Biontech-ImpfstoffDer zeitliche Abstand zwischen erster und zweiter Impfung

Der Corona-Impfstoff reicht derzeit nicht aus, um sofort alle Risikogruppen zweimal zu impfen und so maximal zu schützen. Vorliegende Daten deuteten darauf hin, dass der Abstand zwischen den Impfungen durchaus verlängert werden könnte, sagte die Medizinerin Christine Falk im Dlf. Aber es gebe dabei auch Risiken.

Christine Falk im Gespräch mit Ralf Krauter | 06.01.2021

Ein Schild weist den Weg im Impfzentrum in der Messe Köln
Im Impfzentrum in der Messe Köln (Flashpic / Jens Krick)
Update: Die Stiko empfiehlt mittlerweile einen Abstand von sechs Wochen zwischen der ersten und der zweiten Impfdosis für die beiden zugelassenen mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Die Aktualisierung der Empfehlung geschah auf Basis neuer Wirksamkeitsdaten. Die individuelle Schutzwirkung sei sehr gut. Außerdem können so mehr Menschen eine Erstimpfung erhalten, wovon ein positiver Effekt auf Bevölkerungsebene erwartet wird. *
Nicht nur in Deutschland ist der Biontech/Pfizer-Impfstoff knapp. Angesichts der begrenzten Mengen an verfügbarem Vakzin sollen in Dänemark die Impfdosen mit bis zu sechs Wochen Abstand verabreicht werden. So sollen mehr Menschen in einem kürzeren Zeitraum zumindest eine erste Impfung erhalten. Großbritannien will sogar bis zu zwölf Wochen zwischen den beiden Impfungen verstreichen lassen. Auch in Deutschland wird geprüft, die zweite Corona-Impfung zu verschieben, um das Präparat zeitnah mehr Menschen verabreichen zu können.
Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet.
Corona-Impfstoffe in der Übersicht
Wie die Impfstoffe wirken, was über Nebenwirkungen bekannt ist und welche Impfstoff-Kandidaten es noch gibt – ein Überblick.
Die Deutsche Gesellschaft für Immunologie hat eine Stellungnahme veröffentlicht, wonach man mit der Verabreichung der zweiten Impfdosis durchaus etwas warten kann. Professor Christine Falk von der Medizinischen Hannover ist Präsidentin der Deutsche Gesellschaft für Immunologie.

Ralf Krauter: Wie lange könnte man die zweite Spritze maximal hinauszögern?
Christine Falk: Uns war wichtig, dass der Zeitrahmen nicht beliebig ist. Man braucht die zweite Impfung, und wir haben gesagt, aus den Daten, auch aus den Tierversuchen kann man sagen bis zu zwei Monaten, daher kommen die 60 Tage bis zu denen ein Impferfolg auch noch gewährleistet ist, damit auf jeden Fall mit der zweiten Dosis ein wirklicher Schutz vor der Erkrankung und idealerweise vor der Infektion erfolgen kann.

Zweite Impfung bis zu 42 Tage später

Krauter: Und das gilt für beide mRNA-Impfstoffe, also sowohl den von Biontech, wo ja man gerade eigentlich davon ausgeht, dass nach drei Wochen der zweite Schuss erfolgen sollte, und auch für den Moderna-Impfstoff, der jetzt wahrscheinlich heute zugelassen werden könnte offiziell in Europa, wo man bislang davon ausgeht, dass nach vier Wochen der zweite Schuss erfolgen müsste.
Falk: Genau, das ist die Zulassung. Wenn man jetzt sagt, können wir unter Umständen das Fenster nutzen, um mehr Menschen mit einer Erstimpfung zu versehen, dann ist die Frage, wie lange hat man dann auch noch einen sehr verlässlichen Hinweis darauf, dass es noch funktioniert. Da haben wir gesagt, anhand der Daten, die uns vorlagen, bis zu 60 Tagen. Was jetzt passiert ist seit gestern, ist, dass die europäische Zulassungsbehörde EMA anhand der Daten, die denen vorliegen, die aber nicht öffentlich sind, die haben wirklich die detaillierten Studiendaten, gesagt hat, der Zeitraum, den sie vorgeben, ist für den Biontech-Impfstoff sogar bis zu 42 Tagen. Das heißt, was bei uns kommuniziert wurde und was die Vorgabe der Ständigen Impfkommission und des PEI ist, waren diese 21 plus-minus drei, und dann für Moderna wird es, wenn die Zulassung denn erfolgt, 28 sein, aber die europäische Behörde hat schon gesagt, aufgrund der Daten, die ihnen im Detail vorliegen, 42 Tage, ist der Rahmen, der sogar mit der Zulassung abgedeckt ist.
Dadurch, dass das aber so nicht kommuniziert war, kann man jetzt eigentlich sagen, man bewegt sich sogar innerhalb der Zulassung, wenn man bis zu 42 Tage geht. Das wird die EMA – da gibt es heute schon Berichte, dass das veröffentlich wird, und wir werden sehen, wie das PEI und die Ständige Impfkommission sich dann dazu äußert. 42 Tage, wenn man sich auf diesen einigen würde, hätte man ja auch schon viel gewonnen. Man möchte ja nicht beliebig hinten raus den Zeitraum verlängern, weil dann kommt so viel ins Rutschen – von der Logistik über die Frage, wie motiviert sind die Menschen, eine zweite Impfung wirklich dann sich zu holen. Es ist total wichtig, ihnen zu sagen, es braucht die zweite Impfung, den zweiten Schuss, um den kommt man auf gar keinen Fall herum.
Die Leiterin der Infektiologie, Professor Dr. Marylyn Addo, spricht während einer Pressekonferenz am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) mit den Jounalisten. Das Klinikum informierte über den Studienstart mit dem Ebola-Medikament Remdesivir an besonders schwer erkrankten Patienten mit Covid-19.
Infektiologin zu Kombination von Corona-Impfstoffen : "Man sollte da keine Bedenken haben" 
Wer unter 60 ist und erst einmal den Corona-Impfstoff von Astrazeneca bekommen hat, soll als zweite Dosis ein anderes Präparat erhalten. Die Infektiologin Marylyn Addo hält das für sinnvoll: Obwohl die Datenlage noch dünn sei, spreche viel dafür, dass dieser Ansatz sicher sei, sagte Addo am 16.4.2021 im Dlf.

Zweite Impfung ist wichtig für die Stärkung der Antikörper

Krauter: Das ist, Sie haben es gerade vorweggenommen, ja auch ein Argument von Kritikern, unter anderem vorgebracht auch von Anthony Fauci aus den USA, dem recht berühmten Virologen. Der sagt, die Gefahr, dass die zweite Impfung vergessen wird, wenn man das Intervall zwischen erster und zweiter Spritze so lange macht, ist groß, und damit wächst dann das Risiko, dass eine nennenswerte Menge von Menschen keinen Langzeitschutz erzielt, weil der so wichtige Booster-Effekt, der die T-Zell-Immunität anregt, dann ausbleibt. Ist da was dran?
Falk: Die meisten Aussagen von Tony Fauci kann man so, wie sie sind, unterschreiben, und genau diese auch. Das ist genau so. Es gibt wenige Impfungen, wo man das nicht braucht, aber gerade für die mRNA-Impfstoffe, wo wir eben nicht wissen, ob eines ausreichen würde, muss man den sicheren Weg gehen. Deswegen hat er vollkommen recht, indem er sagt, wir brauchen den zweiten Pieks und diese Boost-Impfung, nicht nur, um die T-Zellen als richtige Gedächtniszellen zu aktivieren, sondern die Antikörper können sich auch noch mal verbessern. Das Geniale am Immunsystem ist ja, dass es ganz genau die Zielstruktur erkennt, in diesem Fall dieses Stachelprotein von dem SARS-CoV-2-Virus, und diese Qualität des Immunsystems sollte man doch nutzen, das heißt, möglichst die besten Antikörper auslösen und die beste T-Zell-Antwort. Und das erreicht man nun mal mit dieser zweiten Impfung, deswegen braucht man die. Man kann nicht genug darauf hinweisen, die zweite ist ganz, ganz wichtig.
Krauter: Ein zweites Argument von Kritikern dieser, nennen wir es mal Aufschiebepraxis ist, wenn viele Menschen zunächst nur einmal geimpft werden, bekommt SARS-CoV-2 reichlich Gelegenheit zu mutieren, und zwar so, dass es vielleicht immun werden könnte gegen die Vakzine. Ist das eine ernst zu nehmende Gefahr?
Falk: Die Mutationen sind immer ein Thema. Bei dem SARS-CoV-2-Virus ist es ganz gut, dass es eine Proofreading-Polymerase hat. Das ist Fachchinesisch, heißt aber übersetzt, es überprüft seine eigene Gensequenz immer wieder.

Wir müssen über die nächsten drei Monate kommen

Krauter: Eine eingebaute Fehlerkorrektur eigentlich.
Falk: Genau, eine eingebaute Fehlerkorrektur. Und das ist schon mal ein guter Start. Es mutiert weg, das haben wir gesehen mit dieser Variante aus England und aus Südafrika, das heißt, das Virus versucht natürlich immer, mit Täuschen und Tarnen auch der Immunantwort etwas zu entkommen. Insofern ist es richtig, man braucht eine gute Immunantwort, damit man auch Virus eliminiert und nicht Varianten auslöst oder provoziert. Auch das ist ein Argument dafür, dass man auf jeden Fall zwei Impfungen braucht und dass man nicht einfach irgendwie nach hinten den Zeitraum verlängern kann. Insofern ist der Einwand schon berechtigt, es ist aber nicht zu erwarten, dass wir jetzt mit den wenigen Individuen, die geimpft werden können, schon einen Selektionsdruck ausüben. Das ist einfach noch zu wenig.
Krauter: In den noch aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission heißt es, die Vervollständigung der Impfserie bei Personen, die bereits die erste der beiden notwendigen Impfdosen erhalten haben, hat Priorität vor dem Beginn der Impfung neuer Personen, die noch keine Impfung erhalten haben. Plädieren Sie dafür, diese recht klare Vorgabe bald zu ändern?
Falk: Diese Vorgabe kommt ja aus einer Zeit, als wir noch nicht wissen konnten in Deutschland, wie viel Dosen stehen wann zur Verfügung, und insofern war sie da vollkommen richtig platziert. Die Diskussion ist ja genau aus diesem, man könnte ihn relativen Mangel nennen, entstanden, und da würde ich der STIKO auf gar keinen Fall vorgreifen wollen. Es ist in der Tat die Diskussion, ob es nicht doch eine sinnvolle Maßnahme wäre, mehr Menschen diese Erstimpfung zu ermöglichen. Wenn wir den Nachschub der Impfstoffe gesichert haben, muss man wie gesagt gar nicht weiter diskutieren, dann haben wir auch in dem regulär zugelassenen Zeitpunkt genügend Dosen. Die Frage ist nur, wie kommen wir jetzt über die nächsten drei Monate. Da wäre es zu überlegen – ich bin da sehr vorsichtig, bewusst sehr vorsichtig –, ob man doch die Anzahl der Personen, die zumindest schon mal die Erstimpfung bekommen, erhöhen, um sofort innerhalb dieses idealerweise 42-Tage-Zeitraums, spätestens 60 Tage die zweite Impfung nachzuholen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
* Wir haben den Beitrag aktualisiert, um Missverständnissen vorzubeugen. Die EMA hat ihre Empfehlung erst nach dem Interview ausgesprochen.