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StartseiteEuropa heuteDas Drogenkartell als Mieter02.05.2018

Breaking Bad in Brabant (2/5)Das Drogenkartell als Mieter

Wollen Sie uns nicht Ihre Scheune als Drogenlabor vermieten? So oder so ähnlich werden in Brabant immer mehr Bauern angesprochen. Und manche sagen Ja. Ein Bauer wähnt sein Dorf komplett unterwandert von Kriminellen.

Von Andrea Lueg

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Windmühle und Bauernhaus im Deichhinterland in den Niederlanden (Imago)
Was passiert in den Scheunen der Bauern in Brabant? Immer wieder bekunden Kriminelle Interesse, sie als Produktionsstätte oder Lager für Drogen zu verwenden. (Imago)
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"Ich saß mit meiner Frau am Küchentisch bei einer Tasse Kaffee, da klingelte es, und ich wurde gefragt, ob ich Räume vermieten würde, ich hätte ja hier allerhand."

Bauer Johann aus einem 300 Seelen-Ort in Brabant, der seinen vollen Namen lieber nicht nennen möchte, staunte nicht schlecht, als die Mittelsmänner eines Drogenkartells vor der Tür standen. Johann betrieb früher einen großen Hof, inzwischen hat er nur noch ein bisschen Nebenerwerbslandwirtschaft. Aber dazu gehört noch eine Reihe von Gebäuden.

Die nutzt er selbst, aber an denen haben auch Kriminelle Interesse, um Hanf anzubauen oder ein Ecstasy-oder Speed-Labor einzurichten.

 "Also hier lagern wir das Tierfutter, Heu und Stroh für einen kleinen Betrieb. Hier halten wir noch ein Pferd. Also, wie Sie sehen, Heu und Stroh und nichts anderes. Nichts von dem, wofür die Leute wahrscheinlich gekommen sind, denke ich."

Die Besucher boten Johann eine Menge Geld, aber er schickte sie weg.

"Sie haben einfach mal nachgefragt"

Auch bei Bauer Ad aus einem anderen Dorf in Brabant war die Unterwelt schon zu Besuch:

"Ob wir irgendwas zu vermieten haben, wo sie Hanf oder Marihuana anbauen können. Ich fand das schon eine seltsame Frage, ich war verblüfft. Und ich hab gesagt, dass das bei uns nicht geht."

Die Kriminellen hätten sich durchaus zu benehmen gewusst, meint Ad, sie waren "freundlich, Sie haben auch nichts falsch gemacht, sie haben einfach mal nachgefragt".

Ein höfliches Angebot aus der Unterwelt sozusagen.

"Die Bauern werden auf allerlei Arten angesprochen", erzählt Marjon de Hoon Veelenturf, Bürgermeisterin der Gemeinde Baarle-Nassau direkt an der belgischen Grenze:

"Das kann ein Besuch auf dem Hof sein oder auch eine Mail oder ein Anruf. Die frechste Kontaktaufnahme gab es im vergangenen Jahr, da wurde ein Brief verschickt, in dem frei heraus aufgefordert wurde, doch Räume zur Verfügung zu stellen. Da war sogar eine Preisliste dabei und der Hinweis, dass das Risiko überschaubar sei."

In dem Brief heißt es: "Ein Kunde von mir sucht Räume, wo er mit Hanfpflanzen arbeiten kann. Ich verstehe gut, dass das für Sie zunächst mal neu und bedrohlich klingt, aber wir sind schon seit über zehn Jahren in diesem Sektor aktiv und kennen uns bestens aus."

Köder: bis zu 140.000 Euro Jahresmiete

Maximal 140.000 Euro Miete pro Jahr verspricht der Brief für geeignete Räumlichkeiten, also Scheunen, Ställe oder andere Nebengebäude.

Ein verlockendes Angebot, denn viele Bauern kämpfen mit dem Leerstand, erzählt Willem-Jan Joachems, der das Thema für den lokalen Radiosender Omroep Brabant recherchiert hat. Für erfolgreiche Landwirtschaft braucht man inzwischen moderne, teure Gerätschaften, um große Flächen intensiv zu bewirtschaften. Nicht alle Bauern in Brabant können mithalten, immer wieder geben Landwirte auf, bleiben zwar auf dem Hof wohnen, aber ein Teil der Gebäude steht leer, sagt Joachems:

"Das bedeutet einfach, dass es eine Riesen-Auswahl gibt an Gebäuden, die die Kriminellen interessant finden, um da eine Hanfplantage oder ein Drogenlabor einzurichten. Und das auf dem platten Land, wo man oft keine direkten Nachbarn hat. Also klingelt auch niemand an der Tür, weil es zum Beispiel nach Cannabis riecht, es fällt einfach nicht so auf. Die Umstände sind bestens, besser als in einem Wohngebiet."

Verschuldete Bauern und viel unauffällig gelegener Leerstand

In Zukunft rechnet man mit bis zu sechs Millionen Quadratmetern an leerstehenden Gebäuden in Brabant. Ein Teil davon wird neue Bestimmungen bekommen, ein Teil nicht. Solche "Krimpgebieden", also "Schrumpfgebiete" sind für Kriminelle aus dem Drogenmilieu inzwischen attraktiver als die Städte. Aber, sagt Joachems:

"Ein weiterer wichtiger Faktor neben dem Leerstand ist die Tatsache, dass viele Bauern mit ihren Schulden kämpfen. Sie haben mit der Landwirtschaft aufgehört, haben aber zum Beispiel noch einen teuren Stall abzubezahlen. Und wenn dann jemand mit so einem Brief vorbeikommt, in dem 140.000 Euro Miete versprochen werden, dann ist das schon verlockend."

2017 entdeckte die Polizei allein in Westbrabant und Zeeland über 500 Plantagen und knapp 40 Drogenlabore auf Bauernhöfen. Und eine ganze Reihe von Landwirten musste sich vor Gericht verantworten.

Reithalle mit doppeltem Boden

Auch in Bauer Johanns Dorf gab es einige Bewohner, die für die Angebote aus der Unterwelt empfänglicher waren als er. Sein Dorf, sagt Johann, sei komplett unterwandert von Kriminellen:

"Wenn Sie hier in diese Richtung gucken, hier wohnte der größte Kriminelle aus der Region."

Jan B., einer der größten Waffenhändler in den Niederlanden hatte hier Revolver und Maschinenpistolen gelagert. Inzwischen wurde er verhaftet und verurteilt. Ein paar Straßen weiter gab es unter einer Reithalle eine Hanfplantage. 12.000 Pflanzen sollen hier gezogen worden sein. Und auch das ehemalige Lehrerhaus des Dorfes wurde offenbar zweckentfremdet. Bauer Johann:

"Hier hat man eine Marihuanaplantage entdeckt, weil es einen kleinen Brand gegeben hat. Sie sehen, das Haus grenzt direkt an die Grundschule, wo der Mann seine eigenen Kinder hingeschickt hat. Der hatte hier zwei Kinder auf der Schule. So was darf es doch in unserem Land nicht geben!"

Bürgermeisterin: "Überlegt euch das gut"

Manche Brabanter sehen offenbar eher einen Kavaliersdelikt darin, Augen und Ohren fest zu verschließen und eine großzügige Miete für Gebäude einzustreichen. Doch die Behörden und Bürgermeister in der Region warnen, so wie Marjon de Hoon Veelenturf:

"Überlegt euch das gut. Ich verstehe, dass das verlockend ist. Aber eins ist klar: wenn man da einmal mit einem Bein drinsteckt, kommt man nicht mehr raus."

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