Donnerstag, 21.11.2019
 
Seit 11:55 Uhr Verbrauchertipp
StartseiteForschung aktuellWenn die Arten gleichförmiger werden18.10.2019

BiodiversitätWenn die Arten gleichförmiger werden

Überall auf der Welt ändert sich die Zusammensetzung von Arten auf regionaler Ebene - so der Befund eines internationalen Forscherteams. Ein folgenreicher Prozess, denn diese Veränderung der Artenzusammensetzung gefährdet die biologische Vielfalt zurzeit viel stärker als der Verlust an Arten.

Von Monika Seynsche

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Vier Schmarotzer-Makrelen (Carangoides gymnostethus) in hellblauem Wasser über einer Seegraswiese. (picture alliance / Imagbroker)
Makrele gleich Makrele? Die größten Veränderungen in der Artenzusammensetzung haben die Forscher im Meer festgestellt (picture alliance / Imagbroker)
Mehr zum Thema

Klimaschutz und Artenvielfalt Die Agrarpolitik soll grüner werden

Artenvielfalt Bürger pachten Blumenwiesen, um Bienen zu retten

Masterstudium in Addis Abeba Als Auslandsstudent Artenvielfalt in Äthiopien retten

Gefahr durch Monokulturen Der Anbau von Energiepflanzen schadet der Artenvielfalt

"Die Frankfurter Erklärung" "Verlust der Artenvielfalt wie seit Jahrzehnten nicht mehr"

Artenvielfalt "Der Kuckuck verliert Lebensräume"

Über 50.000 Datensätze aus mehreren hundert Studien haben Shane Blowes und seine Kolleginnen und Kollegen ausgewertet. Das Ergebnis widerspricht auf den ersten Blick allen Aussagen zum globalen Artensterben, zumindest wenn man, wie Shane Blowes es getan hat, lokal begrenzte Regionen anschaut.

"Auf diesem kleinen Maßstab verlieren wir keine Arten. Natürlich gibt es Gebiete, in denen neue Arten hinzukommen und andere, in denen Arten verloren gehen. Aber im Durchschnitt bleibt die Zahl der Arten in lokal begrenzten Gebieten gleich."

Größte Veränderungen im Meer

Trotzdem widerlege dieses Ergebnis nicht das globale Artensterben, sagt der australische Biologe vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig.

"Auf lokaler Ebene kommen immer noch Arten neu dazu, weil sie sich von Ort zu Ort bewegen. Da reicht ein Individuum einer Art aus, das in eine neue Region einwandert. Das kann ganz schnell gehen. Um aber eine Art in einem Gebiet zu verlieren, müssen alle Individuen verschwinden. Das dauert viel länger. Diese zeitliche Verschiebung zwischen dem Neuauftreten und dem Aussterben von Arten in einem bestimmten Gebiet erklärt, warum wir auf dem globalen Maßstab Arten verlieren, aber auf einem lokalen Maßstab diese großen Variationen beim Gewinn und Verlust von Arten sehen.

Die größten Veränderungen in der Artenzusammensetzung entdeckten Shane Blowes und sein Team in marinen Ökosystemen. Um bis zu 20 Prozent pro Jahr nehmen dort einige Arten ab und andere zu. Shane Blowes:

"Was wir überall auf der Welt beobachten, ist, dass sich die Artenzusammensetzung in lokalen Gemeinschaften verändert. Das ist wirklich allgegenwärtig."

Wenn überall die gleichen Arten auftreten

Darin sieht der – nicht an der Studie beteiligte - Ökologe Helmut Hillebrand von der Universität Oldenburg das wichtigste Ergebnis der Arbeit. Die Veränderung der Artenzusammensetzung gefährde die biologische Vielfalt zumindest zurzeit viel stärker als der Verlust an Arten, schreibt er in einem Perspectives Artikel in Science.

"Die Geschwindigkeit der Veränderung ist viel höher, als wir das aufgrund von natürlichen Prozessen erwarten würden. Und es führt zu etwas, was wir Homogenisierung nennen. Es treten die gleichen, oft sehr generalistischen Arten überall auf. Und das führt dazu, dass die Unterschiede zwischen den Regionen kleiner werden. Und das wiederum führt dazu, dass das Potential, sich an zukünftige Umweltbedingungen anzupassen, ebenfalls sinkt."

Anpassungsfähigkeit leidet

Denn jede Art hat ihre eigenen Vorlieben und Fähigkeiten, sich an bestimmte Umweltbedingungen anzupassen. Je weniger Arten es gibt, desto mehr leidet dadurch die Anpassungsfähigkeit eines Ökosystems. Damit könnte der von Shane Blowes dokumentierte Umbau der Ökosysteme ganz konkrete Folgen auch für uns Menschen haben. Helmut Hillebrand:

"Um nur mal ein Beispiel zu sagen, wenn eine Beuteart sehr schnell ihre räumliche Verbreitung ändert, die Räuberart aber nicht genauso schnell mitwandern kann, dann kommt es eben zu einem Verlust von einer Interaktion. Und das klingt vielleicht erstmal akademisch, aber es sind eigentlich diese Interaktionen zwischen den Arten, die die Prozesse in den Ökosystemen treiben. Und diese Prozesse wiederum sind das, was die Eigenschaften von Ökosystemen ausmacht, die letztendlich auch für den Menschen bedeutend sind. Also, wenn wir zum Beispiel an Fischertrag denken oder an die Aufnahme von CO2 im Ozean, das sind Prozesse, die durch biologische Wechselwirkungen angetrieben werden. Und wie stark sich die durch diesen rasanten Biodiversitätswandel verändern, verstehen wir nur im Ansatz."

Es geht also nicht um das eine oder andere Bienchen oder Blümchen, das verloren geht, sondern um das Überleben unserer eigenen Art.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk