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StartseiteInterview"Denkt auch an die Menschlichkeit"03.04.2020

Besuchsverbote in Pflegeheimen wegen Coronavirus"Denkt auch an die Menschlichkeit"

Besuchsverbote in Alten- und Pflegeheimen seien dringend notwendig, um die Menschen in den Einrichtungen zu schützen, sagte der Pflegebeauftragter der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, im Dlf. Zugleich sprach er sich dafür aus, Sterbenden die Begleitung durch ihre Angehörigen zu ermöglichen.

Andreas Westerfellhaus im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

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Eine Hospizmitarbeiterin hält die Hand eines todkranken Menschen, der im Hospiz im Bett liegt. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Sterbebegleitung muss auch in Corona-Zeiten möglich sein, meint der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
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Die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland bedroht zunehmend Menschen in Alten- und Pflegeheimen. Deshalb setzen die Bundesländer mittlerweile auf ein Besuchsverbot, damit Angehörige das Virus nicht einschleppen. Trotzdem häufen sich die Todesfälle in solchen Einrichtungen, die Infektionen nicht nur unter Bewohnerinnen und Bewohnern, sondern auch beim Pflegepersonal steigen rasant.

Pflegeheime hätten sich zu hochgefährlichen Orten für Pflegekräfte und alte Menschen entwickelt, sagte der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Familien sind in Sorge und wollen ihre Angehörigen aus Heimen holen. Und Vertreter der Altenpflege fordern eine bessere Ausstattung der Alten- und Pflegeheime im Kampf gegen das Coronavirus.

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Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, sprach im Dlf-Interview von einer schwierigen Situation, da man momentan nicht einschätzen könne, wie die unterschiedlichen Einrichtungen betroffen seien. Er machte aber darauf aufmerksam, dass fast 14.000 stationären Pflegeeinrichtungen und damit der größte Teil in Deutschland derzeit nicht vom Coronavirus betroffen seien. Dies sei ein Ergebnis von gut durchdachten Schutzmaßnahmen.

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Dass es in Pflegeheimen zu Infektionsketten kommen könne, sei nicht auszuschließen, sagte Westerfellhaus. Die jetzt verhängten strikten Besuchsverbote seien jedoch der richtige Weg, um die Menschen dort zu schützen. Für Menschen, die im Sterben lägen, müsse es jedoch möglich gemacht werden, dass sie von ihren Angehörigen in den letzten Stunden ihres Lebens begleitet werden könnten - ohne dabei jedoch die anderen Bewohnerinnen und Bewohner zu gefährden.

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Lesen Sie hier das vollständige Interview.

Dirk-Oliver Heckmann: Mit wieviel Sorge, mit wieviel Optimismus sehen Sie in die kommenden Tage?

Andreas Westerfellhaus: Zunächst auch auf jeden Fall mit Optimismus. Wir sind unbestritten in einer schwierigen Situation, da wir nicht einschätzen können, wie die unterschiedlichen Bereiche von Corona betroffen sind, sowohl in den stationären Krankenhauseinrichtungen als auch der Langzeitpflege. Aber  ich glaube, dass bei dem, was wir zu erwarten haben, auch der Optimismus mit dem Umgang dieser Erkrankung im Vordergrund stehen muss. Wir müssen sorgfältig sein, wir müssen vorsichtig sein, aber wir brauchen auch zum Leben die notwendige Portion Optimismus.

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Heckmann: Das ist schon klar. Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagt allerdings: Pflegeheime, um mal dabei zu bleiben, die hätten sich zu hoch gefährlichen Orten für Pflegekräfte und alte Menschen entwickelt. Was macht Sie optimistischer?

Westerfellhaus: Eins muss man natürlich feststellen, das ist uns allen klar, dass dort gerade in den stationären Pflegeeinrichtungen Menschen leben mit Vorerkrankungen, Menschen, die schon pflegebedürftig sind - übrigens nicht nur alte Menschen, sondern auch junge Menschen -, und dass sie anfälliger sind, an einem solchen Virus zu erkranken, ist klar. Deswegen werden zahlreiche Vorkehrungen letztendlich getroffen.

Ja, wir haben erkrankte Menschen, aber man muss auch sagen, dass der größte Teil, nämlich fast 14.000 stationäre Einrichtungen in Deutschland bislang nicht betroffen sind. Ich glaube, auch das ist ein Ergebnis von gut durchdachten Schutzmaßnahmen.

Übertragungsketten können nicht ausgeschlossen werden

Heckmann: Es soll ja alles unternommen werden, dass das Virus nicht in Pflegeheime und Krankenhäuser eindringt. Allerdings konnte das diese Fälle auch nicht verhindern: Wolfsburg, Würzburg, Köln-Rodenkirchen. Und es werden wahrscheinlich nicht die letzten sein. War das unvermeidlich?

Westerfellhaus: Ich denke, in den individuellen Herausforderungen, weil Sie Wolfsburg ansprechen, entzieht sich meiner Kenntnis, was genau letztendlich im Detail dazu geführt hat. Aber noch mal: Wo Menschen sind, die Vorerkrankungen haben, wo andere Menschen tagtäglich hinein- und rausgehen, in der Pflege, im Bereich der Hauswirtschaftlichkeit und so weiter und so fort, da kommt es zu Kontakten Denn diese Menschen müssen dort, wo sie wohnen und leben, ja versorgt werden. Dass es da zu Übertragungsketten kommen konnte und kommen kann, ist nicht ausgeschlossen. Allerdings muss ich sagen, durch jetzt auch strikte Besuchsverbote sehe ich einen richtigen Weg, genau diese Menschen zu schützen.

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Heckmann: Sie haben die Besuchsverbote angesprochen. Was bedeutet das denn für die Lage der zu Pflegenden? Was hören Sie denn so aus den Pflegeheimen?

Westerfellhaus: Ja, es ist natürlich für die Menschen, für alle Beteiligten schwer, gerade auch für die betroffenen alten Menschen, denen man erklären muss, warum der liebe Angehörige, der sonst jeden Tag kam, nicht mehr kommen darf, oder auch dem Angehörigen dies zu erklären, und auch für diejenigen, die in der Pflege arbeiten, dieses zu erleben. Aber bei der Abwägung von Gütern ist es dringend notwendig, diese Menschen zu schützen, denn sie wohnen dort, sie leben dort und sie brauchen für diese Zeit, in der sie gefährdet sind, unsere ganze Unterstützung.

Menschen im Sterbeprozess nicht alleine lassen

Heckmann: Aber ist es nicht auch unmenschlich, die Menschen ohne Besuch zu lassen?

Westerfellhaus: Das ist eine Frage von Abwägung von Gütern. Unmenschlich ist es, denke ich, auch, sie einer solchen Infektionskette auszusetzen. Ich mache ja deutlich Abstriche, dass ich sage - das haben wir in den Ausnahmefällen auch extra vorgesehen -, dass gerade in Sterbeprozessen es möglich sein muss, diese Menschen nicht alleine zu lassen, alles dafür zu tun, dass sie am Ende ihres Lebens dann auch durch ihre Liebsten, ihre Angehörigen begleitet werden können.

Heckmann: Aber das ist derzeit nicht Realität, oder?

Westerfellhaus: Das ist Realität. Diese Ausnahmemöglichkeiten gibt es. Ich will nicht beschwören, dass der eine oder andere das möglicherweise nicht ganz so in der Einrichtung umsetzt. Deswegen mahne ich immer, denkt auch an die Menschlichkeit, wenn es am Ende des Lebens darum geht, und wenn ich einem Angehörigen einen Schutzkittel anziehen muss, ihm die Handschuhe gebe, dass ich die Hand meines Vaters halten kann in den letzten Minuten seines Lebens, dann ist das etwas, wo ich glaube, was den Menschen ganz, ganz, ganz wichtig ist, die auch Angst davor haben, in einer solchen Situation alleine zu sein. Das ist eine Ausnahmesituation. Die ist geregelt, als Ausnahme definiert, und da fordere ich alle auf, auch diese Kreativität dann einzusetzen und zu nutzen, wie man, ohne andere Bewohnerinnen und Bewohner zu gefährden, letztendlich hier dieses unter Achtung der Menschenwürde möglich machen kann.

Heckmann: Kommen wir zurück auf das Besuchsverbot in Seniorenheimen beispielsweise. Was bedeutet das denn für die Pflegenden auf der anderen Seite, die ja ohnehin schon immer am Limit arbeiten?

Westerfellhaus: Zugegeben: Das bedeutet zunehmende Belastung. Man muss einfach daran denken, dass pflegende Angehörige sehr wohl einen Teil der Betreuung, einen Teil an Leistung dazu beigetragen haben, zu dem Pflegende möglicherweise nicht gekommen sind. Es ist zugegebenermaßen eine wahnsinnig schwierige Zeit, eine wahnsinnig schwierige zusätzliche Belastung nicht nur der Pflegenden selber, sondern auch der Assistenten, des Hauswirtschaftspersonals, des Hausmeisters und so weiter und so fort, die dort arbeiten. Aber eine andere Alternative zum Schutz der Menschen, die dort leben und dort wohnen - da gibt es aus der Sicht der Bundesregierung und auch aus meiner Sicht derzeit keine Alternative.

Schutzkleidung: "Es gibt Engpässe in vielen Bereiche gibt"

Heckmann: Der Norddeutsche Rundfunk, der Westdeutsche Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung, die haben mal versucht herauszukriegen, wie viele vom medizinischen Personal mittlerweile schon vom Virus infiziert sind, und sie berichten, dass das Robert-Koch-Institut bereits mindestens 2.300 infizierte Ärzte und Pfleger meldet. Wahrscheinlich seien es aber deutlich mehr. Sind wir dabei, medizinisches Personal in Lebensgefahr zu bringen, weil Schutzanzüge und Masken beispielsweise fehlen?

Westerfellhaus: Unbestritten ist das, was Sie an Schutzanzügen und den fehlenden Schutzanzügen oder nicht genügend vorhandenen Schutzanzügen ansprechen, auch bei dem Mund- und Nasenschutz ansprechen, etwas, was sich dringend ändern muss und woran wir auch mit Hochdruck arbeiten, die Beschaffung, die Produktion zu verändern. Aber auch da gilt: Diese Pandemie ist etwas, was wir vorher in dieser Form niemals üben konnten. Hier sind Dinge in der Entwicklung auf uns zugekommen, wo eine ganze Welt nach Schutzanzügen, Schutzmaterialien sucht.

Nun muss man auch konstatieren, dass es Engpässe in vielen Bereichen gibt. Aber ich glaube, dass das, was wir im Rahmen der Bundesregierung und auch jetzt zentral im Bundesministerium für Gesundheit auf den Weg gebracht haben, genau diese Engpässe schnellstmöglich zu beheben – da sind wir auf dem richtigen Weg. Ja, das eilt ohne Wenn und Aber.

Heckmann: Aber hätte man da nicht vorsorgen müssen für so einen Fall?

Westerfellhaus: Na ja. Wissen Sie, aus meinem Kenntnisstand war es bislang gar nicht transparent, wieviel Vorrat wird übrigens in den einzelnen Einrichtungen überhaupt vorgehalten. Dass das eine solche Dynamik entwickelt, hat sich im Prozess gezeigt. Niemand von uns hat geglaubt, dass es auf dem Weltmarkt so schwierig ist, den Nachschub zu besorgen, der übrigens in anderen internationalen Staaten mit Maschinen in Deutschland produziert wird und an die wir jetzt nur schwierig herankommen. Deswegen eilt es, die Produktion hochzufahren, und ich kann Ihnen versprechen und versichern, dass wir das mit Hochdruck tun, um genau diesen Engpass sicherzustellen.

Heckmann: Kann die Situation so bleiben, wie sie vor der Krise gewesen ist, oder muss man da nicht umsteuern, solche Dinge in Europa, in Deutschland zu produzieren?

Westerfellhaus: Ich glaube, wir sind schon in vielen Bereichen dabei, und es ist auch erkannt, dass hieraus natürlich am Ende der Krise Lehren gezogen werden. Lassen Sie mich auf eines hinweisen: Wir bekommen im Bundesministerium für Gesundheit und auch in meiner Funktion so viele gute durchdachte und innovative Lösungsangebote, was können wir heute tun, was können wir morgen tun und was danach. Wir haben uns entschieden, ab Montag eine Seite freizuschalten, www.zusammengegencorona.de um genau diese Dinge zu bündeln, um denjenigen Hilfreichungen zu geben, die tagtäglich in dieser Situation nach neuen Lösungen suchen, aber letztendlich auch Veränderungen für die Zukunft einlaufen zu lassen.

Heckmann: Zusammengegencorona.de, sagen Sie. Wann wird die freigeschaltet?

Westerfellhaus: Ich denke, spätestens am Montag.

Ausländische Pflegekräfte sollen wieder einreisen dürfen

Heckmann: Das betrifft dann ja auch die Pflege zuhause. Über zwei Millionen Menschen werden zuhause betreut, vielfach von Familienmitgliedern, aber natürlich auch von Pflegern. Der Verband Häusliche Betreuung und Pflege sagt, nach Ostern würden 100.000 bis 200.000 Menschen, zu Pflegende alleine dastehen, weil viele Kräfte aus Osteuropa in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Was rollt da auf uns zu, wenn die Krankenhäuser voll sind und die Pflegeheime niemanden mehr aufnehmen?

Westerfellhaus: Wir sind hier zusammen in ganz verschiedenen Lösungsvorstellungen unterwegs, wie wir auch andere Kapazitäten in der Versorgungsstruktur, zum Beispiel Rehabilitationseinrichtungen, mit in den Prozess einziehen können. Aber lassen Sie mich ansprechen, was die Rückkehr von ausländischen Pflegefachkräften angeht. Wir haben in einzelnen Gesprächen mit den Ländern geregelt – ich spreche gerade über Polen -, dass alle die, die einen Arbeitsvertrag in Deutschland haben, natürlich auch zurückkehren können und dass die auch durchgelassen werden. Dafür gibt es extra Formulare, die ihnen diesen Grenzverkehr möglich machen. Das wird zusätzlich gerade mit Rumänien und Tschechien ausgehandelt. Das passiert leider Gottes mit allen einzelnen Staates.

Aber bei allem muss man auch sagen: Man darf die Rechnung dabei auch nicht ohne die Beteiligten machen. Wir erfahren von vielen Pflegekräften, die zwar zurückkommen können, die aber aus Angst zuhause bleiben und sagen, ich bleibe jetzt bei meiner Familie, wer weiß, was mich dort letztendlich erwartet. Ja, wir beobachten diese Situation sehr, sehr, sehr genau und müssen dann gucken, wie wir auch im häuslichen Bereich Entlastung schaffen können. Aber das muss immer individuell vor Ort in den Ländern, in den Kommunen entschieden werden, weil wir auch sehen, dass die Belastungssituation regional sehr, sehr, sehr, sehr unterschiedlich ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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