Mittwoch, 18. Mai 2022

Auslandsgeheimdienst in der Nachkriegszeit
Journalisten spionierten im Auftrag des BND

Der deutsche Auslandsgeheimdienst hat unter Reinhard Gehlen in der Nachkriegszeit auch im Inland spioniert. Nicht nur die SPD wurde zugunsten des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer bespitzelt, sondern auch die Presse mit Hilfe von Journalistinnen und Journalisten.

Von Pia Behme | Sören Brinkmann im Gespräch mit Sebastian Wellendorf | 14.04.2022

Durch ein Eingangstor sieht man einen Polizeibeamten mit Hund von hinten auf einer Aufnahme des Gelände des Bundesnachrichtendienstes in Pullach um 1960/1970.
Das Gelände des Bundesnachrichtendienstes in Pullach um 1960/1970. (picture alliance / Hartmut Reeh)
220 "abwehrbereite Journalisten" führte der Bundesnachrichtendienst (BND) auf einer Liste, auch "Pressesonderkontakte" genannt. Sie lancierten und verhinderten Artikel und gaben Informationen aus den Redaktionen weiter. Damit sei der Einfluss des Geheimdienstes auf die westdeutsche Presselandschaft relativ stark gewesen, sagt der Historiker Klaus-Dietmar Henke. Er gehört der Unabhängigen Historikerkommission an, die schon seit elf Jahren die Geschichte des BND aufarbeitet. 
Neue Aktenfunde geben Einblick in die Verstrickungen mehrerer Medien mit dem BND bis in die 1970er unter dessen erstem Präsidenten Reinhard Gehlen. Journalistinnen und Journalisten u.a. von Spiegel, ZEIT, FAZ, dem Deutschlandfunk und weiteren Medienhäusern arbeiteten damals nebenher für den Geheimdienst. 

Anerkennung, Geld, Kontakte

Ihre Motive waren unterschiedlich: Manchen ging es um Anerkennung durch die Geheimdienste. Anderen um einen guten Zuverdienst oder darum, selbst Informationen für ihre journalistische Arbeit zu bekommen. "Der eine macht sich wichtig. Der andere will Geld. Der dritte will vom BND etwas erfahren", so Henke in Deutschlandfunk Kultur. 

Fragwürdige Verbindungen: auch DLF-Gründungsintendant Starke war BND-Spion

Dem Bundesnachrichtendienst ging es zum einem um das eigene Image. Die Behörde war gerade gegründet worden und noch nicht besonders erfolgreich. Fehler sollten nicht nach außen dringen. Die Medienschaffenden erledigten somit die PR-Arbeit für den BND. 
Zum anderen schaute der Geheimdienst auf die politische Gesinnung der Journalistinnen und Journalisten. In der Hochphase des Kalten Krieges sollte die kommunistische Bedrohung bekämpft werden - auch von den "abwehrbereiten Journalisten". 

Erster Deutschlandfunk-Intendant war BND-Spitzel

Dazu gehörte auch Hermann Franz Gerhard Starke. Nach seiner Zeit als Politikchef beim Norddeutschen Rundfunk wurde er Gründungsintendant des Deutschlandfunks. Fünf Jahre später wechselte er als Welt-Chefredakteur zum Springer Verlag.
"Er war zwei Jahrzehnte lang, von Anfang der 50er bis Anfang der 70er-Jahre, V-Mann des BND", so der Historiker Henke. "Herr Starke war doch ein etwas stärkeres Kaliber als andere, denn er bezog monatlich 500 DM Agentenlohn." Zusätzlich zu seinem Intendantengehalt erhielt Starke also einen Betrag in etwa der Höhe des damaligen Durchschnittsverdienstes in der Bundesrepublik.
Unter dem Deckname "Stolze" verhinderte Starke bereits vor seiner Zeit beim Deutschlandfunk "erfolgreich abträgliche Nachrichten über den BND", so steht es in den Akten. Zudem ließ er laut Henke Personal gelegentlich vom Bundesnachrichtendienst prüfen und gab vertrauliche Auskünfte aus dem Deutschlandfunk an die Behörde in Pullach weiter. Dazu gehörten Interna der Personalpolitik und auch persönliche Informationen über einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. "Er gab sogar innerdienstlichen Schriftverkehr nach Pullach weiter", so Henke.

Deutschlandradio will eigene Geschichte aufarbeiten

"Das ist schon eine sehr überraschende Dimension", sagt der heutige Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue. Mit den neuen Erkenntnissen von Klaus-Dietmar Henkes Studie werde das Deutschlandradio auf die Anfangsjahre des Deutschlandfunks blicken und diese gegebenenfalls neu einordnen. 
Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Deutschlandradios 2024 gebe es schon länger die Idee, die Geschichte des Senders und seiner Vorgängerinstitutionen - RIAS, DS Kultur, Deutschlandfunk - von unabhängiger Seite erforschen zu lassen.
"Dieser Sender mit seinen Vorgängersendern ist ja ein Spiegel der deutsch-deutschen Geschichte", so Raue. "Wir wollen das nicht als Jubel-Unternehmensgeschichte anlegen, sondern von unabhängigen Historikern unsere ganze Geschichte darstellen lassen. Damit wir sehen, woher wir kommen und welchen unterschiedlichen Ereignissen und geschichtlichen Entwicklungen wir auch unterworfen waren."