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StartseiteKalenderblattProzessbeginn vor 75 Jahren 17.09.2020

Bergen-BelsenProzessbeginn vor 75 Jahren

Am 17. September 1945 begann in Lüneburg der Prozess um das NS-Konzentrationslager Bergen-Belsen. 44 Männer und Frauen mussten sich vor einem englischen Militärgericht für unfassliches Leid und den Tod Zehntausender Häftlinge verantworten. Die deutsche Öffentlichkeit interessierte das wenig.

Von Bernd Ulrich

 Prozess gegen die Wachmannschaft des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor einem britischen Militärgericht in Lüneburg, 16.9.1945 bis zur Urteilsverkündung am 20.11.1945. – Blick in den Gerichtssaal während der Verfahrenseröffnung: Links die Anklagebank, davor die Verteidiger und die Anvertreter (Vordergrund).– Foto, 16.9.1945 | In einer ehemaligen Turnhalle in Lüneburg richtete 1945 ein britisches Militär-Tribunal über die Verbrechen im KZ-Bergen-Belsen. Vorn links die angeklagte ehemalige SS-Wachmannschaft (akg-images)
Lüneburg am 17.09.1945: In diesem improvisierten Gerichtssaal wurde der Prozess gegen die Wachmannschaft des Konzentrationslagers Bergen-Belsen eröffnet. Links: die Anklagebank (akg-images)
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O-Ton Anita Lasker "In Bergen-Belsen gibt es keinen Kamin, das heißt, das Elend wird nicht verbrannt, so wie es in Auschwitz war. Hier haben die Leute gehungert, hier war Typhus, hier war Schmutz, Läuse, keine Hygiene, keine Ambulanz, keine Medikamente. 14 Tage blieben wir ohne Brot. Verpflegung war Rüben mit Wasser, ohne Salz."

So die damals 19-jährige Anita Lasker, später Lasker-Wallfisch, in einem BBC Interview am 16. April 1945, einen Tag nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen durch britische Truppen.

Das Sterben von Anne Frank 

Lasker war mit vielen weiteren Leidensgenossinnen nach der Auflösung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau nach Bergen-Belsen verschleppt worden. Auch Anne Frank und ihre Schwester Margot gehörten dazu. Sie starben vermutlich schon im Februar 1945 an Fleck- und Hungertyphus. Eine Freundin Anne Franks bekam sie noch zu sehen:

 "Sie war da schon ein Skelett. Sie war in eine Decke eingehüllt. Sie konnte ihre eigenen Sachen nicht mehr anziehen, denn die waren voller Läuse."

Die Cellistin von Auschwitz - Anita Lasker-Wallfisch redet im Bundestag
Anita Lasker-Wallfisch mit dem Ordenskreuz MBE (gettyimages / WPA Pool / Yui Mok) (gettyimages / WPA Pool / Yui Mok)Als die 17-jährige Anita Lasker im Dezember 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz kam, rettete das Cello ihr Leben. Ein Porträt der 92-Jährigen, die seit 1946 in London lebt.

Über die Befreiung des Lagers am 15. April berichtete später der englische Militärarzt Glyn Hughes:

"Die Gräben der Kanalisation waren mit Leichen gefüllt, und in den Baracken selbst lagen zahllose Tote, manche sogar zusammen mit den Lebenden auf einer einzigen Bettstelle."

Die Filmaufnahmen von dieser Welt des Grauens gingen um die Welt. Bereits am 17. September 1945 begann ein Militärstrafprozess gegen insgesamt 44 Verantwortliche, in der Hauptsache gegen den Kommandanten des Lagers und weitere SS Aufseher und Aufseherinnen. Den Schauplatz bildete eine alte Turnhalle mitten in Lüneburg. Der 1991 gestorbene Journalist und Schriftsteller Axel Eggebrecht berichtete für den gerade gegründeten Nordwestdeutschen Rundfunk über die zwei Monate andauernde Gerichtsverhandlung. Mitte der 1980er Jahre erinnerte er sich:

O-Ton Axel Eggebrecht "Und nun ging der Prozess los. Und da war es für mich doch erstaunlich, wie dieses Militärtribunal nach 12 Jahren Nationalsozialismus uns sozusagen ein Lehrstück richtiger Justiz vorführte."

"Die Deutschen hatten ganz andere Sachen im Kopf"

Die Verbrechen von Bergen-Belsen mussten bestraft werden. Aber es kam in den Augen der englischen Verantwortlichen noch etwas hinzu – wie der Historiker John Cramer in seiner 2011 publizierten Dissertation über den Bergen-Belsen-Prozess herausfand. In einem Interview fasste er es so zusammen:

O-Ton John Cramer "Sie wollten gern die deutsche Bevölkerung mit dem konfrontieren, was in Auschwitz und Bergen-Belsen passiert war, um eine Art Schockwirkung zu erzielen und daraus dann eben die Bereitschaft umzudenken und sich neu zu demokratisieren. Die Deutschen hatten aber ganz andere Sachen im Kopf."

Die Angst der Zeugen vor den einstigen Lagerherren

Es gelang tatsächlich nur in Ansätzen. Überdies gereichte der große Vorteil des frühen Prozesses – nämlich die sofort festgenommenen Täter und die noch zu Tausenden anwesenden Opfer – auch zu seinem Nachteil. Denn nur allzu oft, das zeigten die Zeugen-Befragungen, herrschte immer noch die Angst vor den einstigen Lagerherren vor. Für die Zeugen verstetigte sich damit ein bestimmter Eindruck, so John Cramer:

O-Ton John Cramer "Der Eindruck, eigentlich gar nicht das ausdrücken zu können, was sie gerne ausdrücken wollten. Also eine Erfahrung mit Justiz zu machen, die sie nachhaltig frustriert hat."

Das galt nicht oder kaum für die Täter. Axel Eggebrecht berichtete über Irma Greese, eine der brutalsten SS-Aufseherinnen.

Der angeklagte ehemaligen Lagerleiter Josef Kramer und die Angeklagte Irma Grese vor dem Gefängnis in Celle. Vor dem britischen Gerichtshof mussten sich im Lüneburger Belsen-Prozess 1945 der Lagerleiter und die Wachmannschaft für den Tod von mehr als 50.000 Menschen in dem Konzentrationslager Bergen-Belsen verantworten. Am 20.11.1945 wurde über elf Angeklagte das Todesurteil verhängt. +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa)Bergen-Belsen-Lagerleiter Josef Kramer und Irma Grese 1945 vor dem Gefängnis in Celle (dpa)

O-Ton Axel Eggebrecht "Wenn man sie zum Beispiel im Verhör fragte: ‚Sie haben also die Gefangenen auch geschlagen?‘ ‚Selbstverständlich, wie soll ich denn sonst Ordnung halten?‘ ‚Ja, sie haben die Gefangenen selbst doch aus so Zellophanbändern Peitschen flechten lassen?‘ ‚Ja, die wirkten besonders gut!‘ Das sagte sie so, dort vor dem Gericht, hab ich in keinem anderen Prozess wieder gehört. Dieser Prozess war so wichtig, weil er schnell war. Und die Leute gar nicht leugneten."

Mehr als 50.000 Todesopfer 

Geleugnet werden konnten die Verbrechen in der Tat nicht. Über 60.000 Menschen befanden sich bei der Befreiung mehr tot als lebendig in Bergen-Belsen. Noch bis Juni 1945 starben weitere 13.000 einstige Häftlinge an den Folgen von Hunger, Durst, Krankheiten und Folter. Axel Eggebrecht:

O-Ton Axel Eggebrecht "Das war der erste große, die Welt interessierende Prozess gegen diese Naziverbrecher. Er hat genau zwei Monate gedauert, vom 17. September bis 17. November. Es war der wirksamste aller Prozesse!"

Elf Angeklagte wurden hingerichtet, 19 weitere zu Haftstrafen verurteilt. Drei Tage nach der Urteilsverkündung in Bergen-Belsen begann der erste Nürnberger Prozess. Er sollte fast ein Jahr dauern.

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