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StartseiteInformationen am MorgenWas die USA über Amokläufe wissen26.07.2016

Bittere ErfahrungenWas die USA über Amokläufe wissen

In keinem Land gibt es so viele Amokläufe und Massen-Tötungen wie in den USA. Und nach jeder Tat gibt es eine neue Debatte, was man dagegen tun kann. Allerdings sucht die Wissenschaft noch immer nach einer klaren Antwort.

Von Jan Bösche

Polizisten am Tatort der Columbine High School (dpa/picture alliance/Mark Leffingwell)
Polizisten am Tatort der Columbine High School, an der am 20. April 1999 von zwei Schülern ein Amoklauf verübt wurde. (dpa/picture alliance/Mark Leffingwell)
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Amokläufer sind psychisch krank - das ist eine populäre Erklärung. Darum muss es mehr Hilfe geben für psychisch Kranke - die populäre Lösung. Wissenschaftler tun sich allerdings schwer mit dieser einfachen Erklärung. Der Psychiatrie-Professor Jeffrey Swanson forscht über Waffengewalt und psychische Erkrankungen. Er erklärte bei PBS: "Es ist untypisch für Patienten mit einer psychischen Krankheit, die überwiegende Zahl von ihnen ist nicht gewalttätig und wird es niemals sein. Es ist untypisch für Täter von Waffen-Verbrechen, die meisten von ihnen haben keine psychische Krankheit. Das sind Taten, die von verschiedensten Faktoren ausgelöst werden. Sie sind schwierig vorherzusagen und deswegen schwierig vorzubeugen."

Was macht jemanden zum Amokläufer, zum Massenmörder? Der Kriminologe James Alan Fox erklärt, die Täter seien wütend, verbittert, manchmal depressiv: "Sie sehen sich als jemand, der schlecht und unfair behandelt wurde. Massenmörder töten generell bestimmte Menschen aus bestimmten Gründen."

Den Nachahmer-Effekt nicht überschätzen

Dass es in den USA so einfach ist, an eine Waffe zu gelangen, ist Teil des Problems. Fox meint, strengere Waffengesetze würden das Problem aber nicht beseitigen, denn viele Täter seien vorher noch nie auffällig gewesen.

Der Kriminologe hält wenig von einer anderen, beliebten These: Amokläufer lassen sich von anderen Amokläufen inspirieren. Fox sagte, man dürfe den Nachahmer-Effekt nicht überschätzen: "Es gibt Fälle von Nachahmern. Aber das macht niemanden, der glücklich und gesund ist, zu einem Massenmörder. Alle anderen Charakteristika müssen vorhanden sein. "

Eine Studie der Arizona State Universität hat den Nachahmer-Effekt genauer untersucht. Die Wissenschaftler kamen zu einem anderen Ergebnis: Der Nachahmer-Effekt ist eindeutig messbar. Die Wissenschaftlerin Sherry Towers erklärte bei HuffPost live: "Wir haben herausgefunden, dass Morde, die eine große Medien-Aufmerksamkeit bekamen, ansteckend waren. Es scheint, dass dieser Effekt, den viele seit langem annehmen, echt ist."

Eine zentrale Frage macht die Forscher ratlos

Nach ihren Berechnungen gibt es nach einem Amoklauf einen Zeitraum von 13 Tagen, in dem die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass ein Nachahmer ebenfalls losschlägt. Towers verglich das mit dem so genannten "Werther-Effekt": Berichte über Selbstmorde können andere Selbstmorde auslösen.
Eine zentrale Frage macht die Forscher ratlos: Warum gibt es ausgerechnet in den USA so viele Amokläufe und Massen-Tötungen? Towers: "Kanadier sind der Berichterstattung über diese Tragödien genauso ausgesetzt wie US-Amerikaner. Trotzdem gibt es pro Kopf sehr viel weniger dieser Vorfälle. Es ist klar, dass wir sehr viel herausfinden müssen, was in den USA passiert. Waffen spielen eine Rolle, aber das ist nicht die ganze Geschichte. Was geht in unserer Gesellschaft vor, welche Dynamik lösen solche Ereignisse aus?"

Eine intensivere Forschung könnte Antworten liefern. Das Problem: Dafür gibt es kein Geld. Der Kongress verweigert Bundesbehörden regelmäßig das Geld für Studien, die Waffengewalt genauer untersuchen könnten. Dafür sorgt die allmächtige Waffenlobby.

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