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StartseiteInterview"Das Kerngeschäft ist und bleibt zunächst der Verbrenner"22.05.2019

Autoindustrie"Das Kerngeschäft ist und bleibt zunächst der Verbrenner"

Zwar müssten alle Fahrzeuge auf dem Globus irgendwann umgestellt werden, sagte Helmut Becker, Ex-Chefvolkswirt bei BMW, im Dlf. Doch für die nächsten Jahre setzten deutsche Hersteller trotzdem auf Verbrennungsmotoren. Der Absatz von Elektroautos sei noch verhältnismäßig gering.

Helmut Becker im Gespräch mit Philipp May

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Autos auf dem Eppendorfer Weg (www.imago-images.de/Hoch zwei stock/Angerer)
Die nächsten 10 bis 20 Jahre werde der Verbrennungsmotor das Kerngeschäft der deutschen Automobilindustrie bleiben, prognostiziert Helmut Becker (www.imago-images.de/Hoch zwei stock/Angerer)
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Philipp May: Unsichere Zeiten für Mercedes und für die gesamte Autoindustrie. – Am Telefon ist jetzt Helmut Becker, langjähriger Chefvolkswirt beim Mercedes-Erzrivalen BMW, jetzt Chef des von ihm gegründeten Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation. Guten Morgen!

Helmut Becker: Guten Morgen, Herr May!

May: Verlässt der Kapitän gerade das sinkende Schiff?

Becker: Nein, mit Sicherheit nicht das sinkende Schiff. Der Kapitän verlässt zwar das Schiff, aber er übergibt es an einen neuen Kapitän, der eigentlich dafür ganz gut vorbereitet ist.

May: Aber unruhiges Fahrwasser, das haben wir schon?

Becker: Unruhiges Fahrwasser, das trifft in der Tat die ganze Branche. Das ist wirklich überall spürbar, aber nicht nur bei Daimler, sondern auch bei Volkswagen, bei BMW, bei allen Automobilherstellern weltweit, nicht nur in Deutschland.

May: Ist das goldene Zeitalter der deutschen Automobilindustrie vorbei?

Becker: Ich bin seit 45 Jahren in der Autoindustrie tätig und in der Makroökonomie. Dieses goldene Zeitalter, das vorbei sein soll, das habe ich schon dreimal erlebt. Hinter jeder Ölkrise war das goldene Zeitalter der Vergangenheit vorbei. – Nein, daran glaube ich nicht. Das goldene Zeitalter der Automobilindustrie hält so lange an, solange es Menschen auf diesem Globus gibt, die mobil sein wollen, und zwar nicht nur per pedes oder Fahrrad.

May: Aber die Ölkrise wird es irgendwann einfach nicht mehr geben, weil Autos nicht mehr mit Öl betrieben werden.

Becker: Die Gründe dafür, weshalb man früher dem Automobil den Tod vorausgesagt hat, waren eben, dass Öl knapp wird oder irgendwann ganz zu Ende geht. Heute sind die Gründe, weshalb man das Auto verdammt oder verbannen will, ganz andere, nämlich aus Umweltgesichtspunkten. Das heißt, wir werden hier diese gesamte Flotte, die wir auf diesem Globus betreiben, irgendwann umstellen müssen von der Verbrennung mit fossilen Brennstoffen, sprich Öl, sprich Benzin oder Diesel, hin zu einem anderen Medium. Ob das nun die Elektromobilität via Batterie, wie jetzt propagiert, ist oder über andere Wege, das ist offen.

"Elektrofahrzeuge sind eigentlich nur zur Ergänzung da"

May: Aber wer heute ein Elektroauto kaufen will, der wird bei Mercedes nicht fündig. Hat Zetsche da einen Trend verschlafen?

Becker: Eigentlich nicht. Dieser Vorwurf trifft ja alle deutschen Hersteller. Wir sind dabei, die Modellpalette zu ergänzen um Elektrofahrzeuge. Das Kerngeschäft ist und bleibt zunächst mal in den nächsten 10 oder 20 Jahren der Verbrenner. Elektrofahrzeuge sind eigentlich nur zur Ergänzung da, und das hat Zetsche eingeleitet, genauso wie Sie das bei BMW finden oder jetzt auch massiv bei Volkswagen. Verschlafen kann man in dem Sinne nicht sagen.

Weltweit, nur um mal zwei Zahlen zu bringen, wurden im letzten Jahr zwei Millionen elektrisch betriebene, nicht Elektrofahrzeuge, rein elektrisch, sondern elektrisch betriebene, als Hybride etc., Fahrzeuge verkauft, insgesamt bei 90 Millionen Fahrzeugen, damit Sie mal eine Relation sehen, wie wenig Elektrofahrzeuge heute verkauft werden. Man kann nicht sagen, da ist was verschlafen worden.

May: Das hört man ja immer wieder. Da fällt mir direkt ein anderes Beispiel ein: Nokia, auch mal ein Branchenriese, der größte Handy-Hersteller weltweit, hat 2007 auch noch sieben Milliarden Euro Gewinn gemacht. Da war das iPhone gerade erfunden und galt in den Augen der Nokia-Bosse als Nischenprodukt. Heute gibt es Nokia-Handys nur noch im Technikmuseum.

Becker: Ja, das ist in der Tat so richtig. Aber die Gründe dafür, warum es Nokia so erwischt hat, sind andere als das, was hier in der Automobilindustrie sich abspielt. Bei Nokia haben wir einen völligen Technologiewechsel gehabt, hin zum Smartphone und zur Elektronik.

May: Aber der steht uns doch ohne Frage bei der Autoindustrie genauso bevor.

Becker: Ja, nun. Aber die Leute wollen ja nicht zu Fuß laufen. Irgendjemand muss dann die Autos bauen, dann eben andere Autos. Hätten wir in Deutschland jemanden, der jetzt - Oder anders ausgedrückt: Würde der Absatz von Elektroautos in Deutschland explodieren und jener von Daimler oder BMW blieb zurück, weil die keine Elektroautos haben, dann würde ich sagen, ja, sie haben was verschlafen. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil! Im letzten Jahr haben wir 60.000 Elektroautos verkauft. Was ist das schon bei über drei Millionen.

"Es ist nicht so, als ob junge Leute jetzt plötzlich das Autofahren aufgeben wollen"

May: Aber gerade junge Leute in der Stadt, die wollen vielleicht nicht zu Fuß gehen, wollen möglicherweise auch kein Elektroauto kaufen, aber die verzichten immer mehr aufs Auto.

Becker: Das ist in der Tat so. Die haben früher auch schon darauf verzichtet. Das heißt, es ist nicht so, als ob junge Leute jetzt plötzlich das Autofahren aufgeben wollen. Die Gruppe, die Sie ansprechen, hatte vorher kein Auto, haben jetzt kein Auto und werden in Zukunft kein Auto haben. Wo liegt da der Unterschied? Daher das Ende der Automobilindustrie abzuleiten, das kann ich daraus nicht erkennen. Die jungen Leute wollen heute mit einem E-Scooter fahren, mit einem Tretroller. Ja, das mag so sein. Vorher haben sie dafür die Straßenbahn benutzt oder die U-Bahn. Wo da jetzt der Sinn liegt, ein Verkehrsmittel durch ein anderes zu ersetzen, darüber mögen die entsprechenden Verkehrsplaner mal sinnieren.

May: Aber dennoch sieht der Konzern da durchaus einen Zukunftsmarkt, hat sich mit Ihrem ehemaligen Arbeitgeber BMW im Bereich Car Sharing zusammengetan, wäre zu Ihren Zeiten auch undenkbar gewesen. Eine Hochzeit im Himmel ist das auch nicht mehr?

Becker: Da haben Sie vollkommen recht. Das hätte es früher in der Form nicht gegeben, was bei mir aber nicht nur – wie soll ich es sagen – jetzt reine Zukunftsfreude auslöst, sondern im Hintergrund sehe ich da irgendwo Warnlampen aufleuchten.

May: Das ist doch die große Not!

Becker: Ja, genau. Das ist die große Not, weil hier Kosten entstehen, die eigentlich vom Markt dann hinterher nicht mehr gedeckt werden, und man versucht, durch nicht nur Car Sharing, sondern durch Cost Sharing dieses Modell der geteilten Mobilität beim Car Sharing auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren, weil das für jedes Unternehmen zu groß ist. Nicht, weil der Markt zu groß ist oder weil die Marktchancen auf diesem Feld des Car Sharing zu groß sind. Sonst würde das jeder für sich machen. Davon können Sie ausgehen.

May: Viele haben ja die Sorge, dass Konzerne wie die noch Luxusmarken BMW und Mercedes irgendwann nur noch die Hüllen für Googles selbstfahrende Autos bauen.

Becker: Ja, die einen sagen so, die anderen sagen so.

"Autonomes Fahren ist eine Chimäre"

May: Und wie sagen Sie?

Becker: Ich sage, das ist nicht so, mit Sicherheit! Autonomes Fahren ist eine Chimäre, wird in der Form, wie das propagiert wird, mit Sicherheit nicht kommen. Ich kann auch nicht verstehen, weshalb man den deutschen Konzernen, ob das BMW oder Daimler ist, vorwirft, sie hätten auf diesem Feld irgendwas verschlafen. Es wird keinen selbstfahrenden Verkehr in dem Sinne geben, wie das Google oder Facebook oder andere in den USA propagieren.

May: Wieso glauben Sie das?

Becker: Im Gegenteil! Die ersten ziehen sich aus dem Feld auch schon wieder zurück. Das wird hier nur nicht in den Medien publiziert. Es gibt auch schon Rückzugsgefechte selbst in den USA.

May: Wer denn? Wer zieht sich da zurück?

Becker: Außer Google im Grunde genommen alle anderen auch. Tesla hat beispielsweise als Elektroanbieter seine autonomen Ambitionen zurückgefahren. Wie gesagt: Die Tendenz jedenfalls ist weg von der Euphorie, die man hatte, hin zu einer sehr, sehr nüchternen Betrachtung.

May: Jetzt gründet sich aber zum Beispiel der Erfolg von Konzernen wie Uber doch einzig auf der Tatsache oder auf der Annahme, besser gesagt, dass sich irgendwann autonomes Fahren durchsetzen wird, weil sonst kann dieser Konzern niemals rentabel werden.

Becker: Ja, so ist es. Davon gehe ich auch aus. Der wird auch niemals rentabel.

"Das sind alles Träumer, zumindest die Investoren"

May: Sind das alles Träumer, die jetzt Uber-Aktien kaufen?

Becker: Ja, das sind alles Träumer, zumindest die Investoren. Ein Konzern wie Uber, der im letzten Jahr drei Milliarden Verlust gemacht hat und seit Gründung unentwegt Milliarden Verlust macht, da muss ich sagen: Wer daran glaubt, dass das Geschäftsmodell irgendwann funktioniert, der muss ein Träumer sein, ein großer Optimist.

May: Herr Becker, wir haben nicht mehr viel Zeit. Nur noch eine Bestätigungsfrage: Ihnen ist um die Zukunft von Daimler, BMW und Co. Und der deutschen Automobilindustrie im Großen und Ganzen nicht Bange?

Becker: Nein, mir ist nicht bange. Solange die Leute mobil und Autofahren wollen, wird es diese Konzerne geben, die diese Gefährte herstellen, die mobil auf der Straße unterwegs sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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