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StartseiteKultur heuteOrgelpfeifen als Ereignis05.09.2020

Cage-Projekt in HalberstadtOrgelpfeifen als Ereignis

Wie langsam kann langsam sein? Im Fall des Stücks „ORGAN²/ASLSP“ so langsam wie möglich. John Cage schrieb für seine Aufführung 639 Jahre vor. Jeder Klagwechsel ist ein Ereignis. Nun steht nach sieben Jahren wieder einer an. Musikkritiker Uwe Friedrich bilanziert: "Sehr unterhaltsam."

Uwe Friedrich im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Der amerikanische Komponist und Schriftsteller John Cage am 29. April 1982 im Frankfurter Theater am Turm. Cage, einer der bedeutensten Avantgardisten des 20. Jahrhunderts, wurde am 5. September 1912 in Los Angeles geboren und ist am 12. August 1992 in New York gestorben. (picture alliance / dpa / Jörg Schmitt)
Der amerikanische Komponist und Schriftsteller John Cage (picture alliance / dpa / Jörg Schmitt)

Die Partitur des Komponisten John Cage umfasst nur acht Seiten, die Dauer des Orgel-Stücks "ORGAN²/ASLSP" aber ist auf 639 Jahre angelegt. "Eigentlich war es mal ein Klavierstück. Mit dem Verklingen der Seiten, auch wenn man es noch so langsam macht, kommt man nicht über, sagen wir 20-bis 30 Minuten bei diesem Stück.", so Musikkritiker Uwe Friedrich. Seit 19 Jahren klingen nun aber schon die fünf Orgelpfeifen in der Halberstädter Buchardi-Kirche in Sachsen Anhalt. C'(16'), des'(16'), dis', ais' und e''. Heute steht nach sieben Jahren wieder ein Klangwechsel an: gis und e' kommen dazu. "ASLSP – as slow as possible soll gespielt werden, möglich ist das durch kleine Säckchen, die die Tasten der Orgel beschweren und die Töne halten. Halberstadt als Ort des Ereignisses ist dabei nicht zufällig gewählt, denn hier wurde im 14. Jahrhundert die erste Großorgel der Welt gebaut.

Das Projekt ist auch eine Kostenfrage

Wenn keine Katastrophe, kein Brand oder ein banaler Stromausfall dazwischen käme, sei es technisch durchaus möglich, dass die gesamten 639 Jahre durchgespielt werde. Aber: "Die Gebäude müssen unterhalten werden. Es gibt dort auch ein kleines Museum, ein Cage-Zentrum in Halberstadt. Die machen auch Meisterkurse, also sind da doch sehr engagiert, haben auch internationales Renommee und eine internationale Gefolgschaft. Das kostet natürlich, und man hofft jetzt auf eine dauerhafte öffentliche Förderung."

Die Cage-Orgel in St. Burchardi zu Halberstadt. Kleine Gewichte hängen an den Tasten, um die Noten zu halten. (AP-Archiv) (AP-Archiv)Eine Orgel, die wächst: Das Instrument in der Burchardikirche wurde von dem Orgelbauer Romanus F. Seifert & Sohn entworfen und gebaut. Mit jeder neuen Pfeife "wächst" die Orgel weiter. Noch ist sie mit sieben Pfeifen eher klein. Sollte sie in 639 Jahren noch in Gebrauch sein, dürfte sie im Jahr 2640 wohl anders aussehen.

Da hilft letztlich nur Aufmerksamkeit, und die bekommt das Projekt auch durch so einen Klangwechsel, den heute die Sopranistin Johanna Vargas und der Komponist Julian Lembke vornahmen, indem sie die beiden neuen Orgelpfeifen einsteckten. Sowohl in als auch vor der Kirche hatte sich Publikum versammelt, Corona geschuldet weniger als beim letzten Klangwechsel. Uwe Friedrich bilanziert: "Es war insofern auch sehr kommunikativ, teilweise kontemplativ. Es gab auch die Hardcore Cage-Jünger, die sich da rein versenkt, meditiert haben und einen Ruhepuls erreichen wollten, die sich eingeschwungen haben auf diesen Ton. Es war wirklich alles dabei und sehr unterhaltsam."

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