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StartseiteCorsoDie hohe Kunst der Einfachheit14.02.2019

Buchdebüt von Dirk von LowtzowDie hohe Kunst der Einfachheit

Nach dem autobiografischen Tocotronic-Abum „Die Unendlichkeit“ wird Frontmann Dirk von Lowtzow noch ein wenig persönlicher: In seinem Buchdebüt „Aus dem Dachsbau“ liefert der 47-Jährige eine Enzyklopädie mit realistischen Jugenderinnerungen, doppelbödigen Kunstübungen und bewusst albernem Seemannsgarn.

Von Eric Leimann

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Musiker und Autor Dirk von Lowtzow blickt in einer Nahaufnahme in die Kamera (Kiepenheuer&Witsch)
Sein Buchdebüt ist eine Analyse-Hilfe, um zu verstehen, wie einer der wichtigsten deutschen Popdichter tickt (Kiepenheuer&Witsch)
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25 Jahre lang erzählte Tocotronic-Dichter Dirk von Lowtzow seine Wahrheiten in Songs zur elektrischen Gitarre. Das jüngste Album der Band, "Die Unendlichkeit",war bereits voll mit persönlichen Erinnerungen. Im Vergleich zu älteren Texten waren sie kaum verschlüsselt formuliert - Gedanken über Kindheit und Jugend, das öffentliche Coming-Of-Age in einer angesagten Indie-Band. Nun führt von Lowtzow diese Aufarbeitung im Buch "Aus dem Dachsbau" fort.

Dirk von Lowtzow: "Ja, ich bin selber der Dachs, das ist wahr."

Fantasietexte, Zeichnungen und auch Fotos

Es ist ein relativ übersichtliches Werk von 180 Seiten und 72 Kapiteln. Macht zweieinhalb Seiten pro Kapitel. Stilistisch wechselt von Lowtzow zwischen anekdotischen Retrospektiven, versponnen Fantasietexten, Zeichnungen, Fotos und ein paar wenigen Musik-Tipps. Am zugänglichsten und interessantesten sind die fast nüchtern, aber präzise formulierten Erinnerungen an wichtige Lebensereignisse von Lowtzows wie den frühen Tod seines besten Freundes Alexander.

Hörbuchausschnitt (Dirk von Lowtzow liest): "1996 stirbt Alexander mit 26 Jahren an einem Gehirntumor. Wir waren fast 20 Jahre befreundet. Ich lerne ihn zunächst nur widerwillig kennen, er ist der jüngere Sohn von Freunden meiner Eltern. Meine Mutter muss mich zu ihm schleppen, ich habe Angst vor neuen Bekanntschaften, bin voller Ablehnung. Doch als ich ihn sehe, bin ich sofort verliebt. Er ist wie ich, er ist mein Spiegel, aber er hat ein heiteres, aufgeschlossenes Gemüt."

"Aus dem Dachsbau" sortiert von Lowtzows Leben nicht chronologisch. Die kurzen Texte springen scheinbar wahllos durch seine Biografie, sind eher pseudo-logisch geordnet durch das Alphabet, denn die Überschriften reichen von A mit den Kapiteln "Abba", "Alexander", "Aliens", "Apokalypse" und "Aufruhr" bis Z mit dem Abschlusstext "Zeit".

"Die Texte, wo es eigentlich um Traumata oder Trauer geht - wie die Texte, die um Alexander, meinen Freund, sich drehen - die sind eher dem Darstellungsrealismus verpflichtet. Und die Texte, die mehr in Richtung dieser Ortserkundungen gehen - das kann die eigene Wohnung sein, das kann aber auch der nahegelegene Park sein oder ein seltsamer Nichtort - die haben oft den Charakter, so ein bisschen ins Surreale zu kippen. Und dann gibt es auch noch Texte, die sind tatsächlich frei erfunden, das ist totaler Seemannsgarn."

Keine klassische Pop-Biografie

Doch auch in den eher lyrischen Passagen stecken Wahrheiten und Selbsterkenntnisse des Künstlers, beispielsweise unter V wie "Verzerrer", wo von Lowtzow - damals dem Alkoholismus nahe - eine Szene beschreibt, in der er sich mutwillig selbst verletzte, indem er sich kopfüber vom Tresen stürzte.

Hörbuchausschnitt (Dirk von Lowtzow liest): "Es ist mein unglaublicher Ehrgeiz, der mich von innen zerfrisst. Es ist mein Ehrgeiz, der mich dazu bringt, mich vor euch zum Affen zu machen. Mich für euch zu verletzen. Bitte akzeptiert mich, bitte beschützt mich. Ich bin jetzt reich und berühmt, bitte habt mich trotzdem lieb. Ich bin jetzt ein anderer. Transformation durch Kopfnuss. Jutta zerrt mich über die Stresemannstraße. Jetzt bin ich viele. Aufspaltung durch Aufprall. Jutta schiebt mich in die Notaufnahme. Abtasten. Röntgen. Gehirnerschütterung. Ist Ihnen schlecht? Und wie!"

"Aus dem Dachsbau" ist keine klassische Pop-Biografie. Tatsächlich nimmt die Auseinandersetzung mit dem Musiker- und Indie-Promi-Leben relativ kleinen Raum ein. Viele Kapitel geben stattdessen von Betrachtungen zu Kunst, Pop und Literatur wider. Sie erzählen von Schlaflosigkeit oder machen sich surrealistischen Gedanken. Oft geschieht dies auf Spaziergängen oder in der eigenen Wohnung, dem titelgebenden Dachsbau.

Hörbuchausschnitt (Dirk von Lowtzow liest): "Als ich erwachte, war ich allein. Vom Regen durchnässt, lag ich nackt am Ufer des Flusses. Ohne Hoffnung, ohne Begehren, betrübt bis an den Tod. Teenage-Jesus in Gethsemane."

"Etwas einfach auszudrücken, darin liegt die allergrößte Kunst"

Für seine Anhänger ist das recht eklektische Buchdebüt eine ergiebige Analyse-Hilfe, um zu verstehen, wie einer der wichtigsten deutschen Popdichter der letzten 25 Jahre tickt. Wirklich anrührend sind die nüchtern geschriebenen Lebensgeständnisse des Indie-Musikers. Sie machen "Aus dem Dachsbau" durchaus zu einem lohnenden Lese- oder Hörerlebnis. Früher hat von Lowtzow explizit Biografisches oder gar Privates in seinen Texten vermieden. Woher kommt der plötzliche Wunsch, die Vergangenheit aufzuarbeiten?

Mit 47, 48 hat man natürlich … ist es so ein Plateau in der Mitte. Es ist die Hälfte des Lebens und man kann dann vielleicht nach beiden Seiten schauen - in die Zukunft und die Vergangenheit. Man merkt dann doch, dass eigentlich, wenn man es schafft, etwas einfach auszudrücken, darin vielleicht die allergrößte Kunst liegt. Man ist vielleicht ein bisschen weniger eitel."

Song: Tocotronic "Electric Guitar": "Ich gebe dir alles / und alles ist wahr … Electric Guitar / Ich erzähle dir alles und alles ist wahr … Electric Guitar."

Dirk von Lowtzow: "Aus dem Dachsbau"
Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln, 2019. 192 Seiten, 20 Euro.

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