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StartseiteInformationen am MorgenEuropawahl: Hingehen oder sein lassen? 16.04.2019

Briten in DeutschlandEuropawahl: Hingehen oder sein lassen?

Der Brexit ist verschoben bis spätestens 31. Oktober - es sei denn, man einigt sich vorher. Diese Unsicherheit treibt auch Briten und Britinnen in Deutschland um. Vor allem die anstehende Europawahl bringt sie in Bedrängnis. Bis zum 7. Mai können sie sich in ihrer Heimat noch für die Wahl registrieren.

Von Alexander Moritz

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Ein Wahlplakat der Sozialdemokratische Partei Deutschlands ( SPD ) links und ein Wahlplakat des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ( GRÜNE ) rechts im Bild. (Revierfoto)
Der EU-Wahlkampf hat begonnen (Revierfoto)
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An jeder Straßenlaterne hängt ein Stück Europa. Auf dem Platz vor dem Café von Daniel Geal im Norden von Köln hat der Wahlkampf begonnen. Überall Plakate: "Ein Europa für Frieden und Wohlstand" verspricht die CDU. Die SPD wirbt mit "Europa ist die Antwort".

 "Europa ist die Antwort? Europa ist eine Antwort, auf eine Frage, würde ich sagen. Aber ob das die Antwort ist, das würde ich nicht sagen. Es gibt viele verschiedene Antworten."

Daniel Geal lebt seit 13 Jahren in Deutschland, arbeitet als Cafébetreiber und Werbetexter. Er hat für den Verbleib in der EU gestimmt. Dass er in sechs Wochen wieder bei der Europawahl mitwählen soll, hält er trotzdem für falsch.

"Das Gefühl ist, dass das nicht richtig ist, dass wir jetzt in der EU-Wahl wählen dürfen. Ich finde, auch für die EU macht das keinen Sinn. Die Briten haben gesagt, wir wollen weg von der EU. Was für eine Wahl ist das, wenn die Briten in sechs Monaten wieder aussteigen?"

Europawahlen - Wählen oder nicht?

Großbritanniens Regierung wolle noch vor der Wahl aus der EU austreten, heißt es dazu aus der britischen Botschaft in Berlin. Und doch sei man vorbereitet. Bis zum 7. Mai können sich im Ausland lebende Briten für eine mögliche Wahl registrieren.

Keine Wahl, stattdessen ein baldiger Austritt, notfalls ohne Deal – das wäre besser, glaubt Geal.

"Diese Verbindung mit Brexit: Ich finde das total unfair, dass die Leute, die das gewählt haben nicht zugehört wird. Wenn wir EU-Wahl machen, ist, als ob man ignoriert, was die schon gesagt haben."

Daniel steht vor seinem Café in Köln (Alexander Moritz / Deutschlandradio)Daniel Geal: "Ein Gefühl, dass es nicht richtig ist, dass wir wählen" (Alexander Moritz / Deutschlandradio)

"Die Europawahl ist eigentlich eine ganz große Gelegenheit, um zu zeigen, wie die Meinung über Brexit eigentlich ist."

Findet dagegen Jon Hartley. Er wünscht sich ohnehin ein zweites Referendum. Dass der Brexit nun erneut verschoben wurde, freut ihn auch aus einem anderen Grund: Der Sportjournalist möchte neben seiner britischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen - sicherheitshalber.

"Das ist ein bisschen stressig im Moment, muss ich sagen. Weil ich bin nicht ganz acht Jahre hier. Ich bin noch nicht hier lange genug."

Keine rechtlich verbindenden Zusagen

Geregeltes Einkommen, eine deutsche Freundin, Sprachkenntnisse. Trotzdem sehen die Behörden keinen Grund, seine Einbürgerung schon früher zuzulassen. Die dafür nötige "besondere Integrationsleistung" liege nicht vor, hat Hartley gerade erfahren.

"Ich muss warten. Ich habe alles versucht, aber treten wir aus der EU aus, bevor ich acht Jahre in Deutschland bin, dann habe ich Pech gehabt."

Bleiben können werden er und die rund 100.000 Britinnen und Briten in Deutschland wohl auch ohne deutschen Pass. Die Bundesregierung und die EU beteuern, dass sie niemanden ausweisen wollen – solange im Gegenzug EU-Bürger in Großbritannien bleiben können. Nur: Rechtlich verbindlich sind diese Zusagen nicht, sondern basieren allein auf Gegenseitigkeit.

Der Brite Jon sieht in der Europawahl eine gute Gelegenheit (Alexander Moritz / Deutschlandradio)Jon Hartley: "Die Europawahl ist eine ganz große Gelegenheit" (Alexander Moritz / Deutschlandradio)

Das schafft Verunsicherung – bei den hier lebenden Briten, aber auch bei manchen Behörden. Einbürgerung und Aufenthaltsgenehmigung – in manchen Fällen liegt das im Ermessen der zuständigen Beamten.

"Das hängt oft davon ab, mit wem man redet.  Dann habe ich gehört, dass das bei manchen Leuten abgelehnt wurde, weil die nicht lange genug selbstständig war, konnten nichts beweise. Und anderen, bei denen das überhaupt kein Thema war."

Vertrauen in die Politik verloren

Hartley hofft, dass er seinen Antrag stellen kann, bevor Großbritannien austritt. Denn eine doppelte Staatsbürgerschaft ist nur für EU-Bürger erlaubt.

"Also persönlich habe ich gar kein Problem, wenn es immer verlängert wird. Für mich ist das perfekt. Aber für Großbritannien ist das nicht perfekt, für die EU auch nicht. Also irgendwann müssen wir eine Entscheidung treffen."

Dass diese Entscheidung immer noch auf sich warten lässt, macht Daniel Geal ärgerlich.

 "Das finde ich ein bisschen eine Verarschung von den Menschen in England. Es ist gegen was ich wollte, aber ich finde das immerhin unfair. Und jetzt habe ich meine ganzes Vertrauen an die Politiker in England verloren."

Er wünscht sich: weniger Panikmache, von beiden Seiten.

"Es gibt Leute seit 100 Jahren, die in Deutschland wohnen. Bevor Großbritannien EU-Mitglied war. Das Leben geht immer weiter, die Frage ist nur wie."

Über eins sind sich Geal und Hartley einig: Die Brexitdebatte hat Defizite der britischen Demokratie aufgezeigt. Und die müssten nun beseitigt werden.

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