
Es war die achte Parlamentswahl innerhalb von fünf Jahren in Bulgarien – und sie hat einen klaren Sieger: Der frühere Präsident und Ex-Kampfpilot Rumen Radew holte mit seinem neugegründeten Bündnis “Progressives Bulgarien” rund 45 Prozent der Stimmen. Das bedeutet gleichzeitig die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament.
Diesmal waren die vorgezogenen Wahlen notwendig geworden, nachdem die bisherige Regierung angesichts von breiten Protesten der bulgarischen Bevölkerung gegen mafiöse Strukturen im Dezember zurückgetreten war.
Radew konnte also mit seinem wichtigsten Wahlkampfversprechen punkten: die Korruption im Land zu bekämpfen. Konkrete Maßnahmen nennt er bislang allerdings nicht, sondern bleibt im Vagen. Der ehemalige Kampfpilot und Oberbefehlshaber der bulgarischen Luftwaffe verfolgt außerdem einen eher prorussischen, EU-kritischen Kurs. Zugleich beteuert er, dass er selbstverständlich zur EU und zur NATO stehe. Diese Mischung scheint bei den Wählerinnen und Wählerin gut angekommen zu sein. Doch was das für die Zukunft Bulgariens bedeutet, ist noch ziemlich unklar.
Der neue Hoffnungsträger Rumen Radew
„Rumen Radew ist so etwas wie der Balkan-Messias“, sagt Walentin Walkanow, Soziologie-Dozent an der Neuen bulgarischen Universität. Etwa 30 Prozent der bulgarischen Wählerinnen und Wähler würden glauben, er könne die Dauerkrise des Landes beenden. Bis vor Kurzem war er noch Präsident, nun ist er der designierte Ministerpräsident des Landes.
Die Erwartungen seiner Anhänger sind groß: Sie wollen, dass Rumen Radew die Oligarchie und die Korruption bekämpft. Kann das gelingen oder sind seine diesbezüglichen Versprechungen reine Lippenbekenntnisse? Analysten sehen seine Ankündigungen zumindest kritisch.
Radew spreche zwar vom Kampf gegen die Oligarchie, sagt beispielsweise Wessela Tscherneva vom European Council on Foreign Relations in Sofia. Doch seine Aussagen bleiben dabei sehr allgemein. „Er nennt keine Namen – und die Namen sind ja sehr gut bekannt hierzulande.“ Ähnlich sieht es Walentin Walkanow. „Auf alle konkreten Fragen gibt Radew keine Antworten. Das ist klassischer Populismus.“
Wahlkampfhilfe aus Russland?
Auch die Frage, wie sich Rumen Radew bezüglich Russland, der EU und der Ukraine positioniert, ist nicht ganz eindeutig. Als Präsident hat er mit seinen Äußerungen immer wieder Zweifel geweckt, ob er die Ukraine unterstützen würde. Zum Ende des Wahlkampfes hin machte er klar, dass er die Ukrainehilfen einfrieren möchte. „Er ist in vielen Fällen nostalgisch, russophil und anti-westlich in seinem Grundsatz“, sagt Tschernewa.
Das legt auch seine Biografie nahe. Ein vor zwei Jahren veröffentlichter Bericht des Forschungsinstituts „Center for the Study of Democracy” beschreibt das Milieu, aus dem Radew kommt: ein Kreis ehemaliger Militärangehöriger, von denen viele auf die eine oder andere Weise noch mit dem alten System verbunden sind. „Diese Leute besitzen in Bulgarien immer noch eine Autorität“, sagt Ruslan Stefanow vom „Center for the Study of Democracy”. „Und dabei sind sie natürlich prorussisch eingestellt.”
Klar ist: Rumen Radew wurde in der Sowjetära sozialisiert. Nach der Wende wurde der ehemalige Kampfpilot zum Oberbefehlshaber der bulgarischen Luftwaffe – bis er 2016 von diesem Posten zurücktrat und wenig später die Präsidentschaftswahlen gewann. Als parteiloser Kandidat, aber mit Unterstützung der Bulgarischen Sozialistischen Partei – und mit Hilfe aus Moskau, wie das „Wall Street Journal“ damals enthüllte.
Auch in dem jetzigen Wahlkampf scheinen Fake Accounts und Bots reichlich Propaganda für Radew gemacht zu haben. Das zumindest vermutete die Übergangsregierung des Landes – und hat deswegen die EU-Kommission gebeten, eine Art politisches Frühwarnsystem dagegen zu aktivieren. Einen Schritt, den Radew scharf kritisiert hat.
Symbolfigur im Kampf gegen Korruption
Seinem Image als Bekämpfer von Korruption und Filz scheint dies keinen Abbruch zu tun. Denn während seiner fast zehn Jahre andauernden Amtszeit als Präsident entwickelte Radew sich bald zum notorischen Gegenspieler des konservativen Langzeit-Premiers Bojko Borissow und des berüchtigten Oligarchen Deljan Peewski, der für viele Bulgaren die Schlüsselfigur in den korrupten Netzwerken in Politik und Wirtschaft ist.
Zum Schlüsselmoment wurde eine Razzia im Sommer 2020: Schwer bewaffnete Polizisten und Staatsanwälte drangen in das Präsidialamt ein, vorgeblich weil ein Mitarbeiter Staatsgeheimnisse weitergegeben haben soll. Von großen Teilen der bulgarischen Öffentlichkeit wurde das jedoch als politischer Angriff auf das Staatsoberhaupt wahrgenommen.
Spontan versammelten sich Tausende Bürger vor seinem Amtssitz. Radew nutzte die Gunst der Stunde und gerierte sich als Kämpfer gegen Korruption. „Wir werden Bulgarien zurückgewinnen! Mafia – raus!“, verkündete er.
Prorussische Aussagen und Stimmung gegen den Euro
Auch in die traditionell pro-europäische Außenpolitik des Landes mischte sich Radew als Präsident immer wieder ein. Insbesondere nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vertrat er die russische Sichtweise.
Denn mit russlandfreundlichen Aussagen lassen sich in Bulgarien nach wie vor große Teile der Bevölkerung erreichen. Radew verurteilte zwar den russischen Angriff auf die Ukraine und bekräftigte Bulgariens Loyalität zur NATO.
Militärhilfe für die Ukraine lehnt er jedoch ab - und er äußerte sich skeptisch gegenüber der Wirksamkeit der EU-Sanktionen. Auch gegen die Einführung des Euros Anfang dieses Jahres machte Radew kräftig Stimmung und forderte ein Referendum.
Ende vergangenen Jahres wurde dann im ganzen Land gegen Korruption demonstriert. Trotz der eindeutig pro-europäischen Ausrichtung der Proteste versuchte Radew daraus Kapital zu schlagen: Nach dem Rücktritt der Regierung verkündete auch er im Januar 2026 seinen Rücktritt als Staatsoberhaupt. In seiner vom Fernsehen übertragenen Rede an die Nation wetterte er gegen das oligarchische Modell und die mafiösen Strukturen im Land – und positionierte sich so für den kommenden Wahlkampf.
Populistischer Wahlkampf im Vagen
Inhaltlich ist von ihm bisher kaum eine klare Position zu hören. Im Wahlkampf sprach er über Armut und die wachsende Ungleichheit in Bulgarien, um dann zu allgemeinen Wirtschaftsthemen zu wechseln. Für die Analystin Anna Krastewa eine bewusst gewählte Strategie:
„Radew spielt schon eine ganze Weile lang die Rolle eines leeren Symbols. Er ist so vage, dass alle Wählerinnen und Wähler frei sind, in dieses Bild hineinzustecken, was immer sie wollen. Das betrifft auch sein Verhältnis zu Russland: Wenn Sie etwa sein Wahlprogramm lesen, dann finden Sie dort keinerlei prorussische Rhetorik. Manche scherzen deshalb, es sei von einer Künstlichen Intelligenz verfasst worden.“
So gelingt es ihm, die Sehnsucht vieler Bulgarinnen und Bulgaren nach Veränderung im Land zu bedienen, ohne konkrete Maßnahmen oder Forderungen zu nennen.
Ähnlich sieht das auch der Dozent für Marketingkommunikation Christian Postagian. Er verwies auf wahlentscheidende Emotionen in den Sozialen Medien und aktive Trollfabriken anstelle von inhaltlichen Debatten.
Auch Radews Wahlliste lässt wenig Rückschlüsse auf seine zukünftige politische Ausrichtung zu. Hier finden sich Menschen aus einem breiten politischen Spektrum – ehemalige Premiers oder Minister, bekannte Sportler – und auch viele Vertreter aus der Sozialistischen Partei.
Steht die wahrscheinlich kommende Regierung unter Radew also wirklich für Aufbruch – oder formiert sich hier nur eine alte Elite unter neuer Führung? Vieles bleibt unklar.
Audio: Dirk Auer, Onlinetext: Leila Knüppel, Update: Beate Thomsen






















