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StartseiteForschung aktuellDichtmaterial in antikem Schiffswrack verrät alte Handelswege01.12.2016

BitumenDichtmaterial in antikem Schiffswrack verrät alte Handelswege

Eigentlich wollten die Forscher vom Britischen Museum Teerklumpen aus einem antiken Schiff untersuchen. Doch dann stellte sich heraus: Der vermeintliche Teer ist in Wahrheit Bitumen. Der Irrtum sollte sich als Glücksfall entpuppen, denn das Material verrät alte Handelswege.

Von Michael Stang

Der Fund des als Grabbeigrabe in der ostenglischen Ausgrabungsstätte Sutton Hoo gefundenen Schiffswracks im Jahr 1939 (imago/ZUMA Press)
Der Fund des als Grabbeigrabe in der ostenglischen Ausgrabungsstätte Sutton Hoo gefundenen Schiffswracks im Jahr 1939 (imago/ZUMA Press)
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Rebecca Stacey, Department of Scientific Research, British Museum, London

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Beim Interview muss Rebecca Stacey zunächst lachen, denn die Chemikerin vom Britischen Museum in London hatte zu ihrer eigenen Überraschung etwas entdeckt, wonach sie gar nicht gesucht hatte:

"Das ist eins dieser Beispiele, die häufig in der Wissenschaft vorkommen, wo man unerwartet auf etwas Spannendes stößt. Wir wollten in unserer Studie eigentlich nur den Teer von verschiedenen Schiffswracks untersuchen und die jeweilige chemische Zusammensetzung analysieren. Eine der Proben war auch der Teer aus Sutton Hoo."

Bei Sutton Hoo handelt es sich um eine archäologische Stätte in Suffolk im Osten Englands. 1939 wurde bei Ausgrabungen ein angelsächsisches Grab aus dem siebten Jahrhundert entdeckt - ein imposantes Schiff, das vermutlich zu einem Kriegsherrn gehörte, der damit symbolisch weiterreisen sollte. Dieses war mit zahlreichen edlen Grabbeigaben versehen, darunter Waffen und Schmuck. Im Schiff selbst wurden auch kleine Teerklumpen entdeckt, die Rebecca Stacey für ihre Studie untersuchen wollte:

"Was wir natürlich anfangs nicht wussten war, dass dieser Teer kein Teer war, sondern Bitumen, was wir erst nach der chemischen Analyse gesehen haben. Dann konnten wir auch klären, woher das Material stammt und welche Bedeutung es in dieser Zeit hatte.

Zuvor dachten Archäologen, dass der vermeintliche Teer zum Schiff gehörte und zur Ausbesserung bereitlag. Dass das jetzt Bitumen war, hat die alte Interpretation natürlich auf den Kopf gestellt."

Bitumen stammt aus dem Mittleren Osten

Zwar sehen Bitumen und Teer mitunter gleich aus, dabei handelt es sich aber um völlig unterschiedliche Stoffe. Während Bitumen aus Erdöl besteht, wird Teer vorwiegend aus Kohle gewonnen und enthält einen hohen Anteil an polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen.

Die Bitumenstücke aus dem Schiff sind dunkel, glänzend und spröde. Die Untersuchung war aufwändig. Die Forscher haben unter anderem gaschromatographische Analysen durchgeführt, zudem Infrarotspektroskopie und auch Isotopen- und Kohlenstoffanalysen. Da Bitumen aus Erdöl entstanden ist, können Chemiker seinen Ursprung geografisch sehr eng eingrenzen:

"Die größte Überraschung war, dass es eben Bitumen und kein Teer war und dass es aus dem Mittleren Osten stammt, vermutlich aus Syrien. Diese Herkunft passt auch gut zur Herkunft der anderen Grabbeigaben.

Das ist der erste Fund von Bitumen aus dem Mittleren Osten auf den britischen Inseln aus dieser Zeit. Wir wissen jetzt noch nicht, wie selten oder häufig ein solcher Fund ist."

Ein Helm aus dem Schiff der Sutton-Hoo-Grabstätte in Suffolk, England in einer Ausstellung des Britischen Museums in London (EPA/ANDY RAIN/dpa picture alliance)Ein Helm aus dem Schiff der Sutton-Hoo-Grabstätte in Suffolk, England in einer Ausstellung des Britischen Museums in London (EPA/ANDY RAIN/dpa picture alliance)

Nun sieht es danach aus, dass es bereits im siebten Jahrhundert rege Handlungsbeziehungen gab, die so vorher noch nicht bekannt waren. Schaut man sich die anderen teils exotischen Grabbeigaben an, etwa die Helme, einen Schild, Gefäße, Schmuck und Textilien, lässt sich eine alte Handelsroute rekonstruieren, die dank des Bitumenfundes nun schlüssig erscheint.

Diese geht von England aus gen Süden bis nach Italien, weiter südöstlich über das Mittelmeer, dann gen Norden über das Schwarze Meer hoch bis nach Skandinavien:

"Das Bitumen passt jetzt natürlich wunderbar zu den anderen Beigaben, etwa den zur Schau gestellten Waffen, den persönlichen Wertgegenständen wie Schmuck und Textilien. Deswegen gehen wir jetzt davon aus, dass das Bitumen auch Teil dieser prestigeträchtigen Beigaben war und eben nichts war, was einen praktischen Nutzen hatte."

Daher sei es denkbar, so Rebecca Stacey, dass dies kein Einzelfund sein muss. Wenn es schon vor 1300 Jahren solche etablierten Handelsrouten gegeben hat, könnten vielleicht auch andere Schiffswracks nicht nur Teer an Bord gehabt haben, sondern auch Bitumen aus dem Mittleren Osten.

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