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StartseiteHintergrundDie katholische Kirche in der Krise01.04.2021

Austritte und verschleppte AufarbeitungDie katholische Kirche in der Krise

Jahrelang wurden in der katholischen Kirche Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder nur zögerlich aufgearbeitet. Dabei besonders im Fokus: das Erzbistum Köln. Das will jetzt aufklären – aber vielen Gläubigen reicht das nicht. Die Zahl der Kirchenaustritte steigt.

Von Rainer Brandes

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Dunkle Wolken über dem Kölner Dom (dpa/picture alliance/Geisler-Fotopress)
Laut Kirchenstatistik haben 2019 mehr als 270.000 Menschen die katholische Kirche in Deutschland verlassen (dpa/picture alliance/Geisler-Fotopress)
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Pfarrer Franz Meurer kommt mit dem Fahrrad. Auf seinem Kopf trägt er einen neongelben Helm, dazu eine ebenso neongelbe Warnweste.

Kaum hat er sein Fahrrad abgestellt, führt der drahtige 69-jährige Pfarrer über sein Kirchengelände. St. Theodor im Kölner Stadtteil Vingst ist nämlich viel mehr als eine katholische Kirche. Es ist eine Sozialstation. Auch an diesem Nachmittag schlängeln sich an die 100 Menschen um den hellen Rundbau – immer schön mit anderthalb Metern Abstand.

"Da sehen Sie: Heute kommen wie jeden Dienstag mehrere Hundert Menschen in sechs Partien jetzt in der Pandemie – halbe Stunde immer – und holen sich Lebensmittel ab."

Guter Wille an der Basis

Hier engagiert sich zum Beispiel Adele Mai. Während sie unter einem Zeltdach Nudeln, Dosentomaten und Knäckebrot ausgibt, erklärt sie warum: "Ich gebe Lebensmittel aus für die Bedürftigen. Für mich selbst ist es wichtig, ich kann im Alter noch etwas tun, was Sinn hat, sitze nicht nur auf der Couch."

Die Türme des Kölner Doms, gesehen vom rechtsrheinischen Deutzer Ufer aus. (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres) (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Köln - 314 Betroffene, 202 Beschuldigte
Das veröffentliche Gutachten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln findet Hinweise auf 202 Beschuldigte und 314 Betroffene sowie Pflichtverletzungen durch den ehemaligen Erzbischof Meisner.


Für sie ist das, was sie hier macht, gelebte christliche Nächstenliebe. Die Skandale um die mangelnde Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche, die Benachteiligung von Frauen oder nicht-heterosexuellen Menschen: all das treibt im Moment viele Menschen um und aus der katholischen Kirche heraus. Aber wer Adele Mai fragt, ob ein Austritt für sie eine Option sei, bekommt ein ernstes, entschlossenes Gesicht zu sehen – und dann diese Antwort:

"Auf keinen Fall. Ich bin nicht mit allem einverstanden, aber ich gehöre zur Kirche und weil ich mich ärgere, gehe ich doch nicht raus. Nein!"

So oder so ähnlich sagen das hier alle. Pfarrer Franz Meurer stellt in seiner Gemeinde bisher keine erhöhten Austrittszahlen fest. Das mag auch an der Kultur in der Gemeinde liegen. Pfarrer Meurer, der mit seiner sozialen Arbeit längst zu einer Institution geworden ist, bringt das auf die Formel:

"Wer’s macht, hat die Macht! Unser Pfarrgemeinderat hat ja deutlich gemacht, so wie wir hier Christus berührbar machen, so wie wir hier evangelisieren, das wollen wir weitermachen. Und dann ist doch klar, dass man jetzt in der Krise auch mal sagt: Vertrauensaufbau fordern wir!"

Gemeinden entziehen dem Bistum das Vertrauen

Sein Pfarrgemeinderat – das ehrenamtliche Leitungsgremium der Gemeinde – hat dem Erzbistum Köln in mittlerweile zwei offenen Briefen explizit das Vertrauen entzogen. Das ist symptomatisch für die Stimmung im Erzbistum Köln. Hier manifestiert sich die Krise der katholischen Kirche in Deutschland in ganz besonderer Weise.

Grund dafür ist der Umgang des Erzbistums mit einem Gutachten. Das sollte sexualisierte Gewalt an Kindern in den eigenen Reihen und den Umgang der Verantwortlichen damit aufklären, es wurde aber kurz vor der geplanten Veröffentlichung von Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki zurückgezogen. Im Frühjahr letzten Jahres war das. Der offizielle Grund: Das Erzbistum fürchtete einen Rechtsstreit mit namentlich genannten Verantwortlichen.

Vor etwa zwei Wochen hat das Erzbistum ein Ersatzgutachten vorgestellt und personelle Konsequenzen gezogen: Zwei Weihbischöfe und der oberste Kirchenrichter des Erzbistums wurden vorläufig von ihren Aufgaben entbunden. Und der Papst hat den heutigen Hamburger Erzbischof und früheren Kölner Personalchef Stefan Heße ebenfalls vorläufig beurlaubt.

  (dpa/picture alliance/Geisler-Fotopress) (dpa/picture alliance/Geisler-Fotopress)Umgang mit sexualisierter Gewalt - "Dem Kirchenrecht fehlt die Opferperspektive"
Mehrere katholische Bistümer prüfen, wie Verantwortliche mit Missbrauchsbeschuldigungen umgegangen sind. Am 18. März veröffentlicht das Erzbistum Köln dazu ein Gutachten.

Katholikinnen und Katholiken verlassen in Scharen die Kirche

Doch der Vertrauensverlust ist da. In Scharen verlassen Katholikinnen und Katholiken ihre Kirche. Die neuesten bundesweiten Zahlen liegen für das Jahr 2019 vor – das Jahr, in dem die Debatte um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche wieder Fahrt aufgenommen hatte.

Laut Kirchenstatistik haben 2019 mehr als 270 000 Menschen die katholische Kirche in Deutschland verlassen. Das ist ein Anstieg um mehr als ein Viertel im Vergleich zum Vorjahr. Niemals zuvor haben so viele Menschen der Institution den Rücken gekehrt. Nur noch knapp 23 Millionen Mitglieder zählte die katholische Kirche Ende 2019.

Die Deutsche Bischofskonferenz wollte auf Anfrage des Deutschlandfunks die möglichen Gründe für diese Rekordzahlen nicht kommentieren, weil es keine Angaben zu den Austrittsgründen gebe. Eine Sprecherin verweist aber auf die Pressemitteilung der Bischofskonferenz zur Vorstellung der Kirchenstatistik 2019. Darin wird der Vorsitzende der Konferenz, Georg Bätzing, mit den Worten zitiert:

"Nach einem erheblichen Verlust von Glaubwürdigkeit müssen wir versuchen, diese zurückzugewinnen. Ehrlichkeit und Transparenz, hilfreiche Antworten der Kirche auf die Fragen der Zeit und manche Veränderungsprozesse sollen dazu helfen, das zu zeigen, was im Zentrum von Glauben und Kirche steht: das Angebot Gottes, im Glauben dem Leben eine Orientierung zu geben."

Junge Katholiken sind enttäuscht

Ehrlichkeit, Transparenz, hilfreiche Antworten der Kirche auf Fragen der Zeit: das sind Wünsche, die auch Martina Schäfer-Jacquemain an ihren Arbeitgeber hat.

Bei der Katholischen Hochschulgemeinde Köln, kurz KHG, ist sie als Theologin und Supervisorin unter anderem zuständig für die psychosoziale Beratung für Studierende. Bereits im Mai 2019 hat sie gemeinsam mit einem Großteil der hauptamtlich Beschäftigten der Hochschulgemeinde ein Positionspapier veröffentlicht. Der Titel: "Wir wollen glaubwürdig bleiben." In den Augen vieler Studierender sei die Kirche das nämlich nicht mehr. Martina Schäfer-Jacquemain:

"Die sind geschockt. Die sagen, das können wir überhaupt nicht mittragen und wie könnt ihr hier arbeiten? Und wie könnt ihr das überhaupt verantworten? Wir sind da ja Vertreter der katholischen Kirche als Mitarbeiter. Und das war mit ein Grund, dass wir dieses Positionspapier herausgegeben haben, wo wir ganz klar sagen: Es darf keine Vertuschung und Verdeckung von Missbrauchsfällen mehr geben. Und wir wollten das nicht hinter verschlossenen Türen tun, sondern wir wollten die Doppelmoral halt auflösen, indem wir selber unserer Kirche gegenüber sagen: Das geht so nicht mehr!"

Bistumsleitung schaltete Internetseite der KHG Köln einfach ab

Das Papier erschien auf der Internetseite der KHG Köln. Zunächst wurde das auch vom Erzbistum geduldet. In dem Text bringen die Autorinnen und Autoren ihre Sorgen darüber zum Ausdruck, dass sich die katholische Kirche immer weiter von der Lebenswirklichkeit junger Menschen entferne. Und sie fordern unter anderem den Zugang von Frauen zu allen Ämtern, die Anerkennung eines kausalen Zusammenhangs zwischen Zölibat und unterdrückter Sexualität, wodurch sexualisierte Gewalt begünstigt werde, sie fordern den Rücktritt Verantwortlicher und die Anerkennung sowohl heterosexueller als auch homosexueller Beziehungen. Allerdings – so die Mitarbeitenden der KHG Köln – habe es vonseiten des Erzbistums nie ein ernsthaftes Interesse gegeben, auf die Kritik einzugehen.

Der Streit schaukelte sich hoch, bis die Hochschulgemeinde das Positionspapier entgegen einer Dienstanweisung des Erzbistums im Programmheft der KHG veröffentlichte und den Konflikt in der Lokalpresse öffentlich machte. Das war dem Erzbistum dann zu viel Transparenz. Im November 2020 schaltete die Bistumsleitung die Internetseite der KHG Köln kurzerhand ab. Diesen Schritt bezeichnet das Erzbistum zwar inzwischen als Fehler und entschuldigt sich dafür. Dennoch bleibt es inhaltlich bei seiner Linie.

Viele Mitarbeiter der Kirche haben Zweifel

Peter Krawczack leitet die "Abteilung Schulpastoral und Hochschulen" des Erzbistums. Gleichzeitig hat ihn Erzbischof Rainer Maria Woelki während der Auseinandersetzung mit der Hochschulgemeinde zu deren Leiter ernannt.

"Im Laufe der Zeit hat dieses Positionspapier, was mal als Türöffner geplant war, die Form einer offensiven und konfrontativen Positionierung gegen den Arbeitgeber übernommen, sodass das Papier derzeit mit einer ganzen Menge Ballast versehen ist. Das heißt, dieses Papier ist in dieser Form belastet und kann in dieser Form so nicht veröffentlicht werden."

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Das vorübergehende Abschalten der Homepage und die bis heute bestehende Weigerung des Erzbistums, das Positionspapier dort wieder zu veröffentlichen, hat zu einem Proteststurm innerhalb der gesamten katholischen Kirche Deutschlands geführt, wie ihn die Institution selten erlebt hat.

Große katholische Verbände haben sich mit der KHG Köln solidarisiert. Das kann als Indiz für ein Phänomen gesehen werden, das selten an die Öffentlichkeit dringt, aber für alle sichtbar wird, die sich mit Menschen unterhalten, die für die Kirche arbeiten: An vielen Mitarbeitenden nagt der Zweifel, wie sehr sie noch hinter ihrem Arbeitgeber stehen, wie viele Kompromisse sie bereit sind zu schließen zwischen ihrer persönlichen Lebensführung, ihren Wertvorstellungen und dem Anspruch, den die Kirche an sie stellt.

"Es ist die Kränkung ständig, die ich als Frau erlebe"

Martina Schäfer-Jacquemain spricht aus, was sich manch andere nicht trauen offen zu sagen: "Ja, das ist ein großer innerer Schmerz. Also, es ist ja beides. Es ist die Kränkung ständig, die ich als Frau erlebe, und aber auch als Hauptamtlerin eigentlich deutlich von dieser Kirche gezeigt zu kriegen: Du bist hier nicht mehr gewollt. Aber ich habe auch Theologie studiert, wie die ganzen anderen Herren in der Bistumsleitung, und ich habe auch einen Traum von Kirche und ich bin genauso Kirche wie die. Und das ist mein Auftrag, auch wenn ich den anders lebe, als die Amtskirche das scheinbar von mir will."

Vielleicht hat das Erzbistum Köln diese Stimmung unter den Mitarbeitenden unterschätzt. Im Streit um das Positionspapier der Katholischen Hochschulgemeinde gibt Bistumsvertreter Peter Krawczack zu, dass das Erzbistum hier viel Vertrauen verspielt habe. Er beteuert, dass er die Themen des Positionspapieres offen diskutieren wolle – nur eben ohne eine Veröffentlichung des Papieres.

"Es gibt von der KSHG Münster eine sehr spannende Kampagne, oder einen Aufruf:  ̦Wir müssen reden!‘ Also die Münsteraner und 17 andere KHGen rufen dazu auf, die Themen des Positionspapiers der KHG Köln zu diskutieren, und als Leiter der KHG Köln habe ich ihr angeboten, dass wir uns aktiv an der Vorbereitung der Veranstaltung beteiligen wollen."

Streitpunkt: Segnung homosexueller Paare

Ob das dem Team der KHG Köln genügen wird, darf bezweifelt werden. Auch andernorts macht sich unter reformorientierten Katholikinnen und Katholiken Unmut breit.

Gerade erst hat der Vatikan klargestellt, dass katholische Priester keine homosexuellen Paare segnen dürften. Begründung: Dies sei – Zitat – "objektiv" nicht der Wille Gottes. Das hat zu einem regelrechten Aufstand in der deutschen Kirche geführt.

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Priester twittern unter dem Hashtag "#PastoralerUngehorsam", dass sie Rom nicht folgen werden. Mehr als 230 Theologieprofessorinnen und -professoren protestieren in einer Stellungnahme aus wissenschaftlicher Sicht gegen das Segnungsverbot Roms. Darunter ist auch Julia Knop, Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Sie beschreibt in einem Deutschlandfunk-Interview im März das Dilemma vieler Gläubiger so:

"Es geht ja nicht mehr zusammen. Man merkt ja, wie die Leute wirklich der Reihe nach entweder gehen oder zusammenbrechen oder nicht mehr können oder sich empören oder sich auch allein gelassen bis hin zu verraten fühlen, wenn sie für eine katholische Kirche einstehen wollen, meinetwegen in der Ehe-, Familien-, Lebensberatung, solche Leute, oder Seelsorgerinnen und Seelsorger. Und die bekommen immer wieder dann eben da Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen und sollen etwas vertreten, was sie von ihrem Inneren und auch ihrer Überzeugung her nicht mehr vertreten können. Wie lange das gut geht, das kann man nicht vorhersehen."

"Gemischte Gruppen, Männer und Frauen!"

Der Kirche den Rücken kehren: das ist die eine Möglichkeit. Die andere: nach dem Motto "Jetzt erst recht!" weiter für Reformen kämpfen. So, wie Jacqueline Straub.

Die 30-jährige katholische Theologin arbeitet als Journalistin und Publizistin in der Schweiz. Sie hat mehrere Bücher geschrieben, unter anderem: "Endlich Priesterin sein!". Darin beschreibt sie, warum sie sich seit ihrem 16. Lebensjahr dazu berufen fühlt, katholische Priesterin zu werden.

"Ich glaube, der katholischen Kirche würden Frauen extrem guttun, also sowohl von der Seelsorge her, dass es dort einfach eine Vielfalt gäbe, aber auch auf der strukturellen Ebene. Und ich glaube, gerade mit Blick auf den ganzen Missbrauchsskandal wären Frauen auch in den höheren Funktionen der Kirche ein Segen, weil sie einfach Transparenz bringen würden. Also: gemischte Gruppen, Männer und Frauen!"

Jaqueline Straub kann die Forderung nach Öffnung des Priesteramtes für alle Katholikinnen und Katholiken auch theologisch begründen.

"Es ist im Sinne Jesu Christi, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, weil Jesus Christus selbst die Gleichberechtigung innerhalb seiner Jüngerinnen und Jünger gelebt und eingeführt hat, und diesen Geist der Gleichberechtigung auch der Apostel Paulus weitergeführt hat, indem er eben gesagt hat, dass es nicht mehr männlich und weiblich gibt, sondern dass eben jeder seinen Fähigkeiten und seinen Berufungen nachgehen sollte."

Veraltete Strukturen in der katholischen Kirche

Hat Jesus Christus Priesterinnen gewollt? Diese Frage spaltet die katholische Kirche. Viele konservativ eingestellte Katholikinnen und Katholiken verneinen sie vehement. So zum Beispiel Martin Lohmann. Auch er ist studierter Theologe, auch er arbeitet als Journalist und Publizist. Für ihn muss die Kirche ihre Traditionen bewahren, um eine Zukunft zu haben. Wenn Jacqueline Straub sagt, sie fühle sich berufen Priesterin zu werden, antwortet er:

"Ich habe da großes Verständnis für, dass Leute sagen, ich fühle mich zum Priester berufen. Also, ich selber habe auch eine Zeit lang darüber nachgedacht, ob ich zum Priester berufen bin. Das ist ja keine Gefühlssache und deshalb hat ja die Kirche im Laufe der Jahrhunderte Kriterien aus dem Geist gegenüber Jesus Christus entwickelt und gesagt, das und das gehört dazu. Und wenn es so ist, dass Jesus Christus nur Männer zu Aposteln berufen hat, dann sehe ich darin keine Diskreditierung der Frau."

Der Streit um vermeintliche fundamentale religiöse Wahrheiten überlagert auch die Debatte um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt durch Priester. Martin Lohmann lobt den Kölner Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki dafür, dass er das erste Gutachten dazu unter Verschluss gehalten hat. In solchen Fällen müsse man rechtssicher handeln. Dies sei nun durch das zweite Gutachten geschehen.

"Übrigens darf man darauf hinweisen, dass das Erzbistum Köln das erste Bistum ist, das in dieser umfassenden Art und Weise so aufklärt und sagt, wir ziehen dann auch die Konsequenzen. Ich würde mir wünschen, dass auch andere Bistümer in Deutschland so konsequent an die Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichten gehen, wie das Erzbistum Köln. Hier ist die Messlatte sehr hoch gelegt worden."

Überhöhtes Priesterbild und Männerbünde

Tatsächlich hat bisher kein anderes Bistum in Deutschland Namen von hochrangigen Verantwortlichen genannt, die Täter gedeckt haben. Hier ist Köln Vorreiter. Dennoch ist es fraglich, wie hoch das Erzbistum Köln die Messlatte wirklich gelegt hat. Nachdem das Erzbistum unter anderem dem Deutschlandfunk Einsicht in das erste unveröffentlichte Gutachten gewährt hat, zeigt sich, was der eigentliche Grund dafür sein könnte, dass Erzbischof Woelki das Gutachten zurückhält.

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, geht nach einer Pressekonferenz zur Vorstellung eines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch (dpa/AFP Pool/Ina Fassbender)Kardinal Rainer Maria Woelki, hatte das erste Gutachten zurückgehalten. (dpa/AFP Pool/Ina Fassbender)

Anders als das zweite, veröffentlichte Gutachten beschränkt sich das erste nicht auf eine rein juristische Sichtweise. Stattdessen betrachtet es die Vorfälle auch aus der Opferperspektive. Und es stellt einen möglichen Zusammenhang her zwischen einem überhöhten Priesterbild, Männerbünden im Klerus, dem Pflichtzölibat und der kirchlichen Sexualmoral auf der einen Seite und der Vertuschung sexualisierter Gewalt auf der anderen Seite. Eine ernsthafte Auseinandersetzung damit könnte unbequem werden. Notwendig sei sie aber trotzdem, meint die Theologin Jacqueline Straub.

"Das hängt zum einen mit dem Kirchenbild, und auch mit dem Priesterbild zusammen, dass eben der Priester was ganz Besonderes ist, dass er durch die Weihe ein besserer Mensch wird. Und sich dann einzugestehen, dass diese – in Anführungszeichen – ,besseren Menschen̛ eben auch Menschen sind und eben auch Fehler machen, da tut sich die Kirche eben schwer, weil dann muss sie sich ja eingestehen, dass dieses Priesterbild und auch dieses Bild von Kirche, die eben geschützt werden muss, also wo das Heil der Kirche über das Heil des Menschen gestellt wird, dass das hinterfragt werden muss."

Austrittszahlen steigen stark an

Bisher gibt es vonseiten der Bischofskonferenz keine Hinweise darauf, dass sie dazu bereit wäre. Erzbischof Rainer Maria Woelki hat als Konsequenz aus dem Gutachten für sein Bistum angekündigt, eine unabhängige Aufarbeitungskommission einzusetzen. Dazu haben sich allerdings längst auch alle anderen deutschen Bistümer verpflichtet. Einen Rücktritt wegen des zurückgehaltenen Gutachtens lehnt Woelki ab.

Ob Woelki mit dieser Haltung die Krise der katholischen Kirche in Deutschland, die er durch den Umgang mit dem Gutachten mitausgelöst hat, stoppen kann, das bleibt abzuwarten.

Auch wie sich die Austrittszahlen entwickeln, wird sich zeigen. Das Amtsgericht Köln jedenfalls hat in seinem Bezirk für Januar dieses Jahres 879 Austritte verzeichnet, für Februar 944. Im vergangenen Jahr waren es monatlich durchschnittlich nur 580, wobei sich diese Zahlen auf alle Konfessionen beziehen.

"Es bleibt diese Kirche der Fundamentalisten"

Wenn Martina Schäfer-Jacquemain von der Katholischen Hochschulgemeinde Köln darauf blickt, wie viele eigentlich kirchlich interessierte junge Menschen sich abwenden, sieht sie für die Zukunft der katholischen Kirche schwarz: "Ich glaube auch, dass sie auf dem besten Wege ist, dass sie sich vor die Wand fährt. Und vielleicht ist das nötig. Vielleicht ist es dann dran, dass die Volkskirche dieser machtbesessenen Bistumsleitung – egal wo es ist – zeigt: dann sind wir weg. Es bleibt diese Kirche der Fundamentalisten."

Pfarrer Franz Meurer in seiner Kölner Gemeinde ist da etwas optimistischer. Wenn er auf das große Engagement seiner Gemeindemitglieder schaut, ist er sich sicher, dass sich die Kirche ändern kann: "Die Kirche kann übrigens alles ändern, was sie will. Dass Frauen gleichberechtigt sind – man kann ja noch weitergehen, die Genderfrage und sonst was – ist eben eine Entwicklung der Menschheit. Und wenn die Kirche den Fehler macht, wie leider so oft, und sich den Entwicklungen zu spät anschließt, dann hat sie ein großes Problem. Dann muss sie Gas geben und aufholen."

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