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StartseiteTag für TagRebellinnen hinter dem Schleier28.01.2021

Burka-Verbot in FrankreichRebellinnen hinter dem Schleier

Seit 2010 ist in Frankreich die Vollverschleierung im öffentlichen Raum verboten. Die Soziologin Agnès de Féo hat für eine Langzeitstudie 200 Musliminnen befragt, warum sie trotzdem Gesichtsschleier tragen. Eines ihrer Ergebnisse: Wichtiger als Frömmigkeit ist der Protest gegen Familie und Gesellschaft.

Von Margit Hillmann

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Eine vollverschleierte Frau auf einer Straße in Frankreich (picture alliance / dpa / Jean Francois Frey)
Eine vollverschleierte Frau auf einer Straße in Frankreich (picture alliance / dpa / Jean Francois Frey)
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Ein Live-Webseminar, organisiert von CAREP – einem Pariser Zentrum für Politik- und Sozialwissenschaften: Die Moderatorin stellt die Gastdozentin vor. Es ist die französische Soziologin Agnes de Féo. Sie sitzt wenige Kilometer Luftlinie entfernt vor einem Bücherregal in ihrer Wohnung.  Die Wissenschaftlerin soll über das Thema ihrer letzten Veröffentlichung sprechen: "Derrière le Niqab", "Hinter dem Niqab" - ein vielbeachtetes Sachbuch über vollverschleierte Musliminnen in Frankreich.

Bevor Agnès de Féo beginnt, zeigt sie den Teilnehmern des Online-Seminars einen klassischen Niqab - die arabische Bezeichnung für den Gesichtsschleier. Sie hält ein schwarzes rechteckiges Stück Stoff mit seitlich angenähten Bändern in die Webkamera und erklärt:  Zuerst ziehen die Frauen das weite Dschilbab-Mantelkleid an, das - bis auf Gesichtsoval und Hände - ihren Körper von oben bis unten verhüllt. Danach wird der Niqab wie eine Schürze um die Stirn gebunden. Sie macht es vor.  Sie bindet den Niqab so, dass der schmale Sehschlitz, also auch die Augen, sichtbar sind. Für die noch strengere Version lässt sie eine zweite Stofflage herunter. Jetzt ist das komplette Gesicht unter dem schwarzen Schleier verschwunden. Die Niqabträgerin selbst sieht nur noch schemenhaft durch den leicht transparenten Stoff.

Zwei Frauen in Burkas (picture alliance / Julien Warnand) (picture alliance / Julien Warnand)Deutschland |"Burka-Verbot an Schulen und Unis wäre kontraproduktiv"
Der Politologe Ulrich Willems ist der Ansicht, dass ein Burka-Verbot für Schülerinnen und Studentinnen nur negative Folgen haben würde. Extreme Gruppen würden den Islam im Westen in der "Opferrolle" bestätigt sehen.

Das Gefühl moralischer Überlegenheit 

Viele Niqabträgerinnen gefiele, dass sie andere sehen,  ohne selbst gesehen zu werden. Darüber hinaus gebe die  Vollverschleierung ihnen auch das Gefühl moralischer Überlegenheit, verrät die Soziologin den Teilnehmern des Webseminars. Über ein Jahrzehnt  hat Agnès de Féo erforscht, warum sich Frauen in Frankreich für die Vollverschleierung entscheiden. Sie hat mit zweihundert  französischen Niqabträgerinnen Gespräche geführt, etwa die Hälfte der Frauen über längere Zeiträume regelmäßig in ihrem Alltag begleitet. Was die Wissenschaftlerin während der Langzeitstudie beobachtet hat und ihrem Buch beschreibt, deckt sich wenig bis gar nicht mit den gängigen Klischees.

Agnès de Féo: "Mein Buch zerstört die  imaginären  Konstrukte von der ferngesteuerten Burkaträgerin. Ein Diskurs, propagiert vor allem von islamophoben Rechtsextremen und Populisten. Aber auch Medien, Feministinnen und Universalisten haben völlig überzogen und hysterisch auf den Vollschleier  reagiert."

Sie hat herausgefunden, dass es sich bei den Niqabträgerinnen in Frankreich um westliche Frauen ihrer Zeit handelt. Weit davon entfernt, sich den Vollschleier von einem Mann oder der Salafisten-Szene aufzwingen zu lassen. "Diese Frauen haben einen feministischen Diskurs. Sie sind überwiegend Singles, oft alleinerziehend, stehen absolut nicht unter der Fuchtel irgendwelcher Männer. Sie sind pure Produkte des französischen Bildungssystem und der laizistischen Republik", sagt Agnès de Féo. 

Die Soziologin stellt fest, dass die Frauen fast ausnahmslos in Frankreich geboren sind. Dass sie aus assimilierten Migrantenfamilien kommen, die ihren muslimischen Glauben kaum oder gar nicht praktizieren. Überproportional vertreten sind außerdem zum Islam konvertiere Französinnen. Auch sie stammen aus areligiösen oder sogar religionsfeindlichen Elternhäusern. "Born again" nennt Agnès de Féo denn auch Frankreichs Niqabträgerinnen. Der Vollschleier sei jedoch nicht gleichbedeutend mit tiefer Religiosität. "Die durchschnittliche Muslimin mit einfachem Kopftuch ist religiöser und frommer als die Niqabträgerinnen.  In unseren Gesprächen haben sie nicht über den Islam und ihren Glauben gesprochen, sondern sofort über ihre individuellen privaten Probleme, oder über den Ärger mit der Polizei, den sie wegen ihrem Niqab hatten und den Aggressionen und täglichen Beschimpfungen auf der Straße." 

"Die waren echte Anfängerinnen"

Die meisten Frauen ihrer Studie haben sich reflexartig für die Vollverschleierung entschieden: Auslöser war für sie gerade die Diskussion von 2009 und das anschließende Verbot im öffentlichen Raum. Sich trotzdem für die Vollverschleierung zu entscheiden, wirkt wie ein spontaner Protest. "Sie haben den Niqab getragen, bevor sie ein Minimum an religiösem Basiswissen hatten", sagt Agnes de Féo.

"Die waren echte Anfängerinnen. Sie haben sich erst hinterher das nötigste Wissen ganz laienhaft in den sozialen Netzen im Internet zusammengesucht. Zum Beispiel einfache Anleitungen "Wie mache ich mein Gebet", oder die arabischen Gebetsverse aus dem Koran in Lautschrift, um sie auswendig lernen zu können."    

Die Anziehungskraft, die der Vollschleier auf diese Frauen ausübt, erklärt die Agnès de Féo mit einer Reihe von Gründen. Bei der Mehrheit der Niqabträgerinnen  dominieren laut de Féo nicht-religiöse Motive: Rebellion gegen die Familie, gegen die Gesellschaft  und natürlich gegen das Niqabverbot, das sie als entmündigend kritisieren. Auch ein ausgeprägtes bis narzisstisches Bedürfnis nach Selbstbestätigung und öffentlicher Aufmerksamkeit sei für Niqabträgerinnen charakteristisch. Sie inszenieren sich vor ihren Web-Kamera und den Kameras der Journalisten, treten sogar mehrfach in TV-Unterhaltungsshows auf. De Féo: "Auffällig viele der Frauen hatten vorher davon geträumt, in der Kosmetik- oder Modebranche Karriere zu machen. Als Model, als Schönheitskönigin oder Shoppingqueen. Als Vollverschleierte haben sie sich um 180 Grad gedreht. Sie sagen – und das ist ein Zitat – 'Ich bin kein Stück Fleisch, das man konsumiert'. Sie identifizieren sich mit der Me-too-Bewegung und mit Feministinnen. Sie sagen auch: Mein Körper gehört mir, damit mache ich was ich will."

Fest entschlossen sind sie auch, wenn es um Männer geht. Die Soziologin trifft auf Frauen, die den Niqab gezielt nutzen, um Männer radikal aus ihrem Leben zu verbannen. Aber die Mehrheit der Niqabträgerinnen setze auf den strengen Gesichtsschleier, um ihr Glück mit einem gottesfürchtigen muslimischen Märchenprinzen zu finden. Sie schreiben sich  mit dem Niqab als Aushängeschild auf  spezialisierten Websites wie Muslima.com ein. Dort finden sie nicht nur leichter das gesuchte Profil – sie können auch digital das Ja-Wort für einen islamischen Ehevertrag geben. Agnès de Féo:

"Wenn es ihnen gelingt, eine digitale Heirat zu machen, sind die Ehen extrem kurzlebig.  Sie dauern manchmal nur wenige Tage, werden nach islamischem Recht genauso schnell wieder geschieden. Das liegt nicht an den Männern, sondern an den Frauen. Weil ihnen der Mann, wenn sie zusammenleben,  doch nicht zusagt. Weil er sie kritisiert oder Vorschriften wegen ihres Niqab machen wollte."

Sackgasse des Lebens

Heute, mehr als 10 Jahre nach dem Verbot, erscheint die Vollverschleierung fast schon wie ein historisches Phänomen. Ein Teil der Frauen hat sich in die eigenen vier Wände zurückgezogen, andere gehen tragen nun anstatt des verbotenen Gesichtsschleier die wegen der Pandemie gebotenen medizinischen Masken. Wieder andere haben den Niqab ganz abgelegt, weil sie den permanenten Anfeindungen nicht mehr gewachsen waren. Rückmeldungen hat Agnès de Féo auch von Frauen, die den Niqab samt Islam für sich abgehakt haben. – Sie bezeichnen die Vollverschleierung als Sackgasse oder als Zwischenepisode ihres Lebens, aus der sie herausgewachsen sind. 

Nur eine verschwindend kleine Minderheit der französischen Niqabträgerinnen sei in die radikale Islamismus-Szene abgerutscht. Aus ihrem Panel sind es zwei Frauen, die sie auch namentlich nennt: Emilie König, konvertiert zum Islam, schließt sich  Dschihadisten an und geht zum IS nach Syrien, wo sie 2018 von kurdischen Soldaten festgenommen wird. Und Naima, die wiederholt in psychiatrischer Behandlung ist. Sie wird Anfang 2020 am Pariser Bahnhof Gare d'Austerlitz verhaftet, weil sie den Koran und ein Messer bei sich hat.

Beide Frauen gehören zu der Gruppe der Frauen, die sich erst nach dem französischen Anti-Burka-Gesetz für den Niqab entschieden haben. Für Soziologin de Féo kein Zufall. Ihre Langzeitstudie zeige deutlich, dass das Gesetz gegen die Vollverschleierung kontraproduktiv war.

"Das Gesetz hatte  ganz eindeutig einen verstärkenden Effekt auf das Niqab-Phänomen und auf die Radikalisierung von Frauen. Schon Philosoph Montesquieu hat gesagt: ,Man ändert Sitten nicht mit Verboten oder per Gesetz, man ändert sie durch andere Sitten.'" 

Sie wünsche sich, dass Frankreich generell rationaler und toleranter auf abweichende religiöse - oder vermeintlich religiöse - Ausdrucksformen reagiere. Dass die Politiker nicht bei jeder Gelegenheit mit dem Finger auf DEN Islam und DIE Muslime zeigten. Die aktuelle Regierung, kritisiert die französische Soziologin, sei davon leider weit entfernt.  

Agnès de Féo: "Derrière le niqab. 10 ans d'enquête sur les femmes qui ont porté et enlevé le voile intégral" Paris, Edition Arman Colins 2020.  

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