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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenFreundschaft - zwischen Kalkül und Gefühl13.12.2018

BeziehungenFreundschaft - zwischen Kalkül und Gefühl

Beste Freunde, Sportsfreunde, politische Freunde, Facebook-Freunde - es gibt sehr viele unterschiedliche Formen von Freundschaft. In einer Zeit schrumpfender Familien gewinnt Freundschaft als soziales Netz an Bedeutung - doch gleichzeitig droht immer häufiger ihre gezielte Vermarktung.

Von Andreas Beckmann

Zwei Freunde, die sich umarmen. (imago / PhotoAlto)
Vertrauen und Gegenseitigkeit, manchmal auch Nähe - die Grundpfeiler von Freundschaften (imago / PhotoAlto)
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Freundschaft ist potentiell grenzenlos, sagt der Philosoph Rüdiger Zill vom Einstein Forum Potsdam. Sie lasse intimste Nähe zu, freilich ohne Erotik, was sie von der Liebe abgrenze. In ihr entstünden keine Ansprüche auf Exklusivität oder gar Besitz. Freundschaft sei eine Beziehung,  die von allen Beteiligten ausschließlich um ihrer selbst willen eingegangen werde. Doch genau diese Offenheit scheint nach den Beobachtungen von Rüdiger Zill in der postmodernen Gesellschaft zumindest teilweise verloren zu gehen. 

Wir leben in einer Gesellschaft, die zunehmend eine von Einzelkindern wird, also unsere verwandtschaftlichen Beziehungen gehen mehr und mehr verloren. Jedenfalls ist da jetzt die Suche ausgebrochen nach etwas, was im Alter das Netz bildet, das die Familie früher war, und das jetzt uns auffängt. Und da sind die Freunde in den Blick gekommen. Die Freunde, die Ersatz für die Familie werden. 

Frei wie keine andere Beziehung

Aber das würde die Freundschaft überfordern und ihr ihre wichtigste Dimension nehmen, die der Freiheit, meint Anne Cronin, Professorin für Soziologie an der Lancaster University. 

"Freundschaften folgen keinem Drehbuch wie etwa Ehe und Familie. Es gibt keine feststehenden Erwartungen, die zu erfüllen sind. In Familien gehören Pflichten und Fürsorge zum Ideal. Ob die Leute das praktisch so leben, steht auf einem anderen Blatt. In Freundschaften ist alles möglich, was die Beteiligten möchten." 

Genau deshalb sei die Bandbreite von Freundschaften schier unendlich, von der Sportsfreundschaft, die sich weitgehend auf das gemeinsame Spiel beschränke, bis zur intimen Brieffreundschaft. Aber egal welche Form der Freundschaft Menschen pflegen, hat Anne Cronin in Umfragen herausgefunden, auf zwei zentrale Dinge legen alle Wert. 

"Alle, die ich gefragt habe, wünschen sich in einer Freundschaft Vertrauen. Ein Vertrauensbruch führt meist dazu, dass eine Freundschaft am Ende ist. Man möchte sich in einer Freundschaft ungeschminkt zeigen dürfen, ohne dass Schwächen weitergetragen werden. Und alle erwarten, dass Freundschaft auf Gegenseitigkeit beruht. Geben und nehmen müssen sich die Waage halten." 

Vermarktung von Freundschaft

Ob das der Fall ist, bleibt eine reine Gefühlssache. Es lässt sich nicht messen oder quantifizieren, schon gar nicht monetär. Freundschaft ist unbezahlbar, weil sie zwar eine Tauschbeziehung ist, aber eine der wenigen, die sich auch im Kapitalismus noch den Regeln des Marktes entzieht. Auch das ändert sich aber gerade, seit Internet-Unternehmen mit der Freundschaft Geschäfte machen. Das kann eine Firma wie Facebook deshalb so erfolgreich tun, sagt der Herrschinger Literaturwissenschaftler und Philosoph Björn Vedder, weil sie ein wichtiges Bedürfnis ausbeute, das alle antreibt, die Freunde suchen: den Wunsch nach Anerkennung. 

"Wenn wir uns das anschauen, sehen wir, dass Freundschaften auf Facebook ein ideales Mittel sind, um die quantitative Sehnsucht nach Bestätigung und Anerkennung zu befriedigen, weil ich dort mit sehr vielen Menschen bestimmte Aspekte meiner Persönlichkeit und meines Selbstbildes teilen kann und dafür Bestätigung bekomme. 

Und das ohne Risiko, denn bei Facebook gibt es nur den Like-Button, Dislike ist nicht vorgesehen. Indem sie Anerkennung vermitteln, sind Facebook-Freunde in den Augen von Björn Vedder durchaus echte Freunde, auch wenn sie in anderer Hinsicht immer unecht bleiben. 

"Facebook-Freunde, sofern ich sie nicht in der physischen Realität auch habe, sind Freunde, die zum großen Teil aus Kommunikation Intimität gewinnen und damit nie die Intimität erreichen können, die Freundschaften in der physischen Realität haben, weil ich weiß, wie sich die Narbe auf dem Gesicht meines Freundes verzieht, wenn er lacht, weil ich weiß, ob seine Hände hart und knotig sind, weil ich weiß, wie er geht und steht." 

Freundinnen kommen sich näher

So entsteht freundschaftliche Intimität, die bei Freundinnen noch ein bisschen weiter geht als bei Männern, beobachtet Björn Vedder. 

"Weil es dort auch ganz stark einen zärtlichen Ton gibt unter Freundinnen, Liebste, Süße usw., Dinge, die Frauen sich öfter sagen als Männer. Das Gespräch von Frauen ist oft Gesicht zu Gesicht, man guckt sich an und bespricht Dinge ganz intim, und Männer spielen, glaube ich, öfter über Bande. Man redet über ein Drittes und tauscht sich dabei aus oder auch, man geht nebeneinander her und spricht dabei. Der Blick ist nicht zum anderen gerichtet, sondern auf etwas anderes, den Weg den man geht, die Sache, die man erlebt." 

Vor allem Männer, inzwischen aber auch immer mehr Frauen, pflegen so auch ganz unprosaische Formen von Freundschaft, bei denen man sich schon mal fragen kann, ob es überhaupt noch eine ist, zum Beispiel Geschäfts- oder politische Freundschaften. Dass die auf Gegenseitigkeit beruhen, sei ein Muss, betont der Politologe Oleg Kharkhordin von der Europa- Universität St. Petersburg. Aber mit gegenseitigem Vertrauen sei es da meist nicht weit her. 

"Jeder handelt berechnend und keiner redet darüber. In der Hinsicht sind politische Freunde einfach Geschäftsfreunde. Natürlich können politische Freunde auch gemeinsame Wertvorstellungen oder eine Last der Verantwortung teilen. Aber auch wenn sie sich das gegenseitig versichern, wissen sie meist erst am Ende ihrer Karrieren, ob das echte Gefühle waren oder nur Sprechblasen." 

Politik und Freundschaft passen nicht zusammen

Diese Freundschaften beginnen als Zweckbündnisse und gehen selten darüber hinaus, selbst dann nicht, wenn die Beteiligten sich das wünschen. 
Oleg Kharkhordin: "Politische Freundeskreise unterscheiden sich dadurch von persönlichen, dass sie eben Seilschaften sind, die dem einzelnen dienen sollen, voranzukommen und seine Interessen durchzusetzen. Persönliche Freundschaften können wachsen und aufblühen, so würde man über politische Freundschaften niemals sprechen. Wirkliche Nähe kann es da eigentlich nicht geben."

Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass Freundschaften immer unpolitisch bleiben müssten, schränkt Anne Cronin ein. Politische Freundeskreise können ja nicht nur von bereits Mächtigen geschlossen werden, sondern auch von unten wachsen. Viele Graswurzelbewegungen und auch manche Gewerkschaft haben nach ihren Untersuchungen ihren Ursprung in ganz kleinen Gruppen, in denen Menschen sich gegenseitig Mut machten und einander Verbundenheit und Treue signalisierten.

Anne Cronin: "Freundschaften können die Grundlage bilden für neue gesellschaftliche oder politische Bündnisse. Da bewahrheitet sich der klassische feministische Slogan "Das Private ist politisch", im Guten wie im Schlechten. In der MeToo-Bewegung haben Frauen sich auf Grund gemeinsamer Erfahrungen emotional verbündet und damit große Schlagkraft entwickelt. Aber auch rechte populistische Bewegungen formieren sich weniger auf der Basis von politischen Programmen, als auf Grund gefühlter Gemeinsamkeiten der Beteiligten." 

Kameraden sind selten Freunde

Die Rechten, meint Björn Vedder, missverstehen da aber etwas, das merkt man schon an ihrer Sprache. Rechte nennen ihre politischen Freunde gemeinhin gar nicht Freunde, sondern Kameraden. 

"Wir können sehen, dass die Kameradschaft gar nicht taugt für das, was wir in der Freundschaft suchen, denn Kameraden sind Verbündete im Kampf gegen ein Drittes. Würde aber dieses Dritte fortgeschafft, wären wir keine Freunde mehr. Kameradschaften sind Kampfbeziehungen, Verschwörungen, die den Wunsch, von meinen Freunden um meiner selbst geliebt zu werden, widersprechen oder diesen Wunsch nur nachgeordnet zukommen. Und damit sollten wir uns von dem Aspekt der Kameradschaft für persönliche Beziehungen verabschieden." 

Freundschaften mögen oft mit einem gemeinsamen Interesse beginnen, ergänzt Rüdiger Zill vom Einstein Forum Potsdam. Gelebt und gepflegt werden sie aber um ihrer selbst Willen. Gerade das macht sie so wertvoll. 

"Freundschaften entstehen meist aus einem gemeinsamen Handeln. Das Handeln ist das eine und das Reden ist das zweite. Natürlich kann man sagen, das ist etwas, das vielleicht in der Ehe erfüllt werden sollte, aber manchmal braucht man auch einen Ausgleich. Manchmal braucht man auch Momente mit jemandem, der diese ideale Mischung von Nähe und Distanz hat."

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