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StartseiteKalenderblattPremiere des wichtigsten Gegenwartstheaters seiner Zeit12.11.2019

Brechts Berliner EnsemblePremiere des wichtigsten Gegenwartstheaters seiner Zeit

Es bot Bertolt Brecht die Möglichkeit, seine Theaterkonzepte in die Praxis umzusetzen: Das Berliner Ensemble in Ost-Berlin schrieb mit seinen neuartigen Inszenierungen Theatergeschichte. Bereits die Premiere der ersten Inszenierung am 12. November 1949 war ein gefeierter Erfolg.

Von Christian Berndt

Helene Weigel als "Mutter Courage" während der Premiere im Deutschen Theater in Ost-Berlin am 11. Januar 1949.  (dpa)
Helene Weigel, die erste Intendantin des Berliner Ensembles, als "Mutter Courage" in der ersten Nachkriegs-Inszenierung Bertolt Brechts in Ost-Berlin 1949 (dpa)
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"Herr Puntila soff drei Tage lang im Hotel zu Tavasthus." - Regine Lutz als Kuhmagd in Bertolt Brechts Stück "Herr Puntila und sein Knecht Matti". Am 12. November 1949 stellt sich das gerade von Brecht und Helene Weigel gegründete Berliner Ensemble mit der derben Komödie am Deutschen Theater vor.

Kritiker, wie Friedrich Luft, sprechen von einer Sensation: "Diese Aufführung, meisterlich im Detail, kühn in der Konzeption, ist ein Höhepunkt."

Brecht war nach dem Exil zunächst in die Schweiz gegangen und erst 1948 auf Einladung Wolfgang Langhoffs nach Berlin gekommen - der Intendant des Deutschen Theaters wollte, dass Brecht sein Antikriegsstück "Mutter Courage und ihre Kinder" inszeniert. Die Aufführung im Januar 1949 wurde ein triumphaler Erfolg, Helene Weigel schrieb sich als Marketenderin in die Theatergeschichte ein.

Zunächst kein Interesse an einem Brecht-Theater

Doch Brecht wollte ein eigenes Ensemble mit einem festen Haus, an dem er sein Konzept des Epischen Theaters der Weimarer Jahre frei weiterentwickeln konnte, aber weder in West- noch in Ostberlin zeigten die Behörden Interesse.

Bertolt Brecht (picture-alliance / akg-images) (picture-alliance / akg-images)Bertolt-Brecht-Biografie: Der Wasser-Feuer-Mann 
Ohne Brechts "chronische Herzinsuffizienz" sei sein Werk nicht zu verstehen, meint der Germanist Stephen Parker. Er macht Brechts Überempfindlichkeit zum Leitbild einer Lebensdarstellung, die neue Maßstäbe setzt.

Erst der sensationelle Erfolg der "Mutter Courage" bewog schließlich die Verantwortlichen in Ost-Berlin, die Gründung des Berliner Ensembles zu gewähren – aber nur zur Untermiete im Deutschen Theater. Brechts Frau Helene Weigel wurde Intendantin. Die Inszenierungen wirkten in ihrer Mischung aus Analyse und unterhaltsamem Bühnenspiel völlig neuartig:

"Das war ja das tolle Erleben, dass es eben nicht, wie es von manchen Beschreibungen her klang, als sei das trockene Theorie und dogmatisch, dass das eine unheimlich sinnliche Kraft, Ausstrahlungskraft hatte, wunderbare Bühnenbilder und Kostüm. Es ist immer was Lebendiges gewesen", so erinnert sich der Theaterhistoriker Klaus Völker.

DDR wollte den internationalen Ruf Brechts nutzen

Aber in der DDR wurde Brechts Theater angefeindet, weil der kunstvolle Verfremdungsstil nicht den Vorgaben des sozialistischen Realismus entsprach. Nach dem Aufstand vom 17. Juni wollte die SED jedoch den internationalen Ruf des Dichters nutzen und gab Brecht das Theater am Schiffbauerdamm, an dem er 1928 mit der "Dreigroschenoper" einen Welthit gelandet hatte.

Eröffnet wurde 1954 mit Molières "Don Juan", von Benno Besson so spielerisch wie satirisch inszeniert. Brecht schätzte den sinnlichen Stil des Franko-Schweizers, und weil er Talente wie Besson und Peter Palitzsch immer förderte, hielt die Bühne auch nach Brechts Tod 1956 das Niveau.

"Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen."

Bessons Inszenierung von "Der gute Mensch von Sezuan" wurde 1957 zum Berliner Theaterhöhepunkt. Mitte der Fünfzigerjahre begann mit den Auslandstourneen der Weltruhm des Ensembles, das in Paris und London gefeiert und allmählich auch in beiden Teilen Deutschlands anerkannt wurde. Nach dem Mauerbau gingen wichtige Mitglieder wie Palitzsch in den Westen, aber es gelangen weiterhin gefeierte Inszenierungen.

"Und wer zu kämpfen wünscht, folgt mir ganz dicht, ich führe ihn in die Schlacht!"

1964 inszenierte Ruth Berghaus, Shakespeares "Coriolan" als völlig neuartiges, körperliches Theater. Mit den atemberaubend choreographierten Schlachtenszenen würde die Inszenierung - so befand die "Zeit" - Theatergeschichte schreiben.

Konservative Brecht-Deutung führte in die Erstarrung

Aber weil Helene Weigel auf Einhaltung der überlieferten Brecht-Schule bestand, geriet das DDR-Vorzeigetheater mehr und mehr in den Ruf eines Brecht-Museums. Nach ihrem Tod 1971 deutete Berghaus, nun als Intendantin, Brechts Methoden radikal neu und setzte auf Gegenwartsautoren.

"Ich bin der Hunger, mit mir muss rechnen, wer die Welt ändern will." - 1973 wurde die Uraufführung von Heiner Müllers "Zement" für den in der DDR lange verfemten Autor zum Durchbruch. Doch die am Berliner Ensemble machtvollen Brecht-Erben sahen Berghaus' experimentelle Arbeiten als Verstoß gegen die korrekte Brecht-Interpretation und erreichten 1977 ihre Ablösung.

Ihr Nachfolger Manfred Wekwerth führte die Bühne mit der Rückkehr zur konservativen Brecht-Deutung in die Erstarrung. Die Wiedervereinigung konnte das immer noch angesehene Berliner Ensemble überleben, und es zählt bis heute zu den wichtigsten Bühnen Deutschlands. Aber den Ruf des aufregendsten Gegenwartstheaters der Welt hat es nach der Blütezeit der ersten 15 Jahre nie wieder erreicht.

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