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StartseiteInterview"Debatten waren zu erwarten"08.11.2014

Biermann im Bundestag"Debatten waren zu erwarten"

Es sei zu erwarten gewesen, dass Wolf Biermann bei seinem Auftritt im Bundestag zum Gedenken an den Mauerfall nicht nur singen würde, sagte die Linken-Politikerin Susanna Karawanskij im DLF. Dennoch sei es nicht angenehm, wenn man als Partei als "elender Rest" der SED oder "Drachenbrut" bezeichnet werde.

Susanna Karawanskij im Gespräch mit Reinhard Bieck

Logo der Partei Die Linke (picture-alliance / dpa/Wolfgang Kumm)
Susanne Karawanskij (die Linke): "In meiner Familie wurde Biermann nicht gehört" (picture-alliance / dpa/Wolfgang Kumm)
Weiterführende Information

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Reinhard Bieck: Susanna Karawanskij hat den Auftritt von Wolf Biermann im Bundestag miterlebt, als Abgeordnete der Linken aus dem Wahlkreis Nordsachsen. Frau Karawanskij, ich muss jetzt uncharmanterweise mal sagen, dass Sie 34 sind. Aber Ihr Alter ist für unser Gespräch möglicherweise von Bedeutung. Und Sie haben eine lückenlose Ost-Biografie: geboren in Leipzig, Schule, Studium, Arbeit als Politikwissenschaftlerin, Aufstieg in der Linkspartei, alles in Leipzig und Umgebung. Wie hat Ihnen denn das von Norbert Lammert inszenierte musikalische Rahmenprogramm gefallen?

Karawanskij: Es gab ja schon im Vorfeld Debatten darum, die Presse hat darüber berichtet, und wahrscheinlich war auch zu erwarten, dass Wolf Biermann nicht einfach nur singen würde, sondern auch - wer ihn kennt als politische Person - da auch was sagen würde. Aber ich saß ja heute neben Herrn Lammert, dem Bundestagspräsidenten, mit als Schriftführerin eingeteilt im Präsidium und habe das sozusagen aus einer anderen Perspektive, jenseits der Fraktionsperspektive gesehen, und ich frage mal zurück: Wie würden Sie sich fühlen, wenn man als elender Rest oder als Drachenbrut bezeichnet wird? Das ist nicht angenehm.

Bieck: Aber was glauben Sie, warum hat der Bundestagspräsident denn ausgerechnet Biermann eingeladen?

Karawanskij: Das müssen Sie den Bundestagspräsidenten fragen. Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Das Lied, was Biermann gespielt hat, war schön, war, glaube ich, auch angemessen, aber da nicht aus seiner Haut zu können... Ich meine, ich bin 1980 geboren. Ich war neun Jahre alt, als die Wende passierte, als die Wiedervereinigung passiert ist.

Für mich ist das sowieso, sage ich mal, mit einer gewissen historischen Distanz gebunden, auch wenn ich natürlich in der DDR sozialisiert worden bin und als Kind auch aufgewachsen bin.

Bieck: Gibt es denn möglicherweise einen Zusammenhang dieser Einladung mit der politischen Entwicklung in Thüringen, wo zum ersten Mal einer Ihrer Genossen, Bodo Ramelow, Ministerpräsident werden könnte?

Karawanskij: Nun, das mag ich jetzt überhaupt nicht dem Bundestagspräsidenten unterstellen, dass das möglicherweise als Provokation oder so gewertet werden kann.Aber ich denke, dass die Debatte um eine linke Beteiligung an einer Regierung beziehungsweise auch einen Linken als Ministerpräsidenten natürlich auch entfacht ist, natürlich auch um den Begriff Unrechtsstaat in der Präambel beziehungsweise auch um die Bedeutung der Linken im Parteiensystem - klar!

"In meiner Familie wurde Biermann nicht gehört"

Bieck: Frau Karawanskij, Sie haben das gerade schon mal so ein bisschen angedeutet. Wolf Biermann war schon vier Jahre ausgebürgert, als Sie zur Welt kamen. Haben seine Lieder, sein Schicksal als Dissident Sie überhaupt noch erreicht damals?

Karawanskij: Nein. Ich kenne tatsächlich Biermanns Biografie jenseits sozusagen dieses Umstandes der Ausbürgerung, die sicherlich falsch gewesen ist, nicht. Ich kenne sein Oeuvre kaum. In meiner Familie wurde Biermann nicht gehört, oder zumindest bin ich nicht mit seinen Liedern groß geworden.

"Jede Generation hat das Recht, Geschichte neu zu hinterfragen"

Bieck: Aus den Worten Biermanns war heute Groll, Wut, ja ich sage mal, so eine gewisse Traumatisierung herauszuhören. Sie gehören der sogenannten dritten Generation Ost an: Kindheit in der DDR, alles weitere dann im vereinten Deutschland. Die Unterdrückung durch die SED und ihr Regime haben Sie anders als Biermann ja gar nicht mehr richtig kennen gelernt, Sie waren da ein Kind. Tun Sie sich möglicherweise deshalb mit der Vergangenheit der Linkspartei leichter?

Karawanskij: Das ist ganz sicher so. Ich denke, dass jede Generation natürlich auch das Recht hat beziehungsweise in anderen Zeiten groß wird und damit natürlich auch das Recht hat, jeweils auch Geschichte neu zu hinterfragen, neu zu bewerten, so wie es Gregor Gysi auch gesagt hat in seiner Rede, die ja dann nach Biermanns Auftritt und dem Film gefolgt ist. In meiner Generation ist auch ein anderes aufeinander zugehen möglich, neue Diskurse, neue Diskussionen auch um die Frage des geteilten Deutschlands möglich, und insofern ist es ganz klar, dass für die dritte Generation beziehungsweise auch die nachfolgende Generation, für die die DDR nur noch in den Geschichtsbüchern und aus Erzählungen möglich ist oder wahrhaftig wird, dann auch natürlich es möglich ist, dass da auch noch mal wieder ganz anders diskutiert wird. Aber das ist, glaube ich, so der Lauf der Dinge.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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