Sonntag, 29. Mai 2022

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Befindlichkeitspop
Popsongs als Lebenshilfe

Viele deutsche Popsongs kommen wie Lebensberater daher. Andreas Bourani, Silbermond oder Unheilig singen vom Durchhalten, Weitermachen und Glücklichwerden. Aber können diese Songs, die für ein Massenpublikum geschrieben werden, vielleicht auch individuell durch schwere Zeiten helfen?

Von Sebastian Witte | 07.04.2016

Der in Augsburg geborene Musiker und Singer-Songwriter Andreas Bourani.
Auch Andreas Bourani liefert mit seinen Popsongs vermeintliche Lebenstipps (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
"Ratschläge sind auch Schläge" heißt es im Volksmund. Ein Rat kann als Bevormundung verstanden werden. Dabei war er vom Ratgeber vielleicht sogar gut gemeint. Macht man das Radio an, schallen einem auch viele Ratschläge entgegen.
"Hey, sei nicht so hart zu dir selbst."
Mainstream-Popsongs, wie die von Andreas Bourani, wollen scheinbar Lebenstipps geben. In der Vergangenheit empfahl Rapper Sido, man müsse auf sein Herz hören und die Band EFF rät mit den Zeilen "Hör auf die Stimme" dazu, der eigenen Intuition zu vertrauen. Auch alles Bevormundungen?
"Ich betrachte diese Texte nicht als Ratschläge. Wir sagen ja auch bei der neuen Popkultur, dass das eine Singer-Songwriter-Kultur ist und dass das das Starke ist, dass die von ihren eigenen Erfahrungen singen", erklärt Psychotherapeut Dietmar Broicher. Aber was ist der Unterschied zwischen einem Freund, der einen Ratschlag gibt und zum Beispiel Andreas Bourani, der aus dem Radio oder den Kopfhörern zu einem spricht?
Durch bestärkende Sätze das Selbstvertrauen verbessern
"Ich bin mir sicher, dass mir das jemand auch so sagen kann, den ich kenne. Der Ratschlag ist: 'Du darfst nicht so hart zu dir selber sein!' Der Satz 'Hey, sei nicht so hart zu dir!' ist aber eher ein Appell an mich selber. Dieses 'Lied -Hey' wird ja von vielen als Appell verstanden, aber ich denke, da sagt jemand eher 'So geh ich mit mir um!'"
Broicher vergleicht diesen Songtext mit der Methode der Selbstinstruktion aus der Verhaltenstherapie. Ziel ist es dabei, durch bestärkende Sätze, die sich eine Person immer wieder selbst sagt, etwa das Selbstvertrauen zu verbessern. "Sei nicht so hart zu dir!" wäre so ein Satz.
"Es fällt mir schwer, ohne Dich zu leben. Jeden Tag zu jeder Zeit, einfach alles zu geben."
Eine persönliche Geschichte erzählt der Chart-Hit "Geboren um zu leben" der Band Unheilig. Der Sänger der Gruppe erklärt in Interviews, der Text handle vom Tod eines guten Freundes. Hier gibt es keine Aufforderungen oder Ratschläge. Kann so eine Geschichte von Tod und Vermissen denn auch helfen?
"Zum Verarbeiten von Lebensereignissen gehört ja erst mal, dass man es annimmt. So wie es ist. Und in dem Text wird ja beschrieben, dass das schwer ist. Das würde ich aber auch jemandem in der Therapie sagen: Dass es keinen Sinn macht, dem aus dem Weg zu gehen, sondern dass man sich damit auseinandersetzen muss."
"Die Songs funktionieren wie ein musikalischer Rorschachtest"
Dietmar Broicher beschreibt darum die Interpreten und ihre Hörerschaft tatsächlich auch als Teile einer globalen Selbsthilfegruppe. Persönliche Songtexte könnten dem Hörer wirklich bei der Krisenbewältigung helfen. Solche Zeilen sind aber vielleicht nicht immer authentisch und werden natürlich auch verfasst, um einen Massenmarkt zu erreichen. Vielleicht finden sich darum so viele Menschen in den Texten wieder, weil sie eigentlich beliebig sind und nur durch das Charisma des Interpreten wirken. "Die Zeit" schrieb über die Band Unheilig: "Die Songs funktionieren wie ein musikalischer Rorschachtest. Wie man hineinhorcht, so schallt es heraus." Der Hörer will sich inmitten der Finanz- und Flüchtlingskrisen also doch nur sicher und verstanden fühlen. Darum verspricht auch ein großer Chaot wie Udo Lindenberg in seiner neuen Single, er würde uns in schweren Zeiten beistehen.
"Ich trag dich durch die schweren Zeiten. So wie ein Schatten werde ich dich begleiten."