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StartseiteCampus & Karriere"Meistens reicht ein Smartphone"16.07.2018

Bürgerwissenschaften"Meistens reicht ein Smartphone"

Die "citizen science" sei eher "ein ganz altes Ding und eher ein Dauerbrenner als ein Hype", sagte Katja Machill, Projektleiterin der Onlineplattform "Bürger schaffen Wissen", im Dlf. Man habe heute bloß viel einfachere und bessere Möglichkeiten, Daten in der Welt zu sammeln und zusammenzuführen.

Katja Machill im Gespräch mit Kate Maleike

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Drei Personen stehen auf einem schneebedeckten Feld und schauen mit Ferngläsern in den Himmel. (imago)
Eines der ersten Citizen-Science-Projekte war die Vogelzählung zu Weihnachten im Jahr 1900 in den USA, der "christmas bird count" - und es war lange nicht das letzte (imago)
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Kate Maleike: Vorhin haben wir ja gehört, wie groß die Herausforderung ist, das Vertrauensverhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit zu stärken. Und ein Weg könnte sein, Forscher und Bürger zusammen etwas machen zu lassen. Das passiert seit einigen Jahren auch in Deutschland über die sogenannten Bürgerwissenschaften, englisch citizen science genannt. Die Idee ist nicht neu, Laien haben immer schon zu Hause geforscht, aber mit digitaler Technik klappt das noch besser. Katja Machill ist Projektleiterin der Onlineplattform "Bürger schaffen Wissen", die solche Projekte zum Mitforschen in Deutschland sammelt. Guten Tag, Frau Machill!

Katja Machill: Hallo, ich grüße Sie!

Maleike: Was sind denn zum Beispiel gerade spannende Aktionen, wo man sich noch einschalten kann?

Machill: Es ist ja Sommerzeit, da bietet es sich an, zum Beispiel Mücken zu fangen und zu frosten und einzuschicken für den Mückenatlas, und dazu beizutragen, dass wir mehr erfahren über die Verbreitung von zum Beispiel invasiven Mückenarten in Deutschland. Aber man kann auch andere Arten von Insekten melden, Siebenpunktmarienkäfer zählen, was in der Richtung. Es gibt aber noch viel mehr Projekte außerhalb von Artenvielfalt, man kann zum Beispiel in der Kunst aktiv werden und im Projekt "artigo" die Datenbank der Kunstgeschichte weiterentwickeln, indem man nämlich Kunstwerke mit Schlagworten versieht – und das ganze als Spiel am Computer. Also, wer nicht so auf Sonne steht, kann sich auch daran erfreuen.

Feinstaubanalyse mit dem Smartphone

Maleike: Sie haben die Projekte angesprochen, über 100 sind es inzwischen geworden. Kann man denn mitmachen auch ohne bestimmte Vorkenntnisse oder muss man irgendwie ein kleines Labor schon im Keller haben?

Machill: Labor im Keller ist jetzt übertrieben, meistens reicht in Zeiten der Digitalisierung einfach ein Smartphone, also viele Projekte funktionieren über Apps, zum Beispiel das Projekt "hackair", wo es darum geht, eine Datengrundlage für die Feinstaubverbreitung oder –verschmutzung auch herzustellen. Und das ist sehr einfach, man hält das Smartphone gen Himmel und fotografiert den ab. Und dann wird dadurch, durch eine Spektralanalyse wird Aufschluss über die Feinstaubverschmutzung gemacht. Also sehr einfach: Smartphone, kein Keller.

Maleike: Also niedrigschwellig, damit möglichst viele auch mitmachen können. Und wie arbeiten dann die Bürgerforscher mit den professionellen Wissenschaftlern zusammen, wie passiert das?

Machill: Ein sehr gängiger Kontakt ist natürlich im Prozess der Datensammlung oder Datenerhebung, also ich kenne das zum Beispiel aus dem Projekt Mückenatlas, die kriegen immer wieder Mücken zugeschickt und sichern zu, dass sie jedem, der eine Mücke zuschickt, persönlich antworten, die ist angekommen, und wir machen jetzt weiter damit. Also das ist so der klassische Bereich der Zusammenarbeit in der Datenerfassung, würde ich sagen. Aber es geht darüber hinaus, Forscher und Bürger gehen zusammen auf so eine Art Exkursion ins Feld und beobachten gemeinsam, da findet direkt der Austausch statt, was suchen wir überhaupt, was sind die Forschungsfragen und welche Fragen kommen eben auch aus der Community, aus der Gesellschaft. Und es gibt vereinzelt Projekte, die auch richtig Workshops anbieten mit Bürgerinnen und Bürgern, in denen sie Forschungsfragen entwickeln gemeinsam.

Maleike: Wo steht denn die Bürgerwissenschaft aus Ihrer Sicht im Moment? Vor ein paar Jahren hatte man den Eindruck, da gab es einen richtigen Hype, da wurde viel Werbung dafür gemacht. Wo stehen wir jetzt?

Machill: Eigentlich ist ja citizen science ein ganz altes Ding und eher ein Dauerbrenner als ein Hype, würde ich sagen. Zu den ersten Projekten zählt zum Beispiel die Vogelzählung zu Weihnachten im Jahr 1900 in den USA, der "christmas bird count", aber auch hier in Deutschland gibt es diese ziemlich lange Tradition, vor allem von Vereinen. Das ist dann vereinsorganisiert, zum Beispiel der entomologische Verein Orion, der Insekten erforscht – und das größtenteils autonom und mit hohem wissenschaftlichem Anspruch. Und der Hype, den viele wahrnehmen, lässt sich erklären durch die Digitalisierung und Globalisierung, weil wir jetzt so viele andere Möglichkeiten haben, Daten an vielen unterschiedlichen Stellen, nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt zu sammeln und zusammenzuführen. Und wir glauben nicht, dass der Hype abgeflacht ist, weil wir bekommen so viele Anfragen aus Medien und Gesellschaft für Workshops, da kommen wir überhaupt nicht nach. Und außerdem: Wir beobachten auch, dass sehr viel Förderung gerade passiert, also sowohl das BMBF fördert mit fünf Millionen gerade Bürgerforschungsprojekte…

Europäische Förderprogramme

Maleike: Also das Bundesbildungsministerium…

Machill: Genau. Und Europa ist dabei, mit europäischen Förderprogrammen, einzelne Unis starten jetzt citizen science calls. Also wir haben eher das Gefühl, dass sich gerade immer mehr Institutionen zu citizen science positionieren.

Maleike: Wenn man jetzt in den Sommerferien Bürgerforscher werden will, wie kann man mitmachen?

Machill: Man geht einfach auf unsere Webseite – www.bürgerschaffenwissen.de – und dort auf den Reiter Mitmachen und sucht sich aus den vielen Projekten, die dort vorgestellt sind, das aus, was einen am meisten anspricht. Man kann dann noch schauen, manche haben einen bestimmten Aktionszeitraum, also das Projekt Insektensommer, wo man zum Beispiel nach Siebenpunktmarienkäfern Ausschau halten kann, das läuft in den ersten zwei Augustwochen, aber viele andere Projekte sind dauerhaft da, bei denen kann dauerhaft mitgemacht werden.

Maleike: Wissenschaft zum Mitmachen, das geht zum Beispiel über Bürgerwissenschaften. Vielen Dank für das Gespräch an Katja Machill!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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