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StartseiteInterviewKlöckner: "Die Landwirte decken uns den Tisch"23.10.2019

Bauernproteste Klöckner: "Die Landwirte decken uns den Tisch"

Es gebe hohe gesellschaftliche Erwartungen an das, was Landwirte in Europa umsetzen müssten, sagte Agrarministerin Julia Klöckner im Dlf. Sie setze sich dafür ein, dass diese Mehrbelastungen künftig stärker honoriert würden. Nötig sei aber auch mehr Wertschätzung für die Landwirte durch die Bevölkerung.

Julia Klöckner im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

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Klöckner bei der Eröffnung der Grünen Woche in Berlin (imago / snapshot / F.Boillot)
Julia Klöckner will die Digitalisierung in der Landwirtschaft vorantreiben (imago / snapshot / F.Boillot)
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Ann-Kathrin Büüsker: In zahlreichen deutschen Städten haben gestern Landwirte demonstriert. Sie sehen sich schlecht dargestellt in der öffentlichen Wahrnehmung, beklagen sogenanntes Bauern-Bashing und fühlen sich auch überfordert von zu viel Bürokratie, Umweltschutzauflagen, Tierwohlauflagen. Gleichzeitig kämpfen viele mit ihren Höfen um das Überleben, weil sich Landwirtschaft nicht mehr lohnt. Aber ohne Landwirtschaft geht es nicht. Sie sichert immerhin unsere Nahrung, unser Leben, betont auch die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Was sie nun tun will, um Gesellschaft und Bauern zu versöhnen, das kann sie uns in den kommenden Minuten erklären. Einen schönen guten Morgen, Frau Klöckner.

Julia Klöckner: Hallo! – Guten Morgen, Frau Büüsker.

Büüsker: Dieser Zwiespalt, in dem sich viele Landwirte sehen – auf der einen Seite machen sie ihre Arbeit sehr gerne, sehen aber, dass sie kaum über die Runden kommen. Gerade die kleineren Betriebe kämpfen aufgrund geringer Preise ums Überleben. Auf der anderen Seite dann immer neue Auflagen, immer mehr Bürokratie, notwendige Investitionen dafür. Im Prinzip sind die Bauern ja in einer Zange. Wie wollen Sie als zuständige Ministerin diese Zange lösen?

Klöckner: Ja, das ist in der Tat die Herausforderung, wie wir gesellschaftliche Erwartungen, die immer mehr gestiegen sind, nach mehr Tierwohl, nach sauberem Grundwasser, nach mehr Umwelt- und Klimaschutz, wie sich das, was Landwirte in ganz Europa auch umsetzen müssen, honorieren. Deshalb setze ich mich zum einen dafür ein, dass bei der nächsten europäischen Agrarpolitik, bei der Reform, die ja nach 2020 startet, diese Gemeinschafts- und Gesellschaftsleistungen auch mehr honoriert werden. Das ist ein Punkt.

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Der zweite Punkt ist, dass wir bei den Umstellungen, zum Beispiel bei der Düngeverordnung, dass wir dort auch den Landwirten mit Finanzmitteln helfen. Aber der dritte Punkt ist ganz klar, dass Verbraucherinnen und Verbraucher auch erkennen, dass Landwirte mehr tun, und dass wir als Verbraucher auch bereit sind, dafür mehr zu zahlen. Das heißt zum Beispiel, dass man beim Einkauf auch erkennt, wo mehr Tierwohl drinsteckt, denn mehr Tierwohl kostet mehr Geld. Das heißt, dass ein staatlich zertifiziertes Siegel für mehr Tierwohl zum Beispiel auch Orientierung gibt und auch hilft. Aber am Ende ist es immer die Frage des Ausgleichs von gesellschaftlichen Erwartungen und Interessen und dem, was ökonomisch auch ein Bauernbetrieb, eine Bauernfamilie leisten kann.

"Landwirte sorgen für unsere Lebensmittel jeden Tag"

Büüsker: Das heißt, Frau Klöckner, wenn ich Sie richtig verstehe: Gute Landwirtschaft kostet auch gut Geld?

Klöckner: Absolut richtig zusammengefasst. Gute Landwirtschaft heißt für mich, dass Landwirte nicht in allererster Linie Landschaftsgärtner sind, sondern sie sorgen für unsere Lebensmittel jeden Tag. Sie decken uns den Tisch. Das heißt, unsere Bauern sind auch im Wettbewerb, im europäischen, im internationalen Wettbewerb. Auf der anderen Seite sehen wir, dass es immer weniger Bauernfamilien gibt, die Betriebe werden zum Teil größer, aber dass es auch immer weniger Wissen bei der Bevölkerung gibt, wie unsere Nahrungsmittel zubereitet werden, und dadurch auch Wertschätzung fehlt. Wir geben rund neun Prozent unseres Haushaltseinkommens aus für Lebensmittel. Das ist nicht sehr viel. Aber wir geben recht viel aus für Kücheneinrichtungen und so was. Das hat schon was mit Wertschätzung und Vermittlung zu tun und deshalb fördern wir zum Beispiel auch in den Schulen das Wissen darüber, was Nahrung wert ist. Wir fördern den Dialog zwischen Gesellschaft und Bauernschaft, und ich möchte auch, dass wir ein nationales Dialogforum anstoßen. Die Bundeskanzlerin hat zugesagt, dass wir auch mit ihrer Anwesenheit einen Landwirtschaftskongress auf den Weg bringen.

Büüsker: Frau Klöckner, bevor wir uns jetzt in all diesen Details verlieren, würde ich gerne noch mal die Systemfrage stellen. Mich hat gestern etwas sehr aufmerksam gemacht: Stichwort Nitratbelastung. Die haben wir ja im Moment in zahlreichen Gebieten Deutschlands, weil zu viel gedüngt wird, und im ZDF kam gestern eine Landwirtin zu Wort, die erklärte, sie muss so viel düngen, sonst laugen die Böden aus, weil die Landwirtschaft so intensiv ist und so viel Dünger braucht. Heißt das nicht eigentlich – und da möchte ich jetzt ein bisschen die Systemfrage stellen -, wir haben gerade ein Modell von Landwirtschaft in Deutschland, das vielerorts viel mehr von der Natur verlangt, als diese eigentlich leisten kann?

Klöckner: Ja, da haben Sie recht. Aber wir müssen auch differenzieren. Es kommt ja darauf an, welchen Boden haben Sie. Wenn Sie einen sandigen Boden haben, ist das was ganz anderes, als wenn Sie einen lehmigen Boden haben oder wenn Sie in einer Hanglage sind. Je nach Wasserniederschlag können Sie düngen und es ist unproblematisch, und in einer anderen Region düngen Sie kaum und es ist zum Beispiel Nitrat angereichert.

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"Mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen anders wirtschaften"

Büüsker: Das heißt, man bräuchte regional bessere Vorschriften?

Klöckner: Ja, ja! Das ist ja genau der Punkt, den die EU-Kommission auch von uns verlangt. Das ist die Ausweisung sogenannter roter Gebiete. Aber wir müssen auch sehen, das ist der andere Aspekt – deshalb habe ich Ihnen auch zugestimmt: Im Jahre 1900 hat ein Landwirt fünf Menschen ernährt. Im Jahr 2019 sind es etwa 155 Menschen. Das ist zum einen ein wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Fortschritt gewesen, dass wir keinen Hunger hier leiden müssen. Aber das heißt auch, das hat Auswirkungen auf die Umwelt.

Landwirtschaft ist aber im Laufe der Jahre nachhaltig geworden. Es gibt mehr Blühstreifen, es gibt einen viel anderen Umgang mit dem Boden. Aber dennoch wird klar, dass Landwirtschaft und Nachhaltigkeit mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen anders wirtschaften wird, wenn es zum Beispiel um Pflanzenschutzmittel und Insektenschutz geht.

Büüsker: Dieser Vergleich 1900, den Sie gerade gemacht haben, hinkt der nicht auch insofern ein bisschen, als dass die Menschen um 1900 auch nicht so viel Fleisch gegessen haben, wie wir das heute tun? Heute bestehen ja viele Menschen darauf, dass sie eigentlich jeden Tag Fleisch essen wollen.

Klöckner: Ich kenne jetzt nicht so viele Menschen, die darauf bestehen, jeden Tag Fleisch zu essen. Wir essen heute anderes Fleisch. Wir haben sogar ein verändertes Konsumverhalten. Wenn wir mal schauen: Der Bestand der Rinder, der Bestand der Schweine ist ja in Deutschland kontinuierlich zurückgegangen. Angestiegen ist zum Beispiel das Thema Hähnchenfleisch, Geflügelkonsum. Das hat sich recht verändert, muss man sagen. Unsere Lebensziele, Ernährungsziele haben sich auch verändert, sind relativ vielfältig geworden.

Büüsker: Na ja. Aber immer, wenn es darum geht, eine Debatte zu eröffnen, ob Menschen auf Fleisch verzichten könnten und sollten, auch zum Umweltschutz, dann erleben wir immer eine Empörungswelle und es gibt ganz viele Menschen, die dann sagen, ich will aber mein Schnitzel.

"Setzen auf das Thema Präzisionslandwirtschaft"

Klöckner: Ja, gut. Das erlebe ich jetzt persönlich so nicht. Ich halte aber auch nicht viel davon, dass wir Menschen ihre tägliche Ration Nahrungsmittel vorschreiben.

Büüsker: Aber wenn wir die Systemfrage stellen, dann muss man diesen Punkt ja auch ansprechen.

Klöckner: Na ja, was ist die Systemfrage? Ich höre häufig Begriffe wie Agrarwende. Agrarwende heißt ja Umdrehen, Zurückgehen. Ich glaube kaum, dass wir zurückgehen wollen in eine Zeit, wo ganz anders Pflanzenschutzmittel und Dünger auf die Felder geworfen worden sind. Ich glaube nicht, dass wir zurück wollen in die kleinen dunklen Ställe mit flächendeckender Anbindehaltung. Das glaube ich nicht. Das sind Schlagworte.

Wir haben eine sehr moderne Landwirtschaft. Wir setzen auf das Thema Digitalisierung, Präzisionslandwirtschaft, wo wir viel weniger Pflanzenschutzmittel brauchen, weil wir sie präzise auch einsetzen, und wir haben heute auch ein größeres Wissen über Boden, über Fruchtfolgen, als das vor 100 Jahren der Fall war. Und wir müssen wissen: Wir haben über 800 Millionen Menschen in der Welt, die hungern. Das heißt, die wollen auch satt werden, und wir brauchen eine Landwirtschaft, die Erträge sichert, also auch Pflanzenschutzmittel, die umweltverträglich sind. Aber auf der anderen Seite brauchen wir auch eine Nachhaltigkeit, die für die kommende Generation die Böden bereitet.

"Wir haben eine hoch moderne Landwirtschaft in Deutschland"

Büüsker: Und diese Nachhaltigkeit sehen Sie beim aktuellen Landwirtschaftssystem gegeben?

Klöckner: Beim aktuellen – sie ist auf den Weg dorthin. Deshalb begleite ich die Landwirtschaft. Deshalb gibt es neue Bestimmungen, was das Thema Düngen angeht, was das Thema Pflanzenschutzmittel angeht. Aber genau deshalb begleite ich sie auch mit neuen Technologien, mit alternativen Pflanzenschutzmitteln, mit der Forschung dazu. Wir haben eine hoch moderne Landwirtschaft in Deutschland und wenn Sie weltweit schauen, produzieren wir mit die sichersten und qualitativsten Nahrungsmittel auf der ganzen Welt. Und wenn ich mir anschaue, wie in anderen Ländern außerhalb Deutschlands gedüngt oder außerhalb Europas gedüngt und gespritzt wird, da sind wir weit vorne, aber noch nicht am Ende.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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