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StartseiteInterview"Ein Dichter muss immer etwas weitergehen"08.11.2014

Biermann"Ein Dichter muss immer etwas weitergehen"

Wolf Biermann hat seine Kritik an der Linkspartei verteidigt. Die Abgeordneten seien als Gruppe die ideologischen Erben der SED-Diktatur, sagte Biermann im DLF. Er selbst hingegen habe einen Anteil daran, dass diese zusammengebrochen sei - "und das ist ein sehr angenehmes Gefühl".

Wolf Biermann im Gespräch mit Bettina Klein

Wolf Biermann an der Gitarre im Bundestag (picture alliance / dpa/ Wolfgang Kumm)
Der Liedermacher Wolf Biermann sing während der Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestags des Mauerfalls im Bundestag. (picture alliance / dpa/ Wolfgang Kumm)
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Die Politiker der Linkspartei seien aus seiner Sicht "reaktionäre Leute", sagte der Liedermacher Wolf Biermann im Deutschlandfunk. Dabei spielt es für ihn keine Rolle, ob sie aus der ehemaligen DDR stammen oder aus dem Westen: "Die Idioten sind doch gerecht auf Ost und West verteilt", sagte er mit Blick auf Bodo Ramelow, der in Thüringen erster Ministerpräsident der Linken werden will und aus dem Westen kommt. "Die West-Ossis sind manchmal noch blöder als die Original-Ossis", so Biermann.

Biermann war am Freitag während der Gedenkstunde zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Bundestag aufgetreten und hatte dabei die Linksfraktion als "elenden Rest" der SED bezeichnet. Das hatte für Empörung bei den Linken-Politikern gesorgt.


Das vollständige Interview: 

Jürgen Zurheide: Der Deutsche Bundestag hat gestern der Ereignisse vor 25 Jahren gedacht, Höhepunkt ohne Frage der Auftritt, wie eben kurz gehört, des deutsch-deutschen Liedermachers Wolf Biermann. Biermann ist wegen seiner kritischen Haltung 1976 aus der DDR ausgebürgert worden. Deswegen knöpfte er sich vor allen Dingen Die Linke im Bundestag vor, was die natürlich verschnupfte, den anderen eher Spaß bereitet hat. Darf man so parteiisch sein als Gast im Parlament? Hat er überhaupt einfach so reden dürfen, als wäre er Abgeordneter. Ein Wolf Biermann lässt sich den Mund nicht verbieten, war dessen Antwort im Parlament. Wolf Biermann hat mit uns über seinen Auftritt danach gesprochen und auch die Reaktionen darauf. Die Fragen stellt Bettina Klein.


Wolf Biermann: Die einen sind entzückt, die anderen sind wütend, und einige sind gelangweilt. Wie immer im richtigen Leben: sehr gemischt.

Klein: Der Bundespräsident hat sich deutlich vorsichtiger ausgedrückt am vergangenen Wochenende, als er gefragt hat, ob man Teilen der Partei trauen kann, die nun in Thüringen den Ministerpräsidenten stellen will, und ist schon dafür öffentlich auseinander genommen worden. Konnten Sie das eigentlich verstehen?

Biermann: Als Bundespräsident ist er in einer ganz anderen Position als einer, der Gedichte und Lieder schreibt. Das dürfen Sie bei alldem nicht vergessen. Außerdem hat jeder seinen Charakter und seine Profession, müsste man fast so sagen. Ein Dichter, ein politischer Dichter zumal, der muss immer etwas weiter gehen als andere Leute. Das ist fast so was wie eine positive Berufskrankheit.

Klein: Also ich verstehe Sie richtig, Gauck ist in seiner Rolle da zu weit gegangen – wenn er jetzt selbst Dichter oder Liedermacher wäre, hätte er es sagen dürfen, aber in dieser Rolle nicht?

"Gaucks politische Pflicht als Präsident"

Biermann: Ich finde, nach dem, was ich aufgeschnappt habe, denn den genauen Wortlaut kenne ich gar nicht von Gauck, aber ich merke schon so ungefähr aus dem, was darüber erzählt wird, dass er diese Leute kritisiert hat. Und das, finde ich, ist nicht nur sein Menschenrecht als Bürger Gauck, sondern auch seine politische Pflicht als Präsident einer Demokratie. Denn diese Leute, die dort jetzt in Thüringen gewählt werden wollen als – wie heißt das – Ministerpräsident, sind aus meiner Perspektive keine Demokraten, sondern lupenreine Demokraten.

Klein: Woran machen Sie das fest? Es wurde ja auch immer argumentiert, dass der Ministerpräsident, der es nun werden will und soll, Bodo Ramelow, ein Westpolitiker ist.

Biermann: Aus dem Westen kommt –aber die Idioten sind doch gerecht auf Ost und West verteilt! Dazu brauchen Sie mich doch nicht, das wissen Sie doch selber. Und so ein West-Ossi statt ein Ost-Wessi. Die sind manchmal noch blöder und noch verbohrter und noch vernagelter als die Original-Ossis, die wenigstens im richtigen Moment was auf den Kopf gekriegt haben.

Klein: Um bei Ramelow zu bleiben – inwiefern erscheint Ihnen der als vernagelt?

Biermann: Ich kenne den doch gar nicht so genau. Ich unterscheide prinzipiell zwischen jedem einzelnen Menschen – ich kenne auch einige Einzelexemplare der Linken, die ihre eigene Geschichte haben. Denn jeder Mensch ist ja ein Roman für sich. Das gilt übrigens auch für mich und für alle Menschen. Aber als Gruppe sind das die Erben der DDR-Diktatur, und zwar die ideologischen Erben, aber vor allem auch die materiellen Erben! Die haben den Raub aus Jahrzehnten an Land gezogen. Ein Thema, über das man nicht spricht in Deutschland. Aber sie sind aus meiner Perspektive reaktionäre Leute, und da kann es mich überhaupt nicht beruhigen, dass ein Einzelexemplar, der nun aus dem Westen, aus dem Osten, aus dem Knast oder aus dem Politbüro kommt, dass der nun irgendwie sich gewandelt oder gewendet oder was auch immer hat. Auch der, wie hieß der noch, Schabowski, der die Mauer durch ein Versehen geöffnet hat. Er war Mitglied des Politbüros oder wie, und der gehört natürlich zu dieser reaktionären Bonzenschicht, die das Volk unterdrückt haben in der Diktatur.

Klein: Herr Biermann, der CDU-Politiker Arnold Vaatz hat bei uns vor einigen Tagen im Programm gesagt, es erschrecke ihn zutiefst, wie viele Menschen im Westen sich nachträglich mit der SED solidarisierten, mal unbewusst, mal indirekt, aber in dem Bemühen, sie zu exkulpieren. Können Sie das nachvollziehen, geht Ihnen das auch so?

Biermann: Da kann ich nicht mitreden, denn so was erlebe ich kaum. Das passiert nicht dort, wo ich mich bewege. Das weiß ich nicht. Aber eins weiß ich, und ich ahne schon dunkel, dass Sie das mindestens so gut wissen wie ich: Wenn so eine Diktatur zusammenbricht, das kam ja schon gelegentlich vor in der Menschheitsgeschichte, sehr oft, unter uns gesagt, das wissen Sie doch, dann wimmelt es plötzlich von Widerstandskämpfern.

Klein: Auf beiden Seiten.

"Es wimmelt plötzlich von heimlichen Widerstandskämpfern"

Biermann: Von Widerstandskämpfern, und zwar von heimlichen, wo man es nicht gemerkt hat, und von anderen, wo man es nicht gesehen hat. Und dann gilt dieser ironische Satz – haben Sie den vielleicht schon mal gehört –, nach einer Diktatur sagen diese Leute: Wenige waren wir, wenige waren wir, und viele sind übrig geblieben.

Klein: Herr Biermann, wo steht denn Deutschland heute beim Gedenken an den Mauerfall? Wenn Sie mal Revue passieren lassen – wir haben zuletzt vor acht Jahren gesprochen, vor fünf Jahren hatten wir die letzte große Runde, Mauergedenkveranstaltung auch in Berlin – wo steht Deutschland heute, und wo sehen Sie die größten Defizite.

Biermann: Jetzt muss ich Ihnen eine Wahrheit gestehen, das muss aber unter uns bleiben.

Klein: Auf jeden Fall.

Biermann: Will sagen, Sie sollen das gefälligst im Radio senden.

Klein: Ja. Ich bin gespannt.

Biermann: Dieser schreckliche Helmut Kohl, der mir, wie Sie sich wohl denken können, nicht sehr sympathisch ist, nie war, hat doch, als er bei der ersten Wahl nach dem Zusammenbruch der DDR gewählt werden wollte im Osten, die Wahllüge verbreitet, der Osten wird sich in eine blühende Landschaft verwandeln. Können Sie sich erinnern?

Klein: Aber klar.

Biermann: Ja. Und das kostet nur Geld aus der Privatschatulle, nee, wie heißt das?

Klein: Portokasse.

Biermann: Porto! Ja, aus der Portokasse! Wo also das Geld ist für die Briefmarken. Und jetzt muss ich Ihnen eine peinliche Wahrheit gestehen: Dieser Kohl hat mit seiner Wahlpropaganda absolut recht behalten. Er war überhaupt kein Lügner. Die blühenden Landschaften sind gekommen. Etwas später, als manche erwartet haben oder gehofft haben; erheblich teurer, als alle sich denken konnten, aber der Kohl hat nicht gelogen.

Klein: Norbert Lammert hatte Sie eingeladen, Wolf Biermann, und dann auch daran erinnert, dass Sie eigentlich nicht zum Reden, sondern zum Singen im Deutschen Bundestag sind. Er hat darauf vertrauen dürfen, dass Sie sich nicht ganz daran halten. Und dann fiel das Wort von den "Resten der Drachenbrut" mit Blick auf die Linkspartei. Gehen Sie davon aus, dass das noch ein Nachspiel haben wird?

"Ein Drachentöter muss gegen den Drachen kämpfen"

Biermann: Das weiß ich nicht. Schauen Sie, ein Drachentöter muss doch gegen den Drachen kämpfen, sonst ist er eine Witzfigur. Nichts lächerlicher als ein Kaspar ohne Krokodil.

Klein: Aber es sind nur noch die Reste, wie Sie sagen.

Biermann: Ich bin doch nicht dazu da, um diese schäbigen Reste der alten Diktatur zu bekämpfen. Die habe ich doch längst besiegt, und zwar ich nicht alleine, das weiß ich doch selber, sondern die vielen Menschen, die übrigens viel mehr gelitten und durchgemacht haben als Wolf Biermann. Das ist mir doch vollkommen klar. Aber ich habe einen Anteil daran, dass diese Diktatur zusammengebrochen ist, und das ist ein sehr angenehmes Gefühl.

Zurheide: Der Liedermacher und Drachentöter Wolf Biermann. Das Interview führte Bettina Klein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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