Freitag, 10.07.2020
 
Seit 22:05 Uhr Spielraum
StartseiteInterview der Woche„Friedensnobelpreis für die Ostdeutschen“29.12.2019

Autorin Ines Geipel„Friedensnobelpreis für die Ostdeutschen“

Die Autorin Ines Geipel kritisiert, dass es den Deutschen so schwerfalle, die Wiedervereinigung als das große Identitätsereignis anzunehmen. Der Osten hadere mit den Ereignissen von 1989, sagte sie im Dlf-Interview der Woche und regt an, die Ostdeutschen für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.

Von Christoph Heinemann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Schriftstellerin und Publizistin Ines Geipel zu Gast bei Anne Will im Ersten Deutschen Fernsehen (imago images / Jürgen Heinrich)
Die heutige Autorin Ines Geipel war Spitzensportlerin in der DDR (imago images / Jürgen Heinrich)
Mehr zum Thema

Ex-Ministerin Wilms zur Wiedervereinigung "Zeitraum für Verhandlungen war relativ kurz"

Elske Rosenfeld vs. Dierk Hoffmann War die Wiedervereinigung tatsächlich alternativlos?

30 Jahre Mauerfall Die sportliche Wiedervereinigung

Ingo Schulze zur Wiedervereinigung "Eine Art Kolonisierung deluxe"

Die frühere Spitzensportlerin und Autorin Ines Geipel kritisiert, dass es in Deutschland so schwer fällt, die Wende von 1989 als das große Identitätsereignis anzunehmen. Der Westen sei an der Wende nicht beteiligt gewesen. Der Osten hadere mit den Ereignissen von 1989, sagte die Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch im Interview der Woche des Deutschlandfunks.

Mit Blick auf den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung im kommenden Jahr regte Frau Geipel an, die Ostdeutschen für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, damit sie endlich erlöst würden und erkennen könnten, dass sie Deutschland friedlich die Einheit gebracht hätten. 1989 sei ein Glückserlebnis gewesen. Entsprechend bedürfe es einer Glückserzählung.

Ines Geipel, ehemalige Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (Deutschlandradio / Amac Garbe) (Deutschlandradio / Amac Garbe)Ines Geipel über die DDR-Diktatur / Von der DDR-Spitzensportlerin zur Schriftstellerin
Als Weltrekord-Athletin wird sie in der DDR gefeiert, während Zwangsdoping ihrem Körper zusetzt. Sie lernt die volle Härte des Regimes kennen, Bis heute sei, so Geipel im Dlf, die Gründungsgeschichte der DDR nicht richtig erzählt worden.

Beim Gedenken an den Mauerfall habe im zu Ende gehenden Jahr 2019 der Streit dominiert. Frau Geipel kritisierte, dass in einer Gesellschaft, die lange Zeit über Angst funktioniert habe, nun die Angst neu "beatmet" werde. Die Menschen müssten sich aus den destruktiven Energien herausarbeiten. Sie warnte vor einer Neuauflage eines Spaltungssyndroms.


Das komplette Interview zum Nachlesen:

Christoph Heinemann: Ines Geipel – 30 Jahre Mauerfall, haben wir 2019 richtig gefeiert?

Ines Geipel: Mein Eindruck war, Lage und Stimmung passten nicht wirklich zusammen. Also, Ton oder vielleicht eher Erzählung und die Realität finden sich nicht in diesem Herbst 2019. Also, es dominierte nicht die Freude, sondern eben der Streit. Streit kann gut sein – aber was war die Revolution nun? War sie überhaupt eine? War die DDR ein Unrechtsstaat, war sie kein Unrechtsstaat? Also, wir haben uns schon ziemlich verhakelt in diesen Uraltdebatten. Und es ging wenig nach vorne. Also, Choräle haben wir nicht gesungen.

Heinemann: Woran liegt das?

Geipel: Ja, ich glaube, dass es eben schon tatsächlich viel Stoff nach wie vor gibt. Und vielleicht sind wir ja auch in so einer Nacharbeit. Denn, klar, ’89, die große Revolution und dann eben doch sehr viele ruppige Prozesse. Es ging alles sehr schnell. Und vielleicht brauchen wir jetzt diesen etwas längeren Atem, um anzuschauen, wer wir eigentlich sind, miteinander, Ost und West.

Heinemann: Welche Choräle hätten angestimmt werden sollen?

Geipel: Ja, das ist ganz natürlich nach Kempowski, der wollte ja immer Choräle singen, und war sehr froh, dass es dies ’89 gegeben hat.

"Neuauflage auch einer Spaltung"

Heinemann: Mir fällt jetzt eine Bach-Kantate ein – "Ich habe genug" –, man hat den Eindruck, dass viele das gerne singen möchten inzwischen.

Geipel: Ja, also vielleicht ist es das. Auch dass wir ein bisschen in diesem Gefühl, ja, einer Neuauflage auch einer Spaltung, eines Spaltungssyndroms uns wieder befinden. Ich hatte ja das große Glück, im Herbst tatsächlich jeden Tag in einer anderen Stadt zu sein, mit dem aktuellen Buch und pendelte von Ost nach West, von West nach Ost. Und, ja, ich hatte schon den Eindruck, einerseits gibt es im Westen viel Interesse, nochmal neues Interesse am Osten.

Es hat mit der politischen Situation, mit dem Wahljahr zu tun, vielleicht auch mit der Irritation in Sachen rechts. Aber schon auch diesen Satz, "na ja, gut, wenn ihr das nun alles gar nicht wollten, dann eben wieder die Mauer", den Satz gab es schon auch. Und im Osten arbeiten wir uns doch in so ein merkwürdiges Konstrukt hinein, so als Superopfer. Und ich fände es schon gut, wenn wir das Verbindende stärker suchen würden und eben auch sagen könnten: Meine Güte, was haben wir hier in 30 Jahren wirklich geleistet, Ost, wie West.

Heinemann: Warum klappt das nicht?

Geipel: Wenn man sich die Zahlen anschaut, im Hinblick auf den Osten, die Zahlen sind die Zahlen und die Zahlen sind gut.

An der Straße steht ein einsamer Sessel. Ein Dach über den Kopf ist bisher kein Grundrecht und die Wohnungsnot nimmt in Deutschland zu. (imago/ Pixsell) (imago/ Pixsell)Brandenburg: Wenn auf dem Land die Einsamkeit grassiert
Wenige Städte, stattdessen viele kleine Dörfer, oft schlecht angeschlossen: In Brandenburg sind die Landespolitiker aufgefordert, etwas gegen die Vereinsamung von Menschen zu unternehmen. Einzelne Projekte und Initiativen schaffen schon jetzt Abhilfe.

Heinemann: Die wirtschaftliche Lage?

Geipel: Ja, die Infrastruktur, die Autobahnen, die Städte, die Arbeitslosenzahlen sind gering, der Rentenabgleich ist fast geschafft, 96,5 Prozent. Und dann heißt es eben, ja, aber es fehlen immer noch 3,5. Ja, also diese Unerbittlichkeit oder auch dieser fehlende Blick auch mal: Was ist denn hier mein Part in dem Ganzen? Irgendwie finden wir das Pendeln, also das Maß in dem Ganzen nicht im Moment, scheint es mir.

Heinemann: Sie haben das Buch angesprochen: "Umkämpfte Zone – mein Bruder, der Osten und der Hass". Wie reagieren die Menschen im Osten und im Westen auf dieses Buch?

Geipel: Na ja, ich habe es schon versucht anzutönen, dass ich erstaunt war – also, das Buch geht aktuell in die zehnte Auflage, nach zehn Monaten, das freut mich natürlich sehr, diese Resonanz. Aber dass ich schon im Westen den Eindruck hatte, dass viele kamen und sagen: Wir haben uns diese Vorgänge im Osten ein bisschen naiv vorgestellt, wir wussten Vieles nicht.

Ich habe ja gerade in dem Buch die Geschichte, also den historischen Blick nochmal stark gemacht, die Doppeldiktatur im Osten, die Erfahrungswucht, die im Osten liegt, also im Sinne des Verständnisses auch. Im Osten ist es natürlich sehr viel disparater. Ich war in Wolkenstein, einem kleinen erzgebirgischen Stadt, 4.000-Seelen-Ort, die dann sagten: Also, können Sie mal bitte da oben durchsagen, wir haben hier keine Arbeitslosen, wir sind hier nicht gedemütigt, nicht Bürger zweiter Klasse. Was soll denn eigentlich dieser Quatsch! Und es gibt natürlich dann Dresden Laubegast: Wissen Sie denn immer noch nicht, dass wir hier in der dritten Diktatur leben!

Also, diese Spanne gibt es. Also, die Amplitude der Erzählungen im Osten ist, meines Erachtens, sehr viel größer, und es ist natürlich auch alles noch nervöser, entzündlicher. Und wenn wir es schaffen können zu sagen: Ja, das gehört zu dieser Geschichte. Es ist natürlich eine sehr viel längere Diktaturgeschichte und insofern brauchen wir aber einfach nur zu sagen: Zeit ist das Mittel, das wird es nicht sein.

"Dass für mich '89 ein Glückserlebnis bleibt"

Heinemann: Wie reagieren Sie auf den Vorwurf der Dritten Diktatur?

Geipel: Na ja, erstmal mit großen Augen und mit dem Versuch, zu sprechen. Klar, das ist eine starke Irritation. Weil es hat natürlich mit der eigenen Geschichte zu tun, dass für mich dieses ’89 eben ein Glückserlebnis bleibt. Und das fände ich vielleicht auch, wenn man die Perspektive für nächstes Jahr anschaut – 30 Jahre Einheit –, dass ich nochmal mehr in den Raum stellen möchte, wo bleibt unsere Glückserzählung!

Heinemann: Familiengeschichte als Gesellschaftsgeschichte, so ist Ihr Buch angelegt. Es beginnt mit dem Großvater, mit Otto Grunert, der als SS-Mann in Riga sein Unwesen trieb. Wie haben Sie dessen Verschweigen erlebt?

Geipel: Es war ein sehr stiller Mann, der gestorben ist, als ich zwölf Jahre alt war. Er saß in seinem Sessel, etwas eingehockt, und natürlich habe ich als Kind keine Vorstellung gehabt, wer dasitzt und was seine Geschichte ist. Aber natürlich ist so eine Kindheit mit so einem sehr massiven Schweigen – es war ja nicht nur der Großvater, der schwieg – auch etwas sehr Prägendes. Also, ich würde schon denken, dass gerade, da ich ja Familiengeschichte verzahne mit Zeitgeschichte in dem Buch, Schweigen natürlich auch eine Form von Gewalt ist.

Heinemann: Form von Gewalt inwiefern?

Geipel: Ja, Schweigen ist eben nicht Sprache. Und Schweigen ist nicht Sortieren, Schweigen ist auch Abhängigkeit. Man bleibt ja an dem Körper des Großvaters hängen und staunt, was da alles nicht kommt. Und es war natürlich auch ein Mann, der die Enkel irgendwohin setzt, ganz vorn auf seine Knie, aber nicht ... von Herzlichkeit oder Nähe keine Spur.

Gut, da kann man sagen, das hat mit der Generation sehr viel zu tun, aber im Nachhinein würde ich schon denken, in ihm hockte etwas. Und ich habe es ja erst in den Akten danach sehr viel später gelesen, nicht nur, wo er war, nicht nur, wie er unterwegs war, sondern eben, dass er auch sehr krank war in all diesen Jahre, mehrfach am Magen operiert werden musste. Also, der Nationalsozialismus und die kranken Organe sind in meinem Buch natürlich auch ein Thema.

DDR: "Im Grunde ein versiegeltes, ein verriegeltes System"

Heinemann: Auf den unverarbeiteten Nationalsozialismus setzte sich im Osten dann die nächste totalitäre Doktrin – mit welchen Folgen?

Geipel: Also, ich glaube, für diese frühe DDR bräuchte es sicherlich mehr Sätze als wir jetzt haben. Es wird eine Einschlussgesellschaft gebaut und im Grunde ein versiegeltes, ein verriegeltes System. Und ich glaube, das ist auch etwas, was wir vielleicht nach ’89 ein Stück weit unterschätzt haben. Also, diese Betäubung einer Gesellschaft nach innen, also dieses Emotional Regime, sagen die Emotionsforscher dazu. Also, was macht es mit einer Gesellschaft, die in dieser Weise zugeschlossen wird, wo Codizes oder Werte einer Gesellschaft sich ja im Grunde wenig verändern können und wo aber eben ja auch eine sehr instrumentelle Gedächtnis- und Erinnerungspolitik gemacht wird von Seiten der Partei.

Es gibt in dieser früher DDR nicht nur den Terror, nicht nur die Angst, sondern eben sehr große Schweigeräume. Also, das hat mit den Moskauern, die unmittelbar nach dem Krieg zurückkommen und dieses System ja aufbauen und durch Stalin und den Stalin-Terror in der Sowjetunion geprägt waren, zu tun. Hat aber natürlich auch mit den deutschen Kommunisten in den Konzentrationslagern zu tun. Es geht ja in dieser frühen Phase nicht nur ums Formatieren, ums Schleifen einer Gesellschaft, sondern eben um eine Großinszenierung qua Ideologie. Und da spielt natürlich dieser Buchenwald-Mythos als Staatsdoktrin der DDR eine maßgebende Rolle.

Heinemann: Buchenwald-Mythos?

Geipel: Na ja, es war im Grund ja ... an diesem Mythos hängt ja diese Erzählung: "Wir bauen das bessere Deutschland, mit den besseren Deutschen". Und alles das, was Nationalsozialismus bedeutete, was Schulddynamiken bedeutete, wurde im Grund unter diese politische Krypta gelegt. Und das ist, dächte ich, wenn man diese früher DDR anschaut, in dieser Verkapselung zwischen – wo sollte denn der Hitler hin?! – dem innerem Hitler und dieser neuen Diktatur, die zentrale Erzählung, die politische Lebenshaut des Ostens und dieser internalisierte Opfer-Mythos, glaube ich, ist immer noch etwas, was uns heute beschäftigt.

"Direkte Gewalt wurde camoufliert in eine indirekte"

Heinemann: Im Westen begannen die 68er Fragen zu stellen – was passierte im Osten?

Geipel: Na ja, der Osten hatte natürlich auch sein ’68, Prag ’68. Aber ich glaube, das ist klar, ja, das ist ’68 im Westen nicht nur der Umgang oder der eingeforderte Umgang mit dem Nationalsozialismus, zunehmend auch nach einer langen Schweigephase. Aber im Osten natürlich die Desillusionierung, nochmal eine Engführung, nochmal ein Einschluss, also, diese Gesellschaft im Hinblick auf ganz Osteuropa, wird ja wie nochmal neu versiedelt. In der DDR nach ’68, Erich Mielke als Geheimdienstchef, der ja den Geheimdienst modernisierte. Und es eben nicht mehr mit diesen, ja, direkten Liquidierungen der frühen DDR einherging, sondern ein bisschen diffiziler im Sinne von diesen Begriffen Zersetzung und Isolation.

Also, die direkte Gewalt wurde in dem Sinne camoufliert in eine indirekte, sodass wir nach ’68 relativ große Opfergruppen in der DDR haben, die sehr, sehr lange Zeit brauchten, nach ’89 überhaupt zu ihrer Geschichte zu kommen. Und das ist auch etwas, was ... Also, wir schauen uns diese DDR ja nicht als so einen monolithischen Block an, sondern das sind sehr verschiedene Phasen. Und was konstant bleibt, ist die Gewaltherrschaft. Und mit Gewalt – weil das ja schnell ein Missverständnis wird – meine ich jetzt nicht allein die physische Gewalt in den Gefängnissen, sondern in meinen Augen heißt Gewalt eben auch geistige Gewalt, wenn man, ja, ein Land 40 Jahr zuschließt und die Menschen damit. Also, diese Trauma-Kultur, die da aufgelegt wird, die ist schon auch immer noch ziemlich anwesend.

Heinz und Brigitte Baumbach. Hochzeitsfoto, August 1950 (Foto: privat) (Foto: privat)Erinnerung an deutsche Opfer des Stalinismus: "Erschossen in Moskau"
Fast 1.000 Menschen wurden in der DDR zwischen 1950 und 1953 durch den Geheimdienst NKWD verhaftet und zum Tode oder zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die russische Stiftung "Die letzte Adresse" erinnert mit Gedenktafeln an die Opfer des Stalinismus – nun zum ersten Mal auch in Deutschland.

Heinemann: Auf die Gewalt kommen wir jetzt sofort zu sprechen, im Interview der Woche im Deutschlandfunk, mit der Schriftstellerin und früheren Spitzensportlerin Ines Geipel. Sie ist Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Großvater, SS-Mann, haben wir besprochen. Ihr Vater hat für die Stasi Auslandseinsätze erledigt. Sie beschreiben Lothar Geipel so: "Seine Passion bestand darin, andere Menschen zu vernichten", und die Stasi selbst bescheinigte ihm über "keinerlei Hemmungen" zu verfügen. Haben Sie mit ihm über seine Arbeit und über den verlogenen DDR-Staatssozialismus sprechen können?

Geipel: Ja, ist klar – jemand mit so einer Geschichte, da ist kein Wort möglich. Ich erinnere mich an viele Jahre und meine Fahrten nach Hause, weil ich natürlich eigentlich was ganz anderes mit ihm klären wollte. Ich wusste bis 2004 nichts von dieser Arbeit als Terroragent, was den Vater angeht.

Heinemann: Terroragent bedeutet genau was?

Geipel: Diesen Begriff, den haben die Stasi-Leute ja selber benutzt. Ja, also das sind die Leute der Hauptabteilung IV, die mit einer Militärausbildung. Also, wenn der Geheimdienst der DDR entschieden hatte, Operationen im Feindesland, also in der Bundesrepublik, dann war das genau diese Truppe, die vorab die Objekte, die Personen abklären sollte. Also, es waren die Späher, die Abklärer, die dann die eigentlichen Aktionen nicht gemacht haben, aber eben über Wochen alle möglichen Objekte erspäht haben. Und das ging sehr detailliert zu in dieser Akte.

Und wenn man die liest, diese ist sehr umfangreich, fragt man sich, wie kann ein Mensch überhaupt so viele verschiedene Identitäten – acht verschiedene Identitäten – sich merken, wie kann er diese ganzen Codes, diese Sätze, mit denen man sich verabredet, die Anrufe, die Sonnenbrille, die eben im Revers zu stecken hat und so weiter und so fort, also, diese ganze ... Er hatte ja noch ein bürgerliches Leben. Er war Direktor des Pionierpalastes in Dresden zu der Zeit. Also, das stelle ich mir schon ziemlich hochkarätig vor.

Heinemann: Ihr Vater hat sich Ihrem Bruder und Ihnen gegenüber sehr gewalttätig verhalten. Wie verbreitet waren solche Gewalterfahrungen in der DDR?

Geipel: Ja, klar, man würde wahrscheinlich jetzt sagen: Na ja, das ist jetzt alles ein bisschen extrem, diese Familiengeschichte. Ich verstehe diese Familiengeschichte und ich habe sie auch deshalb überhaupt in dieses Buch hineingenommen, als ein Stellvertreter...

"Verhältnis zwischen politischen und privaten Diktaturen"

Heinemann: ... für viele Familiengeschichten stellvertretend?

Geipel: Mir ist natürlich helle, dass das keine Ausschließlichkeit ist. Aber was ich erzählen wollte, ist, dass Familien, die unter der Diktatur ... und dann ist es Opposition, es sind Mitläufer, es sind Täterfamilien, aber die Glocke Diktatur, die galt ja doch für alle, ja. Und damit natürlich auch immer Konflikte und die Not, sich zu entscheiden, ja, die Not sich auch gegen den Bruder, gegen die Schwester entscheiden zu müssen mitunter. Diese Zwangsjacke der Diktatur, die war ja Alltag.

Und insofern, ja, es gibt jetzt nicht – das ist ja logisch – jede Familie, die mit diesen Belastungen zu kämpfen hat und auch nicht jede, die mit Gewalt zu kämpfen hat. Aber mir ging es eben um diese Erzählung, die ja so sehr herausfällt in den letzten zehn, 20 Jahren aus dem, was Diktaturgeschichte im Osten bedeutet. Einerseits die strukturelle Gewalt in der Gesellschaft zu erzählen, aber eben auch, wie Menschen, die sich eben für eine Täterexistenz entschieden haben, diese wiederum auch in die Familien hineingelebt haben.

Und das kann man sich ja ein bisschen hochrechnen, wenn man sich die Zahlen anschaut – Militär, Polizei, Staatssicherheit. Das heißt ja auch in einem ganz realen, konkreten Leben, immer auch ein Stück weit von sich weg zu leben, ja, sich abhanden zu kommen. Und dieses Verhältnis zwischen politischen Diktaturen und privaten Diktaturen in einem System, in einem Gewaltsystem, wie der DDR, in den Blick zu bekommen, daran lag mir noch.

Heinemann: Zwei kaum bewältigte Diktaturen, nicht bearbeitete Gewalterfahrungen, eine als ungerecht empfundene Wende – jedenfalls bei vielen –, schließlich dann die Zuwanderung vieler Menschen in den Jahren 2015 und ’16. Welche Folgen hatte diese Gemengelage?

Geipel: Na ja, ich würde das jetzt gar nicht sofort in Eins lesen. Also, mir lag schon daran, in dem Buch nochmal zusagen: Wir haben so eine Erzählung nach ’89, mir kommt das ein bisschen wie ein seltsames Konstrukt aktuell vor, "die große Demütigung", "die Bürger 2. Klasse", "die Kolonisierung", "die Übernahme".

Und ich wollte, um im Grunde diese Erzählung ein bisschen in die Balance zu bekommen, eben die Demütigung vor ’89 auch nochmal stark machen, also den historischen Blick, die Tiefenlage einer Gesellschaft in den Blick bekommen, um, ja, sich zu fragen: Wie kommen wir jetzt ins Offene damit, also, wie können wir uns aus diesen sehr destruktiven Energien, in denen wir uns im Moment ja viel an Streit auch leisten, ein Stück weit herauskommen, herausarbeiten. Und diese Geschichte, randvoll vom inneren Staat zu sein und mit ’89 im Grunde implodiert dieser Staat, dieser Staat ist weg, aber die Logik des Systems ist ja nicht weg. Deswegen habe ich diesen Begriff mit dem Emotional Regime genannt.

Wenn eine Gesellschaft über so lange Zeit über Angst funktioniert und dann, jetzt mit 2015 vermeintlich aus so einer Versorgungspolitik – also, daran hat es sich ja angedockt – vermeintlich herausfällt und dann die Angst neu beatmet werden kann. Also, mir geht es eigentlich um diese Frage der Wiederholungen, ja, der Neubeatmung, der Neuinszenierung und wie wir aus diesen Schlaufen ein Stück weit als Gesellschaft – und zwar Ost wie West gemeinsam - herauskommen.

Mittlerweile ist es eine Einheitsgeschichte, wir haben die westdeutschen AfDler, die in Ostdeutschland Politik machen. Also wir können nicht mehr dasitzen und sagen: Die da drüben. 30 Jahre sind vergangen.

"Wie aus diesem manifesten Abwehrgeschehen herauskommen?"

Heinemann: Ihr Buch trägt den Hass im Untertitel – wie viel Angst steckt in diesem Hass? Sie sprachen eben von den destruktiven Energien.

Geipel: Das ist wirklich ein Thema, wie wir aus diesem doch manifesten Abwehrgeschehen herauskommen. Also, nicht umsonst ist Adorno dieses Jahr nochmal so sehr aktuell gewesen. Also, diese Gewohnheit zur Gläubigkeit, der Zwang zur Idolisierung, auch das Maß an Realitätsverleugnung, diese Derealisierung von Geschichte, die wir ja über jetzt Jahre schon beobachten, aber eben auch dieses Denken in der Ausgrenzung. Also das sind ja alles so zentrale Punkte, die, wenn wir ein Geschehen wie in Halle im Oktober ernst nehmen, wo im Grunde nur das technische Detail, nämlich das Schloss an der Tür die Katastrophe verhindert.

Heinemann: Nämlich den Überfall auf die Synagoge.

Geipel: Auf die Synagoge, genau.

Heinemann: Zwei Menschen sind ums Leben gekommen.

Geipel: Genau. Und dieses Thema des Buches, nämlich der toxisch-braune Osten, der lange Gewaltfaden, die Kontinuität oder die Synapse von Verdrängung und Gewalt, also diese Punkte, glaube ich, wären doch alles Punkte, über die wir uns nochmal ganz offensiv verständigen könnten oder müssen auch. Und wo es wirklich nicht mehr gilt, gerade nach den drei Landtagswahlen im Osten dieses Jahr, mit der Bereitschaft fast einem Viertel der Bevölkerung, die sagte: Ja, ein rechtsextremer Ministerpräsident ist möglich für mich. Also, das sind ja doch wie im Brennglas Phänomene, wo eine Gesellschaftsanalyse überdran ist, in meinen Augen.

Die Bücherburg ist Pfarrer Weskotts Lebenswerk (Deutschlandradio / Maria Antonia Schmidt) (Deutschlandradio / Maria Antonia Schmidt)Literatur aus der DDR: Die Bücherburg in Niedersachsen
Wer in die Bücherburg in der Gemeinde St. Johannes in Katlenburg kommt, tritt in eine Landschaft aus Papier ein. Rund eine Million Bücher lagern hier, zu Büchertürmen gestapelt. Viele der Bücher sind in der DDR geschrieben worden. Pfarrer Martin Weskott hat sie vor der Zerstörung bewahrt.

Heinemann: Aus wessen Blickwinkel sollte die Geschichte der DDR erzählt werden?

Geipel: Ja, aus möglichst allen natürlich. Also, die Jungen sollen sprechen, die, die in der Welt ausgebildet wurden. Natürlich sollen einmal mehr die öffentlich sein mit ihren Geschichten, die sehr harte Erfahrungen gemacht haben. Es sollen die sprechen, die in der Welt unterwegs sind, große Karriere machen und sich von außen anschauen: Meine Güte, was leisten wir uns hier für einen merkwürdig kleinen Streit, anstatt zu sagen: Wow, we did it! Klar, es sollen ganz viele Stimmen da sein und gleichzeitig geht es natürlich trotzdem in dieser großen Amplitude der Stimmen, sich nochmal neu zu fragen: Warum haben wir es so schwer, dieses ’89 als das große Identitätsereignis für das neue Deutschland anzunehmen? Warum brauchen wir so lange?

Der Westen womöglich, weil er nicht beteiligt war wirklich, also nicht auf der Straße war. Der Osten, weil er hadert und hadert und hadert. Ja, weiß ich auch nicht. Ich habe jetzt immer gedacht, vielleicht sollte man die Ostdeutschen für den Friedensnobelpreis vorschlagen, damit sie endlich mal erlöst werden und sich sagen können: Ja, wir können mit einem absolut geraden Rückgrat sagen, wir haben Deutschland die Einheit gebracht und sie gemacht. Und das ist doch unglaublich, das ist ein großes Wunder, und zwar friedlich.

Heinemann: Glauben Sie, dass das klappen wird im nächsten Jahr, wenn wir an 30 Jahre Wiedervereinigung denken werden?

Geipel: Wie gesagt, dieses Jahr hat der Streit dominiert und es ist, glaube ich, nochmal Analyse und Arbeit dran. Und es gibt doch einige Gründe für milden Optimismus – ja, es soll sein!

Heinemann: Ines Geipel, Dankeschön für Ihren Besuch im Funkhaus.

Geipel: Ich danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk