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Beim Herrn der Pfeifen

Valley liegt nicht nur in Amerika. Valley liegt an der Mangfallschlucht in Oberbayern und ist bekannt für die größte Orgelsammlung der Welt: Von der transportablen Reiseorgel bis hin zur großen Münchner Domorgel hat Denkmalpfleger Sixtus Lampl mehr als 60 Königinnen der Instrumente zusammengetragen.

Von Susanne Lettenbauer | 29.01.2012

Heftig rumpelt es auf dem Weg nach Valley. Vorbei an Hohendilching. Mitterdarching. Unterlaindern. Immer parallel zur Autobahn A8. So verwinkelt die Ortsnamen hier klingen, so verwinkelt ziehen die enger werden Bundesstraßen, Dorfstraßen, Feldwege ihre Bahn durch dieses oberbayerische Land.

An der Anderlmühle neben der Grubmühle im Mangfalltal ist der Weg zu Ende. Falsche Richtung. Also zurück. Auf der anderen Seite des Tals kommt der Fußballplatz von Valley, eine Weite, die bis zu den Alpen reicht. Dann ein verschlossenes Wirtshaus, auch hier das bayerische Wirtshaussterben. Links nach der Kurve bevor der Weg ins Tal kippt - das Schloss. Besser gesagt zwei Schlösser. Links das neue, rechts das alte.

Durch den Rundbogen sind die Bausünden früherer Jahrzehnte in Form von Betongaragen für die Wohnungen im Schloss zu erkennen. Vor über 1000 Jahren, genauer im Jahr 920 wurde Valley zum ersten Mal erwähnt. Als Grafschaft derer zu Sempt. Da war das 35 Kilometer entfernte München noch nicht einmal die potenzielle Niederlassung von Mönchen. Tausend Jahre später bezogen dero Durchlaut zu Arco von Valley das Neue Schloss, noch einmal 150 Jahre später verkaufte der Graf das baufällige Alte Schloss an Sixtus Lampl. Der Beginn des Orgel-Valley.

Die Klingel scheppert durchs Haus, der Hund bellt. Die Eingangstür ist verschlossen, also um die Ecke, zum Hintereingang, oder potenziellem Caféeingang? Der Hausherr Sixtus Lampl, der an einem Vormittag unter der Woche extra für den Deutschlandfunk an die Tür kommt, hat viel vor mit diesem Alten Schloss. Das wird nicht erst beim Rundgang durch die weltgrößte Orgelsammlung klar:

"Die Orgeln sind an verschiedenen Stellen. Erstens im Obergeschosssaal und dann in den vier Etagen des Speichers bis zum Spitzboden hinauf eingelagert. Den Obergeschosssaal werden wir gleich sehen und hören. Da sind alle spielbar. Dann haben wir große Kelleranlagen gebaut unter dem Hügel. Dann kommt das zweite Hauptgebäude dazu, das ist ein Bundwerkstadl aus der Barockzeit, ursprünglich im Kloster Weyarn, 32 Meter Länge voll gefüllt mit Orgelteilen. "

Sixtus Lampl scheint wie aus der Zeit gefallen. Der Herr der Orgeln, wie man ihn nach kurzer Zeit nur noch nennen mag, sitzt wenig später versonnen am Spieltisch der ersten Orgel im Obergeschosssaal. Springt dann weiter zur nächsten Orgel:

"Das ist hier tatsächlich die alteste, deren Windlade ist schon restauriert, etwa Ende 17. Jahrhundert. Das Äußere ist dann ein Umbau vom 18. Jahrhundert und ist noch sehr malträtiert. Allerdings haben wir es schon ein wenig mit Holz gefestigt, wo die Holzteile gefehlt haben. Die Klaviatur ist auch restauriert. "

Ein Raum gefüllt mit kleinen tragbaren Monstranzorgeln, mittelgroßen Kirchenorgeln aus dem 19. Jahrhundert. Davor etliche Stuhlreihen. Für Besuchergruppen gibt Lampl hier während der zweieinhalbstündigen Führungen immer ein kleines Konzert, erklärt die Geschichte der Orgel.

Dass der Begriff von "organum" stammt, griechisch "Werkzeug". Dass um 246 v. Chr. von Ktesibios, einem Ingenieur in Alexandrien, die erste Orgel, eine "Hydraulis", gebaut wurde, bei der mit Hilfe von Wasser ein gleichmäßiger Winddruck erzeugt wurde und Metallröhren aus Bronze die Spielpfeifen bildeten. Zu seinem Bedauern kann er dieses Exemplar leider nicht vorweisen. Ansonsten hätte er fast alle, sagt der frühere Oberkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege:

"Die älteste wird mit der Windlade aus dem Ende des 17. Jahrhunderts sein und die jüngste ist die einstige große Münchner Domorgel 1957 gebaut, abgebaut 1990."

"Das ist ein Spieltisch, der auch freigeworden ist in der großen Wallfahrtskirche Einsiedel in der Schweiz, weil man dort neue Orgeln gebaut hat. Das war der zentrale Spieltisch. Vollkommen ausgehöhlt, keine Technik, war gar nichts mehr drinnen. Man hat ihn uns übergeben. Ich hab gesagt, was sollen wir damit, wenn die Orgeln nicht mehr da sind. Aber bevor der jetzt auch noch zu Kleinholz gemacht worden wäre, haben wir ihn gern übernommen. Wir haben ihn mit einer ganz neuen Funktion versehen."

In dem ehemaligen Spieltisch liegen Prospekte der Orgelsammlung, ein Flyer über die Veranstaltungen im Alten Schloss ebenso ein Hinweis auf das kleine Büchlein zur Geschichte der Orgelsammlung von Valley, das Lampl im Eigenverlag vertreibt.
Vom Obergeschosssaal läuft der kleine grauhaarige Mann in seinem ausgeblichenen Handwerkerkittel über den marmorierten Steinfußboden Richtung Speicher. Wie alles in diesem Schloss hat auch der Kramsacher Marmorboden seine Geschichte. Doch bleiben wir bei den Orgeln.

Seit 1987 läuft Sixtus Lampl die Treppen zum vierstöckigen Speicher auf und ab. Lagert neue Orgeln ein, bei deren Zerstörung er nicht zusehen kann. Von einigen Orgeln existieren nur noch die Spieltische, von anderen die kunstvoll verzierten Holzverkleidungen, andere wie die alte Münchner Liebfrauendomorgel harrt in unzähligen Einzelteilen ihrer Rekonstruktion:

"Manchmal muss man schon schwer überlegen. Aber es ist erstaunlich, das eine Orgel ein mathematisches System hat. Wenn dieses System erkannt wird, dann weiß man: Es gibt nur einen Platz für jede Pfeife wo sie hingehört. Aber dazu muss man eben das System erkannt haben. "

"Also da wären vorne in der Orgel die Pfeifen. Das ist ein sehr alter Doppelfaltenblasebalg. "

In einer Ecke des Speichers steht ein riesiger Blasebalg. Mindestens zwei kräftige Männer mussten früher das Gebläse bedienen, um den notwendigen Luftdruck für die Manuale zu erzeugen, erzählt Lampl. Heute sind alle der zwölf spielbaren Orgeln mit elektrischem Gebläse ausgestattet.

Die ausrangierten Spieltische und Blasebälge dienen dem ehrgeizigen Denkmalschützer Lampl eher aus didaktischen Gründen: Wer hier auf Schloss Valley eine der gut zweistündigen Führungen bucht, der kennt sich hinterher aus mit pneumatischen Spieltischen, mit dem Unterschied zwischen Bleirohrtraktur, Messingtraktur und Holztraktur. Auch die Gründe für den Einsatz einer Schleiflade oder Kegellade scheinen danach verständlich.

"Ein kleines mathematisches Experiment: Wenn wir eine Schleiflade haben mit 54 Tönen, dann können da acht Register drauf sein, das ist egal, dann bleiben es 54 Töne. Wenn wir eine Kegellade haben mit zehn Registern drauf, dann haben wir nicht 54 Kegelverschlüsse, sondern 540. Damit ist eine Kegellade bei Restaurierungen sehr viel teurer."

Zwei Stunden lang erzählt Sixtus Lampl von Windladen und Wellenbrettern, erklärt den Einfluss der sogenannten Schallbecher auf den Klang. Beim Bau einer Orgel komme es nur auf den richtigen Windkanal. Faszinierend, nicht? Fragt der Herr der Orgeln und schließt die Zollingerhalle auf:

"Das hat Friedrich Zollinger, der war Stadtbaumeister in Berlin, 1917 in der Notlage des ersten Weltkrieges entwickelt für die Ammoniakwerke in Merseburg. Für uns ein ganz großes Geschenk. Diese Lamellenbretter, die das Ganze tragen, dahinter ist nichts, haben eine wunderbare Streuung. Das ist mittlerweile bekannt. Es sind sogar sechs Solisten der Berliner Philharmoniker hierher gekommen, um ihre CD aufzunehmen."

Bedächtig geht es an den Orgeln vorbei. Auch hier wieder Stuhlreihen für regelmäßig stattfindende Konzerte. Wenig später sitzt Lampl an seinem Lieblingsinstrument. Der großen Steinmeyer-Orgel aus Heidelberg. Den gewaltigen Aufbau unzähliger Pfeifen gäbe es ohne ihn nicht mehr. Wie sie dort oben auf der Empore der hauseigenen Zollinger Halle thront, ein Prunkwerk der Romantik. Gleich gegenüber Europas einzige Stiftsorgel mit einem überdimensionalen Altargemälde in der Mitte. Einst in Hamburg beheimatet, dann entsorgt von der orthodoxen Gemeinde. Der Grund: Die Römer ließen gefangene Christen im Kollosseum am liebsten zu Orgelklängen umbringen.

Über die sogenannte ideale Kleinorgel kann sich selbst Sixtus Lampl erheitern. 1939 auf einem Orgelbaukongress entwickelt, quäkt das seltene Stück für heutige Ohren doch recht unangenehm. Egal, ein historisches Zeitzeugnis ersten Ranges, bescheinigen auch Fachleute.

Von der alten Multiplexorgel aus der Zwischenkriegszeit in Wilhelmshaven konnte sich sogar ein Kantor der Dresdner Kreuzkirche nicht losreißen. Äußerst sparsam aufgebaut und oftmals on Orgelbauern belächelt, gehört die Multiplexorgel doch zu den technischen Wunderwerken des 20. Jahrhunderts.

Der ehemalige Oberkonservator am Landesamt für Denkmalpflege Bayern lässt sich von niemanden erzählen, dass die herkömmlichen romantischen Kirchenorgeln unmodern geworden seien. Dass eine Kirche regelmäßig ein neues Prunkstück auf der Empore brauche, egal ob die alte Orgel noch funktioniert oder nicht, findet er absurd. Der Trend zu Keyboard oder Harmonium in Gottesdiensten sei bedauerlich.

Dabei geht es dem Herrn der Orgel nicht nur um mechanische Orgeln. Heute sieht es im Inneren einer Orgel ähnlich aus wie in einem Serverraum einer Computerfirma, zeigt ein Funktionsmodell in der Ausstellung.

"Also das müsste jetzt praktisch sein, dass vom oberen Manual, da ist es blau, dass das Ganze … . Ich schau mal eben, was sich da tut. Also es ist schon so kompliziert, dass ich es selbst noch nicht begriffen habe."

Unzählige Schläuche und Stecker, farblich gekennzeichnet symbolisieren den Weg der Luft bei der pneumatischen Tontraktur. Das Prinzip stammt aus den 70er-Jahren, entwickelt von Siemens, und Sixtus Lampl hat natürlich auch dazu ein Beispiel in seiner Sammlung.

"Warum: Das hat sich einfach so entwickelt. Ich habe es nie so geplant. Die erste Sache war einfach eine Notlage: Wenn ich so eine Orgel nicht übernehme, dann ist sie weg, futsch. Zweite Situation war die Tatsache, dass ich den Leuten klar machen wollte, was sie eigentlich jetzt preisgeben, und damit habe ich die Instrumente vorführen also aufbauen müssen. Dann ging es natürlich auch um den Beweis, den ich antreten musste, wenn der Sachverständige sagte, die Orgel wird nicht mehr, kann man nicht mehr, dann habe ich gesagt, selbstverständlich geht die Orgel, wenn man sie richtig überholt und auch eine Firma nimmt, die das üblicherweise macht."

Lampls Herz hängt an den romantischen Königinnen der Kirchen. Und sein Publikum zeigt ihm, dass das ein Trend ist. Der harte Klang der modernen Orgeln, die für zeitgenössische Musik ausgelegt sind, trifft zunehmend auf Ablehnung. Der warme Klang des 19. Jahrhunderts ist wieder im Kommen. Manche seiner restaurierten Orgeln hat Lampl deshalb schon wieder an Gemeinden abgegeben, die mit ihrer neuen Orgel unzufrieden waren.

Wenn es nach Sixtus Lampl ginge, dann wäre sein Orgelzentrum längst ein Orgelmuseum. Doch das ausschließlich private Geld reicht dafür nicht, der Freistaat Bayern hält sich mit Förderungen zurück. Deshalb bietet er seine Orgelhalle samt Instrumenten zur Miete an, für CD-Einspielungen und Musikaufnahmen. Interessenten gibt es reichlich.

Die Klänge der Orgeln im Kopf geht es wieder hinaus, angefüllt mit den vielen Informationen und Akkorden. Zum Abschied führt der Weg über den Kiesweg Richtung Mangfallschlucht, hinab zur alten Maxmühle.

Beim Blick zurück scheint ein wuscheliger Jungenkopf kurz durch das Fenster zu schauen. Dort oben auf dem riesigen Speicher begann die Geschichte von Bastian aus der "Unendlichen Geschichte". Der frühere Besitzer des Schlosses, Michael Ende, ließ sich hier zwischen den knarrenden Balken inspirieren zu seinem berühmten Buch. Damals noch ohne Orgeln.