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StartseiteHintergrundGeschäftsmodell Krebstest28.08.2021

Boom der medizinischen SelbsttestsGeschäftsmodell Krebstest

Schnelle und frühzeitige Gewissheit erhoffen sich die Medizin und Patientinnen und Patienten, wenn es um Krebserkrankungen geht. Verschiedene Hersteller bieten mittlerweile entsprechende Schnell- und auch Selbsttests an, die das für bestimmte Krebsarten leisten sollen. Doch dabei ist Vorsicht geboten.

Von Nikolaus Nützel

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Eine Frau führt einen Corona-Selbsttest durch  (dpa / Christin Klose)
Seit Beginn der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen an medizinische Selbsttests gewöhnt (dpa / Christin Klose)
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Hannes Blankenfeld ist Facharzt für Allgemeinmedizin in München. Anfang Juli erhielt er Post von einer Kollegin: "Ich habe von einer Ärztin aus Hessen eine E-Mail bekommen, in der die Firma Ärzte gesucht hat, die für sie Blut abnehmen, um ihren neuen Test wie auch immer zu vermarkten oder anzuwenden, das ist aus der E-Mail gar nicht klargeworden."

Die Mail ließ Blankenfeld aufmerken. Zyagnum, eine Firma mit Sitz südlich von Darmstadt, wirbt darin für ein neues Früherkennungsprogramm mit den Worten: "Gemeinsam den Krebs besiegen"

Sicherheit ist ein heikles Versprechen

Blankenfeld hat sich neben seiner Tätigkeit als Allgemeinmediziner auf Epidemiologie spezialisiert, also auf die Erforschung der Frage, wie Krankheiten entstehen und sich verbreiten. Was in der E-Mail stand, ließ den Arzt staunen. Die Firma Zyagnum wirbt darin für ihren Bluttest mit dem Namen "PanTum Detect", der bringe – so wörtlich - "Sicherheit bei über 40 Krebsarten". Sicherheit sei in der Medizin allerdings ein ziemlich heikles Versprechen, sagt Blankenfeld, das gelte für alle Produkte dieser Art. So zeigen Tests meist erst mal nur einen Wert an, der über oder unter einer bestimmten Schwelle liegt. Auch ein vermeintlich eindeutiges Ergebnis wirft oft viele Fragen auf.

"Was ist, wenn mein Krebstest - nenne ich Ihnen jetzt mal - positiv ist? Habe ich denn dann wirklich Krebs? Was ist, wenn der Krebstest negativ ist? Bin ich denn dann sicher, dass ich auch keinen Krebs habe?"

Auch ausgereifte Tests könen falsche Ergebnisse liefern

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie haben viele Menschen die Erfahrung gemacht, dass auch technisch gut ausgereifte Tests falsche Ergebnisse liefern können. Eine der Maßzahlen, die anzeigen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Test ein richtiges Ergebnis bringt, heißt in der Fachsprache "Spezifität". Damit wird angegeben, wie oft ein Test für gesunde Menschen bestätigt, dass sie nicht an der Krankheit leiden, nach der gesucht wird. Die Zyagnum AG zum Beispiel wirbt für ihren Krebs-Bluttest mit einer Spezifität von 99 Prozent. Solche Zahlen müsse man aber richtig deuten, sagt der Allgemeinmediziner Blankenfeld.

Fast eine halbe Million Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland an Krebs, über 200 000 sterben jährlich daran. Zwischen 2004 und 2014 hat die Zahl der Neuerkrankungen bei Männern um sechs und bei Frauen um neun Prozent zugenommen. (Den vollständigen Text finden Sie nach dem Download der Hires-Vektor-Datei bzw. der Hires-Datei im PDF-Dokument.) Grafik: Caterine Bollinger, Christoph Goldammer, Redaktion: Sophie Thunemann, Datenerhebung: jährlich, voraussichtlich nächste Daten: Dezember 2018 (dpa-infografik GmbH)Diagnose Krebs (dpa-infografik GmbH)

"Wenn die Spezifität 99 Prozent ist, dann klingt es erst mal super. Aber es bedeutet: von hundert Gesunden hat einer einen falsch-positiven Test. Das heißt, er hat keinen Krebs, aber der Test schlägt an. Mach ich's bei tausend, habe ich zehn positive. Mach ich's bei 10 000, habe ich schon 100 positive Fälle. Das heißt also, ich kriege, wenn ich das in der breiten Fläche streue, und ganz oft mache, ganz viele positive Befunde, die in Wirklichkeit falsch sind. Keiner denkt sich durch, was das bedeutet.  Ein falsch positiver Befund heißt, einem Menschen wird hier gesagt, du hast einen Krebs, und zwar im Frühstadium. Das muss sich jeder mal überlegen, wie man sich da fühlt, wenn man so etwas gesagt bekommt. Das lässt die Leute nicht mehr gut schlafen."

Ergebnisse können Menschen beunruhigen

Der Münchner Allgemeinmediziner ist mit seiner Skepsis gegenüber Krebs-Bluttests nicht allein. Professor Michael Neumaier etwa, der Leiter des Instituts für Klinische Chemie der Universitätsmedizin Mannheim, hält jeden einzelnen Patienten, der bei einem Krebstest ein falsch positives Ergebnis erhält, für einen Patienten zu viel.

"Das bedeutet, dass Sie diese Menschen beunruhigen -  im weit überwiegenden Prozentsatz unnötig - diese Menschen in eine Situation bringen, in der sie sich in die Hände von Ärzten begeben, um weitere Diagnostik über sich ergehen zu lassen, die sehr teuer ist, und aufwändig und auch belastend sein kann. Insofern sind Screening-Tests, so wie sie hier beworben werden, muss man sagen, meines Erachtens überhaupt nicht hilfreich."

  (imago stock&people) (imago stock&people)Krebsdiagnostik - Einfacher Bluttest erkennt frühzeitig Tumore
Ein einfacher Bluttest, mit dem sich Tumoren erkennen lassen, würde die Krebsvorsorge für viele Menschen einfacher machen. Schon 2018 stellten US-Forscher einen solchen Nachweis vor.

Von einem Screening ist in der Medizin dann die Rede, wenn bei einer großen Zahl von Menschen nach einer Krankheit gesucht wird, obwohl bei ihnen keine besonderen Risikofaktoren oder Symptome erkennbar sind. In einigen Bereichen gelten Screenings als hilfreich. Michael Neumaier, der auch im Executive Board des Europäischen Dachverbands der Fachgesellschaften für Labormedizin ist, sieht es aber mit Sorge, wenn Screenings zum Geschäftsmodell gemacht werden sollen. Er erinnert sich an den Skandal rund um einen Bluttest, der Brustkrebs erkennen sollte.

Große Offenheit für Tests

Ärzte der Uni Heidelberg hatten im Februar 2019 den Test in der "Bild"-Zeitung präsentiert, die Zeitung sah darin eine "Weltsensation". Bald stellte sich jedoch heraus, dass viel zu viel versprochen worden war. Eine Reihe hochrangiger Mitarbeiter der Uni Heidelberg verlor ihren Posten, die "Süddeutsche Zeitung" schrieb von einem "Desaster", von einer "weltweiten Lachnummer".

Untersuchung des Magen-Darmtraktes. Ein älterer Mann bei einer Endoskopie liegt seitlich auf dem Operationstisch. Ein Arzt bedient das Endoskop, schaut auf den Monitor und betrachtet die Dickdarmschleimhaut.  (imago / Karsten Schmalz)Untersuchung des Magen-Darmtraktes. Ein älterer Mann bei einer Endoskopie liegt seitlich auf dem Operationstisch (imago / Karsten Schmalz)

Trotzdem könnte das Geschäftsmodell der Krebs-Bluttests inzwischen erfolgversprechender sein als noch vor einigen Jahren, glaubt der Labor-Spezialist Neumaier. Denn die Offenheit in der Bevölkerung für Tests sei inzwischen viel größer als vor der Corona-Pandemie: "Ich denke, dass der Begriff "testen, testen, testen" auch verfangen hat. Früher hat man nur beim Arzt getestet, wenn man zum Arzt gegangen ist, wenn man krank war. Jetzt testet man sich auch wenn man gesund ist, macht einen Antigen-Test, man macht einen PCR-Test. Insofern glaube ich, dass die Scheu oder die Hürde, sich zu testen, selbst zu testen oder testen zu lassen, niedriger ist, als das früher der Fall war."

Früh Hinweise auf eine Krebserkrankung gewinnen

An vielen Universitäten und auch in privaten Forschungseinrichtungen suchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit geraumer Zeit nach Möglichkeiten, um aus Blutproben Hinweise auf eine Krebserkrankung zu gewinnen. Viele Fachleute setzen darauf große Hoffnungen und sehen auch über die Jahre hinweg immer neue Fortschritte. Man müsse bei der Krebsfrüherkennung aber grundsätzlich behutsam vorgehen, sagt Michael Neumaier.

"Ich persönlich habe Patienten gehabt, die durch solche Screening-Tests falsch positiv waren, die jahrelang darunter gelitten haben, dass sie befürchtet haben, dass irgendein Tumor existiert, den nur der Arzt nicht finden kann, und in Wirklichkeit war da gar nichts. Bis man irgendwann gesagt hat, ‚pass mal auf, wir hören einfach zu testen, es wird nichts passieren‘. Und das ist ein sehr schwieriger Schritt."

Keine Stellungnahme der Krankenversicherungen

Zurück zum Krebs-Bluttest der Darmstädter Firma Zyagnum. Sie wirbt im Internet für ihr Produkt im Rahmen eines Vorsorgeprogramms. 139 Euro sollen Interessierte dafür zahlen. Gleichzeitig werden Ärztinnen und Ärzte gesucht, die das Projekt mit voranbringen. In Mails an die Praxen schreibt das Unternehmen, dass der Test in einer Kooperation mit dem privaten Versicherungsunternehmen Hanse Merkur vermarktet werden soll.

Die Hanse Merkur gehört nicht zu den größten Privatversicherern in Deutschland, aber sie bewegt sich im Mittelfeld. Und die Hanse Merkur kooperiert mit der drittgrößten bundesweiten gesetzlichen Krankenkasse, der DAK. Die DAK hat rund fünfeinhalb Millionen Versicherte. Auf die Frage, ob und wie der Krebs-Bluttest bald flächendeckend beworben werden soll, verweist Zyagnum zunächst an die Hanse Merkur. Die allerdings will dazu derzeit keine Stellungnahme abgeben. Die gleiche Antwort gibt die Partner-Krankenkasse DAK: Derzeit keine Stellungnahme.

Was kommt nach dem Test?

Die Biotech-Firma Zyagnum möchte schließlich doch Stellung nehmen, aber nur schriftlich. Der Vorstand reagiert auf die skeptischen Einwände des Labormedizin-Experten Michael Neumaier gegen flächendeckende Krebs-Bluttests mit diesen Worten:

"Wir stimmen Herrn Prof. Neumaier zu, dass die Anforderungen an die Spezifität insbesondere im Gesundscreening hoch sind, um die Anzahl der falsch positiven Befunde gering zu halten. Daher lassen wir derzeit die Einsatzmöglichkeit des PanTum Detect-Tests im Gesundscreening wissenschaftlich und klinisch überprüfen."

Ein Mitarbeiter demonstriert im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) die experimentelle Studienuntersuchung an einem 7-Tesla-Magnetresonanztomographen. Anlässlich des Weltkrebstages werden am DKFZ neueste Entwicklungen bei bildgebenden Verfahren in Diagnose und Therapie von Krebs vorgestellt. (dpa / Uwe Anspach)Experimentelle Studienuntersuchung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) (dpa / Uwe Anspach)

Auf einer Online-Seite, die Zyagnum betreibt, finden sich Berichte von rund drei Dutzend Patientinnen und Patienten, die angeben, sie hätten ihr Blut auf Hinweise auf Krebs untersuchen lassen. Der Tenor: eine sehr hohe Zufriedenheit, in der Summe haben die Patienten auf der Online-Seite 4,7 von 5 möglichen Sternen vergeben. Kein einziger berichtet darüber, dass der Test einen Hinweis auf Krebs ergeben hat, und was dann als nächstes geschehen ist. Die Firma selbst antwortet dazu schriftlich:

"Im Falle eines positiven Testergebnisses werden geeignete bildgebende Verfahren eingesetzt, um den Tumorverdacht zu validieren und zu lokalisieren."

Erkennung sollte Leben verlängern

In der Broschüre, mit der Zyagnum bei Ärzten für eine Zusammenarbeit wirbt, heißt es, die Patienten würden bei einem positiven Ergebnis unter anderem mit modernen Verfahren wie PET/Computertomographie und Magnetresonanztomographie weiter untersucht. Auf die Frage, ob das Versprechen aus der Broschüre "Gemeinsam den Krebs besiegen" tatsächlich so gemeint ist, wie es sich liest, gibt der Vorstand des Unternehmens diese Antwort:

"Natürlich werden wir mit unserem Vorsorgeprogramm den Krebs nicht besiegen. Wir glauben aber fest daran, dass wir in vielen Fällen den Zeitpunkt der Detektion von Krebs nach vorne verlegen. Unumstritten ist, dass frühzeitig erkannte Tumore besser und erfolgreicher behandelbar sind."

Tatsächlich gilt es als gut abgesichert, dass beispielsweise bei Darmkrebs das Leben der Patienten im Schnitt verlängert wird, wenn Ärzte nach dieser Krebsart mit Screening-Tests suchen. Aber genau diese Anforderung müsse eine Krebs-Früherkennung auch erfüllen, sagt die Münchner Medizinprofessorin Eva Grill.

"Dass der Test tatsächlich nicht nur Tumore erkennt, sondern auch die Sterblichkeit beeinflusst. Das heißt, in dem Moment, in dem ich etwas erkenne, was dann letzten Endes auch behandelt wird - frühzeitig erkenne - muss ich den Beweis antreten, dass ich damit dem Patienten, der Patientin tatsächlich auch nutze. Denn allein nur zu wissen, dass da vielleicht etwas sein könnte oder dass da etwas ist, das ist zu wenig."

Auch ein früh erkannter Krebs ist nicht immer heilbar

Grill ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie. Sicherheitsversprechen von Firmen, die Bluttests vermarkten, sieht sie kritisch. "Wir arbeiten nicht mit der Sicherheit, sondern mit der Wahrscheinlichkeit. Und die Aussage Sicherheit, die finde ich immer problematisch. Weil ich damit etwas suggeriere, was so nicht sein kann."

Es komme immer wieder vor, dass auch ein früh erkannter Krebs nicht geheilt werden kann. Der frühe Zeitpunkt der Diagnose sorgt dann vor allem dafür, dass der Betroffene zwar nicht länger lebt – aber einen längeren Teil seines Lebens damit zurechtkommen muss, Krebspatient zu sein. Dazu kommt, auch ein negatives Krebs-Testergebnis kann Nebeneffekte haben, die aus medizinischer Sicht nicht wünschenswert sind, sagt die Epidemiologin: "Sie sagen: mein Bluttest ist okay, ich muss mich um nichts kümmern - zu Ungunsten der anderen Tests, von denen wir wissen, dass sie notwendig sind."

Andere Früherkennungsmaßnahmen werden vernachlässigt

Die vermeintliche Sicherheit nach einem Labortest, keinen Krebs zu haben, könne dazu führen, dass Menschen Früherkennungsmaßnahmen, die gut erforscht sind, wie etwa die Darmspiegelung, vernachlässigen – davon ist Eva Grill fest überzeugt. Und die Psychologie habe gezeigt: Viele Menschen neigen dazu, Testergebnisse anders zu deuten, als sie es sollten. Auch ein übergewichtiger Raucher, der sich wenig bewegt und täglich einige Schnäpse trinkt, kann von einem Labortest angezeigt bekommen, dass bei ihm keine Anzeichen für eine Krebserkrankung nachweisbar sind. Doch das kann die Wahrscheinlichkeit, dass er durch seinen Lebensstil Krebs begünstigt, sogar erhöhen.

"Wenn ich einen negativen Screening-Test habe, bedeutet das ja letzten Endes nicht, dass das Leben, das ich bisher geführt habe, gesund war. Es bestätigt nicht Ihre Lebensweise. Sondern Sie müssen sich bewusst sein, dass es immer noch die ganz großen, bösen Lebensstil-Aspekte gibt, die Sie beachten sollten. Also nicht rauchen, nur moderat trinken, sich ausreichend bewegen, nicht so viel in die Sonne gehen. Also all diese Punkte, die von vornherein wichtig sind zur Krebsvorsorge. Und das wäre mein Wunsch als Epidemiologin: Dass Sie daran denken. Bevor Sie daran denken, was für Screening-Tests müsste ich machen?"

Vorreiter kommen aus den USA

Doch trotz aller Bedenken nimmt die Entwicklung bei den Krebs-Labortests Fahrt auf. Wie in vielen anderen Technologie-Bereichen kommen Vorreiter aus den USA. Was wäre, wenn wir die Sicht auf Krebs ändern könnten, fragt die kalifornische Firma Grail in einem Werbe-Video. Seit einigen Monaten wirbt sie in den Vereinigten Staaten für einen Test, der 50 verschiedene Krebsarten mit Hilfe einer einzelnen Blutprobe entdecken soll. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Firma den Heiligen Gral in ihrem Namen trägt, in dem der Legende nach das Blut Christi aufgefangen wurde, und der Wunderkräfte haben soll. Die Zahl der falsch-positiven Tests sei sehr niedrig, verspricht die Firma. Bei 99,5 Prozent derjenigen, die keinen Krebs haben, werde bestätigt, dass sie gesund sind. Doch auch wenn Wissenschaftler die Spezifität des Tests als hoch loben: auch der Test von Grail liefert mitunter falsche Befunde – je mehr Menschen getestet werden, desto höher die Zahl. Im vergangenen April hat die Firma eine begrenzte Vermarktung begonnen, mit weiteren Projekten in den USA und Großbritannien soll der Test weiter erforscht werden. Der Amazon-Gründer Jeff Bezos ist von der Geschäftsidee so überzeugt, dass er Grail schon in der Anfangszeit nach der Firmengründung vor sechs Jahren unterstützt hat. Es sind aber nicht nur biotechnologische Neuentwicklungen, auf die Firmen setzen, um mit Krebs-Früherkennung Kunden zu gewinnen. Auf halbseitigen Anzeigen im Handelsblatt und der Wochenzeitung "Die Zeit" waren vor einigen Wochen die Worte zu lesen: "Hosen runter".

"Wir möchten auch jüngere Zielgruppen ansprechen, zum Beispiel mit so einer plakativen Kampagne, wo wir sehr provokant von "Hosen runter" gesprochen haben, um da wirklich die Aufmerksamkeit zu schaffen."

Tests sind für viele selbstverständlich geworden

Florentine Genss arbeitet bei der Münchner Firma Wellster Healthtech als General Manager. Aufmerksamkeit soll die großflächige Anzeige auf einen Darmkrebs-Vorsorgetest lenken, für den die Firma unter anderem mit den Worten wirbt: "Schnell Gewissheit. Verlässliches Ergebnis." Allerdings schränkt die Managerin selbst ein, dass es nicht um einen Test geht, der direkt Krebs nachweist, sondern um einen Test, bei dem eine Stuhlprobe auf sogenanntes okkultes Blut untersucht wird – was wiederum ein Hinweis auf Darmkrebs sein kann.

"Es heißt nicht, du bist an Darmkrebs erkrankt, sondern ganz klar zu sagen, diese Probe deutet auf einen erhöhten Anteil, eine erhöhte Konzentration von Hämoglobin im Stuhl hin. Wir weisen dich darauf hin, dass das ein Indikator für eine mögliche Erkrankung sein kann, bitte kläre diese in jedem Fall mit deinem Hausarzt ab, oder wir verweisen auf ein Partner-Netzwerk von Ärzten vor Ort, wo man dann in seiner Nähe den entsprechenden Arzt finden kann."

Das Unternehmen macht keinen Hehl daraus, dass derzeit ein günstiger Zeitpunkt ist, um Labortests zu vermarkten. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind medizinische Tests für viele Menschen selbstverständlich geworden. "Klar, durch die nationale Teststrategie sind auch PCR-Tests, Schnelltests für zuhause ein allgegenwärtiges Thema geworden. Und in jedem Fall sieht man, dass da eine neue Akzeptanz geschaffen wurde, für Selbsttests und auch für die Anwendung zu Hause."

Mit dem Thema beschäftigen

Wellster Healthtech wirbt für sich selbst mit der Aussage, es sei Europas größte integrierte Gesundheitsplattform. Über die Internetseite des Unternehmens lassen sich Medikamente gegen Potenzprobleme bestellen oder auch Selbsttests auf sexuell übertragbare Krankheiten. Ende Juni hat die Firmenleitung bekannt gegeben, sie habe 40 Millionen Dollar an zusätzlichem Kapital eingesammelt, die weiteres Wachstum beflügeln sollen. Der Stuhltest, der Hinweise auf ein erhöhtes Darmkrebs-Risiko geben kann, ist vergleichsweise neu im Angebot. Die Managerin Florentine Genss betont, dahinter stehe ein medizinisches Anliegen, weniger ein ökonomisches:

"Dass wir wirklich das Ziel haben, Menschen zu helfen, in der Form als dass viel eben noch unentdeckt ist oder oft schlummert, und das Ziel ist, da wirklich noch mehr in die Aufklärung und Vorsorge zu gehen. Hoffentlich noch mehr Menschen dazu zu bringen, sich damit zu beschäftigen. Ob das durch uns sei oder bei ihrem Hausarzt, am Ende kommt es nur darauf an, dass sie sich damit beschäftigten."

Früherkennung ist ab 50 Kassenleistung

Ein Hinweis darauf, dass der von Wellster Healthtech beworbene Stuhltest zur Darmkrebs-Früherkennung für Menschen ab 50 im Rahmen der offiziellen Früherkennungsprogramme regelmäßig von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird, fehlte allerdings zunächst auf den Internet-Seiten des Unternehmens – was die Managerin Genss im Gespräch mit dem Deutschlandfunk als Fehler einräumte. "Da haben Sie vollkommen recht, und das wird korrigiert, wenn es aktuell noch nicht vorhanden ist."

Einen Termin zur Darmkrebsvorsorge und die Beratung dazu gibt es in Arztpraxen (imago / Panthermedia / SvenWeber)Darmkrebsvorsorge ist für Über-50-Jährige eine Kassenleistung. Sie müssen sie nicht extra im Internet kaufen (imago / Panthermedia / SvenWeber)

Mittlerweile hat das Unternehmen einen Hinweis auf die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen auf seine Seite genommen. Die Behauptung, für die Selbst-Tests zahlten die Kunden "stets die günstigsten Preise" wurde ersetzt durch die Aussage "günstige Preise". Dennoch sind aus der Ärzteschaft skeptische Kommentare zu hören.

"Ich finde es fragwürdig, weil es ja tatsächlich eine Kassenleistung ist. Das Netz, zumindest im Kontext Darmkrebs-Vorsorge, ist relativ gut gespannt. Und das Problem ist eigentlich nicht das Angebot, sondern das Problem ist die Akzeptanz in der Bevölkerung."

Test in Arztpraxen billiger

Professor Christoph Eisenbach wird von der Deutschen Krebsgesellschaft als Experte für Darmkrebs-Früherkennung empfohlen. Er fragt sich, warum jemand einen Darmkrebs-Test im Internet kaufen soll, wo er doch für diejenigen, für die er besonders wichtig ist – nämlich die Über-50-Jährigen – eine Kassenleistung ist. Und auch den Preis, der auf der Seite easy-testen.de genannt wird, findet Eisenbach bemerkenswert. 39 Euro steht da, durchgestrichen ist daneben die Zahl 49 zu sehen - ganz nach dem Motto, hier gebe es einen Schnäppchenpreis. In vielen Arztpraxen sei der Test aber günstiger, sagt Eisenbach.

"Wenn Sie das als Selbstleistung machen, dann sind Sie für den Test inklusive Beratung irgendwo bei 20 bis 25 Euro. Also ich sehe den Vorteil nicht, das online zu machen, weil Sie können zu Ihrem Hausarzt gehen und sagen, ich möchte das jetzt machen, dann wird er Ihnen sagen ja, ist sinnvoll oder es ist nicht sinnvoll, und Sie zahlen nur die Hälfte. Und kriegen noch ein Beratungsgespräch obendrauf."

Früherkennung am besten beim Arzt

Eisenbach hält es für sehr wichtig, dass möglichst viele Menschen sich um die Früherkennung von Darmkrebs kümmern. Am besten aufgehoben seien ernste Themen wie Krebs aber in Arztpraxen, findet er, der als Arzt in einer Klinik in Weinheim arbeitet.

"Das heißt, dass man idealerweise eine ärztliche Begleitung hat, die einen berät, was tue ich im Ergebnis-Fall A oder B. Das heißt, wenn der Test positiv ist, dann sollte einem jemand raten, eine Darmspiegelung zu machen, wenn der Test negativ ist, dann sollte einem jemand raten, bleib wachsam, du hast im Moment kein Risikosignal, aber das kann sich in Kürze schon wieder ändern und du hast keine Gewissheit für den Rest deines Lebens, dass du nicht doch einen Darmkrebs kriegen kannst."

So oder so: Krebsfrüherkennung sei kein Konsumgut, unterstreicht der Münchner Hausarzt Hannes Blankenfeld. Das gelte für Stuhl-Tests ebenso wie für Blut-Tests. Wenn in der Werbung für Krebs-Labortests Worte wie "Sicherheit" und "Gewissheit" verwendet werden, dann stelle er sich die Frage, ob es da nicht vor allem um Marketing gehe – und weniger um Medizin. "Da muss man grundsätzlich immer sehr skeptisch sein, wenn einem solche Heilsversprechen gemacht werden."

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