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Bedrohte OrdnungenDie Angst vor Veränderungen

Ein Vulkanausbruch, ein Anschlag, Revolutionen - wie verläuft der Wandel und wie beeinflussen Gesellschaften den Umbruch? Dazu gibt es seit sieben Jahren einen Sonderforschungsbereich. In einer virtuellen Ausstellung, zeigen die Forscher Lehren aus der Vergangenheit für die Gegenwart.

Von Cajo Kutzbach | 02.08.2018

Beide Türme des brennenden World Trade Center in New York stürzen nach dem Terror-Anschlag am 11.9.2001 in sich zusammen.
Beide Türme des brennenden World Trade Center in New York stürzen nach dem Terror-Anschlag am 11.9.2001 in sich zusammen. (picture-alliance / dpa)
"Der Wandel ist überall und das für uns Interessante ist, dass einige dieser Wandlungsprozesse als bedrohlich empfunden werden. Und wenn sie von Einigen bedrohlich empfunden werden, muss es denen noch gelingen, das einer großen Gruppe als wirkliche Bedrohung zu erklären. Und die müssen es dann glauben. Das klappt nur manchmal."
Ewald Frie, Professor für Neuere Geschichte, gehört zu den Tübinger Forschern, die interessiert, wann Veränderungen, wann Wandel als Bedrohung erlebt wird.
Wenn die meisten Menschen gar keine Veränderung wahrnehmen, dann sind sie in der Regel auch nicht ängstlich und fühlen sich und ihre Ordnung nicht bedroht. Ewald Frie:
"Wenn auf der Sach-Ebene gar nichts passiert, dann ist es hoch unwahrscheinlich, dass Menschen an eine Bedrohung glauben. Aber manche Veränderungen gehen unbemerkt vor sich, andere werden skandalisiert, und manche dieser skandalisierten Dinge können dann wirklich große Bedrohungsängste hervorrufen und das kann dann eine Gesellschaft wirklich tiefgreifend prägen."
Um 1520 schrieb ein Nürnberger ein Fastnachtsspiel, in dem sämtliche Vorurteile gegen Juden vorkamen. Das passte dem Rat der Stadt und es wurde aufgeführt. Er hätte es, durch die Zensur, auch verhindern können. So aber wurde bei der Bevölkerung der Eindruck erweckt, es drohe eine jüdische Weltverschwörung.
Lehren für die Gegenwart
"Da kann man sehen, dass solche Medien verschiedenen Zwecken dienen können. Das Theater kann der Unterhaltung dienen, das Theater kann Wege in die Zukunft aufweisen und in diesem Fall eben den Weg in eine Zukunft, die - in der Diktion dieser Zeit "judenfrei" - sein soll. Man will die Juden aus Nürnberg raus haben."
Das Beispiel zeigt, dass man durch die Untersuchung solcher Vorgänge auch etwas für die Gegenwart lernen kann: "Das Medium an sich ist nicht das Problem, sondern die Verwendung dieses Mediums ist das Problem. Das ist die Botschaft, die man aus diesem Projekt sehr schön sehen kann."
Verantwortung und Missbrauch
Medien, egal ob klassische, wie Texte, Bilder, Lieder und Theater, oder moderne, wie Radio, Fernsehen, und Internet, können verantwortungsvoll genutzt, oder aber missbraucht werden.
Die Forscher sind auf sehr unterschiedliche Bedrohungen von Ordnungen gestoßen. So bedeutete die Reformation für viele Klöster die Auflösung, wenn der Fürst beschloss, dass sein Land evangelisch werden solle. Auch seine Untertanen mussten dann den Glauben wechseln.
Klöster waren teilweise große Wirtschaftsbetriebe mit Pfleghöfen in den Städten, die man heute als Handelsniederlassung beschreiben würde. Aber es gab auch Frauenklöster, die kaum Kontakt nach Außen hatten. Für diese Nonnen bedeutete die befohlene Auflösung nicht nur, dass sie ihren Lebensinhalt, ihr Selbstverständnis bedroht sahen, sondern auch ihre wirtschaftliche Existenz. Ähnlich erging es vielen Bauern, Handwerkern und Künstlern, die bisher für Klöster gearbeitet hatten, und denen jetzt die Auftraggeber fehlten.
Muster, wie Menschen ihr Überleben sichern
Aus den vielen Einzelprojekten ergibt sich im Idealfall ein Muster, wie der Kulturwissenschaftler Prof. Reinhard Johler skizziert:
"Die Mischung ist das Tolle, dass man nämlich durch die Zeiten schauen kann und durch die Räume. Und, wenn man das ein bisschen konzentriert macht, möglicherweise Muster erkennen kann; Muster die sich damit beschäftigen, wie Menschen ihr Überleben sichern können, dadurch, dass sie auf Bedrohungen reagieren können."
Als im Jahr 626 Konstantinopel belagert wurde und der Kaiser mit seinem Heer weit weg war, musste die Stadt selbst sehen, wie sie mit der Gefahr umging. Ein kluger Geistlicher ließ so viele Messen lesen und Prozessionen durch die Stadt führen, dass die Bürger so fest an den Beistand Gottes glaubten, dass sie tatsächlich die Feinde in die Flucht schlagen konnten.
Hier wurde, im Gegensatz zu Nürnberg, eine positive Beeinflussung erreicht. Scheinbar war die alte Ordnung erhalten, doch in Wirklichkeit hatten die Bürger gelernt, dass sie ihre Interessen auch ohne den Kaiser und sein Heer verteidigen konnten.
Kombination von Bedrohung und Ordnung
Es scheint öfter vorzukommen, dass eine Bedrohte Ordnung auch zu etwas Neuem führt, das gar nicht so schlecht sein muss. Ewald Frie: "Ein Beispiel wäre die Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung um 1800: Der schnelle Niedergang des Adels, der schnelle Niedergang der ständischen Ordnung, das haben wir in zwei Projekten erforscht, um herauszufinden, wie diese ehemaligen Eliten reagieren. Wie sie versuchen dann auch Unterstützer zu finden, um dann auch neue Wege zu gehen die ständische Ordnung zu erhalten, was nicht funktioniert, was aber dann die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts noch prägt, weil man diesen Versuch der Rettung in die nächste Ordnung übernimmt."
Der Althistoriker Professor Mischa Meier ist Sprecher des SFB, der im Grunde einen neuen Maßstab zur Erforschung der Geschichte anlegt: die Kombination von Bedrohung und Ordnung.
"Grundsätzlich findet immer historischer Wandel statt. Wir konzentrieren uns auf Situationen, die zeitlich sehr übersichtlich sind, in denen wir eine existenzielle Bedrohung feststellen können, in denen wir ein hohes Maß an Kommunikation über diese Bedrohungen sehen und gleichzeitig beobachten können, dass diese Kommunikation Handlungsdruck auslöst."
"Etwas Mut machen"
Was könnte denn am Ende außer einer viel besseren Kenntnis der geschichtlichen Vorgänge bei dieser Forschung heraus kommen? Ein Leitfaden für die Politik in Krisen? Mischa Maier:
"Ganz so einfach wird es wahrscheinlich nicht gehen, weil historische Situationen immer singulär sind und auch sehr komplex, das heißt, so einfach als Vergleichsfolie und als Handreichung wird es nicht funktionieren. Aber, was wir uns erhoffen sind tatsächlich so gewisse Muster, die sich herausbilden und die wir identifizieren können, über die wir dann gearbeitet haben werden und die wir deshalb dann auch ein bisschen besser beurteilen können."
Aber die vielen untersuchten Krisen, die vielen bedrohten Ordnungen könnten dennoch auch etwas Mut machen, meint Reinhard Johler: "Wenn man gerade an die Gegenwart denkt, in der Bedrohung omnipräsent erscheint und für viele Leute auch unüberwindbar, dass man sich dann auch ein bisschen zurückziehen kann in die Welt oder in die Geschichte und sehen kann: Es ist dann doch irgendwie gestaltbar und das ist, aus meiner Sicht, auch ein positives Signal."