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StartseiteCampus & KarriereMathematikleistung deutscher Schüler auf niedrigem Niveau05.12.2019

BildungsforschungMathematikleistung deutscher Schüler auf niedrigem Niveau

Nicht einmal die Hälfte der deutschen Abiturienten ist in Mathematik fit genug für die Hochschule. Es mangelt an Grundlagen und vernetztem Wissen. Warum, das ist der Wissenschaft ein Rätsel. Ein Bildungsforscher nennt fehlende Genehmigungen für Untersuchungen an Oberstufen als einen der Gründe.

Von Sebastian Engelbrecht

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Der Vorsprung von Jungen vor den Mädchen in der Mathematikleistung ist zwischen 2012 und 2018 gesunken (imago stock&people)
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Schon seit vielen Jahren sind die Hochschulen nicht zufrieden mit dem Leistungsniveau der deutschen Abiturienten im Fach Mathematik. Nur 45 Prozent von ihnen erreichen den "Regelstandard". Die Mehrheit ist also mathematisch nicht reif für die Hochschule. Das hat Petra Stanat vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Berliner Humboldt-Universität in einer Studie herausgestellt:

"Was wir sehen, ist, dass es doch einen relativ hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern gibt, die überhaupt kein Interesse an Mathematik haben. Vor allem bei den Mädchen, aber auch bei den Jungen ist der Anteil recht hoch, und vor allem hat er sich bei den Jungen ungünstig entwickelt zwischen 2012 und 2018. Allerdings sehen wir bei den Jungen insgesamt eine ungünstige Entwicklung in den Interessen auch an den naturwissenschaftlichen Fächern."

Mangel an Grundlagen aus der Mittelstufe

Stanat stellte fest, dass die mathematische Kompetenz der Schülerinnen und Schüler auf niedrigem Niveau stagniert. In fünf Bundesländern hat sie sich zwischen 2012 und 2018 verschlechtert: in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und in drei ostdeutschen Ländern - Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Es mangelt an vernetztem Wissen, an Überblickswissen. Grundlagen aus der Mittelstufe sind den Oberstufenschülern schon nicht mehr im Kopf. Den Befund der Studie von Petra Stanat bestätigt Professor Olaf Köller, Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik in Kiel:

"Die Ergebnisse sind sehr robust eigentlich seit 20 Jahren. Wir sehen immer wieder: Nicht mehr als ein Drittel der Abiturientinnen und Abiturienten beherrscht wirklich die Mathematik der Oberstufe."

Die Frage, woran es liegt, dass deutsche Schülerinnen und Schüler die Mathematik so schlecht beherrschen und sich nur wenig dafür interessieren, gibt der Wissenschaft Rätsel auf:

"Wir können jetzt auch nicht die weitere Öffnung des Gymnasiums dafür verantwortlich machen, sondern wir hatten im Fach Mathematik schon immer ein Problem. Und das ist auch fachspezifisch. Es betrifft die Mathematik, es betrifft teilweise auch die Physik, über die wir aber weit weniger wissen. Es betrifft beispielsweise nicht das Fach Englisch."

Der Vorsprung von Jungen vor den Mädchen bei den Leistungen in der Mathematik ist zwischen 2012 und 2018 gesunken. Hierfür hat die Psychologin Petra Stanat von der Humboldt-Universität eine Erklärung:

"Es könnte unter anderem daran liegen, und da gibt es einige Evidenz dafür, dass in den Schulen mehr Wert gelegt wird auf selbständiges Lernen, selbst organisiertes Lernen, und dass Jungen doch an dieser Stelle größere Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Lernprozesse zu organisieren, zu steuern, auch dranzubleiben als die Mädchen."

Bildungsforschung an Gymnasien

Warum die Bildungsforscher darüber hinaus angesichts der Mathematikschwäche rätseln, erklärt Olaf Köller vom Leibniz-Institut in Kiel:

"Die Gründe sind schwierig herauszubekommen. Das hängt insbesondere damit zusammen, dass, wenn wir Forschung machen wollen in der gymnasialen Oberstufe, wir in der Regel keine Genehmigung bekommen, um Oberstufenuntersuchungen durchzuführen. Sie müssen bedenken: Die Kultusministerien müssen das genehmigen, und die Schulen müssen dann auch ihre Oberstufen öffnen. Und unsere Gymnasien tun sich unheimlich schwer, ihre Oberstufen für Forschung zu öffnen."

Wenn die Diagnose unklar ist, fällt auch die Therapie schwer. Müssen die Lehrer besser fortgebildet werden? Brauchen sie neue Unterrichtsmethoden? Haben die Schüler verlernt, sich zu konzentrieren? Oder müssen Hochschulen und Schulen besser kommunizieren – über Erwartungen an die mathematischen Leistungen? Über all das wird kontrovers diskutiert, an Schulen, unter Bildungsforschern, in Kultusministerien. Schulleiter Markus Spindler wagt eine Antwort:

"Der Unterricht soll vor allem heute Spaß machen. Aber den Spaß bekomme ich nicht, indem im Mathebuch das Thema heißt: ‚Mein Pferd, mein Hamster, mein Handy‘. Den Spaß bekomme ich, indem ich den Schülern vermittle, wie super das ist, etwas zu verstehen, was Mathematiker zum Beispiel im alten Rom, im alten Ägypten vor 2000 Jahren gefunden haben und was man bis heute als Kulturgut der Menschheit betrachten kann."

Spindler glaubt nicht an den Erfolg durch pädagogische Neuerungen. Sein Credo: Üben, üben, üben.

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