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StartseiteBüchermarktVon der Zögerlichkeit der Macht09.10.2019

Bernd-Lutz und Sascha Lange: "David gegen Goliath"Von der Zögerlichkeit der Macht

Für viele Ostdeutsche ist der 9. Oktober 1989 der entscheidende Tag der Friedlichen Revolution: Zehntausende Menschen zogen damals in Leipzig um den Ring. Als Zeitzeugen erzählen der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und sein Sohn Sascha von dieser bangen wie aufregenden Zeit.

Von Bettina Baltschev

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Kurt Masur spricht während eines Gesprächsforums am 22.10.1989 im Leipziger Gewandhaus - v.l. Bernd-Lutz Lange (l-r), Dr. Roland Wötzel, Dr. Peter Zimmermann, Prof. Kurt Masur, Dr. Jochen Pommert und Dr. Kurt Meyer. (picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Der Kabarettist Bernd-Lutz Lange (hier ganz links im Bild) erlebte den Leipziger Herbst 1989 als Teil der "Leipziger Sechs" (picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
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Als sich am Montag, dem 9. Oktober 1989, die Leipziger einmal mehr versammeln, um für Meinungs- und Reisefreiheit zu demonstrieren, ist die Unsicherheit groß. Ob dieser Abend friedlich enden wird? Hat man nicht gesehen, wie die Kampfgruppen der Arbeiterklasse in der ganzen Stadt Stellung beziehen? Und haben die Krankenhäuser nicht extra Blutkonserven angefordert für den Fall einer gewalttätigen Niederschlagung der Montagsdemo? Wie viele andere halten diese Tatsachen auch den damals 17jährigen Sascha Lange nicht davon ab, trotzdem auf die Straße zu gehen.

"Ich kam an dem Montag, dem 9. Oktober, aus der Berufsschule nach Hause, so gegen Mittag und ich habe das Bild noch vor Augen, meine Mutter stand am Aufwaschtisch und meinte zu mir: Vielleicht wäre es doch nicht so gut, wenn du da heute hingehen würdest. Aber es war sehr halbherzig, für mich stand dann auf jeden Fall fest, dass ich da mit meinen Freunden hin muss, mal gucken, was denn da passiert."

Austausch im Wohnzimmer von Kurt Masur

Und während der Sohn sich mit seinen Freunden trifft, ist sein Vater bereits unterwegs in historischer Mission. Denn anders kann man es wohl nicht nennen, was der Kabarettist Bernd-Lutz Lange gemeinsam mit fünf weiteren Männern plant: einen öffentlichen Aufruf für Besonnenheit und gegen Gewalt. Mit einem Theologen und drei Mitgliedern der SED-Bezirksleitung sitzt Bernd-Lutz Lange am Nachmittag des 9. Oktober im Wohnzimmer des Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur. Der soll noch am selben Abend ein Konzert dirigieren.

"Am Montagvormittag hat Masur in großer Sorge bei der Bezirksleitung den Sekretär für Kultur angerufen, und hat gesagt, ich kann heute Abend nicht Till Eulenspiegel spielen, wenn draußen vielleicht geschossen wird. Was können wir tun? Wir müssen was überlegen. Dann hat sich der Wötzel mit dem Meyer zusammen getan, dann kam noch der Pommert dazu, und dann kam der Telefonanruf, ich hole dich ab und wir fahren zusammen zum Masur. Da saßen wir alle sechs da, jeder brachte seine Gedanken ein, Zimmermann, der Theologe kam dazu, weil er eine Auszeichnung zurückgegeben hatte, wegen des schlimmen Leserbriefes in der LVZ, wo der Kampfgruppenkommandant mit der Waffe drohte, und da musste Wötzel mit ihm ein Gespräch führen, und da hat er gesagt, du kannst gleich mitkommen."

"Wir bitten Sie um Besonnenheit"

Als "Aufruf der Leipziger Sechs" wird der kurze Text in die Geschichte eingehen, der am Abend in den Kirchen, im Radio und über den Stadtfunk verbreitet wird, gelesen von Kurt Masur.

Kurt Masur liest den "Aufruf der Leipziger Sechs: "Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird."

Westwind in Leipzig

In ihrem gemeinsamen Buch "David gegen Goliath. Erinnerungen an die Friedliche Revolution" erzählen Bernd-Lutz Lange und Sascha Lange die Geschichte des 9. Oktober sehr detailreich nach, berichten vom eigenen Erleben und von dem ihrer Freunde und Mitstreiter. Denn trotz des gut gemeinten Aufrufs ist es alles andere als selbstverständlich, dass dieser Tag friedlich endet. Noch in den Wochen zuvor war es zu Festnahmen gekommen, waren Demonstranten mit Gewalt auseinandergetrieben worden. Doch es muss etwas in der Leipziger Luft liegen, dass die Menschen trotzdem auf die Straßen und Plätze treibt. Und obwohl diese Luft von Smog und Kohlestaub vergiftet ist, scheint sie die Bürger der Stadt freier atmen zu lassen als anderswo. So erklärt Bernd-Lutz Lange:

"Wir hatten ja damals noch zweimal im Jahr Buchmesse, im Frühjahr und im Herbst. Und ich habe immer gesagt, wer dort klaut, das ist geistiger Mundraub, und die Studenten haben das gemacht, auch wenn die Exmatrikulation drohte. Wir waren in Leipzig die einzige Stadt in der DDR, die nie so richtig hinter dem Eisernen Vorhang war, wir hatten ein Guckloch. Was ja viele Westdeutsche auch gar nicht wissen, dass die meisten Messegäste in den Wohnungen wohnten, wir hatten ja nicht so viele Hotels. Da gab es Gespräche über Ost und West, da waren Schallplatten und Zeitungen und geschmuggelt Bücher. Das spielte alles eine Rolle."

Kein Schuss fällt

Allerdings ist es nicht allein den Demonstranten und dem "Aufruf der Leipziger Sechs" zu verdanken, dass der 9. Oktober zur einer Zäsur im Herbst 89 wird, die den Protest der DDR-Bürger endgültig zur friedlichen Revolution wandelt. So legt dieses Buch auch Zeugnis davon ab, wie die Staatsgewalt immer mehr erodiert. "Es lebe die Zögerlichkeit der Macht" formuliert Bernd-Lutz Lange es an einer Stelle, herrschte doch seitens der SED-Staatsführung am 9. Oktober 1989 eine ungekannte Stille. Obwohl in der ganzen Stadt bewaffneter Männer stehen, will niemand die Verantwortung übernehmen, weder für noch gegen einen Schießbefehl. Selbst Egon Krenz, zu diesem Zeitpunkt stellvertretendes Staatsoberhaupt der DDR, meldet sich erst beim Einsatzleiter vor Ort, als 70.000 Menschen den Leipziger Innenstadt-Ring bereits einmal umrundet haben und selbst kaum glauben können, dass kein einziger Schuss gefallen ist.

"Das größte Wunder ist eben, dass keiner durchgedreht ist. Also wenn nur zwei Betrunkene die Scheiben eingeschlagen hätten bei der Stasi, hätten die vielleicht schon aus Angst geschossen. Diese Disziplin, diese Ruhe, dass keiner irgendwie einen Anlass gegeben hat einzugreifen, den Begriff Wunder kann man da schon gebrauchen. Der Christian Führer hat ja immer gesagt, die beste Zusammenfassung für die Bergpredigt ist keine Gewalt."

Wiedervereinigung noch undenkbar

Christian Führer ist 1989 Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, ein Zentrum des friedlichen Protestes. Und der, auch daran erinnert dieses Buch, hat ursprünglich durchaus nicht die deutsche Wiedervereinigung zum Ziel, sondern eine reformierte, eine wahrhaft demokratische DDR. Eine Gedanke, der in der Euphorie über den Fall der Mauer jedoch sehr schnell untergeht, wie Sascha Lange sich erinnert.

"Wenn man heute Vertretern dieser bundesdeutschen Gesellschaft sagt, wir sind am 9. Oktober nicht für die Wiedervereinigung auf die Straße gegangen, sondern für eine grundlegend reformierte DDR, dann schläft ihnen manchmal so ein bisschen das Gesicht ein, als wenn man gerne noch in einer Diktatur leben wollte. Die haben noch nicht so die Fantasie, dass wir damals noch nicht diese Fantasie hatten, dass Deutschland wiedervereinigt werden könnte. Das war ja so weit weg und letztlich waren ja auch die beiden Länder sich auch damals schon ziemlich fremd. Und deshalb muss man da auch heute aus bundesrepublikanische Sicht die Gelassenheit haben zu sagen, ja die Leute wollten am 9. Oktober noch nicht die Bundesrepublik Deutschland haben, aber was sie gemacht haben, war trotzdem ein extrem wichtiger Baustein, nicht nur, dass die Diktatur der SED endlich überwunden wird, sondern eben auch, dass letztlich die Wiedervereinigung stattfinden konnte und dass wir heute in einem nach wie vor friedlichen Europa leben."

"David gegen Goliath. Erinnerungen an die Friedliche Revolution" von Sascha und Bernd-Lutz Lange besticht weniger durch eine vollständige Berichterstattung. Die Kraft des Textes liegt eher in der Zeugenschaft der beiden Autoren, die  den Leipziger Herbst noch einmal hautnah miterleben lassen. Während der Schüler Sascha Lange die Ereignisse neugierig beobachtet, trägt der Kabarettist Bernd-Lutz Lange mit dem "Aufruf der Leipziger Sechs" entscheidend dazu bei, dass die Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 nicht in einem Blutbad endet. Und fragt man nach einer Botschaft, die das Buch für die Gegenwart liefert, so ist es wohl die, dass es nicht viel braucht, um Geschichte zu schreiben. In diesem Falle nur ein wenig Courage, ein Blatt Papier mit wohlformulierten Sätzen und 70.000 Gleichgesinnte.

Bernd-Lutz Lange und Sascha Lange: "David gegen Goliath. Erinnerungen an die Friedliche Revolution"
Aufbau Verlag, Berlin, 222 Seiten, 18 Euro

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