
Hier wird Geschichte schmerzhaft erfahrbar: Im ehemaligen Krematorium stehen sechs Öfen. In ihnen wurden viele der 56.000 Toten des KZs Buchenwald verbrannt, ihre Asche in der Umgebung verstreut. Das ganze Lager ist ein Friedhof.
Trotzdem passiert es gerade hier immer wieder, dass meist junge Menschen jeden Respekt verlieren, berichtet Holger Obbarius, Leiter der Bildungsabteilung der Gedenkstätte. Er fragt sich, wie jemand auf die Idee kommen kann, in einen ehemaligen Leichenverbrennungsofen hineinzuklettern, um dort ein Selfie zu machen.
Pietät und Würde: Neue Präventionsteams im Einsatz
Vor einem guten Jahr wurde der KZ-Gedenkstätte klar, dass man die vielen hundert Schüler, die sich mitunter gleichzeitig auf dem Gelände bewegen, nicht mehr allein lassen kann. Es geht um Pietät, die Achtung vor den Toten und die Würde des Ortes.
Zu den Hauptbesuchszeiten ist nun oft ein Präventionsteam unterwegs, ausgestattet mit weithin erkennbaren Westen der Gedenkstätte und Funkgerät. Die zwei Mitarbeiter aus der Bildungsabteilung sollen unangemessenes Verhalten unterbinden und damit zugleich jene Besuchergruppen schützen, die sich in der gebotenen Ernsthaftigkeit mit der Geschichte des Lagers auseinandersetzen wollen.
Rechte Provokationen in Schulklassen nehmen zu
Das Problem sind der Gedenkstätte zufolge vor allem schlecht oder gar nicht vorbereitete Schulklassen. Es komme dann zu Lärm und unangebrachten Scherzen, bis hin zu rechtsextrem motivierten Provokationen, berichtet Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Es gibt aber auch einzelne Besucher, die kommen, um ihre rechtsextreme Gesinnung auf dem Gelände offen zu zeigen.
Wagners Kollege Obbarius spricht von einem "rechten Style" in Schulklassen, der sehr viel mehr zur Schau getragen werde als noch vor drei, vier Jahren. Inzwischen sei das nicht mehr ein Einzelphänomen wie früher - manchmal zeige die Hälfte der Schüler demonstrativ Desinteresse und lege durch Fragen nahe, Zweifel am Wahrheitsgehalt der historischen Darstellungen zu haben.
Polizeieinsätze wegen Hitlergruß und Hetze
Das ist nur eine Form der Provokationen von rechts, mit denen es KZ-Gedenkstätten in Deutschland immer wieder zu tun haben. Die Mitarbeiter des Präventionsteams in Buchenwald sind manchmal gezwungen, Polizei und Wachschutz zu rufen – wenn beispielsweise vor dem ehemaligen Lagertor der Hitlergruß gezeigt wird.
Öffentlich äußern wollen sich die Mitarbeiter des Präventionsteams nicht. Sie haben Sorge, angreifbar zu sein, wenn sie erkennbar sind. Das ist nicht verwunderlich: Wagner berichtet von antisemitischen und rechtsextremen Mails an die Gedenkstätte, "bis hin zu Morddrohungen, natürlich meistens anonym, manchmal aber sogar mit Klarnamen".
Buchenwald im Fokus des rechtsextremen Spektrums
Bereits vor zwei Jahren zeigte eine Deutschlandfunk-Recherche, dass es jedes Jahr eine Vielzahl von rechtsextremen Übergriffen auf KZ-Gedenkstätten gibt.
Dabei geht es um Sachbeschädigung, Verstöße gegen das “Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen” (zum Beispiel Hakenkreuz oder Hitlergruß) oder auch um Volksverhetzung. Buchenwald scheint demnach besonders im Fokus der Rechten zu stehen.
Auch ein Problem: Provokationen von links
Neben dem Druck von rechts gibt es auch ab und zu Provokationen von links. Früher wurde bei Gedenkveranstaltungen gebuht und gepöbelt, da die Tradition, fast ausschließlich kommunistischer Opfer zu gedenken, vorbei ist. Im Frühjahr 2026 warfen Linksextreme der Gedenkstätte vor, sie verbreite „israelische Propaganda” und liefere „die ideologische Munition für den andauernden Genozid in Palästina”.
Für die Gedenkstätte bedeutet das alles, dass sie jeden siebten Euro ihres Etats für Wachschutz und Prävention ausgibt. Geld, dass Stiftungsdirektor Wagner lieber für Ausstellungen und Publikationen verwenden würde, an denen er spart. Denn der Etat stagniert seit Jahren.
Audiobeitrag: Henry Bernhard / Onlinetext: Asmus Heß




















