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StartseiteCampus & Karriere"Die Kinder stehen mitten drin"22.01.2014

Bürgerkrieg in Syrien"Die Kinder stehen mitten drin"

Angesichts des dritten Kriegswinters in Syrien warnt UNICEF vor dramatischen Folgen für die Zukunft der Kinder in dem Bürgerkriegsland. Allein 4000 Schulen seien zerstört worden, sagte im DLF der deutsche Sprecher des UNO-Kinderhilfswerks, Rudi Tarneden, und ruft nach Notschulen und psychosoziale Hilfe.

Rudi Tarneden im Gespräch mit Kate Maleike

Ein Junge spielt in der syrischen Stadt Aleppo im Schnee. (afp/AL-KHATIEB)
Laut UNICEF gehen drei Millionen syrische Kinder nicht mehr zur Schule. (afp/AL-KHATIEB)
Weiterführende Information

Hoffnung auf Frieden in Syrien (Deutschlandfunk, Aktuell, 22.01.2014)

Nouripour: Nicht auf Maximalforderungen beharren (Deutschlandfunk, Interview, 21.01.2014)

Mützenich: Schlechter Auftakt für eine wichtige Konferenz (Deutschlandfunk, Interview, 21.01.2014)

Friedensverhandlungen ohne den Iran (Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 21.01.2014)

Kate Maleike: Heute ist ein Tag der echten Hoffnung – so hat es UNO-Generalsekretärin Ban Ki-Moon zur Eröffnung der Syrienkonferenz im schweizerischen Montreux heute formuliert. Zum ersten Mal seit Ausbruch des Bürgerkrieges sind dort die Konfliktparteien zur Verhandlung zusammengekommen. Seit fast dreieinhalb Jahren nun tobt schon dieser Bürgerkrieg und stürzt das Land ins Chaos, über 100.000 Menschen wurden nach offiziellen Angaben getötet und mehr als neun Millionen sind derzeit auf der Flucht – und mitten drin die syrischen Kinder, auf deren dramatische Lage das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF jetzt noch mal deutlich hinweist. Vor allem auch um die Bildungschancen dieser Generation macht man sich Sorgen, weil die Zerstörung den Schulbetrieb so gut wie lahmlegt und viele Perspektiven raubt. Sprecher von UNICEF Deutschland ist Rudi Tarneden. Guten Tag, Herr Tarneden!

Rudi Tarneden: Ja, guten Tag!

Maleike: Was wissen Sie denn über die aktuelle Lage? Wie ist es um die Chance für syrische Kinder, eine Schule zu besuchen, zurzeit bestellt?

Tarneden: Für die syrischen Kinder ist das jetzt der dritte Kriegswinter. Das ist eine sehr schwierige Situation mit sehr vielen Mangelverhältnissen. Es fehlt an Medikamenten, an Nahrung, viele Gebiete sind abgeschlossen. Aber was wir nicht sehen und was wir oft erst im Nachhinein begreifen: Was es bedeutet, wenn die Kinder eben nicht mehr zur Schule gehen können. Wir gehen davon aus, dass in Syrien etwa 4000 Schulen zerstört wurden oder jetzt als Notunterkünfte dienen, dass insgesamt etwa drei Millionen Kinder nicht oder nur noch ganz unregelmäßig in die Schule gehen. Also man kann sich das, glaube ich, nicht schlimm genug vorstellen in einem Land, in dem Krieg herrscht und die Kinder eigentlich den ganzen Tag sich selbst überlassen sind.

Maleike: Wenn UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon jetzt davon spricht, dass es ein Tag der echten Hoffnung sei – welche Hoffnung haben Sie in die Syrienkonferenz für die Bildungschancen?

Tarneden: Also die Syrienkonferenz könnte vielleicht ein Signal sein, die Zugangsmöglichkeiten zu Hilfebedürftigen zu verbessern und vielleicht auch dafür zu sorgen, dass die Angriffe und Attacken auf Schulgebäude nachlassen, denn das ist ein großes Problem: Wir haben immer wieder die Situation, dass zum Beispiel es zu Anschlägen kommt. Am 9.1. ist zum Beispiel eine Autobombe in Al-Kafaat bei Hama explodiert mit 20 Toten und Hundert Verletzten, direkt neben einer Schule. Am 22.12. sind in Homs 23 Kinder getötet worden in einem Schulgebäude, das sie gerade betreten wollten. Das führt auch dazu, selbst da, wo eben noch Unterricht stattfindet, dass die Eltern ihre Kinder zu Hause halten, weil sie schlicht und ergreifend Angst haben.

Maleike: Haben Sie denn die Hoffnung auch, um mal bei diesem Wort zu bleiben, dass die Schulbedürfnisse der Kinder tatsächlich auch am Verhandlungstisch eine Rolle spielen können?

Tarneden: Also im politisch-diplomatischen Prozess werden diese Bedürfnisse leider wahrscheinlich kaum gesehen, obwohl klar ist: Die Kinder stehen mitten drin. Sie sind keine Kriegspartei, sie können nichts dafür, wo sie geboren sind, sie sind auch keine Feinde. Aber natürlich spielt es indirekt da rein, nämlich die Handlungsfähigkeit der Hilfsorganisationen zu verbessern. Ich meine, im Moment haben wir die Situation zum Beispiel innerhalb Syriens, dass in vielen Orten sich große Mengen Flüchtlinge aufhalten, dass die Schulen dort total überlastet sind. Es fehlt an Schulmaterial, Heizmaterial, um den Winter jetzt zu überstehen. In den Nachbarländern, wo wir Notschulen eingerichtet haben, versuchen wir auch, Kinder in die Regelschulen zu bringen, aber da gibt es oft Sprachprobleme, zum Beispiel, dass die Kinder kein Türkisch können oder die Dialekte anders sind, oder aber, dass das Kurrikulum vorschreibt, dass da zum Beispiel Englisch unterrichtet wird oder Französisch, was es in Syrien nicht gab. Also auch das muss aufeinander angepasst werden. Die Schulen brauchen Hilfe, dass Schichtbetrieb gefahren wird und möglichst viele Kinder irgendwo im Alltag eine feste Orientierung wiederbekommen.

Maleike: Das heißt, Sie wollen nicht nur Hilfsmaßnahmen für die syrischen Kinder noch in Syrien, sondern wenn Sie die Notschulen ansprechen auch für die Länder im Umfeld, die Nachbarländer, die die Flüchtlingskinder aufgefangen haben?

Tarneden: Also das ist ganz richtig. Ich meine, innerhalb Syriens setzt sich UNICEF zusammen mit seinen Partnern für psychosoziale Hilfen ein. Wir haben zum Beispiel Jugendclubs an Schulen angeschlossen, wo sich Jugendliche auch nachmittags treffen können. Wir haben auch große Mengen Schulmaterial bereitgestellt. In den Nachbarländern, zum Beispiel im größten Camp in Zaatari in Jordanien, gibt es mehrere Zeltschulen, und wir versuchen, im Libanon insbesondere auch mit Unterstützung der Bundesregierung eben dafür zu sorgen, dass die Kinder in den Regelbetrieb reinkommen. Aber das ist eben ein sehr mühseliges Geschäft. Etwa 80 Prozent der Flüchtlingskinder im Libanon gehen zurzeit nicht zur Schule und müssen sehr häufig auf den Feldern arbeiten.

Maleike: In Syrien, das muss man vielleicht an der Stelle auch mal erwähnen, hatte sich ja vieles auch in der Schule verbessert. Syrien galt so ein bisschen als Leuchtturm in der Region. 97 Prozent der Kinder wurden eingeschult. Das heißt, die allgemeine Schulbildung war quasi Standard vor drei Jahren. Inzwischen ist das aber natürlich leider anders. Welche Perspektive haben denn die syrischen Schulkinder und Kinder überhaupt?

Tarneden: Also Sie sprechen das zu Recht an, Syrien war, was diese Integratoren, Schulbesuch angeht und auch den Anteil von Menschen, die nicht lesen und schreiben können, Vorbild in der ganzen Region und Vorreiter. Das zeigt auch, dass Bildung einfach einen hohen Stellenwert bei den Menschen hat. Ich denke, das ist vielleicht auch ein kleiner Punkt, der zu Hoffnung Anlass gibt. Wenn wir mit Kindern sprechen und wenn wir Briefe von ihnen bekommen, dann sagen sie ganz häufig: Wir wollen ganz dringend etwas lernen, wir wollen in die Schule. Also das ist ein großer Lerneifer, ein Wille, jetzt nicht diese Zeit zu verpassen. Insofern gibt es eigentlich auch den Nährboden zum Beispiel in den Nachbarländern, wenn man den Kindern eben diese Chance eröffnet, dass tatsächlich da auch etwas entsteht.

Maleike: Und wie lange wird es aus Ihrer Sicht dauern, um Strukturen wieder aufzubauen?

Tarneden: Also das hängt vom Grad der Verwüstung ab, je nach Region. Es ist so, dass ein komplexes Schulsystem ja nur aufgebaut werden kann, wenn es auch zumindest in Ansätzen einen politischen Konsens wieder gibt, und da sind wir leider im Moment noch sehr weit von entfernt. Ich habe vor Kurzem noch mit einem internationalen Kollegen gesprochen, der sagte, er würde befürchten, dass es erst noch schlimmer wird, bevor es wieder besser werden kann.

Maleike: Zur Schulversorgung syrischer Kinder war das Rudi Tarneden, der Sprecher von UNICEF Deutschland. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Tarneden: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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