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StartseiteInterview"Mit Gleichberechtigung hatte das weniger zu tun"08.03.2019

Berufstätigkeit von Frauen in der DDR"Mit Gleichberechtigung hatte das weniger zu tun"

Frauen in der DDR seien zwar in der Regel berufstätig gewesen, hätten sich aber gleichzeitig um Haushalt und Kinderbetreuung kümmern müssen, sagte Anna Kaminsky von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Dlf. Im Schnitt hätten sie zudem 30 Prozent weniger verdient als Männer.

Anna Kaminsky im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

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ARCHIV - Die Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung, Anna Kaminsky, nimmt am 31.03.2014 während einer Pressekonferenz der Landespressekonferenz Brandenburg in einem Raum des Landtages in Potsdam (Brandenburg) zu den Ergebnissen der Enquete-Kommission zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit Stellung. Foto: Ralf Hirschberger/dpa  (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)
Anna Kaminsky ist Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)
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Ann-Kathrin Büüsker: Es ist Internationaler Frauentag, Frauenkampftag, der Tag, an dem daran erinnert wird, dass Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, auch wenn sie im Deutschland im Grundgesetz steht, noch immer de facto nicht hergestellt ist. Es gibt auch in Deutschland strukturelle Benachteiligungen, beispielsweise wenn es um die Bezahlung geht.

Man kann an diesem Tag auf viele Aspekte der Gesellschaft schauen. Wir wollen jetzt einen historischen Blick wagen auf Frauen, die sich qua politischer Ordnung in gewisser Weise emanzipieren mussten, weil von ihnen erwartet wurde, berufstätig zu sein. Im 30. Jahr des Mauerfalls gucken wir anlässlich des Frauentages auf Frauen in der DDR, wie gleichberechtigt sie dort waren und was die Wende für sie bedeutete. Dazu habe ich vor dieser Sendung mit Anna Kaminsky gesprochen. Sie ist die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie ist selbst in der DDR geboren, war zur Wende Mitte 20 und hat sich 2017 in einem Buch mit der Rolle der Frauen in der DDR auseinandergesetzt. Zu Beginn unseres Gespräches wollte ich von ihr wissen, wie gleichberechtigt Männer und Frauen in der DDR denn tatsächlich waren.

"Von Männern fühlten sich die wenigsten Frauen abhängig"

Anna Kaminsky: Auf dem Papier, das heißt in Gesetzesform, da war sehr viel von Gleichberechtigung die Rede. Frauen sollten den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen. Frauen wurden vielfältige Erleichterungen versprochen. Das Ganze richtete sich aber vor allem darauf, dass Frauen arbeiten gehen sollten. Es ging eigentlich darum, tatsächlich Frauen den Einstieg in die Berufstätigkeit schmackhaft zu machen und sie auch in der Berufstätigkeit zu halten, wenn sie Kinder bekommen würden. Und das hatte natürlich auch geklappt, denn wenn man sich anschaut: Ende der 80er-Jahre waren 92 Prozent der ostdeutschen Frauen berufstätig, und die meisten davon sogar voll berufstätig.

Mit wirklicher Gleichberechtigung oder gar Emanzipation hatte das allerdings weniger zu tun, denn auch in der DDR erreichten Frauen weit weniger als Männer Leitungspositionen. Sie verdienten im Schnitt 30 Prozent weniger als die Männer. Berufe, die vor allem von Frauen ausgeübt worden sind, waren schlechter bezahlt, und man findet vor allem Frauen in den unteren Gehaltsgruppen, während man in den obersten Gehaltsgruppen vor allem Männer findet.

Büüsker: Aber waren die Frauen dadurch, dass sie selbst gearbeitet haben und ihr eigenes Geld verdient haben, nicht auch ein bisschen selbständiger und vielleicht auch selbstbewusster?

Kaminsky: Die Berufstätigkeit und auch die Erfahrung, was man alles leisten kann, aber auch die Erfahrung, dass man finanziell unabhängig ist, materiell auf eigenen Beinen steht, das hat natürlich auch in der DDR dazu geführt, dass die Frauen ein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt haben – zumindest gegenüber den Männern. Von Männern fühlten sich, glaube ich, die wenigsten Frauen in der DDR abhängig.

Das heißt aber nicht, dass nicht sowohl Männer und Frauen in der DDR natürlich von den Männern an der Spitze des Staates, von den Männern, die die Parteilinie vorgegeben haben, die alles bestimmt haben, was in dem Land passiert ist, von denen war natürlich die gesamte Bevölkerung abhängig.

"Frauen hatten die berühmte Zweitschicht"

Büüsker: Aber wenn ich Sie richtig verstehe, dann waren auch in der DDR Frauen in gewisser Weise in eine Art Doppelrolle, sowohl berufstätig als auch zu Hause, die Care-Arbeit leistend, Haushalt und Familie managen. Das klingt dem heutigen Zustand ja fast ein bisschen ähnlich.

Kaminsky: Ja! Was für die DDR auf jeden Fall gesagt werden kann, ist: Dieser große Druck auch zur Berufstätigkeit führte für die Frauen dazu, dass sie die sogenannte, die berühmte Zweitschicht hatten, und es gibt Erhebungen aus der DDR, dass Frauen noch einmal die gleiche Stundenzahl, die sie für den Beruf aufgewandt haben – das waren 40 oder 43 Stunden -, die gleiche Zeit noch mal in den Haushalt und in die Kinderbetreuung investiert haben. Und wenn man bedenkt, dass der Tag ja nur 24 Stunden hat, dann ist das eine enorme Doppel- und Mehrfachbelastung.

Den Vergleich zu heute würde ich in der Tat nicht ganz so ziehen, weil zum einen gibt es heute nicht diesen, auch staatlich verordneten Druck, dass Frauen arbeiten gehen sollen. Und die Umfeldbedingungen sind heute natürlich auch noch andere, was die Verfügbarkeit von tatsächlichen Haushaltshelfern, sage ich mal, und zwar Erleichterungen beim Einkauf, Haushaltsgeräte, die zur Verfügung stehen, betrifft. Aber unabhängig von diesen Bedingungen bin ich, ehrlich gesagt, der Meinung: Wenn man eine Familie hat, den Haushalt schmeißen muss, Kinder hat, gerade wenn sie auch kleiner sind, und dann voll berufstätig ist, das ist in jedem Fall heute oder damals immer eine große Belastung.

"Für viele Frauen gehörte Berufstätigkeit zum Selbstbild"

Büüsker: Trotzdem haben Sie gesagt, dass die Arbeitstätigkeit für die Frauen auch durchaus ein bisschen sinnstiftend gewesen sein kann, dass sie das mit dem Selbstwertgefühl gemacht haben kann. Das ist der Zustand in der DDR, und dann kam die Wiedervereinigung. Inwieweit hat sich da dann was verändert? Sie waren damals ja Mitte 20. Haben Sie die Veränderungen gespürt?

Kaminsky: Für viele Frauen gehörte Ende der 80er-Jahre die Berufstätigkeit zum Selbstbild und hat auch zu dem, was man im Leben erreichen wollte, einfach dazugehört. Viele Frauen erhofften sich Erleichterungen, Teilzeit oder, dass die Hausarbeit, oder das Einkaufen weniger beschwerlich wäre. All das wurde sich erhofft, aber Berufstätigkeit gehörte für die meisten Frauen zu einem selbstverständlichen Frauen- und Selbstbild dazu.

'89/'90 gab es natürlich zum einen erst mal riesige Erwartungen, riesige Hoffnungen, und die sind ja dann relativ schnell auch enttäuscht worden, weil die DDR-Wirtschaft, der Übergang zur Marktwirtschaft natürlich auch mit großen Verwerfungen verbunden war. Das heißt, viele Leute sind arbeitslos geworden, und als erstes wurden die Frauen entlassen in der Regel. Das heißt, Frauen mussten sehr schnell mit diesem neuen Zustand, dass man in der Wirtschaft nicht mehr gebraucht wurde, zurechtkommen – in der Regel eher als das Gros der Männer. Das war das eine, und Frauen mussten dann auch wieder sehr schnell damit klarkommen, dass sie sich umorientieren mussten, neue Berufe lernen, neue Qualifikationen lernen.

Das zweite war, dass für Frauen das, was in der DDR selbstverständlich war, dass man selbst darüber entschieden hat, ob man ein Kind bekommt oder nicht, die Schwangerschaftsabbrüche waren ja in der DDR seit 1972 freigegeben -, auch da wurde ja eine neue Lösung dann bundesweit eingeführt. Auch das war für Frauen eine große Umstellung. Wenn man sich die Zeitschriften-Artikel auch der damals immer noch einzigen DDR-Frauenzeitschrift, der "für Dich" anschaut, dann fängt es '89 an, dass die Frauen eigentlich in den Artikeln der Zeitschrift auf die veränderten Bedingungen vorbereitet werden, wie Arbeitslosigkeit, was ist da zu beachten, wie verminderte Betreuungsangebote für Kinder. Auch das hat sich ja nach 1990 geändert. Und auch natürlich die Frage Schwangerschaftsabbruch oder nicht.

Büüsker: War die Wiedervereinigung dann mit Blick auf weibliches Selbstverständnis und weibliche Chancen eigentlich tatsächlich ein Rückschritt?

Kaminsky: Erst mal ja, aber in den Folgejahren und wenn man den Bogen bis heute schlägt, muss man sagen, dass viele der Dinge, die teilweise in der DDR selbstverständlich waren, sich Frauen und Männer in den vergangenen 30 Jahren auch zurückerobert haben. Wenn Sie bedenken: Seit 2008 gibt es den garantierten Anspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz, was für viele Frauen dafür, dass sie berufstätig sein können, natürlich eine Voraussetzung ist. Ohne das Gefühl und das Wissen, mein Kind ist gut versorgt, fällt es, glaube ich, sehr vielen Frauen schwer, oder auch Männern schwer natürlich, beruhigt einer Arbeit nachzugehen, und für viele ist es natürlich auch einfach überlebensnotwendig, dass sie arbeiten gehen können und Geld verdienen können. Viele der Erleichterungen, die es ja jetzt gibt, mit dem Elterngeld, mit den Elternzeiten, mit dem Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten, mit der Möglichkeit, Teilzeit zu Arbeiten oder auch wieder aus der Teilzeit in die Vollzeit zurückkehren zu können, all das sind ja, glaube ich, tatsächlich auch familienpolitische Erleichterungen, die es für Frauen und auch Männer, glaube ich, erleichtert, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, wobei – und das will ich noch mal betonen – ich denke, das ist immer eine Herausforderung. Es ist immer eine Belastung. Und wenn versprochen wird oder gesagt wird, man könnte das alles mit links unter einen Hut bringen – ich glaube, dass das einfach nicht stimmt, sondern man muss wissen: Wenn man berufstätig ist, einen Haushalt hat und eine Familie hat, das ist immer anstrengend und schwierig, aber es lohnt sich.

"Das Wissen um die eigne Leistungsfähigkeit"

Büüsker: Wenn wir noch mal darauf schauen, wie Arbeit auch das eigene Selbstverständnis prägt. Wissenschaftlerinnen der Uni Leipzig haben jetzt eine Studie im Auftrag von MDR und RBB durchgeführt, und zwar zu Frauen in Führungspositionen. Das Ergebnis ist, dass Frauen aus dem Osten Deutschlands prozentual gesehen häufiger Führungspositionen bekleiden als westdeutsche Frauen. Wie erklären Sie sich das?

Kaminsky: Zum einen, wenn man sich diese Studien anschaut, aber auch die absoluten Zahlen anschaut, dann ist das auch nur eine Minderheit der ostdeutschen Frauen, die überhaupt in diese Positionen gekommen sind. Die Mehrheit der Frauen in Ost und West kommt gar nicht in den Bereich dieser Positionen. Aber dass ostdeutsche Frauen das offenbar besser gemeistert haben als ostdeutsche Männer aufs Gros gesehen, ich denke, das hat natürlich auch viel mit der Sozialisation und den Herausforderungen, die in der DDR zu bestehen waren, zu tun. Diese Erfahrung, man kann genau das gleiche leisten wie Männer, man ist teilweise sogar belastbarer, weil die Erfahrung bestanden hat. Man ist arbeiten gegangen, man hat die Kinder erzogen, man hat den Haushalt gemacht. Ich glaube, dieses Wissen um die eigene Leistungsfähigkeit oder auch die eigene Stärke oder auch die Fähigkeit, große Belastungen auszuhalten, ich denke, das war dann letztlich nach '90 auch ein Startvorteil wieder für ostdeutsche Frauen im vereinigten Deutschland.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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