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StartseiteCampus & Karriere"Kleine Firmen sehen Ausbildung als gesellschaftliche Aufgabe"12.11.2020

Azubimangel in Kleinstbetrieben"Kleine Firmen sehen Ausbildung als gesellschaftliche Aufgabe"

Großfirmen locken Auszubildende mit materiellen Anreizen. Für kleine Betriebe ist die Suche hingegen zeit- und kostenaufwändig, oft geben sie auf - fatal für das duale Berufsausbildungssystem, sagt Annette Icks vom Institut für Mittelstandsforschung. Gerade Kleinstbetriebe böten Azubis erhebliche Vorteile.

Annette Icks im Gespräch mit Thekla Jahn

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Das Bild zeigt zwei Auszubildende zum Mechatroniker. (imago/Thomas Imo/photothek)
Investition in die Zukunft: Kleinbetriebe kümmern sich nicht nur um die Vermittlung von Fertigkeiten, sondern im Grunde um die gesamte Entwicklung des Jugendlichen, sagt Annette Icks. (imago/Thomas Imo/photothek)
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Azubis gesucht – das gilt für alle Betriebe, aber ganz besonders für Kleinstbetriebe mit maximal neun Mitarbeitern wie Bäcker, Klempner oder Werkstätten. Deren Auszubildenenzahl sinkt seit vielen Jahren. Im Jahr 2005 hatten noch knapp 400.000 Azubis in Kleinstbetrieben begonnen, im vergangenen Jahr waren es nur noch knapp 250.000.

Kleine Betriebe seien für Auszubildende häufig weniger attraktiv, sagte Annette Icks vom Institut für Mittelstandsforschung im Dlf. Zum einigen seien kleine Firmen weniger sichtbar als große. Zum anderen hätten letztere auch mehr Möglichkeiten, über materielle Anreize oder immaterielle Anreize zu punkten. Dennoch hätten Kleinstbetriebe viele Vorteile für Auszubildende.

In der Metallwerkstatt des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft in Chemnitz (Sachsen) startet Thai Minh Nguyen aus Vietnam am in die Ausbildung zum Mechatroniker. Insgesamt sechs junge Leute aus Bulgarien, Polen und Vietnam haben dort 2014 ihre Berufsausbildung in den sogenannten Mangelberufen aufgenommen.  (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt) (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)Corona und Azubis - alles auf den Kopf gestellt
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Thekla Jahn: Warum haben Kleinstbetriebe Probleme, ihre Lehrstellen zu besetzen.

Annette Icks: Es gibt diverse Gründe: zum einen der demografische Wandel insgesamt, ist die Zahl derjenigen, die überhaupt eine Ausbildung machen – sei es nun eine berufliche Ausbildung oder eine akademische – zurückgegangen. Dann zum Zweiten ist in Deutschland auch eine Neigung zur Akademisierung, zu höheren Bildungsabschlüssen zu beobachten. Das heißt also, der Pool wird weiter kleiner. Und drittens haben wir natürlich auch die möglicherweise geringere Attraktivität von Kleinunternehmen.

Großunternehmen locken Jugendliche mit Incentives 

Jahn: Warum ist das so bei Kleinstbetrieben, dass die für junge Menschen weniger attraktiv werden?

Icks: Die sind weniger attraktiv, weil sie zum einigen weniger sichtbar sind, das heißt, große Unternehmen sind permanent in der Presse, und da fühlen sich die Jugendlichen von angezogen, was da für Möglichkeiten gegeben sind. Häufig haben die auch mehr Möglichkeiten, über materielle Anreize oder immaterielle Anreize zu punkten, diese Möglichkeiten haben kleinere Unternehmen weniger.

Mitgestaltung bei Kleinstbetrieben viel leichter möglich

Jahn: Welche Vorteile, wenn wir jetzt einfach mal eine Lanze brechen für Kleinstbetriebe, welche Vorteile hat eine Ausbildung in einem Kleinstbetrieb, also einem mit maximal neun Mitarbeitern, für Azubis?

Icks: Der größte Vorteil ist, dass es wirklich sehr praxisnah ist, das heißt, es gibt abwechslungsreiche Tätigkeiten. Man lernt nicht nur eine Feile feilen, sondern man wird in ganz vielen Bereichen eingesetzt. Wenn man eben schon ein bisschen weiter ist und Fähigkeiten entwickelt hat, dann ist die selbstständige Gestaltung der Arbeitsabläufe viel leichter möglich als in großen Unternehmen. Auch die stärkere Einbindung in wichtige Unternehmensentscheidungen, das ist in kleineren Unternehmen aufgrund der flachen Hierarchien viel eher möglich als in großen Unternehmen.

Das Kümmern um die gesamte Entwicklung des Jugendlichen

Jahn: Und was ist mit der Förderung der Azubis, der individuellen Förderung? Ich vermute, in Kleinstbetrieben hängt das dann doch sehr viel stärker als in größeren Betrieben vom Chef, vom Ausbilder ab, engagiert er sich für seine Azubis oder eben nicht.

Icks: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Es ist tatsächlich so, dass die kleinen Unternehmen Ausbildung an sich als gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen, das heißt ganz anders an diese Sache rangehen. Das heißt, sie kümmern sich nicht nur um die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die es für den Ausbildungsberuf braucht, sondern sie kümmern sich im Grunde um die gesamte Entwicklung des Jugendlichen.

Ich hab ein Beispiel, da ist ein Jugendlicher, der aus prekären Verhältnissen kam, dem hat der Lehrherr, der Ausbilder ermöglicht, ins Ausland zu gehen, um eben auch mal dort ein Praktikum zu machen und andere Begebenheiten kennenzulernen. Oder es wird die Fahrerlaubnis bezuschusst und solche Geschichten. Das heißt, es ist eine ganzheitliche Entwicklung und nicht nur die zum Mechatroniker beispielsweise.

Sichtbarkeit von Kleinstbetrieben deutlich erhöhen

Jahn: Was können denn Kleinstbetriebe, die händeringend nach Azubis suchen, tun von ihrer Seite aus, um verstärkt auf sich aufmerksam zu machen, um auch dann die Azubis nach der Ausbildung bei sich zu behalten als Mitarbeiter? Ist da aus Ihrer Sicht schon alles ausgelotet, was möglich ist?

Icks: Ich hoffe nicht, weil ansonsten sieht die Situation für gerade Kleinstunternehmen nicht sehr gut aus. Ich denke, Kleinstunternehmen müssen mehr auf sich aufmerksam machen, wie ich eben sagte, die Sichtbarkeit etwas erhöhen oder deutlich erhöhen. Man sagt immer, Klappern gehört zum Handwerk.

Die kleinen Unternehmen machen schon sehr viele, sehr gute Sachen im Rahmen der Ausbildung, und das muss aber deutlicher werden. Da könnten beispielsweise auch Kammern, entsprechende Berufsverbände mit zum Klappern beitragen, das heißt öffentlichkeitswirksamer werden. Oder vonseiten der Politik könnte man beispielsweise mit bildungspolitischen Möglichkeiten zur Verbesserung der Attraktivität der Berufsausbildung insgesamt beitragen. Das heißt, wenn mehr Leute die duale Berufsausbildung interessant finden und attraktiv finden, dann wird der Pool, aus dem man nachschöpfen kann, natürlich auch größer.

Eine Auszubildende zur Einzelhandelskauffrau im 3. Lehrjahr räumt am Morgen vor Beginn der Ladenöffnung in einem Supermarkt Waren ein und trägt dabei eine Schutzmaske.  (picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa) (picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa)Kurzarbeit könnte sich negativ auf berufliche Ausbildung auswirken
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Langer Atem bei der Rekrutierung nötig

Jahn: Und wenn wir da jetzt noch mal auf die Kleinstbetriebe unter den auszubildenden Betrieben schauen, was droht der dualen Berufsausbildung in Deutschland, wenn Kleinstbetriebe immer weniger Auszubildende finden?

Icks: Wir wissen, dass wenn die Kleinstbetriebe die Erfahrung gemacht haben, dass es sehr aufwendig, also sowohl zeit- als auch kostenaufwendig ist, Auszubildende zu rekrutieren, dass die irgendwann aufgeben. Das heißt, die machen das vielleicht zwei, drei Jahre, aber wenn sie dann vergeblich gesucht haben, werden sie sich nicht mehr weiter bemühen. Das ist für das duale Berufsausbildungssystem fatal.

Das, wo wir eben so stolz drauf sind, also das ist ja wirklich ein hervorragendes Qualifizierungssystem, wo ferne Länder zu uns kommen und sich danach erkundigen, das wird dann nach und nach ausbluten oder eben nur von Großen übernommen werden können. Das ist wirklich so eine ganz negative Vision, die ich da habe, die sollte auf keinen Fall sich so realisieren. Aber schlimmstenfalls ist das halt so, wenn sich zunehmend die Unternehmen aus dem Ausbildungsmarkt entfernen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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