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StartseiteCorsoZwischen Musik und Kunst29.02.2020

Bilderbuch-AusstellungZwischen Musik und Kunst

Im Fall der österreichischen Band Bilderbuch liegen Pop und künstlerische Reflexion eng beisammen. Im Wiener Museumsquartier dreht sich nun die Kunst-Ausstellung „Approximation by Bilderbuch“ um das Wesen der Band. Es gibt nicht nur Devotionalien zu sehen.

Von Paul Lohberger

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(Luca Müller)
Die "One-Earth-Bühne": Zu sehen in der Ausstellung "Approximation by Bilderbuch" im Museumsquartier Wien (Luca Müller)
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"Wir haben jeweils die Kunstwerke und die Kunst so ausgewählt, dass sie die verschiedenen Facetten auch, die interessant und relevant sind für die Band, beleuchten. Also, hier geht’s um Sexualität, weiter drüben geht’s um den Konflikt in der Gesellschaft mit sowas wie Konsumerismus. Ganz hinten geht’s um Fragen von Sinnlichkeit, wo die Bühne ist und wo es schnell gehen muss. Hier haben wir ne Gitarre, die sich selber spielt, wo so’n bisschen die Frage ist, leben Objekte selber?"

"Die machen halt nicht nur Songs"

Die E-Gitarre, die sich selber spielt, indem der Hals des Instruments zum Arm wird und zurück auf die Saiten greift, steht in einem Schrein. Aus Lautsprechern erklingen E-Gitarrensounds. In der Ausstellung "Approximation by Bilderbuch" geht es nicht nur um die Band Bilderbuch, sondern auch um gesellschaftliche und intellektuelle Diskurse, die immer wieder in ihren Texten verhandelt werden, erklärt Co-Kurator Jannik Schäfer:

"Die machen halt nicht nur Songs, die denken auch die ganze Zeit aktiv mit. Und ich hab auch die ganze Zeit das Gefühl, bei Bilderbuch, von denen kommt immer der erste Impuls für die Richtung, die es die nächsten zwei Jahre hat."

"….ich lese Proust, Camus und Derrida…"

"Als wir auf einmal unsere Smartphones nur noch benutzt haben, hat Maurice davon geredet, wie schlimm es ist, wenn man kein Wifi hat, aber eben immer mit diesem Augenzwinkern..."

"…ich brauch Power für mein‘ Akku, keine Power in mein‘ Akku, Baby leih mir deinen Lader…"

"...und generell ist diese Mischung aus Leichtigkeit und dem Ernst, der Welt ins Gesicht zu gucken, ne Sache, die die ganz gut machen, und dazu immer so’n Ton finden, der irgendwie inspirierend ist."

Man ist nicht automatisch ein Star

Gleich im Eingangsbereich der Ausstellung können sich die Besucher auf eine Bühne stellen. Kameras rundum und ein Bildschirm suggerieren, dass sie sich hier selbst inszenieren können. Aber die Aufnahmen werden verfremdet. Dann flimmern Animationen wie aus Computerspielen über den Bildschirm. Die Botschaft: Wer sich auf die Bühne begibt, muss vieles aushalten. Man ist nicht automatisch ein Star. Direkt gegenüber sind männliche Rollenbilder das Thema:

"Hier bei einem Bild von Boris Camaca, das ist ein Pariser Fotograf, sehen wir Maurice, wie er sehr innig gemeinsam mit einem weiß Hengst in die Kamera schaut, das ist entstanden bei einem Fotoshooting für ein Magazin, bei dem es darum ging, sich mit Männlichkeit auseinander zu setzen, und auch toxischer und schwieriger Männlichkeit."

Maurice Ernst verkörpert hier allerdings eher das Gegenteil, er blickt verträumt in die Kamera und strahlt eine weiche, laszive Erotik aus.

Ein anderes großformatiges Foto zeigt die Band im Sand vergraben, nur die Gesichter sind frei und schauen in den Himmel. Das Bild ist schwarzweiß, durch die Perspektive wirken die Gesichter riesig. Das Motiv erinnert an die Red Hot Chili Peppers im Wüsten-Video zu "Give It Away", aber auch an das Cover von Deep Purple in Rock, wo die Gesichter der Band als Felsenrelief wie am Mount Rushmore erscheinen. Bilderbuch erscheinen als Rock-Giganten. Das Bild stammt von Elizaveta Porodina.

"Diese Fotografin ist eigentlich ausgebildete Psychologin und arbeitet sehr stark mit ihren Subjekten und hat dann ne Woche lang mit denen auf Fuerteventura extrem stark am Innenleben auch geforscht und geguckt, wie kann man denn für diesen ganzen inneren Prozess und diese Auseinandersetzung und die Transformation, die grade stattfindet, wie kann man da einen bildlichen Ausdruck für finden."

In einer Ausstellung zu einer Rockband dürfen natürlich Devotionalien nicht fehlen: Eine Wand voll weißer Turnschuhe diente mal als Bühnenbild. Das gilt ebenfalls für eine riesige Streetart-Zeichnung, die nun aber schneckenartig eingerollt im Ausstellungsraum installiert wurde. Im hintersten Bereich schließlich steht die "One Earth" Bühne mit zwei Drumkits und großen Deko-Elementen, hier läuft ein exklusiver Musikmix der Band.

"Diese Bühne wird an vier Terminen nicht in der Ausstellung sein – das ist nämlich die echte Bühne von Bilderbuch. Wir sind hier wirklich mittendrin, das sind die Sachen, die genau so auf den großen Bühnen hängen."

Ein riesiger Wasserhahn, ein ebenso riesiges Stück Fleisch und ein Planet mit Ring schweben als Deko-Objekte über der Bühne, davor liegt ein verkabeltes Herz. So kommt unterschwellig die Thematik des Klimawandels ins Spiel, die auch in anderen Beiträgen ein Thema ist – ohne moralischen Zeigefinger und doch präsent.

Ambivalente Referenzen

Vieldeutige und ambivalente Referenzen zeichnen auch die Musik von Bilderbuch aus. Sie schöpft aus der Spannung zwischen scharfem Rocksound und völlig anderen Stilmitteln von Discosoul bis Electro-Rap.

"Maurice sagte mal zu mir vor ein paar Wochen, man guckt auf fertige Ausdrücke und Objekte wie so ne Band, und sieht halt nicht, dass das acht, zehn Jahre waren, an so einen Punkt zu kommen, wo man sich so sehr vertraut und wo man so sehr weiß, was man da tut. Wenn man einen Song von Bilderbuch hört und merkt, der funktioniert, das ist ein Resultat von viel Arbeit und sehr vielen kleinen Schritten, und dasselbe gilt auch für alle Kunstwerke, die hier sind."

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