
Wenn am kommenden Sonntag (19.4.2026) in Bulgarien vorgezogene Parlamentswahlen stattfinden, sind es die achten innerhalb von nur fünf Jahren – ein europäischer Rekord. Bisher hatte jede Wahl letztendlich eine Siegerin: die Korruption.
Damit soll Schluss sein, forderten weite Teile der bulgarischen Bevölkerung. Ende vergangenen Jahres wurde im ganzen Land gegen die mafiösen Strukturen demonstriert. Die damalige Regierung trat zurück.
Nun wird neu gewählt – und Umfragen sehen den ehemaligen Präsidenten und Kampfpiloten Rumen Radev schon als Sieger. Seine neu gegründete Bewegung „Progressives Bulgarien“ könnte aus dem Stand heraus zur stärksten Kraft im Parlament werden.
Sein wichtigstes Wahlkampfversprechen: die Korruption im Land bekämpfen. Konkrete Maßnahmen nennt er allerdings nicht, sondern bleibt im vagen. Der ehemalige Kampfpilot und Oberbefehlshaber der bulgarischen Luftwaffe verfolgt außerdem einen eher prorussisch, EU-kritischen Kurs. Diese Mischung scheint bei den Wählerinnen und Wählerin gut anzukommen. Doch was das für die Zukunft Bulgariens bedeutet, bleibt bisher ziemlich unklar.
Der neue Hoffnungsträger Rumen Radev
„Rumen Radev ist so etwas wie der Balkan Messias“, sagt Valentin Valkanov, Soziologie-Dozent an der Neuen bulgarischen Universität. Etwa 30 Prozent der bulgarischen Wählerinnen und Wähler würden glauben, er könne die Dauerkrise des Landes beenden. Bis vor Kurzem war er noch Präsident, nun könnte er bald Ministerpräsident des Landes werden.
Die Erwartungen seiner Anhänger sind groß: Sie wollen, dass Rumen Radev die Oligarchie und die Korruption bekämpft. Kann das gelingen oder sind seine diesbezüglichen Versprechungen reine Lippenbekenntnisse? Analysten sehen seine Versprechungen zumindest kritisch.
Radev spreche zwar vom Kampf gegen die Oligarchie, sagt beispielsweise Vessela Tcherneva vom European Council on Foreign Relations in Sofia. Doch seine Aussagen bleiben dabei sehr allgemein. „Er nennt keine Namen – und die Namen sind ja sehr gut bekannt hierzulande.“ Ähnlich sieht es Valentin Valkanov. „Auf alle konkreten Fragen gibt Radev keine Antworten. Das ist klassischer Populismus.“
Wahlkampfhilfe aus Russland?
Auch die Frage, wie sich Rumen Radev bezüglich Russland, der EU und der Ukraine positioniert, ist nicht ganz eindeutig. Als Präsident hat er mit seinen Äußerungen immer wieder Zweifel geweckt, ob er die Ukraine unterstützen würde. „Er ist in vielen Fällen nostalgisch, russophil und anti-westlich in seinem Grundsatz“, sagt Tcherneva.
Das legt auch seine Biografie nahe. Ein vor zwei Jahren veröffentlichter Bericht des Forschungsinstituts „Center for the Study of Democracy” beschreibt das Milieu, aus dem Radev kommt: ein Kreis ehemaliger Militärangehöriger, von denen viele auf die eine oder andere Weise noch mit dem alten System verbunden sind. „Diese Leute besitzen in Bulgarien immer noch eine Autorität“, sagt Ruslan Stefanov vom „Center for the Study of Democracy”. „Und dabei sind sie natürlich prorussisch eingestellt.”
Klar ist: Rumen Radev wurde in der Sowjetära sozialisiert. Nach der Wende wurde der ehemalige Kampfpilot zum Oberbefehlshaber der bulgarischen Luftwaffe – bis er 2016 von diesem Posten zurücktrat und wenig später die Präsidentschaftswahlen gewann. Als parteiloser Kandidat, aber mit Unterstützung der Bulgarischen Sozialistischen Partei – und mit Hilfe aus Moskau, wie das „Wall Street Journal“ damals enthüllte.
Auch in dem jetzigen Wahlkampf scheinen Fake Accounts und Bots reichlich Propaganda für Radev zu machen. Das zumindest vermutet die derzeitige Übergangsregierung des Landes – und hat deswegen die EU-Kommission gebeten, eine Art politisches Frühwarnsystem dagegen zu aktivieren. Einen Schritt, den Radev scharf kritisiert hat.
Symbolfigur im Kampf gegen Korruption
Seinem Image als Bekämpfer von Korruption und Filz scheint dies keinen Abbruch zu tun. Denn während seiner fast zehn Jahre andauernden Amtszeit als Präsident entwickelte Radev sich bald zum notorischen Gegenspieler des konservativen Langzeit-Premiers Bojko Borissov und des berüchtigten Oligarchen Deljan Peevski, der für viele Bulgaren die Schlüsselfigur in den korrupten Netzwerken in Politik und Wirtschaft ist.
Zum Schlüsselmoment wurde eine Razzia im Sommer 2020: Schwer bewaffnete Polizisten und Staatsanwälte drangen in das Präsidialamt ein, vorgeblich weil ein Mitarbeiter Staatsgeheimnisse weitergegeben haben soll. Von großen Teilen der bulgarischen Öffentlichkeit wurde das jedoch als politischer Angriff auf das Staatsoberhaupt wahrgenommen. Spontan versammeln sich Tausende Bürger vor seinem Amtssitz. Radev nutzte die Gunst der Stunde und generierte sich als Kämpfer gegen Korruption. „Wir werden Bulgarien zurückgewinnen! Mafia – raus!“, verkündete er.
Pro-russische Aussagen und Stimmung gegen den Euro
Auch in die traditionell pro-europäische Außenpolitik des Landes mischte sich Radev als Präsident immer wieder ein. Insbesondere nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vertrat er die russische Sichtweise.
Denn mit russlandfreundlichen Aussagen lassen sich in Bulgarien nach wie vor große Teile der Bevölkerung erreichen. Radev verurteilte zwar den russischen Angriff und bekräftigte Bulgariens Loyalität zur NATO. Militärhilfe für die Ukraine lehnt er jedoch ab - und er äußerte sich skeptisch gegenüber der Wirksamkeit der EU-Sanktionen. Auch gegen die Einführung des Euros Anfang dieses Jahres machte Radev kräftig Stimmung und forderte ein Referendum.
Ende vergangenen Jahres wurde dann im ganzen Land gegen Korruption demonstriert. Trotz der eindeutig pro-europäischen Ausrichtung der Proteste versucht Radev daraus Kapital zu schlagen: Nach dem Rücktritt der Regierung verkündete auch er im Januar 2026 seinen Rücktritt als Staatsoberhaupt. In seiner vom Fernsehen übertragenen Rede an die Nation wetterte er gegen das oligarchische Modell und die mafiösen Strukturen im Land – und positionierte sich so für den kommenden Wahlkampf.
Populistischer Wahlkampf im vagen
Inhaltlich ist von ihm kaum eine klare Position zu hören. Im Wahlkampf spricht er über Armut und die wachsende Ungleichheit in Bulgarien, um dann zu allgemeinen Wirtschaftsthemen zu wechseln. Für die Analystin Anaa Krasteva eine bewusst gewählte Strategie: „Radev spielt schon eine ganze Weile lang die Rolle eines leeren Symbols. Er ist so vage, dass alle Wählerinnen und Wähler frei sind, in dieses Bild hineinzustecken, was immer sie wollen. Das betrifft auch sein Verhältnis zu Russland: Wenn Sie etwa sein Wahlprogramm lesen, dann finden Sie dort keinerlei pro-russische Rhetorik. Manche scherzen deshalb, es sei von einer künstlichen Intelligenz verfasst worden.“ So gelingt es ihm, die Sehnsucht vieler Bulgarinnen und Bulgaren nach Veränderung im Land zu bedienen, ohne konkrete Maßnahmen oder Forderungen zu nennen.
Ähnlich sieht das auch der Dozent für Marketingkommunikation Christian Postagian. Anstatt über inhaltliche Debatten würden sich die bulgarischen Wahlen emotional in den sozialen Medien entscheiden, meint der Kommunikationsexperte. Die Trollfabriken seien dabei sehr aktiv.
Auch Radevs Wahlliste lässt wenig Rückschlüsse auf seine zukünftige politische Ausrichtung zu. Hier finden sich Menschen aus einem breiten politischen Spektrum – ehemalige Premiers oder Minister, bekannte Sportler – und auch viele Vertreter aus der Sozialistischen Partei.
Steht eine mögliche Regierung unter Radev also wirklich für Aufbruch – oder formiert sich hier nur eine alte Elite unter neuer Führung? Vieles bleibt unklar. Und Radev wird sich bis zur Wahl mit angreifbaren Aussagen wohl bedeckt halten: Denn für einen überzeugenden Sieg braucht er auch die Stimmen der pro-europäischen Reformer, die mit ihren Protesten die letzte Regierung zu Fall gebracht haben. Und so ist schwer vorauszusehen, wie es nach der Wahl weitergeht – und was ein Sieg Radevs für die außenpolitische Orientierung des Landes bedeutet.
Audio: Dirk Auer, Onlinetext: Leila Knüppel



















