausstellung im englischen Norwich zeigt nun, wie stark diese Architektur von Art Déco beeinflusst war.

Von Friedbert Meurer

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Illustration des Midland Hotels mit Strandansicht. (RIBA Collections)
Seebäder galten mit ihrer eleganten Architektur als besonderes Ausflugsziel. (RIBA Collections)

Eine Frau im bunten Badeanzug und mit schwarzer Kappe sitzt auf einem Sprungbrett. Unter ihr öffnet sich ein großes Schwimmbad mit vielen Badegästen, das Bad liegt direkt vor der Kulisse von Strand und Meer. Dieses farbenprächtige Gemälde diente 1923 den britischen Eisenbahn-Gesellschaften als Werbeposter, um die Gäste auf die Schiene und nach Brighton zu locken. Nicht nur die Frau im Badeanzug, eine ganze Gesellschaft war nach dem Ersten Weltkrieg bereit zum Sprung in die Moderne. Ghislaine Wood ist die Kuratorin der Ausstellung im "Sainsbury Center for Visual Arts" in Norwich.

"Art déco wurde in den Zwanzigerjahren sehr schnell populär. Die Stilrichtung ist eine Kunstform des konservativen Modernismus mit traditionellen Elementen. Für viele Städte und Gemeinden war das eher akzeptabel, als ein rigider Modernismus wie zum Beispiel das Bauhaus. Art déco passte gut zu den neuen Angeboten an Freizeit und Unterhaltung."

Stilmerkmale: modern, demokratisch, offen, hedonistisch

Villen und Hotels wurden in geschwungenen Linien gebaut und mit Stuck verziert. Art déco spiegelte den Zeitgeist der Zwanzigerjahre wider: Der Stil war modern, demokratisch, offen und hedonistisch.

"Nach dem Krieg gab es einen Appetit auf moderne, progressive und demokratischere Ideen. Art déco passte dazu. Ein neues Publikum genoss seine Freiheiten. Immer mehr Leute konnten sich Freizeit leisten und dafür bezahlen. Sie kamen mit Bussen, Autos oder mit dem Zug in die englischen Seebäder. Das ganze Urlaubserlebnis sollte modern wirken."

Wenn man die Fotos und Gemälde sieht, wird man bei dem Gedanken etwas schwermütig, wie es heute um die englischen Seebäder bestellt ist. In den 70er-Jahren ging es mit ihnen bergab, als immer mehr Britinnen und Briten begannen, nach Spanien oder Frankreich in den Urlaub zu verreisen. Viele der traditionsreichen englischen Seebäder verströmen heute einen leicht morbiden Charme. Aber die dekorative Architektur der Zwischenkriegszeit wirkt auch heute noch und macht die Seebäder weiter reizvoll.

Wettstreit um den schönsten Badeort

In den Zwanziger- und Dreißigerjahren herrschte jedenfalls Aufbruchstimmung. Die Badeorte wetteiferten miteinander: Wer baut das schönste Strandschwimmbad, das schickste Hotel, eingerichtet mit Art déco-Möbeln?

"Die Städte und Gemeinden investierten eine Menge. Sie bauten Schwimmbäder, Golfplätze und neue Hotels, um mit den anderen Seebädern mithalten zu können und um neue Gäste anzuziehen."

Die Ausstellung "Art Deco by the Sea" erzählt die Zeitspanne bis 1939, bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Bis dahin waren die englischen Seebäder internationale Treffpunkte, elegant und offen für Einflüsse aus anderen Ländern und Kulturen. Der Niedergang der Seebäder seit den 60er- und 70er-Jahren trug dann dazu bei, dass 2016 eine Mehrheit der Einwohner für den Brexit stimmte. Sie wollen "das Englische" bewahren, der Aufbruch in die globale Moderne wird heute eher als Bedrohung erlebt.

Glanz vor dem traurigen Hintergrund des realen Abstiegs

"In den Zwanziger- und Dreißigerjahren waren die Seebäder international ausgerichtet. Art déco steht für den Glanz Frankreichs und der Riviera. Art déco tauchte überall in europäischen Ferienorten auf. Und es gab in England eine Offenheit für diesen europäischen Stil."

Die Bilder zeigen, wie sich die eleganten Badegäste abends schick für den Besuch in der Bar machten. Die Ausstellung erzählt vom einstigen Glanz vor dem traurigen Hintergrund des realen Abstiegs der einst so prächtigen englischen Seebäder.

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