Mittwoch, 08. Dezember 2021

Bundesliga Dilemma um ungeimpfte Spieler

Immer mehr ungeimpfte Spieler wie Joshua Kimmich müssen in Quarantäne und stehen damit ihren Klubs länger nicht zur Verfügung. Über den Umgang damit wird kontrovers diskutiert. Zumal Profis in ihren Verträgen arbeitsrechtliche Einschränkungen freiwillig schon mittragen.

Von Thorsten Poppe | 14.11.2021

Der Fußballer Joshua Kimmich (FC Bayern) in einem weißen Trikot, hat den Mund halb geöffnet und schaut mit gerunzelter Stirn in die Ferne
Der ungeimpfte Joshua Kimmich stellt seinen Arbeitgeber Bayern München vor einige Probleme. (picture alliance / Thorsten Wagner)
"Sie haben mich erwischt", twittert vor kurzem Isaiah McKenzie. Der Football-Profi von den Buffalo Bills muss knapp 15.000 US-Dollar Strafe zahlen. Weil er als ungeimpfter Spieler in den Räumlichkeiten seines Klubs keine Maske getragen hat. Die National Football League kontrolliert sogar mittels Videoaufzeichnung in den Trainingseinrichtungen der Teams, ob die strengen Coronaregeln auch eingehalten werden.

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In der vierten Coronawelle hat die Diskussion um den Umgang mit ungeimpften Spielern auch den deutschen Profi-Fußball erreicht. Schon im September hat der Mannschaftsarzt der deutschen Nationalmannschaft, Professor Tim Mayer, im Deutschlandfunk-Gespräch die Sensibilität der Diskussion hervorgehoben:
"Das Thema ist so prominent und berührt auch den Alltag der Spieler so sehr, dass es mit Sicherheit da entsprechende Diskussionen gibt. Das merkten wahrscheinlich Menschen an ihrem ganz normalen Arbeitsplatz, wo ebenfalls Nicht-Geimpfte sind, und wo man darüber debattiert, wie geht man jetzt damit um. Meine persönliche Meinung ist, dass man das respektieren muss. Darüber hinaus, so wie die Rechtslage momentan ist, gibt es keine andere Option, als aufzuklären!"

Der Fall Kimmich

Aktuell hat die Diskussion um Impfungen für Profi-Sportler durch den Corona-Fall des Nationalspielers Niklas Süle noch einmal zugenommen. Gerade weil Mannschaftskollege Joshua Kimmich als direkte Kontaktperson identifiziert worden ist, und damit laut den geltenden gesetzlichen Regelungen als ungeimpfter Spieler in häusliche Quarantäne muss.
Deshalb steht er weder der Nationalmannschaft noch dem FC Bayern aktuell zur Verfügung. Genau wie vier weitere Bayern-Spieler, die sich ebenfalls in Quarantäne befinden. Das legt aufgrund der aktuell geltenden Corona-Verordnung in Bayern den Verdacht nahe, dass sie ebenfalls nicht geimpft sind. Denn als geimpfte Personen müssten sie nicht in Quarantäne.

Klub kann Spieler nicht zur Impfung zwingen

Für den Klub ein Dilemma, auf bisher negativ getestete Spieler verzichten zu müssen. Arbeitsrechtlich könne kein Bundesligist seine angestellten Profis zu einer Impfung zwingen, stellt Arbeitsrechtler Martin Schimke klar:
"Wenn der Gesetzgeber da sagt, also wir sehen noch nicht die verfassungsrechtlichen Zulassungskriterien für solche eine allgemeine Impfpflicht erreicht, leuchtet glaub ich ein, dass nicht ein Verband oder Arbeitgeber kraft Weisung oder Verbandsautonomie eine solche Pflicht einführen kann."

Andere Sportverbände planen mit 2G

Auch die Einführung von 2G-Regeln in der Bundesliga ist von der Deutschen Fußball-Liga schon Ende Oktober zurückgewiesen worden. Dies würde einer verbandsrechtlichen Impfpflicht gleichkommen, ohne dass es dazu gesetzliche Bestimmungen gebe, so die DFL.
Andere Sportverbände planen dagegen mit 2G. So sollen zum Beispiel im Handball die kommenden Weltmeisterschaften der Frauen und Männer nur mit geimpften oder genesenen Aktiven durchgeführt werden.

Kein Entkommen aus der Quarantäne

Gegen eine solche Impfpflicht durch die Hintertür spricht sich die Spielergewerkschaft im Fußball VDV aus. Die Impf-Entscheidung sei nach wie vor jedem selber überlassen - und damit auch Fußballprofis, betont Carsten Ramelow, selbst ehemaliger Bundesligaspieler und heutiger VDV-Vizepräsident. Er kritisiert den Umgang mit einem bisher negativ getesteten Spieler wie Joshua Kimmich:
"Warum darf er nicht spielen, warum darf Kimmich jetzt nicht spielen? Er lässt sich testen, er ist gesund. Klar der FC Bayern muss jetzt auf ihn verzichten. Aber ich finde, da sollte sich der FC Bayern auch Gedanken machen. Ein gesunder Spieler, der sich regelmäßig testen lässt - welchen Nachweis soll er denn noch bringen?"

Sportlich eine klare Schwächung

Die Quarantäne Joshua Kimmichs resultiert aus dem bayerischen Infektionsschutzgesetz, in dem diese Maßnahme für ungeimpfte Personen festgeschrieben ist. Auch um etwaige Infektionsketten unterbrechen zu können, sollte sich der Betroffene letztendlich doch infiziert haben. Glück im Unglück für den FC Bayern ist, dass die Quarantäne in die Länderspielpause fällt.
So könnte sich Joshua Kimmich laut den geltenden Regeln in Bayern nach sieben Tagen frei testen, sofern er dann negativ ist. Damit wäre er zum nächsten Bundesligaspiel wieder verfügbar. Eine solche Situation kann jederzeit im Ligaalltag drohen. Für den FC Bayern München eine klare Schwächung, wenn einer seiner besten Spieler zu Hause sitzt, nicht infiziert wäre, wegen der Quarantäne aber nicht spielen könnte.

Arbeitsvertragliche Anpassungen zu erwarten

Um eine solche sportliche Schwächung zu verhindern, könnten in Zukunft extra vertragliche Regelungen dafür Einzug in den Profi-Fußball erhalten. Ähnlich wie sie jetzt schon fürs Ski oder Motorrad fahren wegen der hohen Verletzungsgefahr fast überall in den Verträgen der Profispieler festgeschrieben seien, erklärt Arbeitsrechtler Schimke.
"Solche arbeitsvertraglichen Anpassungen sind zu erwarten, die bei Ausfällen einer Quarantäne Sanktionen vorsehen. Vertragsstrafen zum Beispiel, wenn sich ein Profi-Sportler trotz offizieller, behördlicher Empfehlung nicht impfen lässt. Also gar keine Frage wird man darüber nachdenken und die zukünftigen Verträge Angesicht der bekannten Coronakrise werden, was diesen Punkt anbelangt, sicherlich angepasst."

Ein körperlicher Eingriff

Dagegen spricht sich Carsten Ramelow von der Spielergewerkschaft VDV aus. Für ihn sei es ein großer Unterschied, ob eine Freizeitbeschäftigung beschränkt würde, oder es sich um einen invasiven Eingriff handele:
"Letztendlich ist es ein Eingriff, wo man das schon differenziert sehen muss, glaube ich. Das ist ein körperlicher Eingriff und ob sowas festgesetzt in den Verträgen werden sollte, da gibt es ja bestimmte wie Ski fahren oder Motorrad fahren, was die Spieler ja unterlassen sollten. Da müssen wir differenzieren. Weil nochmal: Das ist ein medizinischer Eingriff, oder körperlicher Eingriff. Dazu gehören natürlich auch die rechtlichen Fragen."
In der National Football League sind die strengen Coronaregeln übrigens zusammen mit der dortigen Spielergewerkschaft entwickelt worden. Isaiah McKenzie von den Buffalo Bills muss diese jetzt nicht mehr fürchten. Er hat sich nach seiner Strafe durch die NFL kurze Zeit später impfen lassen.