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Montag, 19.08.2019
 
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Brendan Simms"Die Briten und Europa“

Auch die Briten haben Europa zu dem gemacht, was es heute ist; und ohne Europa gäbe es weder Großbritannien noch sein einstiges Empire. Gut lesbar zeigt dieses Buch, wie beide Seiten einander erst bekämpften, sich dann zusammenrauften. Kluge Londoner Politik spielte dabei häufig eine entscheidende Rolle.

Von Michael Kuhlmann

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(imago stock&people/ EMPICS/ Matt Crossick)
Der Historiker Brendan Simms zeigt, dass die Beziehungen zwischen Großbritannien und Europa zwischen Konflikt und Kooperation pendelten (imago stock&people/ EMPICS/ Matt Crossick)
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Europa ist der Dreh- und Angelpunkt britischer Politik. Diese Konstante erkennt Brendan Simms in der Geschichte des vergangenen Jahrtausends. Ob es die Integrationsschritte in EG und EU waren oder die beiden Weltkriege, das Europäische Konzert des 19. Jahrhunderts oder der Hundertjährige Krieg gegen Frankreich und die legendäre Jeanne d‘Arc. Die Briten, so findet der Fachmann für die Geschichte Europas und Deutschlands, die Briten mussten sich mit Europa befassen – und zwar um ihrer ureigenen Sicherheit willen. Nur weil sie sich in Europa engagierten, dort mithalfen, die Verhältnisse zu ordnen, hätten sie selbst überlebt, seien sie sicher gewesen vor einer europäischen Invasion über den Ärmelkanal hinweg. Heute wiederum hält Brendan Simms Großbritannien für die letzte europäische Großmacht:

"Den jüngsten Trends zufolge wird das Vereinigte Königreich in den nächsten zwanzig Jahren zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufsteigen und sowohl Deutschland als auch Japan hinter sich lassen. Zudem wird es Deutschland in Sachen Bevölkerungsgröße überholen. Vor allem aber ist Großbritannien im Gegensatz zu Deutschland oder Frankreich, die zusammen mit der übrigen Eurozone in einen gemeinsamen Rahmen eingebunden sind, immer noch ein souveräner Staat."

Dreh- und Angelpunkt: Sicherheit vor Europa

In der Vergangenheit freilich war Europa ein Quell der Bedrohungen. Deshalb errichtete Großbritannien sein Empire und baute die mächtigste Kriegsflotte der Welt. Mit ihr stoppte es den Silberzufluss aus Mittel- und Südamerika und schwächte so seinen Gegner Spanien. In den beiden Weltkriegen gegen Deutschland wusste es die Kraft des Empire hinter sich. In Europa selbst setzten die Briten darauf, ihre Grenzen nicht in Dover und Plymouth zu verteidigen, sondern schon auf dem Kontinent. Deshalb hielten sie im Mittelalter wichtige Positionen an der gegenüberliegenden Kanalküste; deshalb engagierten sie sich später in mehreren Erbfolgekriegen und gegen das revolutionäre Frankreich. Jahrhundertelang strebten sie nach Gleichgewicht auf dem Kontinent – einem halbwegs friedlichen Gleichgewicht. Es ließ den Briten keine Ruhe, wieviel Hass herrschte zwischen Deutschland und Frankreich. Dieses Pulverfass musste London entschärfen – um jeden Preis.

"Eine Lösung für diese Probleme war die politische Vereinigung Europas. Dieses Konzept wurde in Großbritannien und auf dem Kontinent schon seit Jahrhunderten diskutiert. Ein erster moderner Ausdruck dieser Idee wurde von dem Quäker William Penn formuliert, der vorschlug, ein europäisches Parlament zu schaffen. Neue Dringlichkeit erhielt der Einigungsgedanke durch die Schrecken des Ersten Weltkriegs."

Europa einigen – aber wie?

Brendan Simms betont allerdings, dass Großbritannien stets eine zwischenstaatliche Vereinigung Europas anstrebte – kein überstaatliches Gebilde. So erkennt er in der europäischen Integration der letzten 70 Jahre eine Herausforderung völlig neuer Art:

"Zum ersten Mal ist Großbritannien nicht mit einer feindlichen Übernahme konfrontiert, sondern mit dem Angebot, einem ausgehandelten Zusammenschluss beizutreten. Dieser brächte eine derartige Vergrößerung Englands mit sich, dass seine ausgeprägte politische Identität und die Vormachtstellung von Westminster verwässert und zunichte gemacht werden würden."

Offenkundig hält Brendan Simms von überstaatlicher Integration wenig. Wobei er allerdings bei der Schaffung Großbritanniens eine Ausnahme macht: die war alle Konflikte zwischen Engländern, Schotten, Walisern und Iren offenbar wert. Die Europäische Union ist für Brendan Simms – so wörtlich – gutgemeint, aber kreuzlahm; den Euro hält er für eine schwache Währung. Immerhin kann er argumentieren, dass der Euro seine einstige Zweckbestimmung, Deutschland ökonomisch zu zügeln, nicht erfüllt hat. Vor einer europäischen Wirtschaftsunion hatte der ehemalige britische Außenminister Harold Macmillan schon Ende der 50er Jahre gewarnt: Denn mit ihrer Hilfe könne Deutschland zur Vormacht werden. "Man würde ihm auf dem Silbertablett präsentieren, was wir in zwei Kriegen zu verhindern versucht haben."

Großbritanniens innere Stärke

In der Tat lag die damalige britische Außenpolitik mit mancher Prognose richtig: wenn sie etwa vor den Wirtschaftskonflikten warnte, die eine supranationale Integration ökonomisch ungleicher Partner heraufbeschwören könne. Niemand kann sagen, ob die von London bevorzugte zwischenstaatliche Integration nicht doch die stabilere gewesen wäre. Schritte dorthin hätte man – Brendan Simms zufolge - noch zu Zeiten Tony Blairs tun können.

Die Abgabe von Souveränität an Europa hält Brendan Simms offenkundig für eine unkluge Schwächung der Einzelstaaten. Das britische Beispiel zeige, wie es besser gehe:

"Die außerordentliche Widerstandsfähigkeit der britischen Macht ist drei Faktoren zu verdanken. Der erste ist die innere Stärke Englands. Der zweite ist die Stärke der anglo-britischen ‚soft power‘: das heißt der Fähigkeit, andere dazu zu bewegen, das zu wollen, was man selbst will. Der dritte Faktor ist die Robustheit des britischen Verfassungsmodells. Dank Parlament und öffentlicher Sphäre beruhte die britische Gesamtstrategie auf einer breiten politischen Basis: Sie ‚gehörte‘ der politischen Nation. Deshalb war das politische System in der Lage, mit gescheiterten Politiken zu brechen, ohne sich selbst zu zerstören."

Es geht weiter – trotz Brexit

Es brach etwa mit der Appeasement-Politik gegenüber Deutschland oder mit der anachronistischen Weltmachtpolitik im Zeichen des Empire. Vor diesem Hintergrund wird klar, wie widersinnig es war, das eingeübte Londoner Kräftespiel rund um Parlament und Downing Street urplötzlich mit plebiszitärem Störfeuer zu konterkarieren.

Aber die beiden Europa-Referenden von 1975 und 2016 sind womöglich nur eine Fußnote in einem Jahrtausend britisch-europäischer Geschichte, die Brendan Simms hier ausbreitet. Sie wird zweifellos weitergehen – bis in eine Zukunft, in der nur noch Historiker den Terminus "Brexit" kennen werden. In dieser Hinsicht vermittelt Brendan Simms‘ Buch Gelassenheit. Bei allen historischen Fehlentwicklungen in tausend Jahren nötigt es Respekt ab vor dem Können, mit dem sich viele britische Politiker und Diplomaten zu den brisanten Verhältnissen auf dem Kontinent verhalten haben. Aber es waren eben die Profis an den Schalthebeln, die nicht – wie David Cameron bei seinem EU-Referendum – Ausflüge in die direkte Demokratie unternahmen. Vor fast 90 Jahren brachte Winston Churchill die britisch-europäische Konstante auf den Punkt – professionell-gelassen: "Wir sind bei Europa, aber nicht in ihm. Wir sind verbunden, aber nicht eins."

Brendan Simms: "Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation",
aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt, Deutsche Verlags-Anstalt, 400 Seiten, 28 Euro.

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