Montag, 26. September 2022

Weltbiodiversitätsrat IPBES
Immer noch zu wenig Wertschätzung für die Natur von Politik und Wirtschaft

Ein Wald ist nicht die Summe seiner Bäume und sein Wert misst sich auch nicht am Holzertrag. Denn ein artenreicher Wald ist viel mehr: Sauerstoffproduzent, Wasserspeicher, Lebensraum und Schattenspender. Welchen Wert intakte Ökosysteme haben, beschreibt der Weltbiodiversitätsrat im neuen Report.

Von Volker Mrasek | 11.07.2022

Auf einer sonnendurchfluteten Waldlichtung transportiert ein Arbeiter mit Hilfe einer Baggerschaufel einen großen gefällten Baumstamm.
Bedrohung für das Ökosystem: Gefällte Bäume werden im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso aus dem Regenwald abtransportiert. (imago images/Photoshot/Balance)
Was die Welt tun muss, um den Schwund von Arten und Ökosystemen zu stoppen, kann man seit 30 Jahren nachlesen. Das stehe schon in der Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen von 1992, sagt Martin Quaas, Professor für Biodiversitätsökonomik an der Universität Leipzig:
„Dass wir unser Wirtschaften, unseren Umgang mit der Natur ändern müssen, um die Biodiversität zu erhalten. Und zuletzt auch in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, mit den nachhaltigen Entwicklungszielen – auch diese Agenda fordert eine Transformation der Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit.“

Mangelnde Wertschätzung durch Wirtschaft und Politik

Im heute (11. Juli) veröffentlichten Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES liest man dagegen, dass Politik und Wirtschaft die Natur noch immer nicht genügend wertschätzen. Eigentlich gab es das Ziel, Nachhaltigkeit schon bis zum Jahr 2020 stärker in der Politik zu verankern, sagt Mike Christie, Professor für Umweltökonomie an der Universität für Aberystwyth in Wales und einer der Koordinatoren des neuen Berichtes. Aber:
“Was wir zusammengetragen haben, zeigt: Drei Viertel aller Länder sind ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen. Sie haben es unterlassen, Biodiversitätswerte in ihre Entscheidungen einzubinden. Aus unserem Report wird aber deutlich: Wir können nicht so weitermachen wie bisher, denn es ist nicht nachhaltig, seine Entscheidungen nur am Wirtschaftswachstum auszurichten. Wir müssen weg von dieser Orientierung am Bruttoinlandsprodukt, wir brauchen eines nach grünen Maßstäben.“                                                                                          

Wald nicht nur wertvoll, wenn er Holz liefert

Bisher werde die Natur meist nur dann als wertvoll eingestuft, wenn sie dem Menschen nutze und etwas liefere - Bauholz, Lebensmittel oder Kleidung zum Beispiel. Sie leiste aber viel mehr, und es gebe auch Wege, um das ökonomisch darzustellen, sagt Martin Quaas. Auch er hat an dem neuen Bericht des Weltbiodiversitätsrates mitgeschrieben:
„Zum Beispiel wenn Tropenwälder gefällt werden, wird ja CO2 freigesetzt. Wenn wir den Klimawandel beschränken wollen, dann muss das CO2 an anderer Stelle eingespart werden. Und diese entsprechenden Kosten kann man ansetzen, um zu sagen. Was geht denn da verloren?“    

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Die meisten Studien über Strategien zur Naturbewertung gibt es dem Bericht zufolge in Europa. Und auch die meisten Politikansätze in dieser Richtung. Mike Christie nennt ein Beispiel:
“In der Landwirtschaft ging es in den letzten Jahrzehnten stets um die Maximierung von Erträgen und Profiten. Das führte zu immer größeren Feldern und Monokulturen auf Kosten der Natur. Die neue Agrarpolitik der EU sieht vor, Landwirte dafür zu bezahlen, wenn sie die Umwelt stärker schützen. Es wird auch überlegt, die Pflege von Äckern als CO2-Speicher zu honorieren. Das ist ein Beispiel für eine Politik mit einem viel umfassenderen Blick auf die Leistungen der Natur.    

Maximierung von Erträgen auf Kosten der Natur                                                                                

Auch in Deutschland gebe es gute Ansätze, findet Martin Quaas. Das Statistische Bundesamt sei gerade dabei, eine Art Landkarte der Natur- und Ökosystemwerte für die ganze Republik aufzustellen:
„Das kann zum Beispiel die Bundesverkehrswege-Planung betreffen. Wenn die planen: Wo soll denn eine Straße gebaut werden? Dann können solche Bewertungen von Natur berücksichtigt werden in Kosten-Nutzen-Überlegungen, die vorgeschrieben sind im Bundesverkehrswege-Plan.“                        
Solche Konzepte sind aber bisher nur Stückwerk. In manchen Weltregionen wie in Afrika gebe es so gut wie gar keine, heißt es im neuen Bericht des Weltbiodiversitätsrates, der vor allem eines soll: der Politik Anstöße geben, wie sie Natur und Nachhaltigkeit künftig stärker bewerten und berücksichtigen kann.